Mittwoch, 17. August 2016

... über "Die Honigtöchter" von Cristina Caboni

Cristina Caboni

Ein Frauenroman, der seine Protagonistin vor liebevoll gezeichneter Mittelmeerkulisse zu einem neuen Lebensabschnitt führt und mit sanften Tönen Frauen, Zusammenhalt, Handwerk und Heimat zelebriert, stellenweise aber stark romantisiert und viel Honigsüße verströmt.


(c) blanvalet, Bildlink zu amazon

Zum Inhalt:
Als fahrende Imkerin lebt Angelica in einem Campingbus, doch ihr Herz schlägt für Sardinien. Als Kind aus ihrer sardinischen Heimat gerissen, wird sie nirgends richtig sesshaft. So betreut sie gerade die Völker eines provenzalischen Imkers, als ein höchst merkwürdiger Anruf ihrer Mutter, mit der sie ein zwiespältiges Verhältnis verbindet, sie veranlasst, zunächst nach Rom zurückzureisen. Dort entringt Angelica ihrer Mutter schließlich das große Geheimnis: Seit Jahren wähnte sie ihre Patentante Jaja schon tot, doch in Wahrheit verstarb diese erst kürzlich. Überraschung Nr. 2: Die alte Imkerin hat Angelica ihr Anwesen auf Sardinien hinterlassen. Die junge Bienenflüsterin kehrt somit zurück in das Dorf ihrer Kindheit, wo es nicht nur einige Vergangenheit aufzuarbeiten gibt, sondern auch gewaltiger Gegenwind herrscht. Denn Jajas Grund und Boden sollen einem Feriendorf weichen, und an dem Projekt ist ausgerechnet Angelicas Jugendliebe Nicola beteiligt ...

Meine Meinung:
Nach "Die Rosenfrauen" ist "Die Honigtöchter" der zweite Roman der auf Sardinien lebenden italienischen Autorin Cristina Caboni. Aus Zeitgründen konnte ich "Die Rosenfrauen" leider nicht gründlich besprechen, komme zunächst aber nicht umhin, gewisse Vergleiche zu ziehen. 

2 Leidenschaften, 2 Romane

Rosen und Bienen sind nämlich die Passion der Autorin, die, so ist ihrer Kurzbiografie zu entnehmen, selbst Rosen und Bienen züchtet. Beiden Leidenschaften hat sie jeweils einen Frauenroman gewidmet, und in beiden Romanen steht zunächst eine junge Frau mit einem ganz besonderen Talent im Vordergrund: Elena, die begabte Parfümerin in "Die Rosenfrauen", Angelica, die Bienenflüsterin in "Die Honigtöchter". Beide Frauen suchen nach ihren Wurzeln: In "Die Rosenfrauen" will Elena das perfekte Parfüm finden, das die Frauen in ihrer Familie seit Generationen beschäftigt - und unglücklich macht. Honigtochter Angelica wiederum wurde mehr von ihrer Patentante Jaja aufgezogen als von ihrer eigenen Mutter, dann aber schließlich von ihrer Mutter und deren neuem Ehemann nach Rom geholt, wo es ihr zwar gut ging, sie aber dennoch als Erwachsene wurzelnackt ohne Heimatboden von einer Imkerei zur nächsten fährt. Beide Protagonistinnen haben eine schwierige Beziehung zu ihrer Mutter und zudem noch eine beste Freundin in Frankreich hat. 
Als Imkerfrau - das ist so etwas wie Zahnarztfrau, nur präsentiere ich nicht mit Blitzezähnen Honig - (und weil mir "Die Rosenfrauen" ausgesprochen gut gefallen hat) musste ich "Die Honigtöchter" natürlich haben. Schließlich sind Imkerinnen auch in der Literatur nicht wirklich breit gesät, sodass ich neugierig war, was Caboni aus ihrer Angelica macht.  
Als ich aber zu lesen begann, beschlich mich eine ganz leise Befürchtung, dass die Autorin vielleicht bereits ein Lieblingsschema entwickelt hat - so man denn nach zwei Romanen überhaupt davon sprechen kann. Die Parallelen waren, auch wenn beide Romane völlig unterschiedlich starten, erst einmal sichtbar. 
Caboni macht aber alles richtig. Sie schreibt über Dinge, mit denen sie sich auskennt, und weiß, ihre Leidenschaften mit der richtigen Leidenschaft zu erzählen. Und sie schreibt über Frauen und, im weiten und engen Sinne, Familien. Das Ergebnis sind gefühlvolle Romane voller wunderschöner Bilder, die die Seiten riech- und schmeckbar machen. Und Appetit macht ja bereits die Umschlaggestaltung, die zwar den aktuellen Trend folgt, aber zum Naturmotto passt, auch wenn im Glas wahrscheinlich Zitronenmarmelade statt Honig ist.

