Donnerstag, 7. April 2016

... über "Unser Haus am Meer" von Nele Jacobsen

Nele Jacobsen
Unser Haus am See

Ostsee, Familie, Geheimnisse = Glück
  
(c) atb, Bildlink zu amazon

Zum Inhalt:
Den Aufstieg bei ihrem Magazin hat sich Josefine anders vorgestellt. Als Politjournalistin wollte sie durchstarten, doch stattdessen bekommt sie die Besprechung eines Glücksratgebers aufs Auge gedrückt … immerhin mit der Aussicht auf Washington. Dem Verfasser des neuen Bestsellers, der dem Glück nach dem Kapitänsprinzip auf die Spur geht, soll sie gleich mit auf den Zahn fühlen. Dass der Usedomer Autor weder Harm Harmsen heißt noch Kapitän ist, ahnt die ehrgeizige Münchnerin nicht. Während Josefine also zur Vor-Ort-Recherche nach Usedom aufbricht, überlegen sich Autor Markus und sein Bruder Ben einen Plan, um die Reporterin schnellstens wieder loszuwerden. Schließlich gilt es, mehr als ein Geheimnis zu schützen. Dumm nur, dass Usedom und seine Bewohner Josefine viel zu sehr bezirzen ...

Meine Meinung:
Mit „Unser Haus am Meer“ legt Nele Jacobsen ihr Debüt vor. Gegensätzliche Figuren und ein altes ungelüftetes Familiengeheimnis sollen vor reizvoller Ostseekulisse für Unterhaltung sorgen. Und unterhaltsam ist „Unser Haus am Meer“ allemal, auch wenn sich im Handlungsverlauf Stolpersteine anhäufen, die dem kritischen Leser auf- und missfallen dürften.
Mit ihrer Protagonistin Josefine hat Nele Jacobsen einen - zumindest in meinen Augen - eher unbequemen Charakter geschaffen, der nicht auf den ersten Blick zu gefallen weiß. So kommt die junge Journalistin, die mit ihrem unkonventionellen Beruf eher das schwarze Schaf in ihrer erfolgs- und standesorientierten Familie ist, zunächst ziemlich karrieregeil und rücksichtslos daher. Trotzdem ist sie professionell und will ihre Aufgaben korrekt erfüllen, ganz gleich, wie sehr sie ihr zuwider sein mögen. Eben diese Zielstrebigkeit und Genauigkeit kollidieren mit den beiden männlichen Konterparts von der Ostseeinsel Usedom. Belletristikautor Markus hat unter Pseudonym einen Glücksratgeber geschrieben. Aus Finanzsorgen, denn den beiden Brüdern, die mit ihrer Oma Charlotte unter einem Dach leben, steht das Wasser bis zum Hals. Als sich nun die Münchner Reporterin angekündigt, kriegt der Fischkopf Muffensausen, denn er hat Sorge, sich als Autor unmöglich zu machen, wenn die ganze Wahrheit herauskommt. (Ein Argument, das mir arg an den Haaren herbeigezogen vorkommt.) Also schickt er seinen jüngeren Bruder Ben - der genauso wenig Kapitän oder gar Autor ist -, ins Feld, um Josefine schnell abzufertigen.
Herrlich amüsant lesen sich diese ersten Begegnungen von Pseudokapitän Ben und Interviewprofi Josefine, die nach und nach alle im Ratgeber beschriebenen Bojen auf der Fahrt ins Glück mit ihm abarbeiten will. Dabei hat Josefine wunderbar Gelegenheit, zu zeigen, was sie kann, ohne in jemandes Schatten zu stehen. Gleichzeitig aber schleift die Ostsee sie weich, macht sie nahbarer und menschlicher. Nicht ganz unschuldig daran ist auch die charmante Kapitänsoma Charlotte. Während Josefine sich mit vollem Einsatz ihrem Job widmet und sich auf Usedom zunehmend wohler fühlt, bekommt der Leser einen authentischen Eindruck der Ostseeinsel und darf buchstäblich Urlaubsluft schnuppern. Und es bleibt schön spannend, denn dass es im Norden ein paar Geheimnisse gibt, die sowohl gehütet als auch entschlüsselt werden wollen, ist von Anfang an kein Geheimnis (und somit auch kein Spoiler). Neben Josefine lernt der Leser vor allem Ben besser kennen, während der echte Autor - Markus - vergleichsweise unsichtbar bleibt (was er ja auch will). Leider bekommt er im weiteren Verlauf nicht mehr Farbe.
Schließlich überstürzen sich die Ereignisse. Figuren fallen aus ihrer Rolle und handeln nicht nur unerwartet, was an sich unproblematisch ist, sondern auch unpassend. Die Geschehnisse nehmen geradezu hollywoodhafte Züge an. Eher belanglose Nebenhandlungen stolpern ins Haus und überfrachten den Endspurt, dessen Schlussbild an so manche finale Serienfolge erinnern mag.
Pluspunkte bringt vor allem das gute Gespür der Autorin für das Innenleben ihrer Figuren. In, wie heutzutage offenbar sehr beliebt, abwechselnd den einzelnen Protagonisten gewidmeten kurzen Kapiteln erhält der Leser Gelegenheit, mitten ins Geschehen einzutauchen, mit Josefine stutzig zu werden und mit Ben beim Joggen zu schwitzen. Der Autorin gelingt es, beim Lesen ein Lächeln ins Gesicht zu zaubern und Tränchen zu rühren. Für Unterhaltung ist also gesorgt. Für Reiselust sowieso.
Darüber hinaus bietet der Roman eine wertvolle Botschaft, die er ganz und gar nicht mit dem Holzhammer durchsetzt. Dieser Grundgedanke, die lebendig gestalteten Kulissen und Nele Jacobsens natürliche Sprache machen die Kritikpunkte durchaus wieder wett. Die dürften ohnehin dem analytischen Leser schwerer im Magen liegen als jenen, die sich auf eine lockere Lektüre freuen, die Lust auf Meer macht.

Fazit:
Empfehlenswert für Leser, die gern das Glück in Geschichten finden, Freude an einer ordentlichen Portion Familie und Verliebtheit haben und sich nicht an gelegentlichen Übertreibungen stören. 

Gesamteindruck: 
4 von 5 Weißdornzweigen





Buchdaten:
  • Taschenbuch: 320 Seiten
  • Verlag: Aufbau Taschenbuch; Auflage: 1 (12. Februar 2016)
  • Sprache: Deutsch
  • ISBN-10: 3746631645
  • ISBN-13: 978-3746631646
  • Neupreis: 9,99 € (D)
  • Auch als E-Book erhältlich.
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