Freitag, 18. August 2017

Ausgelesen

"Die Tänzerin von Paris" von Annabel Abbs
(c) Aufbau-Verlag, Bildlink zu amazon
Zum Inhalt: 1928 ist Lucia Joyce auf dem besten Weg eine gefragte Tänzerin zu werden. Der moderne Tanz ist ihr Ausdruck, ihr Lebensinhalt. Allerdings ist es alles andere als einfach, die Tochter von James Joyce zu sein. Als Samuel Beckett in das Leben des erblindenden Schriftstellers tritt und bald als Vorleser tagtäglich in der Pariser Wohnung der Joyces anzutreffen ist, verliebt sich Lucia und beginnt, sich ein Leben mit dem wortkargen Iren zu ersinnen. Doch als Muse ihres Vaters ist sie geradezu an ihn gefesselt ...
Meine Meinung: Nach Caroline Bernards "Rendezvous im Café de Flore", das Ende 2016 erschienen war und in der Künstlerromanreihe von atb gewissermaßen aus der Reihe tanzt, weil es sich mit fiktiven Figuren auseinandersetzt, bietet Annabel Abbs nun ihre Version eines Ausschnitts aus dem Leben der real existierenden Lucia Joyce. Kein leichtes Unterfangen ist diese Auseinandersetzung mit Joyces Tochter, die als psychotisch galt und nach verschiedensten psychiatrischen Diagnosen den Rest ihres Lebens in Anstalten verbrachte. In der Ich-Perspektive versucht die Autorin in ihrem Debüt nun, die junge Lucia mit all ihrer Leidenschaft für den Tanz und ihren Kampf um Selbstbestimmung einnehmend wie auch unterhaltsam zu beleuchten. Sie wechselt zwischen zwei Erzählebenen: einmal in der Vergangenheit und einmal in der Gegenwart, als die junge Frau mit gerade 27 Jahren bei Jung eine Psychoanalyse durchläuft. Entstanden ist ein Roman, der Lucia nicht von vornherein als geisteskrank brandmarkt, sondern ihren Tanz und ihre Talente in lebhaften, mitunter allerdings kitschigen Bildern zeigt, aber auch eine geradezu naive, unreflektierte Versessenheit auf Samuel Beckett in den Vordergrund stellt, die zu Wiederholungen und Längen führt. Im Gegenzug steht ihr gesamtes Umfeld in nicht nuanciertem schlechtem Licht da. Es entsteht trotz der nach Identifikation heischenden Ich-Erzählung eine merkwürdig abweisende Distanz, die durch die Unterbrechung des Spannungsbogens durch die Sitzungen bei Jung noch verstärkt wird, sodass "Die Tänzerin von Paris" (warum auch immer der Originaltitel "The Joyce Girl" im Deutschen so stiefmüttlerlich missachtet wurde) einen ebenso bedrückenden wie schalen Eindruck hinterlässt und die Frage aufwirft, ob Abbs die zeitlebens missachtete Lucia auf ihre Weise rehabilitieren oder Wasser auf die Spekulationsmühlen gießen wollte. Meines Erachtens ist "Die Tänzerin von Paris" eher ein Roman für Leser, die ihr Bild von James Joyce ergänzen möchten. Ein Roman "nach der wahren Geschichte von Lucia Joyce", von dem vom Klappentext irregeführte Happy-End-Liebhaber besser die Finger lassen sollten.
3 von 5 Weißdornzweigen






"Die Blütensammlerin" von Petra Durst-Benning
(c) Blanvalet, Bildlink zu amazon
Zum Inhalt: Mit Ende vierzig sieht es für Christine nicht rosig aus. Von Ehemann Herbert endgültig verlassen, sitzt sie im gemeinsamen Haus ohne Beruf und ohne Perspektiven. Als Herbert verkündet, er wolle das Haus verkaufen, wird es eng. Doch zum Glück ist Maierhofen inzwischen ein Mekka für Genussliebhaber, sodass Christine kurzerhand das nicht mehr traute Heim in ein Bed & Breakfast verwandelt. Und als schließlich ein großer Kochwettbewerb bevorsteht, überreden die Maierhofener Frauen Christine zur Teilnahme mit einem Single-Team. Und so hat sie bald das Haus voll unterschiedlicher Persönlichkeiten, die nach dem passenden Partner suchen ...
Meine Meinung: "Die Blütensammlerin" ist bereits der dritte Roman in Petra Durst-Bennings Maierhofen-Reihe. Nach "Kräuter der Provinz" war "Das Weihnachtsdorf" erschienen, der aber kein Lesemuss ist, um mitzukommen. Die wichtigsten Ereignisse der Vergangenheit werden in "Die Blütensammlerin" knapp und unaufdringlich zusammengefasst, sodass der Roman unabhängig gelesen werden kann. Nachdem sich in "Kräuter der Provinz" Großstadtpflanze Greta angesichts des Allgäuer ländlichen Charmes wiedergefunden hatte und sogar in Maierhofen sesshaft wurde, ist mit Christine nun die nächste Single-Frau an der Reihe. Hauptdarsteller aber ist und bleibt Maierhofen, denn das darf wieder seinen Zauber spielen lassen und die zum Kochwettbewerb angereisten einsamen Herzen ordentlich umkrempeln. Dabei ist die Geschichte in Bezug auf die reglementarische Seite des Genussmekkas nicht mehr so blauäugig romantisch wie es noch "Kräuter der Provinz" war, so hat Christine z. B. ordnungsgemäß ein Gewerbe anzumelden. Amüsant ist zudem die Verkupplungsidee, die, und so ist nun mal das Leben, nicht bei allen funktioniert. Trotzdem hätte ich mir gern mehr von der bodenständigen Christine gewünscht, die mir so authentisch vorkommt und überaus sympathisch ist. Im großen Kochteam mit seinen unterschiedlichen Charakteren hat sie zwar als Gastgeberin ihren Platz, kommt aber meines Erachtens zu kurz. Auch von Greta & Co. hätte ich gern mehr gesehen, ob wieder in Maierhofen-Feeling einzutauchen. Trotzdem ist "Die Blütensammlerin" wieder eine schöne, ausgewogene Geschichte mit Schmunzel- und Seufzermomenten.
4 von 5 Weißdornzweigen






