Mittwoch, 23. November 2016

... über "Lucy Schröders gesammelte Wahrheiten" von Susann Rehlein

Susann Rehlein
 Lucy Schröders gesammelte Wahrheiten 
 
(c) Dumont-Verlag,Bildlink zu amazon

Zum Inhalt:

In ihrem Zimmer bastelt sie Schneekugeln. Weil sie hellsehen kann, trifft sie dabei genau den Nerv ihrer Kunden. Ihre Lebensmittel lässt sie sich liefern. Ihr Vater ist tot. Ihr Name ist Lucy und dank ihrer hinterhältigen französischen Mitbewohner sitzt sie bei Psychologe Pawel, der ihr eine schwierige Aufgabe stellt: rausgehen soll sie und Menschen kennenlernen. Doch Lucy ist bemerkenswert unfreundlich und will einfach nur ihre Ruhe. Oder doch nicht?


 


Meine Meinung:

Skurril, nicht immer für bare Münze zu nehmen, dabei überraschend tiefgründig, stilistisch eigenwillig, aber auch anstrengend.
 
Der erste und bislang letzte Roman, den ich von Susann Rehlein lesen durfte, war "Auch die Liebe hat drei Seiten". "Die erstaunliche Wirkung von Glück" hat sich an mir vorbeigemogelt. Trotz dieser nur einmaligen Leseerfahrung habe ich wieder ein etwas anderes Lesevergnügen erwartet. Schließlich hat Susann Rehlein in diesem Roman schon gezeigt, dass sie ein Händchen für ausgefallene Figuren hat, die alles andere als gefällig sind und sich die Lesersympathien nicht unbedingt auf der ersten Seite erschleichen. So auch Lucy nicht. 
Die Sechsundzwanzigjährige ist so sperrig und eigenartig wie die Sprache des personalen Erzählers, durch dessen Augen wir sie kennenlernen. Erfrischend anders ist aber durchaus etwas anderes. Denn Lucy und ihre Gedanken sind anstrengend. Mit ihrer Geschäftsidee, Menschen mit auf den ersten Blick bizarren Schneekugeln zu versorgen, ist Lucy skurril und eigenbrötlerisch, und da sie ihre Aufträge online und postalisch abwickelt, muss sie weder aus dem Haus noch persönlichen Kontakt zu anderen Menschen pflegen. Dass ihr die Menschen für ihre Kreationen viel zu viel Infos vor die Füße werfen, ist ihr geradezu zuwider - sie hat schließlich ein übersinnliches Gespür für das, was andere brauchen. Dabei ist es ihr schnurz, was andere von ihr denken oder ob sie sie vor den Kopf stößt. In ihrer agoraphobischen und misanthropischen Art (nein, nein, so ist sie natürlich nicht) wird die kalte Ravioli aus der Dose löffelnde Lucy zur Herausforderung. Die Jeans fällt ihr fast schon vom Leib. Darüber trägt sie das Tutu ihrer Ex-Mitbewohnerin, und um die Menschen auf der Straße auszublenden, hat sie Ohrenschützer auf - auf den ersten Blick gehört Lucy zu jenen Menschen, die bei anderen sofort alle Klischee-/Vorurteils-/Mitleidsglocken bimmeln lassen. Es bedarf eines genaueren Blickes und einer Portion Geduld, um mit dieser Protagonistin warm zu werden. Nicht immer sind die Handlung um sie und ihr Handeln glaubwürdig. Mit ihrer "nicht normalen", nicht konformen Art gelingt es dieser Figur jedoch, Menschen um sich zu scharen, die allesamt genauso ihre Ecken und Kanten haben und uns unweigerlich eben genau die Vorurteile und Klischees vor Augen führen, die wir so gern pflegen. Auch die Liebe kommt nicht zu kurz, immerhin wird sie bereits im U4-Text und in der Kurzbeschreibung angesprochen, und schließlich hat sie auch hier mehr als eine Seite. Dadurch und vor allem durch die schmerzlichen Einblicke in Lucys Vergangenheit entsteht eine tiefgründige Note, die "Lucy Schröders gesammelte Wahrheiten" in Verbindung mit Susann Rehleins eigenwilligem Stil zu einem Leseerlebnis der besonderen Art macht. Der Roman ist dabei aber auch kein gefälliges Werk und ganz sicher nicht jedermanns Sache. Wer seiner Lektüre aufgeschlossen entgegentritt und Abwechslung vom Einheitsbrei sucht, findet in "Lucy Schröders gesammelte Wahrheiten" nicht nur ein marodes Kaufhaus als bunten Schauplatz, sondern eine wahre Spielwiese farbenfroher Charaktere, die für allerlei Emotionen sorgen, und kreativer Szenen (und Wortschöpfungen), die Überzeichnungen schnell verzeihen lassen.



