Samstag, 24. Dezember 2016

Freitag, 9. Dezember 2016

Da ist was unterwegs ...

Bleibt gespannt!
Ein dickes Dankeschön an Yvonne von http://www.art4artists.com.au/ für das funkelnde Bild!

Mittwoch, 23. November 2016

... über "Lucy Schröders gesammelte Wahrheiten" von Susann Rehlein

Susann Rehlein
 Lucy Schröders gesammelte Wahrheiten 
 
(c) Dumont-Verlag,Bildlink zu amazon

Zum Inhalt:

In ihrem Zimmer bastelt sie Schneekugeln. Weil sie hellsehen kann, trifft sie dabei genau den Nerv ihrer Kunden. Ihre Lebensmittel lässt sie sich liefern. Ihr Vater ist tot. Ihr Name ist Lucy und dank ihrer hinterhältigen französischen Mitbewohner sitzt sie bei Psychologe Pawel, der ihr eine schwierige Aufgabe stellt: rausgehen soll sie und Menschen kennenlernen. Doch Lucy ist bemerkenswert unfreundlich und will einfach nur ihre Ruhe. Oder doch nicht?


 


Meine Meinung:

Skurril, nicht immer für bare Münze zu nehmen, dabei überraschend tiefgründig, stilistisch eigenwillig, aber auch anstrengend.
 
Der erste und bislang letzte Roman, den ich von Susann Rehlein lesen durfte, war "Auch die Liebe hat drei Seiten". "Die erstaunliche Wirkung von Glück" hat sich an mir vorbeigemogelt. Trotz dieser nur einmaligen Leseerfahrung habe ich wieder ein etwas anderes Lesevergnügen erwartet. Schließlich hat Susann Rehlein in diesem Roman schon gezeigt, dass sie ein Händchen für ausgefallene Figuren hat, die alles andere als gefällig sind und sich die Lesersympathien nicht unbedingt auf der ersten Seite erschleichen. So auch Lucy nicht. 
Die Sechsundzwanzigjährige ist so sperrig und eigenartig wie die Sprache des personalen Erzählers, durch dessen Augen wir sie kennenlernen. Erfrischend anders ist aber durchaus etwas anderes. Denn Lucy und ihre Gedanken sind anstrengend. Mit ihrer Geschäftsidee, Menschen mit auf den ersten Blick bizarren Schneekugeln zu versorgen, ist Lucy skurril und eigenbrötlerisch, und da sie ihre Aufträge online und postalisch abwickelt, muss sie weder aus dem Haus noch persönlichen Kontakt zu anderen Menschen pflegen. Dass ihr die Menschen für ihre Kreationen viel zu viel Infos vor die Füße werfen, ist ihr geradezu zuwider - sie hat schließlich ein übersinnliches Gespür für das, was andere brauchen. Dabei ist es ihr schnurz, was andere von ihr denken oder ob sie sie vor den Kopf stößt. In ihrer agoraphobischen und misanthropischen Art (nein, nein, so ist sie natürlich nicht) wird die kalte Ravioli aus der Dose löffelnde Lucy zur Herausforderung. Die Jeans fällt ihr fast schon vom Leib. Darüber trägt sie das Tutu ihrer Ex-Mitbewohnerin, und um die Menschen auf der Straße auszublenden, hat sie Ohrenschützer auf - auf den ersten Blick gehört Lucy zu jenen Menschen, die bei anderen sofort alle Klischee-/Vorurteils-/Mitleidsglocken bimmeln lassen. Es bedarf eines genaueren Blickes und einer Portion Geduld, um mit dieser Protagonistin warm zu werden. Nicht immer sind die Handlung um sie und ihr Handeln glaubwürdig. Mit ihrer "nicht normalen", nicht konformen Art gelingt es dieser Figur jedoch, Menschen um sich zu scharen, die allesamt genauso ihre Ecken und Kanten haben und uns unweigerlich eben genau die Vorurteile und Klischees vor Augen führen, die wir so gern pflegen. Auch die Liebe kommt nicht zu kurz, immerhin wird sie bereits im U4-Text und in der Kurzbeschreibung angesprochen, und schließlich hat sie auch hier mehr als eine Seite. Dadurch und vor allem durch die schmerzlichen Einblicke in Lucys Vergangenheit entsteht eine tiefgründige Note, die "Lucy Schröders gesammelte Wahrheiten" in Verbindung mit Susann Rehleins eigenwilligem Stil zu einem Leseerlebnis der besonderen Art macht. Der Roman ist dabei aber auch kein gefälliges Werk und ganz sicher nicht jedermanns Sache. Wer seiner Lektüre aufgeschlossen entgegentritt und Abwechslung vom Einheitsbrei sucht, findet in "Lucy Schröders gesammelte Wahrheiten" nicht nur ein marodes Kaufhaus als bunten Schauplatz, sondern eine wahre Spielwiese farbenfroher Charaktere, die für allerlei Emotionen sorgen, und kreativer Szenen (und Wortschöpfungen), die Überzeichnungen schnell verzeihen lassen.