"Sommer in der kleinen Bäckerei am Strandweg" von Jenny Colgan
(c) Piper, Bildlink zu amazon
Zum Inhalt: Polly hat es sich auf Polbearne so schön eingerichtet. Ihre kleine Bäckerei betreibt sie mit Leidenschaft und Erfolg. In Huckle hat sie ihre große Liebe gefunden und gemeinsam leben sie in einem Leuchtturm. Eigentlich läuft alles richtig rund. Bis die Besitzerin der Bäckerei stirbt und ihr Neffe Malcolm das Geschäft rationalisieren will. Und so bricht an Cornwalls Küste erneut ein Sturm aus ... 
Meine Meinung: Da hab ich doch glatt zu einer Fortsetzung gegriffen. "Sommer in der kleinen Bäckerei am Strandweg" ist nämlich Teil 2 von "Die kleine Bäckerei am Strandweg" und bald steht auch noch Weihnachten bevor. Zu meiner Erleichterung funktioniert der Roman auch ohne Kenntnis der Auftaktstory und macht sogar noch Lust auf mehr. Jenny Colgan hat auf Polbearne eine so liebenswerte Gemeinde, nebst allerliebstem geflügeltem Sidekick, erschaffen, dass es wirklich schwer fällt, den Roman beiseite zu legen. Duftendes Bäckereiambiente voller Leidenschaft, skurriles Wohnflair, Existenzsorgen, die ebenso realistisch wie das wechselhafte Küstenwetter daherkommen, leicht überzeichnete, aber liebenswerte Nebenfiguren, Eifersucht und Freundschaft sorgen für gute, kurzweilige Wohlfühl-Unterhaltung. Allein Hauptfigur Polly ist mir bisweilen zu sehr zum Jammern aufgelegt und lässt das Stehaufmännchen, das sie laut Aussagen der anderen immer ist, gelegentlich vermissen. Jenny Colgans Gespür für lebensnahe, unterhaltsame Dialoge und abwechslungsreiche Szenenwechsel, die den Leser nicht auf der Strecke und zudem keine Langeweile aufkommen lassen, machen ihren Sommerband über die kleine Bäckerei am Strandweg zu lesenswerter Lektüre. Nicht nur für Fans von Englandromanen.
4 von 5 Weißdornzweigen





Mittwoch, 12. Juli 2017

... über "Mein zauberhafter Buchladen am Ufer der Seine" von Rebecca Raisin

Bemüht zauberhafter, leidenschaftsarmer Ortswechsel voller Kommunikationsprobleme 

Zum Inhalt:  
Sarah betreibt in der amerikanischen Kleinstadt Ashford einen kleinen Buchladen. Auch wenn sie verliebt in Bücher und generell nicht unbedingt unzufrieden ist, läuft das Geschäft nicht gerade rund, und ihre Fernbeziehung mit Ridge macht sie nur noch sehnsüchtiger nach mehr im Leben. Da kommt ihr doch eine Nachricht ihrer Freundin Sophie wie gerufen. Diese führt nämlich eine Buchhandlung in der Weltstadt Paris und hat nach ihrer jüngsten Beziehungspleite schlichtweg keinen Bock mehr auf die berühmte Stadt der Liebe. Also schlägt sie Sarah einen Ortswechsel vor: Sophie will Sarahs Buchladen in der US-Provinz führen, während Sarah in Paris Sophies "Once upon a time" übernehmen soll. Schnell stimmt die Amerikanerin zu und packt die Koffer, aber Paris gestaltet sich längst nicht so charmant, wie sie sich erhofft hätte.

(c) Aufbau-Verlag, Bildlink zu amazon
Meine Meinung:
Ich hatte Lust auf einen Roman über Bücher und Paris, und Liebesromane gehen zwischendurch sowieso immer.
Leider konnte mich der zauberhafte Buchladen am Ufer der Seine nur bedingt verzaubern. 
Nüchtern betrachtet ist Rebecca Raisins Roman zwar nicht übermäßig kitschig, aber ziemlich oberflächlich, beleuchtet seine Figuren und sein Setting nur schwach und ist zudem sprachlich gefällig, aber leidenschaftslos erzählt, dass kein rechter Zauber aufkommen will. 
Die Idee, eine Amerikanerin nach Paris zu schicken, ist gewiss nicht neu, bietet aber noch immer einiges Potenzial. Dummerweise landet Sarah nun aber in einer Buchhandlung, die sich auf englischsprachige Literatur spezialisiert hat und von Touristen aufgesucht wird. Selbst das Personal besteht größtenteils aus englischen Muttersprachlern, sodass Sarah eher außerhalb der Buchhandlung auf landestypische Barrieren stößt. (Bei Sophies Erwähnung, Sarah würde mit ihrem Französisch prima zurechtkommen, hätte ich schon hellhörig werden sollen.) Nur kommt die junge Frau nicht unbedingt oft aus dem Buchladen heraus, der mit seinen Themenräumen und Kaminen ein wahres Schmuckstück für Liebhaber alter verwinkelter Häuser ist. So werden ihr gleich bei Ankunft genau da Gepäck und Geld geklaut, und vor allem Beatrice, Kassiererin mit höheren Ambitionen, begrüßt den amerikanischen Eindringling mit Eiseskälte. Und während Sarah sich schließlich mit Fehlbeträgen bei der täglichen Abrechnung herumschlagen muss, sehr zum Ärger von Sophie, die in Ashford Sarahs Buchladen auf Vordermann bringt, und sich beim Personal nicht durchsetzen kann, freundet sie sich langsam an mit TJ, dem unveröffentlichten Quotendichter, Océane, der wohl einzig echten Französin in Sophies Laden, und Luiz, dem weltberühmten Schriftsteller, der ausgerechnet in "Once upon a time" seine Bestseller schreibt. Rein zufällig entdecken der selbstverständlich überaus schüchterne, zurückgezogene Schriftsteller mit tragischem Vergangenheitsgepäck und die buchverrückte Amerikanerin, die in Paris so gar nicht mehr zum Lesen kommt, einen Stapel geheimnisvoller Liebesbriefe, die sie gemeinsam lesen und daraus eine Geschichte zusammenreimen. Dieser Nebenplot dient allerdings lediglich als Vehikel, um Sarahs Beziehung mit dem aufstrebenden Journalisten Ridge lahm konstruiert in Frage zu stellen. Denn eigentlich hätten die beiden endlich mal Gelegenheit für Gemeinsamkeit haben sollen. Aber nein, Rebecca Raison schickt den Mann ständig durch die Weltgeschichte (er muss sich ja einen Namen machen, bevor er sesshaft werden kann) und lässt ihre Protagonistin am langen Arm verhungern. Telefonate, Skype-Gespräche, E-Mails drehen sich immer um dasselbe und lassen keine wirklichen Beziehungsgefühle aufkommen. Im Hintergrund kichert dann immer mal eine fremde Frau und Ridge hat es immer wieder besonders konstruiert besonders eilig. Und immer wieder fragt sich Sarah, was sie eigentlich vom Leben will. Sie bekleckert sich nicht gerade mit fachlicher Kompetenz, sodass man sich unweigerlich fragen muss, wie sie sich denn seit ihrem 19. Lebensjahr mit ihrem Buchladen über Wasser gehalten hat. Von Romantik und Buchliebe allein kann doch kein Mensch leben. Sophies Pariser Buchladen ist vielleicht shabby-romantisch, aber keineswegs klein und verschlafen und stellt Sarah vor eine Herausforderung, der sie offenbar gar nicht gewachsen ist. Führungsqualitäten hat sie nicht und ihr Gespür für Zwischenmenschliches lässt sie sich von Beatrices unverhohlener Feindseligkeit untergraben. Sie braucht die stilsichere Océane, um sich neu einzukleiden und Paris außerhalb touristischer Pfade kennenzulernen. Und so läuft monatelang - seitenweise - alles schief, ohne dass wir erfahren, wer Sarah im Grunde ist oder wirklich tiefer in ihre Beziehung mit Ridge blicken, deren körperliche Chemie immer wieder erwähnt (ansonsten aber wird züchtig abgeblendet), Sarah ständiges Abwägen jedoch nicht nachvollziehbar wird. Neben Lamentieren, Ladenquerelen, Heimweh, uninteressantem Liebesbriefgeheimnis wird die Pariser Kulisse zu kaum mehr als einem aus dem Reiseführer gepurzelten Abziehbild. Und schlussendlich kommt der Weihnachtsholzhammer, der die Dinge ins rechte Lot bringt und endlich alle mal so offen miteinander sprechen lässt, dass den Figuren endlich etwas Nahbares verliehen wird. 
Rebeccas Raisins "Mein zauberhafter Buchladen am Ufer der Seine" ist kaum mehr als ein seichter Liebesroman, der nun wahrlich nicht in solch einladendem Festeinband daherkommen müsste und dem es leider nicht gelingt, den Leser für seine Figuren und für den Zauber von Paris zu erwärmen. Vielleicht aber ist der Sommer nicht die beste Lesezeit für das herbstliche und schließlich weihnachtliche Setting des Romans. Vielleicht entfaltet die Geschichte zu einer anderen Jahreszeit besser ihre Stimmung. Aber eben nur vielleicht. 
Wer trotzdem gern in literarische Buchläden schnuppert und leise vor sich hinplätschernde, sprachlich gefällige Geschichten ohne großen Anspruch mag, dem sei "Mein zauberhafter Buchladen am Ufer der Seine" durchaus empfohlen. 