Gesamteindruck: 
4 von 5 Weißdornzweigen






Buchdaten:
  • Gebundene Ausgabe: 288 Seiten, mit Lesebändchen
  • Verlag: DuMont Buchverlag GmbH & Co. KG; Auflage: 1 (17. Oktober 2016)
  • Sprache: Deutsch
  • ISBN-10: 3832198105
  • ISBN-13: 978-3832198107
  • Neupreis: 18,00 € (D) 
  • Auch als E-Book erhältlich.
 

Samstag, 5. November 2016

... über "Hasta La Pista - Wo die Liebe hinfährt" von Sophia Monti

Sophia Monti


Amüsante Auswanderer-Schrägstrich-Love-Story für zwischendurch


(c) http://www.digitalpublishers.de,
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Zum Inhalt:
Dass es für Anja Rembrand ohne T rund laufen würde, kann man nun wirklich nicht behaupten: In der Redaktion wird sie gemobbt und Freund Andy hat sich ein duftendes Mangagirly aus der Drogerie angelacht. Als ihr Ex und inzwischen platonischer Freund Jan ankündigt, er werde sich eine einjährige Auszeit von Stadt- und Businessleben nehmen und mit einem Bully nach und durch Spanien tuckern, lässt sich Anja anstecken. Weg mit Andy, weg mit dem Job, weg mit der Wohnung. Ganz und gar auswandern will Anja in ihr heißgeliebtes Spanien und springt ohne zu fackeln in Jans platonischen Bully ...

