Freitag, 19. August 2016

Ausgelesen

Wirklich viel habe ich in diesem Jahr noch nicht gelesen. Obwohl ich mir einmal vorgenommen habe, wirklich jedes Buch, das ich "ausgelesen" habe, auch zu rezensieren, fehlt mir einfach die Zeit dazu.
Trotzdem will ich, wie schon Anfang des Jahres, ab und an zusammenfassen, was so den Weg auf mein Nachtschränkchen gefunden hat.


(c) Loewe, Bildlink zu amazon
Kari und Tui T. Sutherland: Magic Park - Ein Drache mit schlechtem Gewissen
Der zweite Band der Magic-Park-Reihe setzt nahtlos an, wo der erste aufhörte. 
Logan ist gerade dabei, sich daran zu gewöhnen, dass es in Xanadu eine Menagerie für Fabelwesen gibt, immerhin war er erst vor wenigen Tagen in die Suche nach Greifenbabys gerutscht, doch schon geht es spannend weiter. Pelly, die goldene Gans, ist verschwunden, ermordet, so wird angesichts von Blut und einzelnen Federn vermutet. Schnell fällt der Verdacht auf einen der Drachen, der zwar zu Recht ein schlechtes Gewissen hat, der vorlauten Pelly aber nicht zu Leibe gerückt ist. Alles spricht gegen ihn, und Zoe und Logan wollen keineswegs mit ihren Ermittlungen warten, bis die Beamten der Aufsichtsbehörde für magische Wesen, FABA, anrücken, um über den Drachen zu richten. 
Was folgt, ist wieder ein spannendes Abenteuer, das Zoes und Logans Freundschaft festigt, mehr Einblicke in das System der Menagerien bietet und für Begegnungen mit einem Quilin und außergewöhnlichen, amüsanten Werwesen sorgt. Es wird nie langweilig, die Dialoge machen Spaß, und die Hintergrundgeschichte um das Verschwinden von Logans Mutter wird nie aus dem Blick verloren und stets an passender Stelle eingeflochten. Ich bin inzwischen weit aus dem Lesealter heraus, aber Magic Park ist die erste Kinderbuchreihe, die ich bewusst und mit großer Freude nur für mich selbst kaufe.





(c) Carlsen, Bildlink zu amazon

Lauren Oliver: Panic - Wer Angst hat, ist raus 
Heather wollte eigentlich gar nicht mitmachen bei dem verbotenen Spiel, das jeden Sommer die Schulabgänger in Atem hält. Aber sie erträgt es nicht mehr, ihre Mutter Tag für Tag zugedröhnt zu sehen und mitzuerleben, wie sie selbst und ihre jüngere Schwester vor die Hunde gehen. Das Spiel sieht sie als Chance, zu entkommen. Der Gewinn, der wartet, ist hoch. Aber auch der Einsatz. Das weiß Dodge nur zu gut. Denn seine Schwester verunglückte in der Endrunde und sitzt seitdem im Rollstuhl. Und genau bis in die Endrunde will Dodge es schaffen, um sich zu rächen. Nur stellen die jungen Leute im Laufe des Spiels fest, dass sie eigentlich keine Einzelkämpfer sein wollen, sondern irgendwie im selben Boot sitzen.
"Panic" ist das erste Buch, das ich von Lauren Oliver gelesen habe. Mitgerissen hat es mich nicht, weder mit seiner Handlung noch mit frischer Sprache. Die beklemmenden Hintergründe der Charaktere machen die Geschichte zu schwer verdaulicher Kost, auch die abwechselnden Sichtweisen von Heather und Dodge sorgen da nicht für wesentliche Auflockerung. Spannung wollte bei mir trotz der gefährlichen Aufgaben, denen sich die Spielteilnehmer stellen müssen, nicht aufkommen, und im Handlungsverlauf habe ich mehr und mehr das Interesse an den Figuren und ihren neugeordneten Beziehungen verloren. Vielleicht erwischte mich das Buch auch nur auf dem falschen Fuß, aber von einer Leseempfehlung nehme ich Abstand. 