Gesamteindruck
3 von 5 Weißdornzweigen





Buchdaten:
  • Gebundene Ausgabe: 320 Seiten
  • Verlag: Rütten & Loening; Auflage: 1 (11. April 2017)
  • Sprache: Deutsch, übersetzt von Annette Hahn
  • ISBN-10: 3352008973
  • ISBN-13: 978-3352008979
  • Neupreis: 14,00 € (D)
  • E-Book: 10,99 € (Stand vom 12.07.2017)

 

Freitag, 2. Juni 2017

... über "Die Galerie der Düfte" von Julia Fischer



Frühlingsfrisch duftend und voll blühender Leidenschaft. Eine zauberhafte Einladung zum Wegträumen. 

(c) Droemer-Knaur, Bildlink zu Amazon
Zum Inhalt:
In München betreibt die Mitzwanzigerin Johanna Stern-Reiter, angeschmiegt an die elterliche Apotheke, ein Geschäft, in dem sie mit feinen Sinnen erfolgreich Pflanzenwässer und Naturkosmetik kreiert und verkauft. Von einem besonderen Aqua, mit dem sie aufwuchs, inspiriert, wünscht sie es sich sehnlich, Düfte der ehrwürdigen Florentiner Officina Profumo di Santa Maria Novella in ihrem fantasievollen Sortiment führen zu dürfen. Doch Johanna erntet eine mechanische Absage nach der anderen. Schließlich folgt sie einem kleinen Stups und reist nach Florenz, um die Geschäftsführung der jahrhundertealten Firma persönlich von ihrer „Sternwarte“ zu überzeugen. Bald schon steht sie Kopf und Nase der Officina gegenüber und bringt beide gehörig durcheinander. Während Co-Geschäftsführer Luca Fortini völlig hingerissen von der schönen jungen Frau vorsichtige Annäherungsversuche unternimmt, hat Johanna nur Augen für seinen Bruder Sandro, den Duftexperten. Wie schon ihre Mutter in den 1980ern verfällt Johanna nachhaltig nicht nur dem Charme der Arnostadt ...

Meine Meinung:
Passend zu einer Jahreszeit, in der uns jeden Tag neue Düfte frisch die Nasen kitzeln oder - bisweilen unerträglich - die Luft schwängern, um Bienen zu locken, ist Julia Fischers "Die Galerie der Düfte" erschienen. Ein Sommer-Muss für alle, die Sprache und Liebesromane ohne Kitsch mögen.
Bereits im Prolog verlockt uns die Autorin detailreich, aber intensiv mit Florentiner Stadtansichten, die mitnehmen und neugierig machen, ohne das Geschehen zu überfrachten. Nicht alltägliche, mit ihren Synonymketten vielleicht nicht immer gefällige, aber nicht minder bildreiche und schöne Sprache verleihen der Liebesepisode des Prologs geradezu ätherisches Flair. Eine Stimmung, die verliebt macht in die toskanische Stadt und das Strohfeuer von Leidenschaft. Trotzdem tropft kein Kitsch in den Arno.
Wer flotte Handlungseinstiege mag, sollte geduldig sein und die Flinte nicht gleich ins Korn werfen. In ihrer Gegenwartshandlung, die 2011 beginnt, erdet uns Julia Fischer nämlich wieder. Trotz allerlei Duftbeschreibungen, die ein gewisses Faible erfordern und in einem Roman um Düfte unverzichtbar sind, wird Johannas Geschichte greifbarer. Julia Fischers Sprache bleibt schön, wird aber mit gut platzierten Dialogen nahbarer, weniger detailliert und passt sich stets der Stimmung an. Mit jeder Szene, jedem Handlungsort und jeder Figur wird deutlich, dass dieser Roman ein Herzblutbuch ist. Nichts erweckt den Eindruck simpler Bildersuche, sondern sprüht vor Leidenschaft für Thema und Figuren. Fachthemen sind kompetent verpackt, ohne abgehoben zu wirken und den Leser auf der Strecke zu lassen. Orte werden lebendig, ohne den Protagonisten die Schau zu stehlen. Alles fügt sich zu einer Einheit, in der alles seinen Platz hat.
Vermeintlich Vorhersehbares wendet sich und lässt die Herzen höher schlagen.
Leicht skurril angehauchte Figuren geben dem Roman, der, wenngleich voller Licht, durchaus auch Schattenmomente thematisiert, immer wieder lebendige Leichtigkeit und animieren zum Schmunzeln.
Johanna ist als herrlich unaufdringliche, besonnene Hauptfigur dargestellt, die genauso individuell wie ihr Kleidungsstil ist, weiß, was sie will und zudem von einem intakten Umfeld profitiert. Wie sehr habe ich diese vermeintlich eigenständigen Heldinnen Mitte Zwanzig satt, die schlussendlich doch nur all ihre Individualität an der Brust eines starken Mannes aushauchen. Schon fast befremdlich schön, hat Johanna in dieser Hinsicht erst einmal nicht viel Glück. So trifft sie ungebunden in Florenz ein, wo Lucas und Sandro um sie buhlen.
Oh Gott! Nicht noch ein Liebesdreieck!
Doch, wenn es richtig funktioniert!
Julia Fischer spielt nämlich mit der Liebe, lässt uns für den einen oder anderen Fortini Partei ergreifen, zeichnet die männlichen Parts so nuanciert, wie die Liebe nun mal ist. Nicht schwarz und weiß.
So werden Entscheidungen und Verhaltensweisen nachvollziehbar und glaubhaft. Und keine Figur fällt aus ihrer Rolle. Nebenfiguren sind keine Statisten, sondern echte Sympathieträger, wenn auch nicht auf den ersten Blick: Da sind der schüchterne Niklas, der ein bisschen in Johanna verliebt ist, die hypochondrische Mechthild, die Johanna den nötigen Tritt in den Hintern gibt, um nach Florenz zu reisen, Buchhändler Korn, der gar nicht so steif ist, wie er tut, und über einen schier unerschöpflichen philosophischen Zitatfundus verfügt, und, und, und. Sie alle wachsen ans Herz, holen den Leser mitten ins Geschehen und tragen nicht zuletzt auch dazu bei, dass die Dreiecksgeschichte nicht aufgebauscht wird.
Überhaupt ist "Die Galerie der Düfte" eine sehr harmonische Geschichte – freilich nicht konfliktfrei, denn Konflikte sind die Würze guter Geschichten – aber erwachsen und unaufgeregt erzählt. Ein Roman der leisen Töne, dem es dennoch nicht an Kraft fehlt. Vielleicht weht auch ein sanfter Hauch von Magie zwischen den Zeilen.