Meine Meinung:
Da ich immer noch kein großer E-Book-Leser bin, aber ab und an gerne mal typische Frauenunterhaltung lese, sie aber nicht immer als Baum in der Handtasche mit mir herumschleppen will, kommen mir Romane wie Sophia Montis "Hasta La Pista" gerade recht. 
Locker stolpern wir mit Ich-Erzählerin Anja durch die aktuellen Unwegsamkeiten ihres Lebens. Und Anja ist weder auf den Kopf noch auf den Mund gefallen und präsentiert Gedanken und Dialoge, die größtenteils richtig Spaß machen und für einen Lacher gut sind. 
Montis Charaktere sind an sich und in ihren Paarungen vermutlich nicht allzu ernst zu nehmen, denn natürlich passen Anja und ihr fremdgehender Musikus Andy auf den ersten Leserblick schon nicht zusammen. Die spionierenden Nachbarn, Jans italienisch-furienhaft eifersüchtige Freundin Marcella, Anjas mobbende Kolleginnen und Ausgleichspol=beste Freundin Tine passen perfekt ins Chick-Lit-Genre, das hier routiniert und sprachlich angemessen bedient wird. 
Während Anja zu Beginn noch amüsant schnippisch-sarkastisch daherkommt, wurde mir ihre Art besonders im Spanien-Part des Romans dann doch etwas zu viel. So wurde uns die junge Dame als Spanienliebhaberin mit ordentlichen Spanischkenntnissen präsentiert, als jemand - und das ist der gebührende ernste Handlungsstrang des Romans -, der weiß, worauf er sich einlässt und Land und Leute zu schätzen und zu respektieren weiß. Neben Anjas Liebesdilemma (leider wird da im Klappentext schon viel zu viel gespoilert) tut sich da nämlich ein großer Konflikt auf, als sie ausgerechnet in eine Hochburg deutscher Einwanderer gerät, die alle deutschen Klischees weidlich pflegen. Auch wenn sie den eigenen Landsleuten durchaus kritisch gegenübersteht, bekommt ihr eigener Ton plötzlich eine Note von Respektlosigkeit, die mir so gar nicht gefallen wollte. So amüsant ihre Vergleiche auch sein mögen, in meinen Ohren schießt die gute Anja so manches Mal zu scharf und macht einen tüchtig verbitterten Eindruck, wo sie doch eigentlich voller Optimismus losgezogen ist. Einerseits wünscht sie sich mehr Offenheit gegenüber den Spaniern, blickt aber selbst nicht weiter über den Tellerrand ihrer Mitmenschen, die sich hier, das gebe ich zu, hinter einer ziemlich unsympathisch schillernden, sonnengebräunten Fassaden verstecken. Gern hätte ich mir auch mehr spanischen Zugang zu den Spaniern gewünscht - ein "fragte ich auf Spanisch" hätte mir da schon genügt, seitenweise spanische Dialoge wären schließlich kontraproduktiv. Stattdessen bekommen die spanischen Charaktere Gelegenheit, sich mit seltsamem Deutsch abzumühen.
Nicht ganz glücklich war ich mit der im Klappentext bereits angedeuteten Dreiecksgeschichte, besonders weil wir keine Chance bekommen, den Andy kennenzulernen, in den sich Anja irgendwann mal verliebt hat, um nachvollziehen zu können, was sie miteinander verbindet. Denn so schlecht sie ihn in ihrer anfänglichen Nichtraucher-Ausräucher-Orgie mit Freundin Tina zeichnet, kann er ja fast gar nicht sein.
Dennoch ist es Sophia Monti gelungen, eine runde Geschichte zu erzählen und ihren Handlungssträngen ein würdiges Ende zu setzen und dabei gleichzeitig neue Türchen zu öffnen. Freche Metaphern treffen auf Ally-McBeal-Kopfkino und sorgen für kurzweilige Lektüre, der man schlussendlich auch die Macken verzeiht. Dass ich mir trotz Chick-Lit auch mal einen ganz unerwarteten Ausgang gewünscht hätte, kann die Autorin ja nicht ahnen.

Fazit: 
Turbulenter Roadtrip mit flotten Dialogen, schnippischen Innenansichten, Liebesdilemma und durchaus kritischem Blick auf das Auswanderungsthema. Alles in allem routinierte Chick-Lit für Fans.

Gesamteindruck:
4 von 5 Weißdornzweigen






Buchdaten:
  • Format: Kindle Edition
  • Dateigröße: 892 KB
  • Seitenzahl der Print-Ausgabe: 239 Seiten
  • Verlag: dp DIGITAL PUBLISHERS (5. Oktober 2016)
  • Verkauf durch: Amazon Media EU S.à r.l.
  • Sprache: Deutsch
  • Preis: 2,99 € (Stand: 4.11.2016)

Dienstag, 1. November 2016

... über "Ist die Liebe nicht schön?" von Carmel Harrington

Carmel Harrington

Ergreifend mit einem Hauch von Überirdischem - Zauber, der zu Weihnachten passt.

