Blutsuche: Von der Idee zum Buch

Wer schon immer wissen wollte, wie es zu meinem Buch kam, kann hier noch einmal alles in einem Stück zusammengefasst nachlesen, ohne sich durch das Blog-Archiv quälen zu müssen.
Aber Achtung! Der Bericht ist lang.

Der winzigkleine Ursprung meines Romans „Blutsuche“ liegt schon recht lange zurück.


Nein, einen Traum hatte ich damals nicht, weder einen Nacht- noch einen Tagtraum.


Es begann mit einem Namen: „Melody“.


Heimlich schlich sich dieser Name in einer Kunststunde in meinem Kopf, interessanterweise, als ich dabei war, aufgabengemäß ein Porträt zu zeichnen, das mir einen Tick zu verträumt geriet.


Nach der Schule schrieb ich dann auf mein übliches kariertes Papier eine Kurzgeschichte, in der eine Vampirin namens Melody ihr Unwesen trieb und einen namenlosen jungen Mann bezirzte.


Danach verschwand sie allerdings in einem blauen Hefter und daraufhin in der Schublade. Melody wurde vergessen, und zwar aus dem Grund, weil sie eine vollkommen langweilige, gelangweilte Person ist, die einfach die liebe lange Nacht nichts Besseres zu tun hat, als mit wiegenden Hüften durch die Gegend zu wandeln und nicht am Mensch zu bedienen.


Sie kehrte erst 2004, allerdings ohne besonderen Plot zurück, als eine liebe Freundin das Abenteuer wagte, mit mir eine Reise über den großen Teich zu unternehmen.


Da ich mich als ziemlich dusselige Autofahrerin erwies, aber vermeintlich besser im Kartenlesen war, ließ ich mich also mehr oder weniger durch Kalifornien chauffieren.


So geschah es, dass wir auf der Rückreise von San Francisco nach L.A. schließlich nach langer Schleichfahrt doch den Pacific Coast Highway verließen, um ein wenig Zeit zu sparen.


Wir fuhren also eine Weile flott vor uns hin, bis uns der Sinn wieder nach dem Ozean stand. Der Reiseführer behauptete, eine kleinere Landstraße führe uns auf direktem Wege zum Santa Monica Pier. Er verschwieg jedoch, dass es dafür zunächst stetig bergauf ging, wie wir kurze Zeit später feststellen durften.


Automatikgetriebe-unerfahren wie wir waren, standen wir bald auf dem zugehörigen Hügel, und unser Mietwagen dampfte leicht.


Während wir also darauf warteten, dass die Maschine abkühlte, schaute ich mich um und entdeckte einen unscheinbaren, unbefestigten Weg.


Auch wirkte die Umgebung nicht so spärlich bewachsen, wie ich sie aus einer Fernsehreportage über den Mulholland Drive in Erinnerung hatte. Ich sah zwar keinen dichten Wald, wie man ihn kennt, aber dennoch war das Gelände mit zwar relativ flachem, aber dichtem Strauchbewuchs und vereinzelten Nadelbäumen bedeckt, und es war absolut nicht zu erkennen, wohin eben dieser Weg, der für ein Auto breit genug war, führte.


Dann ging die Fantasie mit mir durch, und ich überlegte, was wohl wäre, wohnte dort jemand ganz besonders Geheimnisvolles, vielleicht sogar ein Vampir. Im ersten Moment verwarf ich den Gedanken, denn die Vorstellung eines Vampirs in der prallen Küstensonne schien mir absurd, und aus irgendeinem Grund meinte ich, dass die Nacht für ein solches Wesen dort viel zu kurz sei. Dann aber sagte ich mir, Vampire könne es überall geben, und begann, im Kopf eine Geschichte zu spinnen, die zunächst ganz grob so aussah, dass eine junge Frau einen Teil meiner Reise erlebt und dabei einem Vampir begegnet.
War das wohl Wunschdenken? Denn uns blieb eine solche Begegnung verwehrt/erspart ...



Im wahrsten Sinne des Wortes liegengeblieben waren wir also auf jener Straße in den Hügeln vor Santa Monica.

