Donnerstag, 18. August 2016

... über "Andere Umstände" von Grit Poppe

Grit Poppe

Ein DDR-/Wenderoman, der eigentlich keiner ist und zwischen Krimi und Persiflage tanzt und mit einem sagenhaft unschuldigen Muttertier von Protagonistin aufwartet, dem man lieber nicht in die Quere kommen möchte.


(c) Grit Poppe, Bildlink zu amazon

Zum Inhalt:
Als Mila Rosin 13 Jahre alt ist, ist die DDR noch brandaktuell. Doch Fahnenappell und Co. sind für sie kein großes Thema, denn sie himmelt lieber ihren Englischlehrer Herrn Kraus an. Nach Schulschluss hüpft sie ihm nach, ritzt Herzchen mit Initialen in Bäume und träumt von romantischer Liebe und Mutterschaft. Nur himmelt der gute Herr Kraus keineswegs zurück, sondern drückt ihr, um sie loszuwerden, ein hübsches Scheinchen in die Hand. Und bald weinen Ehefrau und Schüler gleichermaßen auf der Beerdigung des guten Herrn Kraus. Das Messer, das Mila von ihrem Schürzenjäger-Vater geschenkt bekommen hat, hat sich als zweckdienlich erwiesen. Auf die Schliche kommt ihr aber niemand, selbst die Stasi nicht. Und so bestaunt sie Jahre und Leichen später, das lang ersehnte Kindlein im Tragetuch vor den Bauch gebunden, die Sehenswürdigkeiten San Franciscos.

Meine Meinung:
"Andere Umstände" ist Grit Poppes Debütroman. In der Zwischenzeit nicht nur bekannt für ihre Jugendromane, die ihrem jungen Publikum die DDR-Thematik authentisch näher bringen, hat sich die Autorin diesen um die Jahrtausendwende erstmals als Print erschienenen Roman noch einmal vorgeknöpft, überarbeitet und erweitert und als E-Book neu veröffentlicht.
"Andere Umstände" ist keineswegs typische Wendeliteratur, die sich gezielt mit Vergangenheitsaufarbeitung der DDR befasst, ein authentisches Zeitbild zeichnet oder Umstände anprangert. Vielmehr sind die zeitlichen Umstände mit einem Augenzwinkern hinzunehmen und tragen zum Unterhaltungswert bei. Trotzdem wäre Protagonistin Mila ohne die DDR oder die Wende wohl nicht dort, wo sie am Anfang des Romans weilt: in San Francisco.

Alice im Wunderland?

"Andere Umstände" startet nicht in heimischen Gefilden: Wir begegnen Mila und ihrer Tochter Alice bei der Ankunft in San Francisco. Mit dem Baby bezieht sie ein Hotel und erkundet die Stadt. Das Kind indessen zerpflückt desinteressiert Zeitungen, saugt an Mutters Brust und bekommt von seinem Dasein als Erfüllung von Mutters großem Traum wohl wenig mit. Alles mutet nach einer Spurensuche an, als wollte die junge Frau jene Wege beschreiten, die Alices Vater Viktor, der Jack-London- und San-Francisco-Fan, nicht mehr gehen kann. Denn Viktor, der schon lange vor der Wende von der Stadt am Pazifik geträumt hat, ist verstorben, bevor er die Chance hatte, sie und seine Tochter kennenzulernen. Ein Abschluss für Mila selbst? Ein geschenktes Wunderland für das Kind? Reisen, der große Wunsch nach Freiheit? Bevor wir aber Genaueres erfahren und uns das Mitleid mit der "verwitweten" Ich-Erzählerin, die so liebevoll von ihrer Tochter zu erzählen weiß, übermannen kann, unternimmt die Autorin einen Zeitsprung zurück in jene Jahre, als Mila vom Sozialismus unbeeindruckt in der DDR aufwuchs. San Francisco, Sinnbild der Freiheit, ist lediglich der Rahmen einer unglaublichen Geschichte, die kein Krimi ist, weil Mila mehr Glück als Verstand hat und uns sowieso erzählt, warum sie eigentlich auf der Flucht ist.

Mörderin umständehalber?

In geschickt platzierten Rückblenden, die sich dem im Präsenz geschilderten Gegenwartsgeschehen allmählich nähern, lernen wir mit Mila ein unauffälliges Pflänzchen kennen. Sie fügt sich irgendwie ein, macht sich nichts aus Ost und West, und außer Kumpel Fred hat Scheidungskind Mila, in mehr oder weniger regelmäßigen Abständen von ihrem Vater nett beschenkt, auch nichts wirklich Interessantes im Leben. Das klingt doch ziemlich stinknormal, aber in Zukunftsmalereien bekommt Mila auf jeden Fall eine Eins. Vermutlich ist es sogar dem Osten geschuldet, dass sie ihrem Englischlehrer verfällt. Und der Englischlehrer muss schließlich den Grundstein legen, damit Mila im Gegenwartstrang im Land der unbegrenzten Möglichkeiten halbwegs zurecht kommt. Welche Perspektiven böte also eine Liason zum Russischlehrer? Leningrader Träume hat Mila mit ihren süßen 13 jedenfalls nicht, dafür wünscht sie sich aber direkt ein Kind in den Bauch. Und dass ihr Vaters Geschenkmesser so locker in der Tasche sitzt, hätte selbst Mila nicht erwartet. Sein Motto "Nutze die Energie deiner Wut" wird aber Programm, genauso wie der unabänderliche Plan, ein Kind in die Welt zu setzen. Und so unauffällig Mila nach außen vielleicht wirken mag, so direkt lässt Grit Poppe sie erzählen. Milas Sprache ist geprägt von unverblümten Beobachtungen, lässt sie aber keineswegs dumm oder einfach gestrickt erscheinen. Umweglos wie ihre Gedanken verläuft Milas Leben, das mit authentischer Schilderung des Zeitgeschehens gespickt ist: Schulabschluss, Ausbildung, der typische Kampf einer jungen Alleinstehenden um eine Wohnung. Nur mit dem Kind funktioniert das eben nicht so einfach, denn Mila ist keineswegs männermordend, wenn es um Sex geht. Unanständig nach Kittelschürzenmoralstandards wird sie unter Ausschluss der Öffentlichkeit. Sie hat ein Händchen für den Falschen ... und für den falschen Weg, den wieder loszuwerden. Skurrilerweise mimt sie bei der Witwe von Opfer Nr. 1 auch noch die Babysitterin. Überzeugt, dass sie dem Glück auf die Sprünge helfen muss, stolpert sie hinein in Tötungen, und auf unerklärliche Weise stolpert sie auch wieder heraus - mit Bedauern im Knopfloch, aber ohne Reue.