Gesamteindruck: 
4 von 5 Weißdornzweigen






Buchdaten:
  • Gebundene Ausgabe: 288 Seiten, mit Lesebändchen
  • Verlag: DuMont Buchverlag GmbH & Co. KG; Auflage: 1 (17. Oktober 2016)
  • Sprache: Deutsch
  • ISBN-10: 3832198105
  • ISBN-13: 978-3832198107
  • Neupreis: 18,00 € (D) 
  • Auch als E-Book erhältlich.
 

Samstag, 5. November 2016

... über "Hasta La Pista - Wo die Liebe hinfährt" von Sophia Monti

Sophia Monti


Amüsante Auswanderer-Schrägstrich-Love-Story für zwischendurch


(c) http://www.digitalpublishers.de,
Bildlink zu amazon

Zum Inhalt:
Dass es für Anja Rembrand ohne T rund laufen würde, kann man nun wirklich nicht behaupten: In der Redaktion wird sie gemobbt und Freund Andy hat sich ein duftendes Mangagirly aus der Drogerie angelacht. Als ihr Ex und inzwischen platonischer Freund Jan ankündigt, er werde sich eine einjährige Auszeit von Stadt- und Businessleben nehmen und mit einem Bully nach und durch Spanien tuckern, lässt sich Anja anstecken. Weg mit Andy, weg mit dem Job, weg mit der Wohnung. Ganz und gar auswandern will Anja in ihr heißgeliebtes Spanien und springt ohne zu fackeln in Jans platonischen Bully ...