Wer Lust hat, an lauen Sommerabenden gemächlich zwischen Florenz und München zu schweben und Teil einer sanft erzählten, bezaubernden Geschichte mit nuancenreichen, glaubhaften Figuren und einnehmenden Szenerien zu werden, wird sich in „Die Galerie der Düfte“ verlieben.

Gesamteindruck
5 von 5 Weißdornzweigen






Buchdaten:

Broschiert: 368 Seiten

Verlag: Knaur HC (2. Mai 2017)
Sprache: Deutsch
ISBN-10: 3426653842
ISBN-13: 978-3426653845
Taschenbuch: 14,99 € (D)
E-Book: 12,99 € (D)
Hörbuch (gekürzt): 9,95 € 



Dienstag, 23. Mai 2017

... über "Das Haus der schönen Dinge" von Heidi Rehn

Das Haus der schönen Dinge

von 
Heidi Rehn

Ein breit angelegter historischer Roman, der ein Kaufhaus zum wahren Protagonisten macht und in lebendigen Bildern das Schicksal seiner Inhaber schildert. Aufschwingend bunt bis betrüblich karg - "Das Haus der schönen Dinge" ist so wechselhaft wie die deutsche Geschichte, in die der Roman eingebettet ist. Mitunter sorgen erzwungene Zeitsprünge und beobachtende Beschreibungen für eine Distanz, die nicht jedem Leser gefallen dürfte.


(c) Droemer-Knaur, Bildlink zu amazon
Zum Inhalt:
Kurz vor der Jahrhundertwende zum 20. Jh. eröffnet der jüdische Kaufmann Jacob Hirschvogl, frisch zum Königlich-Bayerischen Hoflieferanten ernannt, ein Kaufhaus am Münchner Rindermarkt. Dank der innovativen Ideen seiner Frau Thea und Jacobs Sinn fürs Geschäftliche wird es bald zur ersten Adresse für die betuchtere Gesellschaft. Die mittlere Tochter Lily wuselt bereits als Halbwüchsige mit großer Leidenschaft im Geschäft herum, während ihrem großen Bruder Benno so gar nichts daran gelegen ist, in des Vaters Fußstapfen zu treten, und Nesthäkchen Sepp eher kränkelt und später eigenen Interessen folgt. So gern man sich aber auch bei Hirschvogls mit den neuesten Kreationen aus den Modemetropolen einkleiden lässt und sich bei Theas beliebten Veranstaltungen sehen lässt, so kann doch nichts darüber hinwegtäuschen, dass jüdische Kaufleute missgünstig beäugt werden. Und so kommt der Tag, an dem die Kaufhausfamilie vor einer schweren Entscheidung steht ...

Meine Meinung: 
Heidi Rehns historischer Roman rund um ein fiktives Kaufhaus, das symbolhaft all jene jüdisch geführten Kaufhäuser verkörpert, die den Schrecken der Geschichte zum Opfer gefallen und für immer verloren sind, ist ambitioniert angelegt und anders, als ich ihn erwartet hätte. Denn sein unangefochtener Protagonist ist tatsächlich das Hirschvogl am Rindermarkt, das Haus der schönen Dinge. Heidi Rehn erzählt seine Geschichte, verknüpft mit der Geschichte seiner Inhaber, die eng mit ihm verwoben und dennoch fast nur ein Accessoire sind. Wir begegnen einer Vielzahl von Personen, angefangen beim engeren Kreis der Münchner Hirschvogl-Familie, der um sporadisch auftretende Verwandte aus In- und Ausland und langjährige und neue Freunde, aber auch authentische, zeitgenössische Persönlichkeiten ergänzt wird. Die Handlung nimmt 1897 ihren Anfang und endet 1952. Von Anfang an dabei bleiben Lily und ihre Freundin Cäcilie, zwangsläufig müssen wir von Figuren Abschied nehmen, andere neu kennenlernen und mit den Veränderungen der Figuren und des Kaufhauses vor dem realen Zeitgeschehen mithalten.
Mit "großen Erwartungen" beginnt der Roman bereits in einer Zeit des Umbruchs - die Jahrhundertwende steht bevor, das Leben wird moderner, und die Frauen der Hirschvogl-Familie sind erstaunlich ideenreich und geschäftstüchtig, was nicht überall Anklang findet. Besonders Thea zeigt sich kühn und schwingt sich in modischen Bloomers aufs Velociped ungeachtet des Spotts und der Kritik. Tochter Lily eifert ihr nach. Obwohl ihre Figur neben dem Kaufhaus eine Konstante des gesamten Romans ist, steht ihre Darstellung der ihrer Mutter nach. So faszinierend und interessant "Das Haus der schönen Dinge" auch zu lesen ist, so leidet der Roman doch an seiner Breite. Seine etwas mehr als 600 Seiten decken einen geschichtlich ereignisreichen Zeitraum, der zu Abstrichen in der Handlung und Figurenzeichnung führt. Als "opulent, dramatisch und emotional" angekündigt, bleiben gerade die Emotionen besonders auf drei Vierteln des Romans mitunter auf der Strecke. 
Während diese Zeit des Aufbaus und Aufschwungs noch recht ausführlich geschildert wird, sind immer wieder Zeitsprünge erforderlich, um den enormen Handlungszeitraum zwischen zwei Buchdeckel zu bannen. Zeitangaben in der Kapitelüberschrift und Rückblenden auf erzähltes und nicht erzähltes Geschehen helfen, sich zurechtzufinden. Allerdings fällt es nicht immer leicht, sich für Figuren zu erwärmen, Sympathien oder Antipathien zu entwickeln. Einige von ihnen erleben wir als Randfiguren buchstäblich zu marginal und nur durch die Augen der Hauptfiguren, ganz gleich, in welchem Maße sie zu deren Entwicklung beitragen müssen. Feinheiten, wie Jacobs unproblematischer Umgang mit Schweinebraten, den er gern in Begleitung seines Freundes Alois genießt, Lilys unaufgeregter Umgang mit Kunden und ihre Loyalität gegenüber dem großen Bruder, der sich nichts aus ihrer Freundin Cäcilie macht, Theas aufrechte Haltung gegenüber offenen Anfeindungen, und, und, und machen sie jedoch nahbarer. Dennoch liest sich "Das Haus der schönen Dinge" teilweise wie ein Bericht. Geschuldet ist dies Heidi Rehns Vorliebe zur Substantivierung, die trotz lebendiger Dialoge mit dialektischen Einfärbungen eine Distanz entstehen lässt, die ich als ungewöhnlich, aber keineswegs störend empfinde. 
Im Gegenteil: Die Rolle des Beobachters gefiel mir ausgenommen gut. Gern streifte ich durch das Kaufhaus, das wahrlich opulent dargestellt ist und eine Einkaufswelt lebendig macht, die uns heute nur aus alten Filmen bekannt sein dürfte. Auch genoss ich Heidi Rehns subtile und kluge Analyse des Zeitgeschehens, mit der sie erinnert und unaufdringlich mahnt. Mit den" großen Enttäuschungen" endet die Geschichte schließlich dicht erzählt und spart weder an Dramatik noch Emotionalität, jedoch stets in ausgewogenem Maße, ohne zu dick aufzutragen.
Neben einem Familienstammbaum im Umschlag (mit einem kleinen Zahlenfehler, der sich in einer nächsten Auflage flugs korrigieren lässt) und einer Werbeanzeige des Hirschvogl noch vor Beginn des eigentlichen Romans rundet ein Glossar am Ende mit zeitgenössischen Ausdrücken, Dialektbegriffen und Persönlichkeiten von Rang und Namen dieses insgesamt gelungenen historischen Romans. 

