Donnerstag, 6. April 2017

... über "Rendezvous im Café de Flore" von Caroline Bernard

Da ich momentan beruflich sehr viel lese, kommt die private Lektüre zu kurz. Auch wenn die Zeit für umfangreiche Besprechungen nicht ausreicht, will ich doch zumindest meine Leseeindrücke nicht zurückhalten.


"Rendezvous im Café de Flore" 
von Caroline Bernard


(c) Aufbau-Verlag, Bildlink zu Amazon
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Zum Inhalt: 

Ende der 1920er bricht Vianne aus ihrer ländliche Heimat aus, um in Paris ihren Traum zu verwirklichen. Sie will Botanikerin werden, muss sich aber zunächst als Wäscherin durchschlagen. Auf ihrem steinigen Weg in den Jardin des Plantes begegnet sie schließlich dem britischen Künstler David und lernt mit ihm die andere Seite des Pariser Lebens kennen. Doch bald bricht in jeder Hinsicht eine unsichere Zeit an.
In der Gegenwart besucht Marlène mit ihrem Mann nach vielen Jahren endlich wieder ihr geliebtes Paris. Die erhoffte Liebesreise gestaltet sich jedoch ernüchternd, sodass Marlène bald allein durch die Stadt zieht. Im Musée d'Orsay entdeckt sie schließlich das Gemälde einer Frau, die ihr verblüffend ähnelt. Die Neugier der ehemaligen Kunstgeschichtestudentin ist geweckt. Sie begibt sich auf Spurensuche, aus der weit mehr wird als die Suche nach der Muse eines Künstlers.

Meine Meinung: 
Mit "Rendezvous im Café de Flore" zeichnet Caroline Bernard ein einladendes Bild von Paris, wobei insbesondere die Gegenwartszeichnung durch subtile Touristenkritik lebendig wird und damit den sich zunächst einschleichenden Eindruck eines Reiseromans rasch wieder zunichte macht. Ebenso lebendig gestaltet sich der Handlungsstrang um Gegenwartsprotagonistin Marlène, die mit ihren vierzig Jahren in ihrem Leben und in ihrer Ehe an einem Wendepunkt steht. So ernüchternd und, zum Teil, ermüdend ihr Leben seziert wird, so realistisch ist es doch dargestellt. (Damit dürfte die eine oder andere Leserin genauso ihre Schwierigkeiten haben wie mit Bernards unverblümter Leidenschaft für Paris.) Neue Kraft schöpft die Gegenwartshandlung ausgerechnet aus der Vergangenheit. Der Leitspruch von Marlènes Großmutter: "Rum ist rum" wird von Caroline Bernard routiniert ausgehebelt. Es ist eben nichts "rum", und Viannes Geschichte verdient es, aufgearbeitet zu werden. Wenngleich die Umschlaggestaltung mit Pariser Flair und Dame im blauen Kleid Erinnerungen an Anne Girards "Madame Picasso" und Gloria Goldreichs "Die Tochter des Malers" wachruft, wird der Roman der deutschen Autorin den Erwartungen jener Leser  nicht gerecht, die sich hier ein weiteres Lebensbildnis eines echten Künstlers erhoffen. Viannes und Davids Geschichte ist fiktiv, wenn auch sinnbildlich für die starken Frauen des Zweiten Weltkriegs, denen so oft der Heldinnenstatus versagt bleibt. Auch Maler David kann durchaus für jene Männer stehen, die der Krieg auf einen anderen Weg geführt hat. Somit hat der Handlungsstrang in der Vergangenheit durchaus seine Berechtigung, hätte aber nach meinem Dafürhalten mehr Raum einnehmen dürfen. Denn wo Marlène zwar authentisch ist und Identifikationspotenzial für Leserinnen in ihrem Alter mitbringt, da ist Vianne um Einiges vielschichtiger und interessanter. Immerhin nimmt ihre Handlung mehrere Jahre ein und zeigt eine bemerkenswerte Entwicklung vom Mädchen mit einem zeitgemäß frauenuntypischen Traum hin zu einer starken Persönlichkeit, die zu großen Opfern bereit ist. Schade, dass Carline Bernards Roman leicht mit Kristin Hannahs "Die Nachtigall" kollidiert, in dem es ebenfalls eine Vianne gibt und den ich vor noch nicht allzu langer Zeit gelesen und damit nicht ausreichend namentlichen und thematischen Abstand gefunden hatte. Dennoch kann es in der Literatur nicht genug Viannes dieser Art geben! 
Insgesamt ausgewogen erzählt, mit Figuren, die nicht vordergründig nach Sympathie heischen, verdient "Rendezvous im Café de Flore" auf jeden Fall eine Leseempfehlung. Nicht nur für Parisfans.

Gesamteindruck:
4 von 5 Weißdornzweigen





Buchdaten:
  • Taschenbuch: 432 Seiten
  • Verlag: Aufbau Taschenbuch; Auflage: 2 (14. November 2016)
  • Sprache: Deutsch
  • ISBN-10: 3746632714
  • ISBN-13: 978-3746632711
  • Taschenbuch: 12,99 € (D)
  • E-Book: 9,99 €

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