Meine Meinung:
Da ich immer noch kein großer E-Book-Leser bin, aber ab und an gerne mal typische Frauenunterhaltung lese, sie aber nicht immer als Baum in der Handtasche mit mir herumschleppen will, kommen mir Romane wie Sophia Montis "Hasta La Pista" gerade recht. 
Locker stolpern wir mit Ich-Erzählerin Anja durch die aktuellen Unwegsamkeiten ihres Lebens. Und Anja ist weder auf den Kopf noch auf den Mund gefallen und präsentiert Gedanken und Dialoge, die größtenteils richtig Spaß machen und für einen Lacher gut sind. 
Montis Charaktere sind an sich und in ihren Paarungen vermutlich nicht allzu ernst zu nehmen, denn natürlich passen Anja und ihr fremdgehender Musikus Andy auf den ersten Leserblick schon nicht zusammen. Die spionierenden Nachbarn, Jans italienisch-furienhaft eifersüchtige Freundin Marcella, Anjas mobbende Kolleginnen und Ausgleichspol=beste Freundin Tine passen perfekt ins Chick-Lit-Genre, das hier routiniert und sprachlich angemessen bedient wird. 
Während Anja zu Beginn noch amüsant schnippisch-sarkastisch daherkommt, wurde mir ihre Art besonders im Spanien-Part des Romans dann doch etwas zu viel. So wurde uns die junge Dame als Spanienliebhaberin mit ordentlichen Spanischkenntnissen präsentiert, als jemand - und das ist der gebührende ernste Handlungsstrang des Romans -, der weiß, worauf er sich einlässt und Land und Leute zu schätzen und zu respektieren weiß. Neben Anjas Liebesdilemma (leider wird da im Klappentext schon viel zu viel gespoilert) tut sich da nämlich ein großer Konflikt auf, als sie ausgerechnet in eine Hochburg deutscher Einwanderer gerät, die alle deutschen Klischees weidlich pflegen. Auch wenn sie den eigenen Landsleuten durchaus kritisch gegenübersteht, bekommt ihr eigener Ton plötzlich eine Note von Respektlosigkeit, die mir so gar nicht gefallen wollte. So amüsant ihre Vergleiche auch sein mögen, in meinen Ohren schießt die gute Anja so manches Mal zu scharf und macht einen tüchtig verbitterten Eindruck, wo sie doch eigentlich voller Optimismus losgezogen ist. Einerseits wünscht sie sich mehr Offenheit gegenüber den Spaniern, blickt aber selbst nicht weiter über den Tellerrand ihrer Mitmenschen, die sich hier, das gebe ich zu, hinter einer ziemlich unsympathisch schillernden, sonnengebräunten Fassaden verstecken. Gern hätte ich mir auch mehr spanischen Zugang zu den Spaniern gewünscht - ein "fragte ich auf Spanisch" hätte mir da schon genügt, seitenweise spanische Dialoge wären schließlich kontraproduktiv. Stattdessen bekommen die spanischen Charaktere Gelegenheit, sich mit seltsamem Deutsch abzumühen.
Nicht ganz glücklich war ich mit der im Klappentext bereits angedeuteten Dreiecksgeschichte, besonders weil wir keine Chance bekommen, den Andy kennenzulernen, in den sich Anja irgendwann mal verliebt hat, um nachvollziehen zu können, was sie miteinander verbindet. Denn so schlecht sie ihn in ihrer anfänglichen Nichtraucher-Ausräucher-Orgie mit Freundin Tina zeichnet, kann er ja fast gar nicht sein.
Dennoch ist es Sophia Monti gelungen, eine runde Geschichte zu erzählen und ihren Handlungssträngen ein würdiges Ende zu setzen und dabei gleichzeitig neue Türchen zu öffnen. Freche Metaphern treffen auf Ally-McBeal-Kopfkino und sorgen für kurzweilige Lektüre, der man schlussendlich auch die Macken verzeiht. Dass ich mir trotz Chick-Lit auch mal einen ganz unerwarteten Ausgang gewünscht hätte, kann die Autorin ja nicht ahnen.

Fazit: 
Turbulenter Roadtrip mit flotten Dialogen, schnippischen Innenansichten, Liebesdilemma und durchaus kritischem Blick auf das Auswanderungsthema. Alles in allem routinierte Chick-Lit für Fans.

Gesamteindruck:
4 von 5 Weißdornzweigen






Buchdaten:
  • Format: Kindle Edition
  • Dateigröße: 892 KB
  • Seitenzahl der Print-Ausgabe: 239 Seiten
  • Verlag: dp DIGITAL PUBLISHERS (5. Oktober 2016)
  • Verkauf durch: Amazon Media EU S.à r.l.
  • Sprache: Deutsch
  • Preis: 2,99 € (Stand: 4.11.2016)

Dienstag, 1. November 2016

... über "Ist die Liebe nicht schön?" von Carmel Harrington

Carmel Harrington

Ergreifend mit einem Hauch von Überirdischem - Zauber, der zu Weihnachten passt.