(c) Bastei Entertainment,
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Monica Davis: Plötzlich Dämon
Als wäre das Teenagerleben nicht schon turbulent genug ... Nach der Trennung seiner Eltern hat der ewige Außenseiter Daniel Taylor in Vanessa endlich ein liebes Mädchen gefunden, das ihm gut tut und sein Herz höher schlagen lässt. Doch dann steht plötzlich Marla da und behauptet nicht nur, sie sei seine Schwester, sondern auch, Daniel selbst sei ein Halbdämon und es sei ihm vorherbestimmt, die Unterwelt zu beherrschen. Mit der Erkenntnis, dass die Menschen, bei denen er aufgewachsen ist, nicht seine richtigen Eltern sind, ist auch Daniels leiblicher Vater nicht mehr weit. Mit einem Mal zerren zwei Welten an dem Jungen. Wem kann er vertrauen? Noch dazu, wo seine dämonischen Fähigkeiten so verführerisch sind. Als schließlich Vanessa zwischen die Fronten gerät, wird aus Verlockungen ein tödliches Spiel und Daniel muss sich entscheiden … 
Selten hat mir ein Jugendbuch so viel Lesespaß geboten. Monica Davis (das Jugendbuch-Pseudonym einer deutschen Autorin mit dem bürgerlichen Namen Monika Dennerlein) versteht es ausgezeichnet, glaubwürdige Figuren und fantasievolle, atmosphärische Settings zu gestalten. Das Kopfkino, das sie zu erzeugen weiß, ist abwechslungsreich und kurzweilig. Schlüssige Handlungen, überzeugende Dialoge und Figuren, die nicht nach Schema F gepinselt sind und mitfiebern lassen - so macht Lesen Spaß.
(Das Buch habe ich schon vor längerer Zeit gelesen. Das Taschenbuch ist nicht mehr erhältlich, dafür stehen E-Book und Hörbuch zur Verfügung.)
 
 

Donnerstag, 18. August 2016

... über "Andere Umstände" von Grit Poppe

Grit Poppe

Ein DDR-/Wenderoman, der eigentlich keiner ist und zwischen Krimi und Persiflage tanzt und mit einem sagenhaft unschuldigen Muttertier von Protagonistin aufwartet, dem man lieber nicht in die Quere kommen möchte.


(c) Grit Poppe, Bildlink zu amazon

Zum Inhalt:
Als Mila Rosin 13 Jahre alt ist, ist die DDR noch brandaktuell. Doch Fahnenappell und Co. sind für sie kein großes Thema, denn sie himmelt lieber ihren Englischlehrer Herrn Kraus an. Nach Schulschluss hüpft sie ihm nach, ritzt Herzchen mit Initialen in Bäume und träumt von romantischer Liebe und Mutterschaft. Nur himmelt der gute Herr Kraus keineswegs zurück, sondern drückt ihr, um sie loszuwerden, ein hübsches Scheinchen in die Hand. Und bald weinen Ehefrau und Schüler gleichermaßen auf der Beerdigung des guten Herrn Kraus. Das Messer, das Mila von ihrem Schürzenjäger-Vater geschenkt bekommen hat, hat sich als zweckdienlich erwiesen. Auf die Schliche kommt ihr aber niemand, selbst die Stasi nicht. Und so bestaunt sie Jahre und Leichen später, das lang ersehnte Kindlein im Tragetuch vor den Bauch gebunden, die Sehenswürdigkeiten San Franciscos.

Meine Meinung:
"Andere Umstände" ist Grit Poppes Debütroman. In der Zwischenzeit nicht nur bekannt für ihre Jugendromane, die ihrem jungen Publikum die DDR-Thematik authentisch näher bringen, hat sich die Autorin diesen um die Jahrtausendwende erstmals als Print erschienenen Roman noch einmal vorgeknöpft, überarbeitet und erweitert und als E-Book neu veröffentlicht.
"Andere Umstände" ist keineswegs typische Wendeliteratur, die sich gezielt mit Vergangenheitsaufarbeitung der DDR befasst, ein authentisches Zeitbild zeichnet oder Umstände anprangert. Vielmehr sind die zeitlichen Umstände mit einem Augenzwinkern hinzunehmen und tragen zum Unterhaltungswert bei. Trotzdem wäre Protagonistin Mila ohne die DDR oder die Wende wohl nicht dort, wo sie am Anfang des Romans weilt: in San Francisco.