Leseempfehlung für alle, die sich für die erste Hälfte des 20. Jh.s. interessieren. 

4 von 5 Weißdornzweigen





Buchdaten: 


  • Taschenbuch: 656 Seiten
  • Verlag: Knaur TB (2. Mai 2017)
  • Sprache: Deutsch
  • ISBN-10: 3426519372
  • ISBN-13: 978-3426519370
  • Neupreis: 9,99 € (D)
  • E-Book: 9,99 €

Donnerstag, 11. Mai 2017

... über "Aimées geheimer Wunsch" von Kelly Doust

Kelly Doust
"Aimées geheimer Wunsch" 
Ohne Stickmuster - abwechslungsreich, wechselhaft, nicht immer gelungen 

(c) KiWi, Bildlink zu amazon

Zum Inhalt: 

1891 steht die 27-jährige Aimée kurz vor der Zweckheirat mit dem deutlich älteren, ihr so gut wie unbekannten Bernard. All ihr Gefühlschaos legt sie in die Gestaltung eines kostbaren Kragens, der sie im einstigen Hochzeitskleid ihrer verstorbenen Mutter künstlich zum Strahlen bringen soll. Über 120 Jahre später findet Maggie das opulente Accessoire in einer Kiste mit Stücken, die sie bei einer Auktion in dem Auktionshaus, für das sie arbeitet, für sich selbst ersteigert hat. Frisch befördert, bekommt sie bei einer Fernsehsendung Gelegenheit, ihre Begeisterung für alte Kostbarkeiten mit der Öffentlichkeit zu teilen ... und ruft dabei eine ältere Dame auf den Plan. Diese meint nämlich, das Schmuckstück, das auch Maggie für eine Art Kopfbedeckung hält, habe einst ihr gehört. Nun will sie mehr darüber erfahren, und die junge Auktionatorin begibt sich auf Spurensuche ... 

Meine Meinung: 
"Aimées geheimer Wunsch" ist Kelly Dousts Debütroman. Von Mode und Kreativem begeistert, verpackt sie darin ihr eigenes Interesse an alten Dingen - mit der im Originaltitel "Precious things" angedeuteten Botschaft, dass die wirklichen Kostbarkeiten nicht immer die sind, die unmittelbar ins Auge fallen. Gewiss trifft sie thematisch einen Nerv, denn Sendungen zwischen Kitsch, Krempel und echten Raritäten sind im Trend.
Der deutsche Titel "Aimées geheimer Wunsch" leitet gewissermaßen fehl, da er uns besagte Aimée als DIE Hauptfigur suggeriert, sie aber "nur" ein Teil einer Episode ist. Quasi einer der Spannringe des Romanstickrahmens - ob nun der äußere oder innere sei dabei dem subjektiven Leserempfinden überlassen. Das Stickbild jedenfalls erscheint vor unseren Augen unvollendet.
Dousts Roman umfasst mehrere Episoden, die den jeweiligen BesitzerInnen des von Aimée reich bestickten Kragens gewidmet sind. Angefangen bei Aimée in der Normandie reist das modische Detail sogar bis nach Asien, gelangt ans Mittelmeer und entfernt sich wieder ein Stück, bevor es am Boden einer Kiste im England der Gegenwart der Auktionatorin Maggie in die Hände fällt. Maggies Geschichte bildet nun den zweiten Ring des Stickrahmens. Dazwischen: episodische Rückblenden, die mal personal, mal in Ich-Perspektive erzählt und eben mal mehr, mal weniger interessant sind.
Als Kontrastprogramm zu Aimée, die wir quasi als "alte Jungfer", kleingehalten, fast schon eingesperrt in ihrem maroden Schloss mit gutem Namen, kurz vor dem Altar kennenlernen, bevor sie erst am Ende des Romans noch einmal zu Wort kommt, ist Maggie eine moderne Frau mit typischen modernen Frauenproblemen. Auf den ersten Blick scheint alles ganz heimelig. Guter, verständnisvoller Mann (sogar mit kleinem Bäuchlein), süße fünfjährige Tochter, nettes Häuschen, ein Job, der Spaß macht. Nicht übertrieben idyllisch, sondern sehr menschlich und nachvollziehbar. Aber da sind auch noch eine Stieftochter aus einer früheren Beziehung des Mannes und der unvermeidliche Spagat zwischen Job und Familie. Wir erleben mit, wie Maggie morgens zur U-Bahn hastet, sich mit ihrem Kindergartenkind reibt, weil sie zu wenig Zeit mit ihm verbringt, sehen sie hilflos im Umgang mit der pubertierenden Stieftochter und gleichzeitig vor Leidenschaft sprühend, wenn es um alte Dinge geht. Und über allem schwebt noch ein schweres Päckchen Vergangenheit (voller Missverständnisse), das es zu bewältigen gilt.
So einfühlsam Kelly Doust sich ihrer Protagonistin Maggie auch nähert, so sehr misslingt es ihr doch auch, ihre Geschichte trotz ihres Unterhaltungswertes durchgehend mitreißend zu erzählen. Immer wieder lässt sie Maggie in Gedanken verharren und über Vergangenes reflektieren, sobald ein alte Gegenstand ins Blickfeld rückt, über den dann philosophiert wird, ohne dass die Handlung nennenswert vorangetrieben würde. Trotz ausgewogener Länge von Rahmenhandlung und Rückblicken wird es stellenweise so langatmig, dass die Episoden rund um den Kragen herbeigesehnt werden. Der Schmuckkragen, der von den meisten Damen in der Vergangenheit zu einem Kopfschmuck - von einem Diadem ist die Rede - umfunktioniert wurde, sorgt allerdings überwiegend für Tragik, die ordentlich schwer wiegt. Da haben wir eine Trapezkünstlerin, eine Tänzerin, die Muse eines Malers, ein Model und eine Hausiererin, allesamt vereint durch ein perlen- und paillettenbesetztes Stück Leinen, das trotz seines verführerischen Schimmers nicht über Schattenseiten hinwegtäuschen kann. Sie müssen einander nicht kennen, keine Beziehung zueinander haben und letztendlich ist es auch nicht notwendig, dass Maggie den Weg des Kragens lückenlos entschlüsselt. Der Leser erfährt immer mehr als Maggie, aber eben auch nicht alles. Das ist so realistisch wie ernüchternd und unbefriedigend. Die Botschaft ist allerdings immer klar: Es ist nicht das Materielle, das wirklich zählt.
Kelly Doust hat zweifellos einen einfallsreichen Episodenroman gestickt, dessen hoher Anspruch schon von der nüchternen Umschlaggestaltung reflektiert wird. Allerdings greift sie hin und wieder auf blasses Garn und farblose Perlen zurück. Manches Mal ist ihr Faden zu kurz, sodass er am Ende nicht mehr verstochen werden kann. 
Wunderbare Beobachtungsgabe zeigt sich bereits zu Beginn in der starken Symbolik des Kragens und einnehmenden Szenerien im weiteren Verlauf. Allerdings kollidiert sie immer wieder mit Figuren, die geradezu irrelevant erscheinen (und man sich angesichts des ihnen z. T. auf den Leib geschriebenen Schicksals geradezu schämen möchte, dass man sie als überflüssig empfindet), oder aufgesetzten Ereignissen und Verhaltensweisen, die nicht zum Charakter passen wollen. Oft stellt sich die Frage, ob Kelly Doust nun über starke, durchsetzungsfähige und -willige Frauen schreiben oder doch lieber ein klassisches Bild bedienen will, einschließlich klischeehafter Konflikte. 
Dennoch funktioniert und unterhält "Aimées geheimer Wunsch" mit all seiner Wechselhaftigkeit und dürfte Lesern gefallen, die gern im Mottenkugelgeruch nach alten Geschichten graben. 

