Dienstag, 11. Oktober 2016

... über "Ein Tal in Licht und Schatten" von Marie Buchinger

Marie Buchinger

Liebevoll und detailreich gemaltes Historien- und Landschaftsgemälde


(c) Droemer-Knaur, Bildlink zu amazon

Zum Inhalt:

Als jüngstes Kind und einzige Tochter der Kastlungers wächst Elisabetha (Elisa) Anfang des 20. Jahrhunderts im Gadertal relativ abgeschottet von den Entwicklungen der Welt auf. Zusammenhalt in Familie und Nachbarschaft, arbeitsintensive Viehhaltung und Frömmigkeit prägen ihren Alltag. Als der Sohn des alten Costa, ihres Nachbarn, mit seiner italienischen Ehefrau und seinen drei Kindern zu Besuch kommt, erhascht Elisa erstmals einen Blick auf die Welt jenseits der Berge. Während sich Chiara, kaum älter als Elisa, damenhaft reserviert gibt, begegnet ihr deren älterer Bruder Vito schon offener; er spricht mutig Ladinisch und interessiert sich nicht nur für die italienische Heimat seiner Mutter, sondern auch für die Welt, in die sein Vater geboren wurde. Ihre Freundschaft festigt sich, als die Italiener nach Costas Tod dauerhaft ins Gadertal übersiedeln. Sosehr sich Vito auch an das Leben in den Bergen anpasst, ist er doch im Herzen ein Forscher und Entdecker und würde gern später Ingenieur. Doch dann wird ihm ein ordentlicher Strich durch die Rechnung gemacht: Durch einen Unglücksfall hat er, kaum erwachsen, für Hof und Familie zu sorgen, und in Europa beginnt ein Krieg. Gleich drei von Elisas Brüdern werden eingezogen, und als Italien in den Krieg eintritt, hält der Konflikt auch im Gadertal Einzug. Vito muss sich entscheiden: Bleibt er als Familienoberhaupt und Landwirt auf seinem Hof oder zieht er in den Krieg? Doch ist er Österreicher oder Italiener? Und Elisa ist kein unscheinbares kleines Mädchen mehr, sondern eine anziehende Heranwachsende, und Vito muss sich eingestehen, dass er längst mehr für sie empfindet als nur Freundschaft ... 