Als der Motor wieder abgekühlt war, sind wir weitergefahren, aber ich habe einen Vampir mitgenommen, irgendwo in meinen Gedanken, aber genau wie meine Protagonistin bin ich heute nicht mehr in der Lage, mit geografischen Koordinaten zu sagen, wo ich den imaginären Wohnsitz eines Vampirs aus dem Hut gezaubert habe.
 Begleitet hat der Vampir mich auf dem Flug nach Hause und auch die nächsten Jahre.

Im Zuge eines Schreibseminars habe ich ihn dann herausgelassen, nein, stimmt nicht, er musste noch etwas warten, denn zunächst einmal habe ich Anne auf Reisen geschickt.

Von Anfang an war sie in meinem Kopf vorgefertigt.

Irgendwie ist Anne ein „spätes“ Mädchen, und sie ist mir im Laufe der Zeit ans Herz gewachsen, obwohl ich sie hin und wieder gerne mal bei den Schultern gepackt und sie ordentlich durchgeschüttelt hätte, um ihr ihre unzähligen Macken auszutreiben.

So klug sie auch in einem Teil ihres Lebens ist, so blind und unbedarft schreitet sie durch den anderen.

Obwohl sie mit wachen Augen durch die Natur geht, ist sie trotzdem ein Stubenhocker, der in einer nostalgischen Filmwelt festsitzt und in Arbeit versinkt. Ihr Universum besteht nur aus ihrer Großmutter und ihrer Arbeit.

Und nur dort steckt ein Stück von mir in Anne.

Der Beruf des Übersetzers, der sich so wunderbar von zu Hause ausüben lässt, wobei die Telekommunikation meist als einziger Kontakt zur Außenwelt dient, passt zu Anne. Sie muss das Haus nicht verlassen, kann alles am Computer erledigen und muss keine Menschen um sich haben.

Sie hat nicht wirklich ein Bedürfnis nach der großen, weiten Welt, lässt sich aber auf das Abenteuer ein, weil sie unbewusst weiß, dass sie bei Eunice gut aufgehoben sein wird.

Wie Anne war auch Eunice von Anfang an da, selbst der Name kam wie aus dem Nichts und setzte sich fest.

Neben der „merkwürdigen“ Anne wirkt sie schon beinahe zu fürsorglich und sorglos. Trotzdem ist sie, neben Großmutter Helma, für Anne der einzige Mensch, beim dem sie das Gefühl hat, sie selbst zu bleiben, auch wenn Eunice – ganz Hollywood – sie äußerlich zu einem neuen Menschen macht.

Ich erinnere mich nicht genau, wie lange ich an diesem ersten Teil des Romans gearbeitet hatte, aber dieser Teil fiel mir am leichtesten und schrieb sich wie von selbst, bis dann der Vampir auf den Plan trat … und meine ursprüngliche Idee umstieß. Die werde ich natürlich nicht verraten, da ich beabsichtige, sie durchaus noch zu verwerten.

Nun aber komme ich dazu, warum aus „Blutsuche“ eine Romanze wurde.

Etwas mehr als zwei Jahre nach meiner Reise schob ich im Sommer einen Buggy über unsere staubigen Feldwege, hielt irgendwo an einer großen Wiese an, setzte mich Notizblock hin und beobachtete mit einem Auge, wie mein Sohn durchs Gras rollte, während ich Stichpunkte für meine Strandszene notierte.
Dann haben mich wohl die mütterlichen Hormone übermannt, denn, während ich dem Gluckern meines Sohnes lauschte. Vielleicht aber haben auch die alten Bäume und Hecken etwas von ihrem Zauber verströmt, denn plötzlich sagte ich mir, dass Anne nicht nur einen vermeintlich romantischen Moment oder Urlaubsflirt verdient hat, sondern die kitschige, klischeehafte große Liebe.




Auf dem Rückweg fragte ich mich dann, ob ich bisher blind durch den Tag gegangen bin, denn plötzlich stellte ich fest, dass die Gegend, in der ich wohne, von Weißdornhecken übersät ist.


Voilà, jenen Abend habe ich dann mit viel Recherche verbracht, und die Geschichte des Hains wurde geboren.