Auf der Suche
 
Als Frauenromanprotagonistin ist Angelica erfrischenderweise nicht schwarzweiß gezeichnet. Jung und klug hat die studierte Zoologin zunächst einmal einen Lebensweg gefunden, der für sie funktioniert. Da tickt keine biologische Uhr, da stürzt sich niemand von einer Beziehung in die nächste ... Mit Hund und Katze und Campingbus ist Angelica noch lange kein verhuschtes Weibchen, dem zum großen Lebensglück ein Mann fehlt. Vermutlich hätte sie eine Karriere in Wissenschaft und Lehre machen können, aber sie steht der Natur und dem Freien einfach viel zu nahe. Vielleicht läuft sie auch weg, immerhin hat sie ihre Jugendliebe Nicola noch immer im Kopf, hat sich bisher aber nicht getraut, nach Sardinien zurückzukehren. Dazu braucht sie natürlich die Autorin, die ihr einen Anlass an die Hand schreiben muss. Aber bis es soweit ist, lebt Angelica ihr Leben, wie es ist, und versinkt nicht neben Katzenfutternäpfen in Trübsal. Sie übt einen Beruf aus, der ein ausgeglichenes Wesen und eine ruhige Hand in Einklang mit der Natur erfordert. Dennoch ist Angelica rastlos, und die Ursache liegt auf Sardinien, psychologisch einigermaßen verbuddelt, und will im Laufe der Geschichte ergründet werden. Soweit so lebensnah ...
Die Imkerin kann von Sardinien nicht lassen, viel zu abrupt hat sie als junges Mädchen die Insel verlassen müssen, und damit Jaja und auch Nicola. Jaja hat Angelicas Potenzial erkannt, sie an die Bienen herangeführt und ihr mehr im Leben mitgegeben als nur ein Berufsziel. So darf Angelica trotz aller romantischer Naturverbundenheit zu passender Gelegenheit durchaus Geschäftssinn beweisen. Diese Frau ist in der Lage, ihr Leben zu meistern. Sie kommt mit wenig aus und geht die Sache mit klugem Kopf an. Schließlich wird sie von Jaja vor die Entscheidung gestellt, ihr Erbe anzutreten und damit ihr Leben neu zu ordnen oder eben nicht. Und es ist ein gewaltiger Unterschied, ob Frau in einem Campingbus lebt und von ihrem Honorar gerade einmal Kraftstoffkosten und Verpflegung bestreitet oder ein ganzes Anwesen nebst Standimkerei bewirtschaften muss. Insbesondere letzter Punkt bekommt eine leichte Schieflage, da Caboni sich auf die Schönheit des fiktiven Ortes ihrer sardischen Heimat und das schützenswerte Wunder der Biene konzentriert und die von ihr erdachte Frauenkooperative zwar löblich und zweifelsohne ein Touristenschmankerl ist, aber vielleicht nicht ganz so nah an der Realität liegt. Von Mittelmeerluft und dem Finger im Bienenkorb wird der gewerbliche sardische Imker wohl kaum seine Betriebskosten bestreiten können. Aber gut ...
In Nicolas Gegenwart gerät unsere Protagonistin dann allerdings doch ein wenig aus dem Tritt, aber auch der Mann der Stunde glänzt mit einem Brett vorm Kopf, wenn es um Kommunikation mit einer Frau und Zukunftsmusik geht. Typische Missverständnisse strecken den Liebeskonflikt über die gesamte Geschichte. Glücklicherweise darf man diesen Handlungsstrang eher als sekundär einstufen. Denn auch wenn im Klappentext selbstverständlich Nicola als großes Love Interest gehandelt wird, ist "Die Honigtöchter" nicht in erster Linie ein anheimelnder Liebesroman, sondern ein Roman über Frauen und ihre Beziehungen zueinander - wie ein Bienenstock, in dem eben die Frauen das Sagen haben und die Männer im Herbst unsanft vor die Tür fegen. 