Gesamteindruck: 
3 von 5 Weißdornzweigen





Buchdaten:
  • Taschenbuch: 416 Seiten
  • Verlag: KiWi-Taschenbuch (11. Mai 2017)
  • Sprache: Deutsch, übersetzt von Cornelia Röser
  • ISBN-10: 3462049879
  • ISBN-13: 978-3462049879
  • Taschenbuch: 9,99 € (D)
  • E-Book: 6,99 €

 

Freitag, 5. Mai 2017

... über "Die Zutaten zum Glück" von Louise Miller

Louise Miller
Die Zutaten zum Glück

Süß duftendes Wohlfühlbuch mit kitschigen Abstrichen

(c) Insel Verlag, Bildlink zu amazon
Zum Inhalt:
Patissière Olivia Rawlings passiert ein gewaltiges Missgeschick: Bei einer Veranstaltung in einem Bostoner Club entgleitet ihr eine spektakuläre flambierte Eistorte und verursacht einen Brand. Der ist zwar nicht ganz so folgenschwer, veranlasst die blamierte Anfangdreißigerin aber zur Flucht nach Vermont aufs Land zu ihrer alten Freundin Hannah. Die verschafft ihr prompt einen Job in einem Landgasthof, der so gar nicht zu Olivias bisherigen Arbeitsplätzen passen will. Genauso wenig wie das Leben in einem Ort, in dem jeder jeden kennt und jeder über jeden tratscht und mit jedem wetteifert. So ist Olivia bald mittendrin im großen Wettbewerb um den besten Apfelkuchen und fremden und eigenen Herzensangelegenheiten ...

Meine Meinung:
Auf dem Umschlag wird das RealSimple Magazine zitiert: "Ein Roman, der wie eine riesige Portion Seelenfutter wirkt! [...]". 
Eine durchaus treffende Zusammenfassung, denn Patissière Louise Miller gelingt es in ihrem Debüt, für heimeliges Ambiente zu sorgen. Im Herbst beginnend, entführt sie den Leser in das Indian-Summer-Flair Vermonts, das mit Backofenwärme und Dessert- und Kuchendüften zu Leseabenden vor dem Kamin einlädt und, auch wenn sich die Geschichte bis zum darauffolgenden Sommer erstreckt, sich nur bedingt als Strandlektüre eignet. Dies sei jedoch lediglich angesichts des Erscheinungstermins des Romans im Frühjahrsprogramm erwähnt und soll dem Lesevergnügen keinen Abbruch tun.
Mit Olivia stellt die Autorin eine recht zwiespältige Figur vor. Mit 32 Jahren hat sie keine Modelmaße und gibt sich mit interessanten Haarfarben eine stark individuelle Note. Obwohl sie in Backstube bzw. Küche brilliert, läuft es in ihrem Leben nicht unbedingt rund. Affäre, Schulden, außerhalb des Jobs keine Sozialkontakte ... Im Laufe der Geschichte zeigt sich jedoch, dass diese Hauptfigur alles andere als gut durchdacht ist. Ihre Hintergründe bleiben angedeutet und Olivia verhält sich immer wieder kaum altersgerecht, was sich nicht immer mit ihrer Vergangenheit entschuldigen lässt. Schade, dass die äußerlich so bunt dargestellte Protagonistin schlussendlich blass bleibt und sich einer aufgesetzten, kitschigen Liebesgeschichte beugen muss und nicht zuletzt auch damit an Sympathiepunkten verliert. Auch die Beziehungsgefüge zwischen den Figuren sind so manches Mal konstruiert, weil sie sich "richtig anfühlen". Dabei bieten die Figuren Potenzial. Allen voran Hannah, aber auch ihre Freundin Hannah, die im Zuge der Geschichte leider zu Beiwerk verkommt. Und da sind noch Love Interest Martin, seine Familie, in deren Arme man sich mit einem Schrei nach Adoption werfen möchte, und natürlich Margaret, die ruppige, unnahbare, fordernde Gastwirtin, die als Nebenfigur fast schon mehr punkten kann als die Hauptfigur des Romans. Hätte Louise Miller ihren Figuren ebenso viel Beachtung geschenkt wie den unzähligen Köstlichkeiten, mit denen Olivia dem Leser imaginäres Hüftgold beschert, wäre ihr Debütroman eine wirklich runde Sache.
Wem Frauenunterhaltung mit sehr traditionellen Denkweisen nichts ausmacht, wird sich mit "Die Zutaten zum Glück" jedoch wohlfühlen. Zwar bietet die Geschichte nichts Neues, aber gerade das Flair und die emotionalen Momente, die uns aus unzähligen US-amerikanischen Unterhaltungsromanen und Fernsehfilmen/-serien oder Herzkino so vertraut sind - man denke da an Nora Roberts' oder Danielle Steels Werke der 1990er -, sorgen für ein wunderbar wohliges Lesegefühl, das lange über die Schwächen des Romans hinwegtäuschen kann. 
Gehe ich kritisch mit mir ins Gericht, stelle ich allerdings fest, dass es aber eben solche Vertrautheiten sind, die beim Lesen zu unverhohlenem Schnäuzen und Seufzern führen. Und dann hat ein Roman sein Unterhaltungsziel gewiss nicht verfehlt. 
"Die Zutaten zum Glück" ist trotz aller Kritikpunkte keineswegs ein krude zusammengestümpertes Debüt, wenn auch nicht in so hohem Maße anspruchsvoll wie sein schlichter Umschlag und die hochtrabend angekündigte Suche nach einem Zuhause andeuten mögen. Trotzdem zieht er in seinen Bann und sorgt für behagliche Lesemomente - das Seelenfutter wird lesbar. Zwar schwirren viele Personen in dieser Geschichte herum, dass einem schon mal ganz schwindelig werden kann, doch es sind jene kleinen menschelnden Szenen - sei es voller Zuneigung oder Abneigung -, die den Leser zurückholen und genauso ankommen lassen wie Olivia. 
Trotz konstruierter Liebesgeschichte, die nach Teenagerfantasie riecht. 
Trotz merkwürdiger Verhaltensweisen. 
Und auch trotz des kitschigen Endes, das ich der Autorin wirklich übel nehme. 
Beim nächsten Mal macht sie es hoffentlich besser.