Unglaublich anders

Grit Poppe schürt immer wieder Mißtrauen an Milas Geschichte. Es ist geradezu grotesk, dass Mila unentdeckt bleibt. Die Stasi - die in der Literatur in aller Regel ihrem Ruf gerecht wird - schnüffelt hier, befragt da, aber Mila, die schon mit einem Besuch rechnet, bleibt vogelfrei. Ein Umstand, der sie aber selbst in San Francisco nicht zur Ruhe kommen lässt, auch wenn sie sich noch so sehr beteuert, sie bereue nichts. Die "anderen Umstände" der DDR sind so keineswegs eine Entschuldigung für ermittlerisches Versagen; die Autorin dreht hier das Genre gekonnt um und macht "Andere Umstände" - hach, der Titel ist so herrlich doppeldeutig - eben nicht zu einem Krimi. Zwischenzeitlich darf der Leser durchaus an Realität und Logik zweifeln. Vielleicht ist doch alles nur ein Traum und Mila sinniert auf einer Gefängnispritsche, wie sie in den Kaninchenbau getappt ist und ihn wieder verlassen kann? Ist San Francisco nur Teil einer Fantasiewelt? Oder Viktor? Wer weiß das schon immer so genau? Und wo ist eigentlich Fred abgeblieben? Verraten sei, dass Grit Poppe längst nicht alle Fragen klärt. 
On top hat Scheidungskind Mila noch eine gefühlte Hundertschaft an Halbgeschwistern, von denen einige einen Kurzauftritt erhalten. Insgesamt streckt sich Milas Beziehung zu ihrem Vater durch den gesamten Roman, führt meines Erachtens allerdings zu kleineren Längen und ließ mich ab und an den Faden verlieren. Zu den zahlreichen Übertreibungen in Milas Geschichte passt dieser Nebenstrang allemal, und für Witz sorgt er auch. Besonders in Szenen, die in der DDR Aufgewachsene an die Zeit kurz nach dem Mauerfall erinnern und zum Schmunzeln bringen dürften. So isst Mila beispielsweise ihrem Vater, der längst in Westberlin lebt, den gesamten Joghurtvorrat mit einmal weg oder dreht das neue Obstangebot mißtrauisch dreimal um. Unser erster Einkauf beinhaltete mindestens 20 Becher Joghurt ... und dabei gab es in der DDR durchaus Joghurt, Heidelbeere, Erdbeer, manchmal Schoko ...
Überspitzt gestaltet sich Milas Kinderwunsch. Wieso sie sich in eine klischeehafte DDR-Frauenrolle pressen will, ist unscharf, Erfüllung offenbar ihr Ziel. Übertrieben fixiert auf ein Baby, nimmt sie sogar Abstriche beim Vater in Kauf, durchlebt eine Scheinschwangerschaft, gaukelt eine vor und landet schließlich bei Viktor, der partout keine Kinder will. Und während Mila dank Viktor die Wende mit allen Emotionen aktiv erlebt, statt sie zu verschlafen, wie es ihrem Naturell entsprechen würde, beginnt der Leser um Viktor zu bangen ... 

Mit "Andere Umstände" beweist Grit Poppe, dass sich Genres auf den Kopf stellen lassen, ohne an Unterhaltungswert zu verlieren, und dass politisches Zeitgeschehen zur Nebensache werden kann, ohne an Interesse zu verlieren. Auch Jahre nach dem ersten Erscheinen und trotz der Ferne der Wende lässt sich der Roman noch immer gut lesen, ohne ein "Nicht-schon-wieder-eine-Ostgeschichte"-Gefühl aufkommen zu lassen.  Gekonnt flicht Grit Poppe literarische Anspielungen ein, spielt mit den Erwartungen des Lesers und erzählt so auf zwei Zeitebenen eine skurrile Geschichte zwischen Gestern und Heute, die als Reise durch die Gegebenheiten und Erlebnisse in gleich drei Staaten auch für Nicht-Ostalgiker absolut lesenswert ist. 

Gesamteindruck:
5 von 5 Weißdornzweigen







Buchdaten:
  • Format: Kindle Edition
  • Dateigröße: 1149 KB
  • Seitenzahl der Print-Ausgabe: 339 Seiten
  • Gleichzeitige Verwendung von Geräten: Keine Einschränkung
  • Verkauf durch: Amazon Media EU S.à r.l.
  • Sprache: Deutsch
  • Aktueller Preis: 4,99 €

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