(c) www.harpercollins.de,
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Inhalt und Meinung:
"Ist die Liebe nicht schön?" ist ein harter Brocken, will man den Roman besprechen, ohne zu viel zu verraten. Kein Wunder, dass der Klappentext Ereignisse aus dem letzten Drittel des Romans anspricht, die Carmel Harringtons Roman erst die wahre Weihnachtsmagie verleihen.
Carmel Harringtons Lieblingsfilm Frank Capras Weihnachtsklassiker "Ist das Leben nicht schön?" mit einem wunderbaren James Stewart als herzensguter George Bailey, dem schließlich die Dinge aus dem Ruder gleiten und überirdische Hilfe auf den Plan rufen. Der deutsche Titel und auch der Originaltitel (Every time a bell rings) sind eine wunderbare Anspielung auf diesen Film, denn Harringtons Roman hat sich die Geschichte des Films als Vorbild genommen und bedient sich unterhaltsam an ihr, ohne es an eigener Kreativität mangeln zu lassen.
Wer "Ist das Leben nicht schön?" nicht kennt, findet sich bei der Lektüre keineswegs auf verlorenem Posten wieder, verpasst allerdings die eine oder andere Anspielung. Wer den Film kennt, aber in Geschichten, die a priori nicht in die fantastische oder paranormale Schublade gehören, nichts mit übersinnlicher Einmischung in einem ansonsten sehr realistischen Setting anfangen kann, ist mit einem anderen Weihnachtsroman vermutlich besser beraten.
"Ist die Liebe nicht schön?" führt uns ins weihnachtliche Dublin und zu Protagonistin Belle Bailey (!), die im Großteil des Romans als Ich-Erzählerin das Ruder in der Hand hält und nur sehr sporadisch anderen Figuren für einen Ich-Exkurs Platz macht. Auf verschiedenen Zeitebenen dürfen wir sie durch ihr Leben und ihre Entwicklung bis zur erwachsenen Frau begleiten. Schon früh erfahren wir, dass sie ein Pflegekind war. Von der leiblichen Mutter nicht gewollt, findet das farbige Mädchen nach missglückten Aufenthalten in Pflegefamilien mit acht Jahren ein Heim bei der unkonventionellen Pflegemutter Tess. Und Tess sorgt dafür, dass der Weihnachtswunsch der in sich gekehrten, schweigenden Belle wahr wird: Sie schenkt ihr einen Freund fürs Leben. Eine ganze Weile lässt uns Carmel Harrington daran teilhaben, wie die Kinder zusammengeschweißt werden. Feinfühlig thematisiert sie Belles Hautfarbe, ihre Ängste und Traumata, ihre Verluste und ihre große Liebe. Besonders die Passagen aus Belles Kindheit reflektieren großes Einfühlungsvermögen in die Gedanken und Gefühle des Pflegekindes. Bewusst wird in einer Sprache erzählt, die ein Hineinfühlen erlaubt und sich sogar bis zur erwachsenen Belle fortsetzt, in der ein verletztes Kind weiterlebt, ganz gleich zu welch selbstlosem Menschen voller Liebe sie - auch dank Jims Gegenwart - herangewachsen sein mag. So ist es denn auch nicht verwunderlich, dass Belle ähnlich ihrem Filmvorbild schließlich an einem dramatischen Wendepunkt angelangt, der ihr das geliebte Weihnachten vermiest. Zwischen tiefgründig und romantisch erhält die Geschichte den für Filmkenner nicht unerwarteten Konflikt mit Ausflug in eine Alternativwelt, die vermutlich zum Zünglein an der Waage wird und über Gefallen und Nichtgefallen entscheidet. 
In meinen Augen aber ist "Ist die Liebe nicht schön?" ein gut durchdachter, ausgewogen gestalteter Roman, der ohne Längen alles bietet, das weihnachtliche Lesestunden versüßt. Ohne zu lamentieren, zeigt Carmel Harrington soziale und persönliche Licht- und Schattenseiten auf, während sie gleichzeitig eine zauberhafte Liebesgeschichte entspinnt, die wieder an Seelenverwandtschaft glauben lässt. "Ist die Liebe nicht schön?" versetzt mit wohldosiertem Lokalkolorit den Leser ins Dublin der ausgehenden 1980er und der Gegenwart, lässt zu den Taschentuchvorräten greifen und bietet dennoch hin und wieder Anlass zum Schmunzeln. Kleine Holprigkeiten wie Datumsfehler überliest man bereitwillig. Und schließlich klappt man das Buch mit einem wohligen Gefühl im Herzen zu. Braucht man an Weihnachten mehr?

Gesamteindruck
5 von 5 Weißdornzweigen





Buchdaten:
  • Taschenbuch: 304 Seiten
  • Verlag: MIRA Taschenbuch; Auflage: 1 (10. Oktober 2016)
  • Sprache: Deutsch, übersetzt von Inken Kaulstorft
  • ISBN-10: 3956496000
  • ISBN-13: 978-3956496004
  • Originaltitel: Every Time a Bell Rings
  • Neupreis: 9,99 € (D)
  • Auch als E-Book erhältlich.
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