Leseempfehlung? Na klar. Wer kann schon duftendem Apfelkuchen und hausgemachter Musik vorm Kamin widerstehen?

Gesamteindruck:
4 von 5 Weißdornzweigen






Buchdaten:

  • Broschiert: 408 Seiten
  • Verlag: Insel Verlag; Auflage: Deutsche Erstausgabe (10. April 2017)
  • Sprache: Deutsch, übersetzt von Katja Bendels
  • ISBN-10: 3458362649
  • ISBN-13: 978-3458362647
  • Originaltitel: The City Baker's Guide to Country Living
  • Taschenbuch: 14,95 € (D)
  • E-Book: 12,99 €



Donnerstag, 6. April 2017

... über "Die Zeit, in der wir träumten" von Meredith Jaeger

Die Zeit, in der wir träumten
von Meredith Jaeger
(c) Aufbau-Verlag, Bildlink zu amazon

Zum Inhalt: 

Als Sarah mit ihrem Romanprojekt für ihren Studienabschluss nicht weiterkommt, läuft ihr ein mehr als einhundert Jahre alter Fall über den Weg. Die Journalistin in ihr wird wieder geweckt, sodass sie ihr Thema an den Nagel hängt und für einen Bericht recherchiert. 1876 arbeiten die Näherinnen Hanna und Margaret sich die Finger blutig für das Überleben ihrer jeweiligen Einwandererfamilien. Im Geschäft der Abschätzigkeit der betuchten Gesellschaft San Franciscos ausgesetzt, warten daheim zahllose Geschwister und betrunkene, gewalttätige Väter. Als Hanna den gut situierten Lucas kennenlernt, erfährt sie zum ersten Mal Respekt und erlebt die Stadt von einer anderen Seite. Plötzlich verschwindet ihre Kollegin und einzige Freundin Margaret. Gemeinsam mit Lucas begibt sich Hanna auf eine gefährliche Suche im Rotlichtmilieu San Franciscos. Doch weshalb sollte gut einhundertvierzig Jahre später Sarah bei Ihren Recherchen schlafende Hunde wecken? Und was quält die junge Frau so sehr, dass sie ihr Eheglück mit Hunter nicht voll auskosten kann? 

Meine Meinung: 
"Die Zeit, in der wir träumten" ist ein Einwandererroman, der sich der im Zuge des Goldrauschs eingeströmten Bevölkerungsschichten annimmt, die nicht zuletzt San Francisco mit geprägt haben. Er wandelt zwischen schmutzigem Historienbild, ansprechender Liebesgeschichte, etwas dick aufgetragener Vergangenheitsbewältigung und historischem Krimi mit Laienermittlern. 
Gut gelingt Autorin Meredith Jaeger, die deutsche Wurzeln hat, die Verquickung von Heute und Gestern. In spannendem Wechsel führt sie den Leser zu San Franciscos Schauplätzen und zeigt einnehmend das Gesicht der vergleichsweise jungen Stadt im 19. Jh. Ihr Interesse an dieser Epoche ist unverkennbar und sorgt für gute Lesbarkeit. Einfühlsam und respektvoll zeichnet sie die Figuren der Vergangenheitshandlung, während Sarah als moderne Frau trotz ihrer beruflichen Hartnäckigkeit relativ blass bleibt und ihrer Schuld, die sie seit langem mit sich herumschleppt, buchstäblich feststeckt. Hier verschenkt die Autorin das Potenzial der Beziehung zwischen Sarah und Hunter, die als liebe- und respektvoll angedeutet, von Sarah durch geradezu borniertes Schweigen und Misstrauen ad absurdum geführt wird. Sie will etwas aus sich machen, ist aber die Einwanderin in ihrer reichen Schwiegerfamilie. Im Gegensatz zur deutschen Einwanderin Hanna, die sich in ihrer Not an Lucas wendet, um die verschwundene Freundin zu suchen, steht Sarah bewusst allein da. Mit einem Talent zur Selbstzerfleischung - und ihre Vergangenheit soll an dieser Stelle keineswegs heruntergespielt werden, denn sie hat schwere Schuld auf sich geladen, aber eben auch dafür gebüßt -, kommt sie ohne Hunter aus. Es gibt somit kein Millionärsermittlerduo, sondern Sarah bringt sich selbst in Teufels Küche. Zudem quetscht ihr Jaeger eine problembeladene Freundin an die Seite, deren Nebenhandlung zwar Aufmerksamkeit verdient, aber, anders als Margarets Drama im 19. Jh., nichts zur Geschichte beiträgt.
Neben einer ordentlichen Portion Pathos, die so manchem US-amerikanischen Roman innewohnt, bringt "Die Zeit, in der wir träumten" auch Vorhersehbarkeit mit. Dem geneigten Leser sei empfohlen, nur den U4-Text, nicht aber die Kurzbeschreibung zu lesen. Denn der routinierte Leser wird schon da 1 und 1 zusammenzählen können. Früh lassen sich Zusammenhänge erahnen, und es fällt fast schwer, sich auf Sarahs - interessante - Recherchen zu konzentrieren. Zu stark wird das Verlangen geschürt, den Moment, an dem sich alle Fäden verknüpfen, endlich zu erleben. Mit einem versöhnlichen Ende wertet Meredith Jaeger ihren ohne große Längen erzählten, gefühlt etwas zu kurz geratenen Roman allerdings wieder auf. 
Eine Leseempfehlung für alle, die San Francisco einmal ohne Hippie-Touch erleben und einen Einblick in eher dunklere Ecken erhalten wollen und gern gefällige amerikanische Stories lesen. 