Die Biene als Vehikel
 
Der Titel "Die Honigtöchter" resümiert die Prämisse des Romans treffend: Wie einst Jaja sich des Mädchens Angelica annahm, die vaterlos dastand und von ihrer Mutter, die rund um die Uhr arbeitete, schon früh auf sich gestellt wurde, soll Angelica dieses Vermächtnis weitertragen. Ihre Aufgabe ist eine Gratwanderung zwischen Erhalten und Verändern
Die Bienen funktioniert hier faktisch und metaphorisch wunderbar. Während sie sich ihre Umwelt erschaffen, schärfen sie unseren Blick für das Wesentliche, und so wird schnell klar, dass eine Königin nichts ist, ohne ihr Volk. Wie Angelica, die wieder lernt, wie wichtig Gemeinschaften sind, die Synergien erschaffen, Kräfte verteilen und Veränderungen herbeiführen, ohne Gutem und Ursprünglichem zu schaden. 
Caboni verpackt ihre Botschaften behutsam und ohne den berühmten Zeigefinger. Ihre Geschichte ist wie das Leben eines Bienenstockes, dessen aktive Zeit sich im Herbst dem Ende zuneigt und der, mit neuer Königin und frischen Ideen, im Frühjahr gestärkt durchstarten kann. Und das erzählt Caboni wieder mit so treffsicherem Gespür und so viel Liebe zu ihrer Umgebung, das man die Düfte und den Wind Sardiniens zu spüren glaubt. Als jemand, der schon mehr als eine Bienenkiste schleppen durfte, hätte ich mir allerdings, wie oben angedeutet, eine differenziertere Betrachtung der imkerlichen Tätigkeit gewünscht. In Cabonis Geschichte wird noch traditionell gearbeitet - die Fotos auf Cabonis Facebook-Fanseite sprechen da übrigens eine ganz andere Sprache -, Angelica erbt von ihrer geliebten Jaja sogar Bienenkörbe, und doch plant die junge Frau, sich von diesem Beruf zu ernähren. Doch alles geht so einfach von Hand, nie wird ein Wort über die anstrengende Seite der Arbeit verloren; Angelica besänftigt ihre Völker neben Rauch auch mit Gesang, und Stiche gibt es auch nicht. Nun sind Imker (und deren in aller Regel weiblicher Innendienst) vielleicht nicht Lesezielgruppe Nr. 1, dennoch wünsche ich mir in der Fiktion doch auch einen Funken Authentizität. Die romantische Verklärung des Imkerns, die sich zwar dank der starken Bilder traumhaft liest, ist ein deutliches Manko von Cristina Cabonis Roman. 