Alice im Wunderland?

"Andere Umstände" startet nicht in heimischen Gefilden: Wir begegnen Mila und ihrer Tochter Alice bei der Ankunft in San Francisco. Mit dem Baby bezieht sie ein Hotel und erkundet die Stadt. Das Kind indessen zerpflückt desinteressiert Zeitungen, saugt an Mutters Brust und bekommt von seinem Dasein als Erfüllung von Mutters großem Traum wohl wenig mit. Alles mutet nach einer Spurensuche an, als wollte die junge Frau jene Wege beschreiten, die Alices Vater Viktor, der Jack-London- und San-Francisco-Fan, nicht mehr gehen kann. Denn Viktor, der schon lange vor der Wende von der Stadt am Pazifik geträumt hat, ist verstorben, bevor er die Chance hatte, sie und seine Tochter kennenzulernen. Ein Abschluss für Mila selbst? Ein geschenktes Wunderland für das Kind? Reisen, der große Wunsch nach Freiheit? Bevor wir aber Genaueres erfahren und uns das Mitleid mit der "verwitweten" Ich-Erzählerin, die so liebevoll von ihrer Tochter zu erzählen weiß, übermannen kann, unternimmt die Autorin einen Zeitsprung zurück in jene Jahre, als Mila vom Sozialismus unbeeindruckt in der DDR aufwuchs. San Francisco, Sinnbild der Freiheit, ist lediglich der Rahmen einer unglaublichen Geschichte, die kein Krimi ist, weil Mila mehr Glück als Verstand hat und uns sowieso erzählt, warum sie eigentlich auf der Flucht ist.

Mörderin umständehalber?

In geschickt platzierten Rückblenden, die sich dem im Präsenz geschilderten Gegenwartsgeschehen allmählich nähern, lernen wir mit Mila ein unauffälliges Pflänzchen kennen. Sie fügt sich irgendwie ein, macht sich nichts aus Ost und West, und außer Kumpel Fred hat Scheidungskind Mila, in mehr oder weniger regelmäßigen Abständen von ihrem Vater nett beschenkt, auch nichts wirklich Interessantes im Leben. Das klingt doch ziemlich stinknormal, aber in Zukunftsmalereien bekommt Mila auf jeden Fall eine Eins. Vermutlich ist es sogar dem Osten geschuldet, dass sie ihrem Englischlehrer verfällt. Und der Englischlehrer muss schließlich den Grundstein legen, damit Mila im Gegenwartstrang im Land der unbegrenzten Möglichkeiten halbwegs zurecht kommt. Welche Perspektiven böte also eine Liason zum Russischlehrer? Leningrader Träume hat Mila mit ihren süßen 13 jedenfalls nicht, dafür wünscht sie sich aber direkt ein Kind in den Bauch. Und dass ihr Vaters Geschenkmesser so locker in der Tasche sitzt, hätte selbst Mila nicht erwartet. Sein Motto "Nutze die Energie deiner Wut" wird aber Programm, genauso wie der unabänderliche Plan, ein Kind in die Welt zu setzen. Und so unauffällig Mila nach außen vielleicht wirken mag, so direkt lässt Grit Poppe sie erzählen. Milas Sprache ist geprägt von unverblümten Beobachtungen, lässt sie aber keineswegs dumm oder einfach gestrickt erscheinen. Umweglos wie ihre Gedanken verläuft Milas Leben, das mit authentischer Schilderung des Zeitgeschehens gespickt ist: Schulabschluss, Ausbildung, der typische Kampf einer jungen Alleinstehenden um eine Wohnung. Nur mit dem Kind funktioniert das eben nicht so einfach, denn Mila ist keineswegs männermordend, wenn es um Sex geht. Unanständig nach Kittelschürzenmoralstandards wird sie unter Ausschluss der Öffentlichkeit. Sie hat ein Händchen für den Falschen ... und für den falschen Weg, den wieder loszuwerden. Skurrilerweise mimt sie bei der Witwe von Opfer Nr. 1 auch noch die Babysitterin. Überzeugt, dass sie dem Glück auf die Sprünge helfen muss, stolpert sie hinein in Tötungen, und auf unerklärliche Weise stolpert sie auch wieder heraus - mit Bedauern im Knopfloch, aber ohne Reue.