Gesamteindruck:
3,5 von 5 Weißdornzweigen






Buchdaten: 
  •  Taschenbuch: 400 Seiten
  • Verlag: Aufbau Taschenbuch; Auflage: 1 (17. März 2017)
  • Sprache: Deutsch, übersetzt von Corinna Rodewald
  • ISBN-10: 374663296X
  • ISBN-13: 978-3746632964
  • Originaltitel: The Dressmakers's Dowry
  • Taschenbuch: 12,99 € (D)
  • E-Book: 9,99 € 




... über "Isabellas Plan vom Glück" von Laura J. Coleman

Isabellas Plan vom Glück
von Laura J. Coleman

(c) Droemer-Knaur, Bildlink zu amazon

Zum Inhalt:
Gabriel Dallaway McAllister gehört zu New Yorks High Society. Reich und erfolgreich ist er, aber sein Leben bestimmen Zwänge und Panikattacken. Und in genau so eine Panikattacke platzt ihm Isabella hinein, als sie für das Tierheim ihrer besten Freundin mit der Klingelbüchse unterwegs ist. Die Mitzwanziger, die - zum Leidwesen ihrer Familie - ihr Leben nimmt, wie es ist, und die Dinge auf sich zukommen lässt, passt so gar nicht zu dem gebügelten, wundgewaschenen "Kontrollfreak". Aber der hat nun mal das nötige Kleingeld, um das marode Tierheim zu retten. Also lässt Isabella nicht locker, sodass Gabriel ihr schließlich einen Deal vorschlägt: Er spendet ein erkleckliches Sümmchen, wenn es Isabella gelingt, ihm einen Tag Glück zu bescheren. Abenteuerlustig willigt sie ein, aber dann kommt alles anders ...

Meine Meinung:
Da hatte ich mal wieder so richtig Lust auf einen Liebesroman, und die Umschlaggestaltung, die so herrlich zum Inhalt passt (New Yorker Kulisse, Pärchen mit Hund), nebst Klappentext (der sich im Nachhinein als außerordentlich kreativ entpuppt) ließen mich mal wieder zu einem E-Book greifen. Lust hatte ich auf Gegensätze, vielleicht eine kleine Cinderella-Story und Seufzermomente.
Aber wo soll ich nun anfangen? Denn "Isabellas Plan vom Glück" hat - zumindest auf zwei Dritteln - wirklich Pageturner-Potenzial, ist aber auch gespickt mit jeder Menge Kopfschüttelmomenten und geballter Dramatik, dass sich keine Begeisterungsstürme einstellen wollen. 
Die ersten 10% der Story zu schaffen, war eine ordentliche Geduldsleistung. Die Autorin schleift uns hier durch Gabriels gesamtes Leiden. Seine Morgenrituale werden en détail auseinandergepflückt, um uns schon mal mit Gabriels Zwangsverhalten zu erschlagen. Die Erklärung wird auch gleich mitgeliefert: erdrückendes, überforderndes Elternhaus. 
Erst nachdem Gabriel als gequälter Held in geradezu epischer Breite eingeführt wurde, kommt Isabella ins Spiel (klar, alle Welt nennt sie natürlich Bella). Sie ist erfrischend (und gleichzeitig auch beängstigend) sorglos, hat etwas für Hunde übrig und ist nicht auf den Mund gefallen. Und damit macht Bella schon wieder richtig Spaß. Immerhin ist sie Garant für wunderbare Schlagabtäusche mit Gabriel, die für eine Dynamik sorgen, die der Roman nach seinem langatmigen Anfang dringend braucht. So ist es auch recht amüsant, zu beobachten, wie Isabella Gabriels Forderung nach einem Tag Glück auf ihre Weise umzusetzen versucht. Dem Titel entsprechend folgt sie ihrem Plan, der eigentlich eher ein "Bauchentscheidungsding" ist, denn Minenfeld Gabriel stellt für sie Neuland dar. Dabei geht - ob naiv oder bewusst ist nicht ganz klar - recht ignorant mit Gabriels Zwangsstörungen um, lockt ihn aber immer wieder aus der Reserve und findet sich schließlich, für beide einigermaßen überraschend, in seinem Bett wieder. 
Laura J. Coleman hat ein Händchen für intime Szenen, die keinem Schema F folgen, sondern angenehm unperfekt ohne Hochleistungsanspruch erzählt werden. 
Dann aber hält Hollywood Einzug. Es geschieht ein folgenschweres Ereignis, das Paar wird über lange Zeit durch technische Widrigkeiten  (und Gabriels umwerfende Sozialkompetenz - wie kann der Mann bloß eine so große Firma leiten?) und zurechtgebogene Intrigen getrennt und muss sich sein Happy End hart erarbeiten. 
Meinen Seufzermoment bekam ich dann aber doch noch, dank eines Hundes, und glücklicherweise war dieser Moment überraschend unkitschig und glaubhaft.
"Isabellas Plan vom Glück" bietet Romantik, sprühende Dialoge, nicht zu verachtende erotische Szenen und ein dramatisches Hintergrundproblem, dem der Rechercheaufwand der Autorin und ihr Respekt gegenüber Erkrankten anzumerken ist. So bleibt es denn roter Faden und löst sich nicht unrealistisch in Wohlgefallen auf. 
Anzumerken ist dem Roman allerdings auch, dass er von einer deutschen Autorin nach Amerika verortet wurde. Fixpunkte vermag ich an dieser Stelle nicht zu nennen, lediglich bestand während der gesamten Lektüre das Gefühl fort, dass die personale Erzählung einen ausländischen Blick auf New York wirft, statt einen Eindruck der Selbstverständlichkeit zu vermitteln. (Erst nach der Lektüre habe ich mich schlau gemacht und festgestellt, dass es sich um eine deutsche Autorin handelt. Wahrscheinlich aber würde ein zwangsgestörter Gabriel in der deutschen Bankenmetropole Frankfurt in den Buchhandlungsregalen verstauben.) 
Daneben zeigt "Isabellas Plan vom Glück" einen gewissen Hang zur allgemeinen Gefälligkeit und Seichtigkeit trotz aller Tragikmomente, ganz so, als seien Charaktere und Story einem Fernsehfilm entsprungen, wie wir ihn schon vielfach gesehen haben, Hütte im Schnee inklusive. Mehr Ausgewogenheit hätte dem Roman sicher gut getan.

Empfohlen sei "Isabellas Plan vom Glück" dennoch allen, die gern eine Liebesgeschichte für zwischendurch konsumieren und sich an ausgewalzten Romananfängen nicht stören (und nicht emetophobisch sind).

Gesamteindruck:
3 von 5 Weißdornzweigen






Buchdaten:
  • Taschenbuch: 344 Seiten
  • Verlag: Feelings (2. Februar 2017)
  • Sprache: Deutsch
  • ISBN-10: 3426216124
  • ISBN-13: 978-3426216125
  • Taschenbuch: 12,99 € (D)
  • E-Book: 4,99 €
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