(c) www.harpercollins.de,
Bildlink zu amazon
Inhalt und Meinung:
"Ist die Liebe nicht schön?" ist ein harter Brocken, will man den Roman besprechen, ohne zu viel zu verraten. Kein Wunder, dass der Klappentext Ereignisse aus dem letzten Drittel des Romans anspricht, die Carmel Harringtons Roman erst die wahre Weihnachtsmagie verleihen.
Carmel Harringtons Lieblingsfilm Frank Capras Weihnachtsklassiker "Ist das Leben nicht schön?" mit einem wunderbaren James Stewart als herzensguter George Bailey, dem schließlich die Dinge aus dem Ruder gleiten und überirdische Hilfe auf den Plan rufen. Der deutsche Titel und auch der Originaltitel (Every time a bell rings) sind eine wunderbare Anspielung auf diesen Film, denn Harringtons Roman hat sich die Geschichte des Films als Vorbild genommen und bedient sich unterhaltsam an ihr, ohne es an eigener Kreativität mangeln zu lassen.
Wer "Ist das Leben nicht schön?" nicht kennt, findet sich bei der Lektüre keineswegs auf verlorenem Posten wieder, verpasst allerdings die eine oder andere Anspielung. Wer den Film kennt, aber in Geschichten, die a priori nicht in die fantastische oder paranormale Schublade gehören, nichts mit übersinnlicher Einmischung in einem ansonsten sehr realistischen Setting anfangen kann, ist mit einem anderen Weihnachtsroman vermutlich besser beraten.
"Ist die Liebe nicht schön?" führt uns ins weihnachtliche Dublin und zu Protagonistin Belle Bailey (!), die im Großteil des Romans als Ich-Erzählerin das Ruder in der Hand hält und nur sehr sporadisch anderen Figuren für einen Ich-Exkurs Platz macht. Auf verschiedenen Zeitebenen dürfen wir sie durch ihr Leben und ihre Entwicklung bis zur erwachsenen Frau begleiten. Schon früh erfahren wir, dass sie ein Pflegekind war. Von der leiblichen Mutter nicht gewollt, findet das farbige Mädchen nach missglückten Aufenthalten in Pflegefamilien mit acht Jahren ein Heim bei der unkonventionellen Pflegemutter Tess. Und Tess sorgt dafür, dass der Weihnachtswunsch der in sich gekehrten, schweigenden Belle wahr wird: Sie schenkt ihr einen Freund fürs Leben. Eine ganze Weile lässt uns Carmel Harrington daran teilhaben, wie die Kinder zusammengeschweißt werden. Feinfühlig thematisiert sie Belles Hautfarbe, ihre Ängste und Traumata, ihre Verluste und ihre große Liebe. Besonders die Passagen aus Belles Kindheit reflektieren großes Einfühlungsvermögen in die Gedanken und Gefühle des Pflegekindes. Bewusst wird in einer Sprache erzählt, die ein Hineinfühlen erlaubt und sich sogar bis zur erwachsenen Belle fortsetzt, in der ein verletztes Kind weiterlebt, ganz gleich zu welch selbstlosem Menschen voller Liebe sie - auch dank Jims Gegenwart - herangewachsen sein mag. So ist es denn auch nicht verwunderlich, dass Belle ähnlich ihrem Filmvorbild schließlich an einem dramatischen Wendepunkt angelangt, der ihr das geliebte Weihnachten vermiest. Zwischen tiefgründig und romantisch erhält die Geschichte den für Filmkenner nicht unerwarteten Konflikt mit Ausflug in eine Alternativwelt, die vermutlich zum Zünglein an der Waage wird und über Gefallen und Nichtgefallen entscheidet. 
In meinen Augen aber ist "Ist die Liebe nicht schön?" ein gut durchdachter, ausgewogen gestalteter Roman, der ohne Längen alles bietet, das weihnachtliche Lesestunden versüßt. Ohne zu lamentieren, zeigt Carmel Harrington soziale und persönliche Licht- und Schattenseiten auf, während sie gleichzeitig eine zauberhafte Liebesgeschichte entspinnt, die wieder an Seelenverwandtschaft glauben lässt. "Ist die Liebe nicht schön?" versetzt mit wohldosiertem Lokalkolorit den Leser ins Dublin der ausgehenden 1980er und der Gegenwart, lässt zu den Taschentuchvorräten greifen und bietet dennoch hin und wieder Anlass zum Schmunzeln. Kleine Holprigkeiten wie Datumsfehler überliest man bereitwillig. Und schließlich klappt man das Buch mit einem wohligen Gefühl im Herzen zu. Braucht man an Weihnachten mehr?

Gesamteindruck
5 von 5 Weißdornzweigen





Buchdaten:
  • Taschenbuch: 304 Seiten
  • Verlag: MIRA Taschenbuch; Auflage: 1 (10. Oktober 2016)
  • Sprache: Deutsch, übersetzt von Inken Kaulstorft
  • ISBN-10: 3956496000
  • ISBN-13: 978-3956496004
  • Originaltitel: Every Time a Bell Rings
  • Neupreis: 9,99 € (D)
  • Auch als E-Book erhältlich.

