Sonntag, 16. Oktober 2016

... über "Honigmilchtage" von Julia Rogasch

Julia Rogasch


Leichter Lesestoff für Tage, an denen heiße Milch mit Honig und Lesen gut tun


(c) Forever by Ullstein.
Bildlink zu amazon.

Zum Inhalt:
Mit ihrem Leben könnte Carla eigentlich zufrieden sein: Mit Ende 20 ist sie schon eine Weile in harmonischer Ehe mit ihrer großen Liebe Julius verheiratet, sie arbeitet im Außendienst eines Pharmaunternehmens und hat in ihrer jüngeren Schwester die beste Freundin, die man sich denken kann. Und doch läuft es nicht richtig rund. Der Job erfüllt sie nicht; viel zu erfolgsheischend und befremdlich erscheinen ihr ihre Kollegen, lediglich die zehn Jahre ältere Nele hat sich zur Freundin entwickelt, und als Carla den Mund auf macht, um ihre Unzufriedenheit mit dem "System" in der Firma kundzutun, muss sie um ihre Stelle fürchten. Auch Julius ist als Juniorpartner in seiner Kanzlei mächtig eingespannt und immer auf Achse, und so manches Mal fragt sich Carla, wie Familiengründung in diese Konstellation, in der jeder viel zu wenig Zeit für den anderen hat, passen soll. Als Nele ihr an einem jener Tage, die nach viel heißer Milch mit Honig verlangen, einen Glücksratgeber schenkt, beginnt Carla, ihr Leben zu hinterfragen, und beginnt eine E-Mail-Korrespondenz mit der Autorin. Als sich eine einschneidende berufliche Veränderung androht, ist Carla schließlich bereit, alles hinzuschmeißen. Doch genau an diesem Tag erleidet Julius einen schweren Zusammenbruch ...

