Freitag, 5. Mai 2017

... über "Die Zutaten zum Glück" von Louise Miller

Louise Miller
Die Zutaten zum Glück

Süß duftendes Wohlfühlbuch mit kitschigen Abstrichen

(c) Insel Verlag, Bildlink zu amazon
Zum Inhalt:
Patissière Olivia Rawlings passiert ein gewaltiges Missgeschick: Bei einer Veranstaltung in einem Bostoner Club entgleitet ihr eine spektakuläre flambierte Eistorte und verursacht einen Brand. Der ist zwar nicht ganz so folgenschwer, veranlasst die blamierte Anfangdreißigerin aber zur Flucht nach Vermont aufs Land zu ihrer alten Freundin Hannah. Die verschafft ihr prompt einen Job in einem Landgasthof, der so gar nicht zu Olivias bisherigen Arbeitsplätzen passen will. Genauso wenig wie das Leben in einem Ort, in dem jeder jeden kennt und jeder über jeden tratscht und mit jedem wetteifert. So ist Olivia bald mittendrin im großen Wettbewerb um den besten Apfelkuchen und fremden und eigenen Herzensangelegenheiten ...

Meine Meinung:
Auf dem Umschlag wird das RealSimple Magazine zitiert: "Ein Roman, der wie eine riesige Portion Seelenfutter wirkt! [...]". 
Eine durchaus treffende Zusammenfassung, denn Patissière Louise Miller gelingt es in ihrem Debüt, für heimeliges Ambiente zu sorgen. Im Herbst beginnend, entführt sie den Leser in das Indian-Summer-Flair Vermonts, das mit Backofenwärme und Dessert- und Kuchendüften zu Leseabenden vor dem Kamin einlädt und, auch wenn sich die Geschichte bis zum darauffolgenden Sommer erstreckt, sich nur bedingt als Strandlektüre eignet. Dies sei jedoch lediglich angesichts des Erscheinungstermins des Romans im Frühjahrsprogramm erwähnt und soll dem Lesevergnügen keinen Abbruch tun.
Mit Olivia stellt die Autorin eine recht zwiespältige Figur vor. Mit 32 Jahren hat sie keine Modelmaße und gibt sich mit interessanten Haarfarben eine stark individuelle Note. Obwohl sie in Backstube bzw. Küche brilliert, läuft es in ihrem Leben nicht unbedingt rund. Affäre, Schulden, außerhalb des Jobs keine Sozialkontakte ... Im Laufe der Geschichte zeigt sich jedoch, dass diese Hauptfigur alles andere als gut durchdacht ist. Ihre Hintergründe bleiben angedeutet und Olivia verhält sich immer wieder kaum altersgerecht, was sich nicht immer mit ihrer Vergangenheit entschuldigen lässt. Schade, dass die äußerlich so bunt dargestellte Protagonistin schlussendlich blass bleibt und sich einer aufgesetzten, kitschigen Liebesgeschichte beugen muss und nicht zuletzt auch damit an Sympathiepunkten verliert. Auch die Beziehungsgefüge zwischen den Figuren sind so manches Mal konstruiert, weil sie sich "richtig anfühlen". Dabei bieten die Figuren Potenzial. Allen voran Hannah, aber auch ihre Freundin Hannah, die im Zuge der Geschichte leider zu Beiwerk verkommt. Und da sind noch Love Interest Martin, seine Familie, in deren Arme man sich mit einem Schrei nach Adoption werfen möchte, und natürlich Margaret, die ruppige, unnahbare, fordernde Gastwirtin, die als Nebenfigur fast schon mehr punkten kann als die Hauptfigur des Romans. Hätte Louise Miller ihren Figuren ebenso viel Beachtung geschenkt wie den unzähligen Köstlichkeiten, mit denen Olivia dem Leser imaginäres Hüftgold beschert, wäre ihr Debütroman eine wirklich runde Sache.
Wem Frauenunterhaltung mit sehr traditionellen Denkweisen nichts ausmacht, wird sich mit "Die Zutaten zum Glück" jedoch wohlfühlen. Zwar bietet die Geschichte nichts Neues, aber gerade das Flair und die emotionalen Momente, die uns aus unzähligen US-amerikanischen Unterhaltungsromanen und Fernsehfilmen/-serien oder Herzkino so vertraut sind - man denke da an Nora Roberts' oder Danielle Steels Werke der 1990er -, sorgen für ein wunderbar wohliges Lesegefühl, das lange über die Schwächen des Romans hinwegtäuschen kann. 
Gehe ich kritisch mit mir ins Gericht, stelle ich allerdings fest, dass es aber eben solche Vertrautheiten sind, die beim Lesen zu unverhohlenem Schnäuzen und Seufzern führen. Und dann hat ein Roman sein Unterhaltungsziel gewiss nicht verfehlt. 
"Die Zutaten zum Glück" ist trotz aller Kritikpunkte keineswegs ein krude zusammengestümpertes Debüt, wenn auch nicht in so hohem Maße anspruchsvoll wie sein schlichter Umschlag und die hochtrabend angekündigte Suche nach einem Zuhause andeuten mögen. Trotzdem zieht er in seinen Bann und sorgt für behagliche Lesemomente - das Seelenfutter wird lesbar. Zwar schwirren viele Personen in dieser Geschichte herum, dass einem schon mal ganz schwindelig werden kann, doch es sind jene kleinen menschelnden Szenen - sei es voller Zuneigung oder Abneigung -, die den Leser zurückholen und genauso ankommen lassen wie Olivia. 
Trotz konstruierter Liebesgeschichte, die nach Teenagerfantasie riecht. 
Trotz merkwürdiger Verhaltensweisen. 
Und auch trotz des kitschigen Endes, das ich der Autorin wirklich übel nehme. 
Beim nächsten Mal macht sie es hoffentlich besser.

Leseempfehlung? Na klar. Wer kann schon duftendem Apfelkuchen und hausgemachter Musik vorm Kamin widerstehen?

Gesamteindruck:
4 von 5 Weißdornzweigen






Buchdaten:

  • Broschiert: 408 Seiten
  • Verlag: Insel Verlag; Auflage: Deutsche Erstausgabe (10. April 2017)
  • Sprache: Deutsch, übersetzt von Katja Bendels
  • ISBN-10: 3458362649
  • ISBN-13: 978-3458362647
  • Originaltitel: The City Baker's Guide to Country Living
  • Taschenbuch: 14,95 € (D)
  • E-Book: 12,99 €



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