Unglaublich anders

Grit Poppe schürt immer wieder Mißtrauen an Milas Geschichte. Es ist geradezu grotesk, dass Mila unentdeckt bleibt. Die Stasi - die in der Literatur in aller Regel ihrem Ruf gerecht wird - schnüffelt hier, befragt da, aber Mila, die schon mit einem Besuch rechnet, bleibt vogelfrei. Ein Umstand, der sie aber selbst in San Francisco nicht zur Ruhe kommen lässt, auch wenn sie sich noch so sehr beteuert, sie bereue nichts. Die "anderen Umstände" der DDR sind so keineswegs eine Entschuldigung für ermittlerisches Versagen; die Autorin dreht hier das Genre gekonnt um und macht "Andere Umstände" - hach, der Titel ist so herrlich doppeldeutig - eben nicht zu einem Krimi. Zwischenzeitlich darf der Leser durchaus an Realität und Logik zweifeln. Vielleicht ist doch alles nur ein Traum und Mila sinniert auf einer Gefängnispritsche, wie sie in den Kaninchenbau getappt ist und ihn wieder verlassen kann? Ist San Francisco nur Teil einer Fantasiewelt? Oder Viktor? Wer weiß das schon immer so genau? Und wo ist eigentlich Fred abgeblieben? Verraten sei, dass Grit Poppe längst nicht alle Fragen klärt. 
On top hat Scheidungskind Mila noch eine gefühlte Hundertschaft an Halbgeschwistern, von denen einige einen Kurzauftritt erhalten. Insgesamt streckt sich Milas Beziehung zu ihrem Vater durch den gesamten Roman, führt meines Erachtens allerdings zu kleineren Längen und ließ mich ab und an den Faden verlieren. Zu den zahlreichen Übertreibungen in Milas Geschichte passt dieser Nebenstrang allemal, und für Witz sorgt er auch. Besonders in Szenen, die in der DDR Aufgewachsene an die Zeit kurz nach dem Mauerfall erinnern und zum Schmunzeln bringen dürften. So isst Mila beispielsweise ihrem Vater, der längst in Westberlin lebt, den gesamten Joghurtvorrat mit einmal weg oder dreht das neue Obstangebot mißtrauisch dreimal um. Unser erster Einkauf beinhaltete mindestens 20 Becher Joghurt ... und dabei gab es in der DDR durchaus Joghurt, Heidelbeere, Erdbeer, manchmal Schoko ...
Überspitzt gestaltet sich Milas Kinderwunsch. Wieso sie sich in eine klischeehafte DDR-Frauenrolle pressen will, ist unscharf, Erfüllung offenbar ihr Ziel. Übertrieben fixiert auf ein Baby, nimmt sie sogar Abstriche beim Vater in Kauf, durchlebt eine Scheinschwangerschaft, gaukelt eine vor und landet schließlich bei Viktor, der partout keine Kinder will. Und während Mila dank Viktor die Wende mit allen Emotionen aktiv erlebt, statt sie zu verschlafen, wie es ihrem Naturell entsprechen würde, beginnt der Leser um Viktor zu bangen ... 

Mit "Andere Umstände" beweist Grit Poppe, dass sich Genres auf den Kopf stellen lassen, ohne an Unterhaltungswert zu verlieren, und dass politisches Zeitgeschehen zur Nebensache werden kann, ohne an Interesse zu verlieren. Auch Jahre nach dem ersten Erscheinen und trotz der Ferne der Wende lässt sich der Roman noch immer gut lesen, ohne ein "Nicht-schon-wieder-eine-Ostgeschichte"-Gefühl aufkommen zu lassen.  Gekonnt flicht Grit Poppe literarische Anspielungen ein, spielt mit den Erwartungen des Lesers und erzählt so auf zwei Zeitebenen eine skurrile Geschichte zwischen Gestern und Heute, die als Reise durch die Gegebenheiten und Erlebnisse in gleich drei Staaten auch für Nicht-Ostalgiker absolut lesenswert ist. 