Meine Meinung:
In Schaltjahren wie diesem gibt es genügend Tage, an denen nur noch eine mollige Erinnerung an Kindheitstage, als man noch umsorgt wurde, hilft. Frauenromane wie Julia Rogaschs "Honigmilchtage" sind da grundsätzlich eine gute Wahl. 
Zu meinem Bedauern zählt "Honigmilchtage" zu jenen Romanen, die mir sprachlich und stilistisch stark die Lesefreude getrübt haben, was sich deutlich in der Punktwertung niederschlägt. Und dabei ist die Idee gar nicht mal so schlecht und der Roman durchaus unterhaltsam.
Julia Rogasch zeichnet ihre Protagonistin Carla als eine Person, mit der sich die Leserin um die Dreißig, aber auch um die Vierzig oder eben an jedem anderen Wendepunkt im Leben wunderbar identifizieren kann. Sie ist keiner jener jammervollen Charaktere, die sich von Satz zu Satz selbst bedauern, sondern ist sich der Defizite in ihrem Leben durchaus bewusst. Sie ist gewissermaßen gefestigt und erfreut sich eines gesunden Umkreises. Es ist schon mal erfrischend, einen Charakter zu lesen, der nicht tonnenweise Familien- und Vergangenheitsgepäck mit sich herumschleppt. Auch ohne Trauma ist Carla einfach an einem Punkt, an dem eine Veränderung angezeigt ist. Wie im echten Leben braucht auch sie nur den passenden Anstoß ... oder mehrere. 
Als Ich-Erzählerin reflektiert sie im Präteritum recht scharfsinnig über ihr Leben; es steht außer Frage, dass wir es mit einer klugen Person zu tun haben, die mehr aus ihrem Leben machen will, und einer Frau, die bereit ist, Karriere und Familie unter einen Hut zu bringen. Trotzdem wirkt der Roman, der sich fast schon anspruchsvoll "Glücksroman" nennt, vergleichsweise oberflächlich. Auf unzähligen Treffen, die zwar Carlas gefestigtes soziales Umfeld verdeutlichen, wird immer wieder viel gegessen, getrunken und gefeiert, aber die Augenblicke, in denen es so menschelt, dass es ans Leserherz geht, waren mir für einen Glücksroman zu wenig. Überdies passen Carlas Handlungen gelegentlich nicht zu dem Bild, das sie von sich selbst zeichnet. So kann sie sich einerseits mit ihren erfolgsverliebten Kollegen nicht anfreunden, will das Klassentreffen nicht besuchen, weil sie mit den Schulkameraden von damals "nicht kann", vertraut sich dann aber in einem schwachen Moment einem Wildfremden auf einer Parkbank an und schließt auf Sylt erstaunlich schnell neue Freundschaften. Gleichzeitig reagiert sie wie eine beschützende Löwin, wenn ihrer Familie weh getan wird, wobei sie aber die Angelegenheit nicht genau hinterfragt, sondern erst einmal ohne Vertrauensvorschuss überemotional reagiert und dann oft der Zufall die Dinge richten darf. Hier wie auch für das gesamte Setting hätte ich mir feinere Abstufungen gewünscht. Auch die Charaktere haben vorwiegend den Stempel "lieb" - die klischeehafte Ex einmal ausgenommen -, und so hätte hinter Carla und ihrer Schwester Marie, die fast immer ein echter Fels in der Brandung ist, zwischendurch aber auch mal aus der Rolle fallen darf, vor allem Julius, dem das Schicksal einigermaßen übel mitspielt, mehr Tiefe gut getan.
Der Stil der Autorin ist geprägt von Füllseln (direkt, dann auch gleich mal, unmittelbar, ja ...) und einem Mix von Substantivierung, Relativsätzen, deren Bezug zu weit entfernt steht, und umgangssprachlichem Erzählen. Letzteres funktioniert zwar in Dialogen, die trotz einiger überzogener Einschübe englischer Aussprüche authentisch überkommen, und gibt dem Roman eher den Stil einer schnell dahin geschriebenen Mail an eine Freundin; er passt aber irgendwie nicht zu Carlas eher träumerischem Charakter, die sich bei Gelegenheit gern in eine Decke kuschelt, eine Honigmilch genießt oder am Strand spaziert. Anflüge sinnlichen Erzählens verblassen noch zu stark, und ab und an wirkt die Timeline kürzer, als sie eigentlich ist, was insbesondere den Handlungssträngen um die Nebenfiguren etwas an Glaubwürdigkeit nimmt.
Spaß machen, trotz der Vorhersehbarkeit der Geschichte, die gefestigten Freundschaften der Figuren und Carlas Wandlung von der herumgeschubsten Außendienstlerin zu einer angehenden Geschäftsfrau, die sich eben genau auf diese Freundschaften verlassen kann, wendig und optimistisch ist und schlussendlich versteht, was persönliches Glück für sie bedeutet. Typische Verwicklungen und Mißverständnisse pflastern den Weg, sorgen aber dank der schlüssigen Umsetzung der Hintergrundidee für angenehm kurzweilige Lektüre. 

Fazit: 
Frauenroman, der mit einer durchaus realistischen Glücks-Schmiede-Idee und einer Hauptfigur mit ordentlichem Identifikationspotenzial punktet, aber an Vorhersehbarkeit und noch unausgereiftem Stil krankt. Wer an trüben Tagen Kurzweil und eine kleine Portion Glück sucht, ist mit diesem E-Book dennoch nicht falsch beraten.

Gesamteindruck: 
3 von 5 Weißdornzweigen






Buchdaten:
  • Format: Kindle Edition
  • Dateigröße: 2223 KB
  • Seitenzahl der Print-Ausgabe: 391 Seiten
  • Verlag: Forever (12. August 2016)
  • Verkauf durch: Amazon Media EU S.à r.l.
  • Sprache: Deutsch
  • ASIN: B01J7L204Q
  • Aktueller Preis: 3,99 €

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