Terminologisch unsauber

Die Imkereithematik bringt ein weiteres Manko mit sich. Da die Autorin selbst Bienen züchtet, gehe ich davon aus, dass sie in ihrer Muttersprache Italienisch alle Abläufe korrekt beschreibt und das Imkergerät korrekt benennt. 
Die deutsche Imkerterminologie ist speziell, zum Teil recht archaisch, aber doch verständlich; medizinische Fachsprache ist viel schlimmer. 
Leider trifft die deutsche Übersetzung den imkerlichen Ton oft nicht. Nun mag ich an dieser Stelle päpstlicher als der Papst sein, weil mich die Sprache der Imker tagtäglich umgibt, was nun wahrlich nicht auf jeden Frauenromanverschlinger zutrifft, und ich habe entsprechend lang mit mir gerungen, ob ich dieses Manko in meine Bewertung einfließen lassen soll oder nicht. Ähnlich empfindlich reagiere ich, wenn in Romanen Übersetzerinnen in romantischen, alten Herrenhäusern in herrlichen Arbeitszimmern traumhafte Romane in ihre Muttersprache übertragen, die Kinderlein an Privatschulen unterrichtet werden, und, und, und. Ich bin dann versucht, den Autoren die aktuellen Honorarspiegel der Branche zu übermitteln ... 
Wenn nun aber der Krimileser erwarten darf, dass bei der Autopsie der erste Schnitt nicht am kleinen Zeh angesetzt wird, wünsche ich mir doch auch saubere Recherche- und Lektoratsarbeit, wenn es "nur" um Stechgetier geht. Angefangen beim Terminus "Wanderimkerin", was Angelica nicht ist, weil sie zu Beginn nicht einmal eigene Völker bewirtschaftet und somit auch nicht mitsamt ihren Bienenstöcken einer Tracht hinterherfährt, über ihr Werkzeug, den "Stockmeißel", der im Roman zum Haken wird, bis hin zur "Nisthöhle", womit wohl das Brutnest gemeint war, läuft es terminologisch nicht immer rund. Caboni beschreibt in ihrem Roman verschiedene Arbeitsschritte, die illustrieren, dass sie ihrer Protagonistin nicht einfach mal so die Bezeichnung Imkerin gegeben hat, sondern dass sie eben wirklich Imkerin ist. Angelicas Expertenstatus wankt in meinen Augen allerdings erheblich aufgrund der unsauberen Übertragung der betreffenden Passagen. Dass dieses Manko in meiner Bewertung am Ende nur einen Punkt Abzug bringt, ist lediglich der Tatsache geschuldet, dass dem Gros der Leserschaft die Imkerei in ihren Details unwichtig sein dürfte. 

Cristina Caboni punktet wie auch schon in "Die Rosenfrauen" mit einem lebendigen personalen Erzählstil, der die Protagonisten mit geschärften Sinnen durchs Leben gehen lässt und die Schauplätze so nahbar macht, dass der Duft von eingetragenem Nektar und sommerwarmen Waben noch in der Luft liegt, wenn man das Buch längst geschlossen hat. Sie erzählt Geschichten, die die Sinne anregen und in ihnen nachhallen, und genau das macht sie lesenswert. 
Als besonderes i-Tüpfelchen empfinde ich Cristina Cabonis Kapitelanfänge. Sehr treffend beschreibt sie dort verschiedene Honigsorten, die gewiss auf Sardinien geerntet werden können: von Farbe über Duft und Kristallisationsverhalten bis hin zu besonderen Assoziationen gibt sie der süßen Ware Gestalt und macht Lust auf mehr.

Auf Cristina Cabonis nächsten Roman bin ich jedenfalls jetzt schon gespannt.

Gesamteindruck: 
4 von 5 Weißdornzweigen
 
   




Buchdaten:
  • Taschenbuch: 416 Seiten
  • Verlag: Blanvalet Taschenbuch Verlag (20. Juni 2016)
  • Sprache: Deutsch, übersetzt von Ingrid Ickler
  • ISBN-10: 3734102774
  • ISBN-13: 978-3734102776
  • Originaltitel: La custode del miele e delle api
  • Neupreis: 9,99 € (D)
  • Auch als E-Book erhältlich.

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