Meine Meinung: 
"Ein Tal in Licht und Schatten" ist der erste historische Roman von Diana Menschig, die hier unter dem Pseudonym Marie Buchinger schreibt und sich gleich eines sehr umfangreichen Themas angenommen hat. 
Mit viel Liebe für Land und Leute lädt sie uns zu einer Zeitreise ein ins Val Badia, das in ihrer Geschichte eine Zeit voller Veränderungen, eben Licht- und Schattenseiten, erfährt. Der Roman ist eine gelungene Mischung als Familiensaga, Heimat- und Historienroman. 
Vor der Kulisse der Dolomiten erzählt Marie Buchinger im Grunde die Geschichte zweier Familie, die durch den ersten großen Weltkonflikt des 20. Jh.s zusammengeschweißt werden. 
Sehr auf Authentizität bedacht, flicht die Autorin dabei nicht nur die ladinische Sprache ein, sondern zeigt auch die Hierarchien innerhalb der Familie auf. So ist Elisas Vater Josef unangefochtener Herr im Haus (und muss wie auch die Mutter gesiezt werden). Geradezu erwartungsgemäß zeigt er die Zuneigung zu seinen Kindern zunächst nur selten; erst im Laufe der Geschichte, darf auch er weicher werden. Selbst Nesthäkchen Elisa ist nicht vor einer Ohrfeige gefeit, Sohn Anton wird gar des Hofes verwiesen, als Lebensvorstellungen kollidieren, und auch Mischi, der Elisa vermutlich am nächsten steht, muss hart um die Gunst seines Pere arbeiten. Dennoch hält ein starkes Familiengefüge die Kastlungers zusammen, womit Elisa bereits früh einen gefestigten Charakter zeigt und schwierige Situationen mit unvorstellbarer Größe zu meistern weiß. Trotz ihres räumlich beschränkten Horizonts ist sie ein heller Kopf, wodurch sie unweigerlich zu Vito hingezogen wird.
Vitos Familie repräsentiert wiederum jene, die sich plötzlich in einer Art Niemandsland wiederfinden. Obwohl Vitos Vater Jakob ins Gadertal gehört, sind die Costas Fremde, Jakob Costa in seiner italienischen Schwiegerfamilie ebenso wie seine Frau Lucia und die drei Kinder Vito, Chiara und Giovanni später im Gadertal. Vergeblich versucht Jakob Costa, vor seinem Schwiegervater zu bestehen, und Vito, den man in den Bergen zum Veith machen will, vermisst die Weltoffenheit seiner italienischen Heimat. Heimisch werden sie dank der Hilfe der Kastlunger-Frauen, die unaufdringlich zur Seite zu stehen wissen. Und so bringen sich auch die Costas in das Gadertaler Leben ein und bereichern es.
Ebenso unaufdringlich lässt uns die Autorin am Leben in den Bergen teilhaben, indem sie über einen langen Zeitraum ihre Geschichte behutsam entspinnt. Obwohl die Vorkriegsjahre vergleichsweise ereignisarm verlaufen, tauchen wir mühelos in Elisas Leben ein und erleben mit Interesse, wie sie zu der Frau heranwächst, die wir am Ende des Romans in ein neues Leben nach dem Krieg verabschieden. 
Wir erleben ihr Licht und ihren Schatten, denn die Kriegsjahre, die personal erzählt im Wechsel durch Vitos und Elisas Augen verdeutlicht werden, fordern ihren Tribut. Während Vito erkennen muss, dass ein Teil der Ingenieurkunst, die er so bewunderte, Menschenleben um Menschenleben vernichtet, erlebt Elisa, wie ihr eigener Mikrokosmos immer kleiner wird. Nicht alle der Personen, die die Autorin in einer Übersicht vor der eigentlichen Geschichte vorstellt, werden wir wiedersehen, und die, denen wir erneut begegnen, werden verändert sein, voller Narben, die der Krieg hinterlassen hat. 
Die einzige Konstante bleibt die Liebe. Nicht einmal "nur" die Liebe, die Elisa und Vito füreinander empfinden, sondern auch die innerhalb und zwischen den Familien. Sie zu erkennen, scheint so manches Mal eine Hürde zu sein. 
Allerdings ist es gerade Elisas und Vitos Liebesgeschichte, die mich nicht so recht überzeugen wollte. Zu sehr rückten da körperliche Begierden (im Kontrast zur frommen Erziehung Elisas) in den Vordergrund, die großen Gefühle schwebten noch zu stark an der Oberfläche, und die Verknüpfung des roten Fadens war mir dann doch etwas zu abrupt; aber vielleicht ist auch das Abrupte ein Markenzeichen des Krieges.
Herstellungstechnisch hätte ich mir für diesen Roman einen Festeinband gewünscht. Nach der halben Lektüre drohte dem Wälzer der Rücken zu brechen und die Verleimung der Seiten macht einen sehr fragilen Eindruck. 
Das ändert nichts daran, dass Marie Buchinger mit "Ein Tal in Licht und Schatten" ein lesenswerter historischer Roman gelungen ist, in dem auf jeder Seite die Liebe zu dieser vom Schicksal nicht gerade verwöhnten Region und ihren Bewohnern spürbar wird.

Fazit:
Gut recherchierter historischer Roman, der in lebendigen Bildern eine Geschichte von Familie und Liebe vor der wechselhaften Kulisse der Dolomiten im Ersten Weltkrieg erzählt. Mit authentischer Sprache und weitgehendem Verzicht auf kitschige Szenerien dürfte "Ein Tal in Licht und Schatten" bei Lesern punkten, die sich für zeitgenössische Geschichten mit regionalem Bezug interessieren und sich gern von breit angelegten Handlungsrahmen vereinnahmen lassen.

Gesamteindruck:
4 von 5 Weißdornzweigen
  





Buchdaten:
  • Broschiert (Klappenbroschur): 656 Seiten
  • Verlag: Knaur TB (1. August 2016)
  • Sprache: Deutsch
  • ISBN-10: 3426517558
  • ISBN-13: 978-3426517550
  • Neupreis: 14,99 € (D)
  • Auch als E-Book erhältlich.







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