Gesamteindruck:
5 von 5 Weißdornzweigen







Buchdaten:
  • Format: Kindle Edition
  • Dateigröße: 1149 KB
  • Seitenzahl der Print-Ausgabe: 339 Seiten
  • Gleichzeitige Verwendung von Geräten: Keine Einschränkung
  • Verkauf durch: Amazon Media EU S.à r.l.
  • Sprache: Deutsch
  • Aktueller Preis: 4,99 €

Mittwoch, 17. August 2016

... über "Die Honigtöchter" von Cristina Caboni

Cristina Caboni

Ein Frauenroman, der seine Protagonistin vor liebevoll gezeichneter Mittelmeerkulisse zu einem neuen Lebensabschnitt führt und mit sanften Tönen Frauen, Zusammenhalt, Handwerk und Heimat zelebriert, stellenweise aber stark romantisiert und viel Honigsüße verströmt.


(c) blanvalet, Bildlink zu amazon

Zum Inhalt:
Als fahrende Imkerin lebt Angelica in einem Campingbus, doch ihr Herz schlägt für Sardinien. Als Kind aus ihrer sardinischen Heimat gerissen, wird sie nirgends richtig sesshaft. So betreut sie gerade die Völker eines provenzalischen Imkers, als ein höchst merkwürdiger Anruf ihrer Mutter, mit der sie ein zwiespältiges Verhältnis verbindet, sie veranlasst, zunächst nach Rom zurückzureisen. Dort entringt Angelica ihrer Mutter schließlich das große Geheimnis: Seit Jahren wähnte sie ihre Patentante Jaja schon tot, doch in Wahrheit verstarb diese erst kürzlich. Überraschung Nr. 2: Die alte Imkerin hat Angelica ihr Anwesen auf Sardinien hinterlassen. Die junge Bienenflüsterin kehrt somit zurück in das Dorf ihrer Kindheit, wo es nicht nur einige Vergangenheit aufzuarbeiten gibt, sondern auch gewaltiger Gegenwind herrscht. Denn Jajas Grund und Boden sollen einem Feriendorf weichen, und an dem Projekt ist ausgerechnet Angelicas Jugendliebe Nicola beteiligt ...

Meine Meinung:
Nach "Die Rosenfrauen" ist "Die Honigtöchter" der zweite Roman der auf Sardinien lebenden italienischen Autorin Cristina Caboni. Aus Zeitgründen konnte ich "Die Rosenfrauen" leider nicht gründlich besprechen, komme zunächst aber nicht umhin, gewisse Vergleiche zu ziehen. 

