Donnerstag, 6. Oktober 2016

... über "Die Nachtigall" von Kristin Hannah

Kristin Hannah

Aufwühlend und einfühlsam erzählter Schicksalsroman um zwei Schwestern, die sich auf ihre Weise in Kriegszeiten stark behaupten

(c) Aufbau-Verlag, Bildlink zu Amazon
Zum Inhalt: 
Als Vianne im Sommer 1939 fröhlich mit ihrer Familie ein friedliches Picknick genießt, ahnt sie noch nicht, dass ihr Mann Antoine kurze Zeit später eingezogen wird und sie mit ihrer kleinen Tochter Sophie allein im Haus ihrer Familie zurückbleiben muss. Ihre jüngere Schwester Isabelle widersetzt sich derweil hartnäckig der Internatserziehung. Sie will keine feine Dame werden, sondern in ihrem Leben Besonderes leisten. Also darf sie, wie schon unzählige Male zuvor, ihre sieben Sachen packen und zu ihrem Vater nach Paris zurückkehren. Angesichts der zunehmend angespannten Lage in der Hauptstadt und der ebenso angespannten Beziehung zu seinen Töchtern schickt der gebrochene Kriegsveteran seine Jüngste kurzerhand nach Carriveau zu Vianne. Auf der Reise erkennt Isabelle, wie stark Frankreich bereits vom Krieg erfasst ist: Flüchtlingsströme ziehen durch die Regionen, und auch Isabelle erreicht den alten Familiensitz Le Jardin nur mit Mühe und Not, nicht zuletzt mithilfe von Widerständler Gaeton, dem sie unterwegs begegnet ist. Vianne, die seit Jahren ein schlechtes Gewissen gegeber ihrer Schwester pflegt, freut sich nicht unbedingt auf deren Ankunft. Zu heftig geraten die beiden verschiedenen Schwestern immer wieder aneinander. Und dann steht auch noch ein Hauptmann Beck vor der Tür. Inzwischen ist die Heimat der Schwestern besetzt, und der Deutsche besetzt nun auch noch befehlsgemäß Le Jardin. Um ihre Tochter zu schützen, duldet Vianne den Fremden im Haus. Isabelle jedoch hat es sich, jugendlich unbeherrscht, in den Kopf gesetzt, nicht die Hände in den Schoß zu legen und abzuwarten, dass Maréchal Pétain, in den Vianne ihre Hoffnungen legt, die Lage regelt. Isabelle will eine Kriegsheldin werden ...