Dann widmete ich mich wieder meiner Strandszene und sah John ganz tief in die grünen Augen. Stellvertretend für Anne verliebte ich mich.


Jemand hat mir mal gesagt, man solle sich nicht so sehr von seinen Figuren vereinnahmen lassen und Abstand wahren. Dieser Rat war dann wohl für die Katz, denn in dem Moment, wo ich mich imaginär an meinen männlichen Protagonisten schmiegen und das Meeresrauschen genießen wollte, war es endgültig um meinen ursprünglichen Plot geschehen.


Was soll ich sagen, ich kam um die Romanze einfach nicht mehr umhin …


Irgendwann waren dann schließlich die letzten Zeilen geschrieben und die Tränchen aus den Augen gewischt. Ich hatte all die anderen Romanversuche in meiner Schublade, bei denen ich nicht weiß, ob ich sie je weiterverfolgen werde, überholt und endlich etwas von A bis Z fertig gestellt.


Version 1 war also vollendet, aber was sollte nun passieren?


Würde je ein Leser das Buch lesen wollen?
Mein Seminarleiter meinte, ja. Ich aber war nicht überzeugt, und im Nachhinein sehe ich sein „Ja“ eher gespalten.


An dieser Stelle würden sicherlich viele sagen, man solle das Buch doch einmal in Bekanntschaft und Verwandtschaft herumreichen. Da das Thema gerade in diesem engeren Kreis lediglich auf verhaltenes Interesse stößt, suchte ich mir also Testleser, und zwar keine fünfzig oder hundert, denn dieses Feedback, so es denn überhaupt kommt, wird wohl kaum jemand sinnvoll verarbeiten können.


Was nun folgte, war eine intensive Zeit, in der ich überarbeitet, gelöscht, umgeschmissen, gefeilt und wieder umgeschmissen habe, bis auch nach einer Pause zum „Sackenlassen“ – für mich – der Punkt erreicht war, an dem ich an Struktur und Inhalt nichts mehr ändern konnte und wollte, denn alles war genau so, wie ich es mir „zusammengesponnen“ hatte.


Erst dann kam die Idee, das „Machwerk“ in Form eines Exposés unter professionelle Augen zu legen. Zu jenem Zeitpunkt habe ich noch nicht über die Option der Selbstveröffentlichung nachgedacht, sondern war überzeugt, dass „Blutsuche“ wieder in der Schublade verschwinden würde, wenn es nicht klappen würde.


Und es klappte nicht, und obwohl ich lediglich eine einzige ansatzweise begründete Absage erhalten habe, weiß ich, warum.


Ich habe das Rad nicht neu erfunden, und ich habe eine Vampirromanze geschrieben, die zu einer Zeit fertig gestellt wurde, in der der Markt mit äquivalenten Büchern geradezu überschwemmt ist.


„Blutsuche“ ist eine ruhige Romanze, die eine sterbliche Frau und einen Vampir zusammenführt, die neben Tag-/Nacht-Unterschied und fehlendem Herzschlag zusätzlich mit normalen Beziehungs- (will sagen Kommunikations-)Problemen zu kämpfen haben. Nichts Neues also, nichts Ungewöhnliches.


Der Roman startet langsam, für manchen Leser vielleicht zu langsam. Ich habe mir bewusst Zeit gelassen, damit Anne die Sonne und Freundschaft genießen kann, bevor sie von verstaubten Legenden eingeholt wird und in den Schatten gleitet. Mein Leser muss somit ein wenig Geduld mit mir haben.


Das Buch ist recht umfangreich und wäre als Taschenbuch buchstäblich ein Wälzer.


Ich habe einen Mehrteiler geschrieben.


Gut, ich gebe zu, das war nicht beabsichtigt, aber im Laufe des Schreibprozesses stellte ich fest, dass ich meine Vampir-Mythologie nicht in einem Teil abarbeiten kann. In diesem Zusammenhang erweist sich die Ich-Perspektive als ungünstig, da man nur erfährt, was Anne sieht, hört und in verklärten Momenten wirklich wahrnehmen kann. Eine ausufernde Reihe ist aber nicht geplant.