2 Leidenschaften, 2 Romane

Rosen und Bienen sind nämlich die Passion der Autorin, die, so ist ihrer Kurzbiografie zu entnehmen, selbst Rosen und Bienen züchtet. Beiden Leidenschaften hat sie jeweils einen Frauenroman gewidmet, und in beiden Romanen steht zunächst eine junge Frau mit einem ganz besonderen Talent im Vordergrund: Elena, die begabte Parfümerin in "Die Rosenfrauen", Angelica, die Bienenflüsterin in "Die Honigtöchter". Beide Frauen suchen nach ihren Wurzeln: In "Die Rosenfrauen" will Elena das perfekte Parfüm finden, das die Frauen in ihrer Familie seit Generationen beschäftigt - und unglücklich macht. Honigtochter Angelica wiederum wurde mehr von ihrer Patentante Jaja aufgezogen als von ihrer eigenen Mutter, dann aber schließlich von ihrer Mutter und deren neuem Ehemann nach Rom geholt, wo es ihr zwar gut ging, sie aber dennoch als Erwachsene wurzelnackt ohne Heimatboden von einer Imkerei zur nächsten fährt. Beide Protagonistinnen haben eine schwierige Beziehung zu ihrer Mutter und zudem noch eine beste Freundin in Frankreich hat. 
Als Imkerfrau - das ist so etwas wie Zahnarztfrau, nur präsentiere ich nicht mit Blitzezähnen Honig - (und weil mir "Die Rosenfrauen" ausgesprochen gut gefallen hat) musste ich "Die Honigtöchter" natürlich haben. Schließlich sind Imkerinnen auch in der Literatur nicht wirklich breit gesät, sodass ich neugierig war, was Caboni aus ihrer Angelica macht.  
Als ich aber zu lesen begann, beschlich mich eine ganz leise Befürchtung, dass die Autorin vielleicht bereits ein Lieblingsschema entwickelt hat - so man denn nach zwei Romanen überhaupt davon sprechen kann. Die Parallelen waren, auch wenn beide Romane völlig unterschiedlich starten, erst einmal sichtbar. 
Caboni macht aber alles richtig. Sie schreibt über Dinge, mit denen sie sich auskennt, und weiß, ihre Leidenschaften mit der richtigen Leidenschaft zu erzählen. Und sie schreibt über Frauen und, im weiten und engen Sinne, Familien. Das Ergebnis sind gefühlvolle Romane voller wunderschöner Bilder, die die Seiten riech- und schmeckbar machen. Und Appetit macht ja bereits die Umschlaggestaltung, die zwar den aktuellen Trend folgt, aber zum Naturmotto passt, auch wenn im Glas wahrscheinlich Zitronenmarmelade statt Honig ist.

Auf der Suche
 
Als Frauenromanprotagonistin ist Angelica erfrischenderweise nicht schwarzweiß gezeichnet. Jung und klug hat die studierte Zoologin zunächst einmal einen Lebensweg gefunden, der für sie funktioniert. Da tickt keine biologische Uhr, da stürzt sich niemand von einer Beziehung in die nächste ... Mit Hund und Katze und Campingbus ist Angelica noch lange kein verhuschtes Weibchen, dem zum großen Lebensglück ein Mann fehlt. Vermutlich hätte sie eine Karriere in Wissenschaft und Lehre machen können, aber sie steht der Natur und dem Freien einfach viel zu nahe. Vielleicht läuft sie auch weg, immerhin hat sie ihre Jugendliebe Nicola noch immer im Kopf, hat sich bisher aber nicht getraut, nach Sardinien zurückzukehren. Dazu braucht sie natürlich die Autorin, die ihr einen Anlass an die Hand schreiben muss. Aber bis es soweit ist, lebt Angelica ihr Leben, wie es ist, und versinkt nicht neben Katzenfutternäpfen in Trübsal. Sie übt einen Beruf aus, der ein ausgeglichenes Wesen und eine ruhige Hand in Einklang mit der Natur erfordert. Dennoch ist Angelica rastlos, und die Ursache liegt auf Sardinien, psychologisch einigermaßen verbuddelt, und will im Laufe der Geschichte ergründet werden. Soweit so lebensnah ...
Die Imkerin kann von Sardinien nicht lassen, viel zu abrupt hat sie als junges Mädchen die Insel verlassen müssen, und damit Jaja und auch Nicola. Jaja hat Angelicas Potenzial erkannt, sie an die Bienen herangeführt und ihr mehr im Leben mitgegeben als nur ein Berufsziel. So darf Angelica trotz aller romantischer Naturverbundenheit zu passender Gelegenheit durchaus Geschäftssinn beweisen. Diese Frau ist in der Lage, ihr Leben zu meistern. Sie kommt mit wenig aus und geht die Sache mit klugem Kopf an. Schließlich wird sie von Jaja vor die Entscheidung gestellt, ihr Erbe anzutreten und damit ihr Leben neu zu ordnen oder eben nicht. Und es ist ein gewaltiger Unterschied, ob Frau in einem Campingbus lebt und von ihrem Honorar gerade einmal Kraftstoffkosten und Verpflegung bestreitet oder ein ganzes Anwesen nebst Standimkerei bewirtschaften muss. Insbesondere letzter Punkt bekommt eine leichte Schieflage, da Caboni sich auf die Schönheit des fiktiven Ortes ihrer sardischen Heimat und das schützenswerte Wunder der Biene konzentriert und die von ihr erdachte Frauenkooperative zwar löblich und zweifelsohne ein Touristenschmankerl ist, aber vielleicht nicht ganz so nah an der Realität liegt. Von Mittelmeerluft und dem Finger im Bienenkorb wird der gewerbliche sardische Imker wohl kaum seine Betriebskosten bestreiten können. Aber gut ...
In Nicolas Gegenwart gerät unsere Protagonistin dann allerdings doch ein wenig aus dem Tritt, aber auch der Mann der Stunde glänzt mit einem Brett vorm Kopf, wenn es um Kommunikation mit einer Frau und Zukunftsmusik geht. Typische Missverständnisse strecken den Liebeskonflikt über die gesamte Geschichte. Glücklicherweise darf man diesen Handlungsstrang eher als sekundär einstufen. Denn auch wenn im Klappentext selbstverständlich Nicola als großes Love Interest gehandelt wird, ist "Die Honigtöchter" nicht in erster Linie ein anheimelnder Liebesroman, sondern ein Roman über Frauen und ihre Beziehungen zueinander - wie ein Bienenstock, in dem eben die Frauen das Sagen haben und die Männer im Herbst unsanft vor die Tür fegen. 

