Dienstag, 18. Oktober 2016

... über "Spiel der Hoffnung" von Heidi Rehn

Heidi Rehn

Stimmungsvolles Zeitbild der ausklingenden Goldenen Zwanziger, in denen längst nicht mehr alles glänzt


(c) Droemer Knaur, Bildlink zu amazon

Zum Inhalt:
Ende 1926 führt eine Adresse aus dem Nachlass ihrer Mutter die junge Ella Wittkamp zu dem Münchner Professor Constantin Lutz. Der stellt sie prompt dem Industriellensohn Jobst Kirchenreuth als seine Nichte vor. Ein halbes Jahr später ist auch Professor Lutz tot und Ella mit Jobst verheiratet. Lutz' Hinterlassenschaft an Ella besteht in einer ominösen Mappe mit Unterlagen, die ihre Zukunft bei den Kirchenreuths sichern soll. Doch zunächst genießen die frischgebackenen Eheleute ausschweifende Flitterwochen an den angesagtesten Locations Europas. Es wird gespielt, gekokst und ordentlich Geld zum Fenster herausgeworfen. Zurück in München folgt die Ernüchterung: Hatte Jobst bereits während des Honigmonds ab und an durch Abwesenheit geglänzt, sitzt Ella, die vor ihrem Umzug nach München berufstätig war, bald in der Familienvilla der Kirchenreuths oft nutzlos herum und darf den weiblichen Repräsentationszweck erfüllen. Während es für Schwiegermutter Isolde kaum ein wichtigeres Thema als den hoffentlich bald eintreffenden Nachwuchs gibt, ist Ella ihrer Schwägerin Viktoria ein Dorn im Auge. Sie hat es sich in den Kopf gesetzt, Ella als Hochstaplerin zu entlarven ...