Meine Meinung:
Kristin Hannahs "Die Nachtigall" zählt zu jenen Büchern, die mich wochenlang nicht loslassen wollten, und ich habe eine ganze Weile gebraucht, um Worte für eine Rezension zu finden. Dieser Roman, der äußerlich zurückhaltend edel anmutet, ist von solcher Kraft, dass das Innehalten schwerfällt, selbst wenn die Taschentücher aufgebraucht sind.
In der Regel schwer zu verdauen, sind Kriegsthemen nicht unbedingt mein Lieblingslesestoff. In ihrem Roman macht Kristin Hannah bewusst, dass siebzig Jahre eben doch nicht so viel Abstand schaffen, wie manch einer sich erhoffen mag, und zeichnet Parallelen, die nachdenklich stimmen und schwer im Magen liegen.
Gekonnt umspannt sie ihre personale Erzählung der Kriegsjahre mit einer Gegenwartshandlung, deren alte, kranke Ich-Erzählerin ihre Identität fast bis zum Schluss zu verbergen weiß. In einer Umgebung, in der es ihr vermeintlich an nichts fehlt, doch Verluste unendlich schwer wiegen, werden in ihren Erinnerungen nun zwei Frauen lebendig, die sinnbildlich für die Zurückgelassenen stehen: die Frauen, die tagtäglich ihren eigenen Kampf auszufechten haben, sei es um das Überleben ihrer Kinder und Freunde oder aber auch im Geheimen, auf Seiten des Widerstands. Als Gespenst verfolgt der Große Krieg noch immer die meisten von ihnen (und auch an den männlichen Figuren des Romans). Ohne ihre Figuren zu verurteilen, zeigt Hannah deren Entwicklung im erneuten Ausnahmezustand des nächsten Weltkrieges. Dabei ist "Die Nachtigall" keineswegs ein trivialer Frauenroman, sondern ein literarischer Beitrag zur Aufarbeitung der deutschen Besatzungszeit in Frankreich, die lange Zeit, wenn überhaupt, marginal thematisiert wurde. 
Schnell wird deutlich, dass es nicht immer nur Schwarz und Weiß gibt, vielleicht nicht einmal Richtig oder Falsch. Kollaboration und Widerstand werden an Viannes und Isabelles Beispiel neu beleuchtet, und immer wieder darf der Leser umdenken und seine Erwartungshaltung revidieren und so auch dem Begriff Mut eine neue Konnotation zugestehen.
Es gelingt der Autorin, ihre beiden Protagonistinnen gleichberechtigt zu behandeln. Bewusst erspart sie uns Pathos, das so manchem US-amerikanischem Roman unangenehm anhaftet. Jede Schwester erhält den ihr zustehenden Raum. Wird es bei der einen ruhiger, folgt ein gekonnter Schwenk zur anderen, um Längen vorzubeugen und den Ereignisreichtum der Geschichte hoch zu halten. Ganz gleich, ob Isabelle und Vianne im jeweiligen Handlungsstrang räumlich miteinander verbunden sind oder nicht, reflektieren ihre Szenen stets authentische Handlungen, die dem Kriegsalltag Rechnung tragen und zum Teil in geschichtlich belegte Ereignisse und Schauplätze eingebettet sind, die von der Autorin, wie dem Nachwort zu entnehmen ist, minutiös recherchiert wurden.  
Fiktiv oder real - es ist viel, das Kristin Hannah in ihrem Roman verpackt. Trotz einfühlsamer Erzählweise schont sie ihren Leser nicht und macht nur kleine literarische Zugeständnisse. Zu kitschig? Vielleicht wenn man nie Seelenbalsam braucht
Eingänglich schildert die Autorin die für beide Schwestern schicksalshaften Kriegsjahre mit all ihren Entbehrungen, all ihrem Leid. Die Kälte der Winter wird so präsent, dass dem Leser beim Halten des Buches die Finger zu gefrieren drohen. In Kauf genommen werden muss so auch die Plötzlichkeit von Ereignissen, die keine Zeit zum Verdauen lässt, den Schmerz aber noch greifbarer macht. Abrupt beschließt der Krieg Schicksale und ist überall präsent, in Hannahs kreativen Metaphern ebenso wie in der angemessen dosierten Liebesgeschichte.
Routiniert knüpft Kristin Hannah ihre wichtigsten Handlungsstränge und weiß, eine runde Geschichte zu erzählen. Dennoch gestattet sie es sich auch, Fragen aufzuwerfen, die eigene Interpretationen zulassen, und eben nicht alle Informationen mundgerecht zu servieren. Was bleibt, ist Respekt vor Frauen wie unseren Großmüttern.

Fazit: 
Lesenswerter Schicksalsroman, der detailreich, einfühlsam und kraftvoll die deutsche Besatzungszeit in Frankreich beleuchtet und mit nuancenreicher Figurenentwicklung überzeugt. Einnehmend. Aufwühlend. Nachhallend.

Gesamteindruck: 
5 von 5 Weißdornzweigen





Buchdaten:
  • Gebundene Ausgabe (mit Schutzumschlag und Lesebändchen): 608 Seiten
  • Verlag: Rütten & Loening; Auflage: 2 (19. September 2016)
  • Sprache: Deutsch, übersetzt von Karolina Fell
  • ISBN-10: 335200885X
  • ISBN-13: 978-3352008856
  • Neupreis: 19,99 €
  • Auch als E-Book und Hörbuch erhältlich.

 

 

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