Die Biene als Vehikel
 
Der Titel "Die Honigtöchter" resümiert die Prämisse des Romans treffend: Wie einst Jaja sich des Mädchens Angelica annahm, die vaterlos dastand und von ihrer Mutter, die rund um die Uhr arbeitete, schon früh auf sich gestellt wurde, soll Angelica dieses Vermächtnis weitertragen. Ihre Aufgabe ist eine Gratwanderung zwischen Erhalten und Verändern
Die Bienen funktioniert hier faktisch und metaphorisch wunderbar. Während sie sich ihre Umwelt erschaffen, schärfen sie unseren Blick für das Wesentliche, und so wird schnell klar, dass eine Königin nichts ist, ohne ihr Volk. Wie Angelica, die wieder lernt, wie wichtig Gemeinschaften sind, die Synergien erschaffen, Kräfte verteilen und Veränderungen herbeiführen, ohne Gutem und Ursprünglichem zu schaden. 
Caboni verpackt ihre Botschaften behutsam und ohne den berühmten Zeigefinger. Ihre Geschichte ist wie das Leben eines Bienenstockes, dessen aktive Zeit sich im Herbst dem Ende zuneigt und der, mit neuer Königin und frischen Ideen, im Frühjahr gestärkt durchstarten kann. Und das erzählt Caboni wieder mit so treffsicherem Gespür und so viel Liebe zu ihrer Umgebung, das man die Düfte und den Wind Sardiniens zu spüren glaubt. Als jemand, der schon mehr als eine Bienenkiste schleppen durfte, hätte ich mir allerdings, wie oben angedeutet, eine differenziertere Betrachtung der imkerlichen Tätigkeit gewünscht. In Cabonis Geschichte wird noch traditionell gearbeitet - die Fotos auf Cabonis Facebook-Fanseite sprechen da übrigens eine ganz andere Sprache -, Angelica erbt von ihrer geliebten Jaja sogar Bienenkörbe, und doch plant die junge Frau, sich von diesem Beruf zu ernähren. Doch alles geht so einfach von Hand, nie wird ein Wort über die anstrengende Seite der Arbeit verloren; Angelica besänftigt ihre Völker neben Rauch auch mit Gesang, und Stiche gibt es auch nicht. Nun sind Imker (und deren in aller Regel weiblicher Innendienst) vielleicht nicht Lesezielgruppe Nr. 1, dennoch wünsche ich mir in der Fiktion doch auch einen Funken Authentizität. Die romantische Verklärung des Imkerns, die sich zwar dank der starken Bilder traumhaft liest, ist ein deutliches Manko von Cristina Cabonis Roman. 