Meine Meinung:
"Spiel der Hoffnung" ist der erste Roman, den ich von Autorin Heidi Rehn lesen durfte, und ich kann jetzt schon sagen, dass er trotz kleiner Abstriche bestimmt nicht der letzte war.
Heidi Rehns historischer Roman, der knapp drei Jahre im Leben seiner Protagonisten abdeckt, entführt den Leser in die vermeintlich schillernde Welt des Jetsets der 1920er Jahre und flicht gekonnt historische Fakten ein, um interessante Einblicke in diese Zeit des erneuten Umbruchs zu bieten.
Zum stimmungsvollen Gesamtbild tragen vor allem Rehns Figuren bei, die mehrschichtig gezeichnet sind und sich nicht in ein Schema pressen lassen
Allen voran steht Ella, die im Grunde ihrer Vergangenheit beraubt ist und sich im Laufe der Geschichte nach und nach kennenlernt, und dieses Kennenlernen ist wahrlich kein Zuckerschlecken. Entgegen Jobsts Auffassung, dass die Vergangenheit vergangen ist und nur das Jetzt zählt, ist es ihr wichtig, mehr über ihre Herkunft zu erfahren. Der Große Krieg liegt noch nicht lang zurück, und während Jobst die Zeit an der Front hinter sich lassen will, sind es gerade diese Jahre, die Ella entwurzelt haben. Dass sie sich in Rehns Geschichte dennoch vergleichsweise lang dem süßen Leben hingibt, bevor sie endlich der ominösen Mappe des Professors auf den Grund geht, lässt sich wohl mit ihrer Jugend entschuldigen. Da darf im ersten Teil durchaus gefeiert und geshoppt werden. Kleider und Handtaschen, Variétés und Casino sind an der Tagesordnung und werden lebendig und sehr bildhaft geschildert. 
Nach dieser cleveren, unterhaltsamen Ablenkung besticht die zweite Romanhälfte schließlich mit ordentlich Spannung und Dynamik. Nicht zuletzt sind die Hintergründe um die Mappe des Professors höchst interessant und glaubwürdig erzählt.
Wenngleich Ella, die es aufgrund ihrer einfachen Herkunft gewöhnt ist, für sich zu sorgen, unumstritten im Mittelpunkt steht, sind die übrigen Figuren längst keine Randstatisten. Während Ella sich nicht in die Ehefrau-und-Mutter-Rolle pressen lassen will und der schwiegerelterliche Erwartungsdruck schwer auf ihr lastet, hat Gegenspielerin Viktoria diese Pflicht schon mal erfüllt. Als Mutter von Zwillingen tritt sie in der Villa der Kirchenreuths und in der Öffentlichkeit gebührlich auf.
Hinter der Fassade bröckelt es aber gewaltig, wie Heidi Rehns personal erzählter Schwenk auf Viktoria zeigt. Sie versteht es ausgezeichnet, die ältere Schwägerin zugleich als durchtrieben, verzweifelt, mütterlich und sogar bemitleidenswert darzustellen.
Im Vergleich dazu bleibt Ellas Gatte Jobst in meinen Augen etwas blass. Bereits auf der Hochzeitsreise zeigt er sich mit großen Pupillen und schwankt zwischen zärtlicher Zuneigung zu Ella, wilder Begierde und stoischer Verschlossenheit. Angesichts der flotten Heirat sind Konflikte vorprogrammiert. Die jungen Eheleute kennen sich nicht wirklich. Es ist Ellas verständigem, einfühlsamen und nicht zuletzt geduldigem Charakter zu verdanken, dass der eheliche Handlungsstrang nicht mit der Rückkehr nach München beendet ist. Mit den kurzlebigen Jetset-Affären hat das Paar nichts gemein: erfreulicherweise verbinden es nämlich echte Gefühle, die - wie auch Jobst technisches Interesse und sein Geschäftssinn - im Laufe der Geschichte immer mehr Kontur annehmen dürfen. Ellas und Jobst Liebesgeschichte mit ihren Höhen und Tiefen ist angenehm zu lesen und bietet einen ausgewogenen, wohltuenden Gegenpol zu der von Ressentiments, Erpressung und Gewalt geprägten Ehe von Viktoria und Jobst Bruder Falk.
Die Darstellung der Familien- und Beziehungsgefüge gelingt Heidi Rehn besonders gut, da sie sich nicht auf soziale Zeitklischees beschränkt, sondern gekonnt die unterschiedlichen politischen Anschauungen und Lebensvorstellungen der Beteiligten aufzeigt. Diese bergen nicht nur Konfliktpotenzial, sondern auch Raum für eine Fortsetzung der Kirchenreuth-Familiensaga. Neben den Veränderungen, die durch Ellas Heirat mit Jobst in der Familie entstehen, erfährt auch der zeitliche Hintergrund ihrer Geschichte Veränderungen. 
So projiziert die Autorin ein kontrastreiches Bild der sehr verschiedenen Städte München und Berlin: Während Ellas Heimat Berlin lebendig leuchtet, weltoffen ist und dem aufstrebenden Nationalsozialismus noch die Stirn bietet, ist das München der Kirchenreuths buchstäblich dunkel (Leuchtreklame ist verboten) und konservativ. Im Hintergrund aber findet Hitler mehr und mehr Anhänger. Auch hier besteht durchaus Raum für eine Weitererzählung des Handlungsstrangs rund um die Maschinenbaufirma der Kirchenreuths. 
Rehns Nebencharaktere sind interessant, haben stringente Handlungsstränge und verschwinden nicht sang- und klanglos. Sie schreibt ihnen passende Dialoge in passender Sprache auf den Leib und macht sie damit glaubwürdig. Reale politische Persönlichkeiten erhalten ebenfalls dann und wann einen kleinen Statistenauftritt, womit das Zeitbild angenehm abgerundet wird.
Etwas schwer getan habe ich mich allerdings mit Heidi Rehns Nominalstil, den ich als geradezu bürokratisch steif empfinde. So versucht sich Ella beispielsweise "im Herausfinden der Wahrheit", Viktoria steigt "nach dem Aussteigen" (aus der Tram) unangenehmer Geruch in die Nase oder Ella unterhält sich mit Rike "während des Durchgeknetetwerdens" ... Im Gegensatz dazu nimmt das "Patsch!", mit dem jede Ohrfeige angekündigt wird (und es gibt so einige Ohrfeigen in diesem Roman), schon fast comichafte Züge an. Auch ein paar Wiederholungen  - so wird beispielsweise ständig Viktorias Haarfarbe erwähnt - führen dazu, dass ich einen Punkt vom Gesamteindruck abziehe. 
Dennoch ist "Spiel der Hoffnung" ein rundum befriedigender historischer Roman zwischen Familiensaga und europäischer Geschichte Ende der Goldenen Zwanziger und macht Lust auf mehr Lektüre über diese Epoche. 

Fazit: 
Ausgewogener historischer Roman, der mit schillernden Szenerien mitzureißen weiß, aber auch mit Schattenseiten und lauten wie auch leisen Töne überzeugt und nuancierte Figuren bietet. Empfehlenswert für Leser, die sich für die Zeit der Weimarer Republik interessieren und gleichzeitig eine glaubwürdige Familien- und Liebesgeschichte genießen möchten. 

Gesamteindruck: 
4 von 5 Weißdornzweigen






Buchdaten:
  • Taschenbuch: 512 Seiten
  • Verlag: Knaur TB (1. September 2016)
  • Sprache: Deutsch
  • ISBN-10: 342651592X
  • ISBN-13: 978-3426515921
  • Neupreis: 10,99 € (D)
  • Auch als E-Book erhältlich.

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