Am Ende waren es dann doch Freunde, die mich auf die Idee brachten, selbst zu veröffentlichen, und da ging die Odyssee erst richtig los, denn es gibt unzählige Angebote von „erschwinglich“ bis „ruinierend“, von Seriosität ganz zu schweigen.


Ich muss einräumen, die Entscheidung fiel zwangsläufig auf „erschwinglich“, und Books on Demand, Norderstedt, gewann letztendlich eine Kundin mehr, weil dort die Hinweise zu Gestaltung etc. für mich am besten verständlich waren und die Umsetzung unkompliziert ist. Die Hilfestellungen sind sehr transparent, und man weiß, wenn man sich ordentlich informiert hat, worauf man sich einlässt, wenn man sich für eines der Veröffentlichungspakete entscheidet.


In der Zwischenzeit ging die Korrektur in die heiße Phase, und ich bin meinen Helferlein unendlich dankbar für die Unterstützung bei der Beseitigung meiner Betriebsblindheit.


Trotz der ganz offensichtlichen Nachteile von BoD, die in erster Linie im hohen Ladenpreis des Endproduktes und den eher ungewöhnlichen Buchformaten bestehen, habe ich mich auf das Wagnis eingelassen und die 1. Auflage gestartet.


Kaum hatte ich diese in der Hand, fand ich auch schon wieder Fehler. Also setzte ich mich erneut mit Duden und Wahrig hin, ließ das Korrekturprogramm laufen und korrigierte ein weiteres Mal.


Außerdem hasste ich plötzlich das Cover. Da hatte ich mir lange den Kopf zerbrochen und mich für eines entschieden, denn der natur-magische Hintergrund des Buches fand sich dort wieder, aber auf einmal sah es eben auch für mich nach Lehrbuch aus.


Über die Entstehung des neuen Covers werde ich gern später gemeinsam mit der Künstlerin plaudern.


Ich möchte hier keinesfalls den Eindruck vermitteln, „wir“ bei BoD seien ein großer Kuschelverein, aber ich bin wirklich froh, dass ich Sylvia Seyboths Roman und in diesem Zusammenhang auch ihre Webpräsenz fand, bevor ich mich selbst für BoD entschied, denn so hatte ich zumindest eine vage Vorstellung über die Resonanz, die das Thema Selbstveröffentlichung bei der Leserschaft hervorruft.


Trotzdem ist mein Buch im Handel erhältlich, und wenn sich einige wenige Leser daran erfreuen, freue ich mich auch. Als BoD-Autorin nutze auch ich das Internet, um dem Leser Leseproben zur Verfügung zu stellen. Niemand muss die Katze im Sack kaufen.


Als Autorin habe ich heute die Möglichkeit, meine Arbeit auf nicht traditionellem Wege zu veröffentlichen, und das muss nicht heißen, dass es dabei bleibt. Ebenso wenig beabsichtige ich, mein Leben lang nur Vampirgeschichten zu verfassen. Im Augenblick genieße ich es, meine Ideen aufzuschreiben, alles andere wird sich zeigen.


Ich lebe ein normales Leben, das mich einnimmt und ausfüllt, ich muss keinen Bestseller schreiben, um Bestätigung zu finden.


Das Genre der Vampirromanze spaltet die Leserschaft offenbar ebenso wie die Tatsache der Selbstveröffentlichung.


Sei’s drum, ich freue mich trotzdem, dass es mein Buch gibt und es nicht nur als Einzelexemplar in meinem Bücherschrank steht.


Über einen langen Zeitraum bin ich mit offeneren Augen durch die Welt gegangen und habe wieder Freude am Schreiben und am Spiel mit Worten gefunden, denn das war mir irgendwo auf meinem Wege abhanden gekommen.


Ganz bewusst habe ich Buchenblätter befühlt, Weißdorn beschnuppert, dem Klang des Schnees gelauscht.


All das wird immer bleiben, und ich denke nicht, dass sich mein Sohn eines Tages für seine Mutter in Grund und Boden schämen wird, weil sie einmal eine kitschige Vampirromanze mit viel Gefühl und verhaltener Erotik bei Books on Demand veröffentlicht hat.
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