Terminologisch unsauber

Die Imkereithematik bringt ein weiteres Manko mit sich. Da die Autorin selbst Bienen züchtet, gehe ich davon aus, dass sie in ihrer Muttersprache Italienisch alle Abläufe korrekt beschreibt und das Imkergerät korrekt benennt. 
Die deutsche Imkerterminologie ist speziell, zum Teil recht archaisch, aber doch verständlich; medizinische Fachsprache ist viel schlimmer. 
Leider trifft die deutsche Übersetzung den imkerlichen Ton oft nicht. Nun mag ich an dieser Stelle päpstlicher als der Papst sein, weil mich die Sprache der Imker tagtäglich umgibt, was nun wahrlich nicht auf jeden Frauenromanverschlinger zutrifft, und ich habe entsprechend lang mit mir gerungen, ob ich dieses Manko in meine Bewertung einfließen lassen soll oder nicht. Ähnlich empfindlich reagiere ich, wenn in Romanen Übersetzerinnen in romantischen, alten Herrenhäusern in herrlichen Arbeitszimmern traumhafte Romane in ihre Muttersprache übertragen, die Kinderlein an Privatschulen unterrichtet werden, und, und, und. Ich bin dann versucht, den Autoren die aktuellen Honorarspiegel der Branche zu übermitteln ... 
Wenn nun aber der Krimileser erwarten darf, dass bei der Autopsie der erste Schnitt nicht am kleinen Zeh angesetzt wird, wünsche ich mir doch auch saubere Recherche- und Lektoratsarbeit, wenn es "nur" um Stechgetier geht. Angefangen beim Terminus "Wanderimkerin", was Angelica nicht ist, weil sie zu Beginn nicht einmal eigene Völker bewirtschaftet und somit auch nicht mitsamt ihren Bienenstöcken einer Tracht hinterherfährt, über ihr Werkzeug, den "Stockmeißel", der im Roman zum Haken wird, bis hin zur "Nisthöhle", womit wohl das Brutnest gemeint war, läuft es terminologisch nicht immer rund. Caboni beschreibt in ihrem Roman verschiedene Arbeitsschritte, die illustrieren, dass sie ihrer Protagonistin nicht einfach mal so die Bezeichnung Imkerin gegeben hat, sondern dass sie eben wirklich Imkerin ist. Angelicas Expertenstatus wankt in meinen Augen allerdings erheblich aufgrund der unsauberen Übertragung der betreffenden Passagen. Dass dieses Manko in meiner Bewertung am Ende nur einen Punkt Abzug bringt, ist lediglich der Tatsache geschuldet, dass dem Gros der Leserschaft die Imkerei in ihren Details unwichtig sein dürfte. 

Cristina Caboni punktet wie auch schon in "Die Rosenfrauen" mit einem lebendigen personalen Erzählstil, der die Protagonisten mit geschärften Sinnen durchs Leben gehen lässt und die Schauplätze so nahbar macht, dass der Duft von eingetragenem Nektar und sommerwarmen Waben noch in der Luft liegt, wenn man das Buch längst geschlossen hat. Sie erzählt Geschichten, die die Sinne anregen und in ihnen nachhallen, und genau das macht sie lesenswert. 
Als besonderes i-Tüpfelchen empfinde ich Cristina Cabonis Kapitelanfänge. Sehr treffend beschreibt sie dort verschiedene Honigsorten, die gewiss auf Sardinien geerntet werden können: von Farbe über Duft und Kristallisationsverhalten bis hin zu besonderen Assoziationen gibt sie der süßen Ware Gestalt und macht Lust auf mehr.

Auf Cristina Cabonis nächsten Roman bin ich jedenfalls jetzt schon gespannt.

Gesamteindruck: 
4 von 5 Weißdornzweigen
 
   




Buchdaten:
  • Taschenbuch: 416 Seiten
  • Verlag: Blanvalet Taschenbuch Verlag (20. Juni 2016)
  • Sprache: Deutsch, übersetzt von Ingrid Ickler
  • ISBN-10: 3734102774
  • ISBN-13: 978-3734102776
  • Originaltitel: La custode del miele e delle api
  • Neupreis: 9,99 € (D)
  • Auch als E-Book erhältlich.

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