Dienstag, 18. Oktober 2016

... über "Spiel der Hoffnung" von Heidi Rehn

Heidi Rehn

Stimmungsvolles Zeitbild der ausklingenden Goldenen Zwanziger, in denen längst nicht mehr alles glänzt


(c) Droemer Knaur, Bildlink zu amazon

Zum Inhalt:
Ende 1926 führt eine Adresse aus dem Nachlass ihrer Mutter die junge Ella Wittkamp zu dem Münchner Professor Constantin Lutz. Der stellt sie prompt dem Industriellensohn Jobst Kirchenreuth als seine Nichte vor. Ein halbes Jahr später ist auch Professor Lutz tot und Ella mit Jobst verheiratet. Lutz' Hinterlassenschaft an Ella besteht in einer ominösen Mappe mit Unterlagen, die ihre Zukunft bei den Kirchenreuths sichern soll. Doch zunächst genießen die frischgebackenen Eheleute ausschweifende Flitterwochen an den angesagtesten Locations Europas. Es wird gespielt, gekokst und ordentlich Geld zum Fenster herausgeworfen. Zurück in München folgt die Ernüchterung: Hatte Jobst bereits während des Honigmonds ab und an durch Abwesenheit geglänzt, sitzt Ella, die vor ihrem Umzug nach München berufstätig war, bald in der Familienvilla der Kirchenreuths oft nutzlos herum und darf den weiblichen Repräsentationszweck erfüllen. Während es für Schwiegermutter Isolde kaum ein wichtigeres Thema als den hoffentlich bald eintreffenden Nachwuchs gibt, ist Ella ihrer Schwägerin Viktoria ein Dorn im Auge. Sie hat es sich in den Kopf gesetzt, Ella als Hochstaplerin zu entlarven ...

Meine Meinung:
"Spiel der Hoffnung" ist der erste Roman, den ich von Autorin Heidi Rehn lesen durfte, und ich kann jetzt schon sagen, dass er trotz kleiner Abstriche bestimmt nicht der letzte war.
Heidi Rehns historischer Roman, der knapp drei Jahre im Leben seiner Protagonisten abdeckt, entführt den Leser in die vermeintlich schillernde Welt des Jetsets der 1920er Jahre und flicht gekonnt historische Fakten ein, um interessante Einblicke in diese Zeit des erneuten Umbruchs zu bieten.
Zum stimmungsvollen Gesamtbild tragen vor allem Rehns Figuren bei, die mehrschichtig gezeichnet sind und sich nicht in ein Schema pressen lassen
Allen voran steht Ella, die im Grunde ihrer Vergangenheit beraubt ist und sich im Laufe der Geschichte nach und nach kennenlernt, und dieses Kennenlernen ist wahrlich kein Zuckerschlecken. Entgegen Jobsts Auffassung, dass die Vergangenheit vergangen ist und nur das Jetzt zählt, ist es ihr wichtig, mehr über ihre Herkunft zu erfahren. Der Große Krieg liegt noch nicht lang zurück, und während Jobst die Zeit an der Front hinter sich lassen will, sind es gerade diese Jahre, die Ella entwurzelt haben. Dass sie sich in Rehns Geschichte dennoch vergleichsweise lang dem süßen Leben hingibt, bevor sie endlich der ominösen Mappe des Professors auf den Grund geht, lässt sich wohl mit ihrer Jugend entschuldigen. Da darf im ersten Teil durchaus gefeiert und geshoppt werden. Kleider und Handtaschen, Variétés und Casino sind an der Tagesordnung und werden lebendig und sehr bildhaft geschildert. 
Nach dieser cleveren, unterhaltsamen Ablenkung besticht die zweite Romanhälfte schließlich mit ordentlich Spannung und Dynamik. Nicht zuletzt sind die Hintergründe um die Mappe des Professors höchst interessant und glaubwürdig erzählt.
Wenngleich Ella, die es aufgrund ihrer einfachen Herkunft gewöhnt ist, für sich zu sorgen, unumstritten im Mittelpunkt steht, sind die übrigen Figuren längst keine Randstatisten. Während Ella sich nicht in die Ehefrau-und-Mutter-Rolle pressen lassen will und der schwiegerelterliche Erwartungsdruck schwer auf ihr lastet, hat Gegenspielerin Viktoria diese Pflicht schon mal erfüllt. Als Mutter von Zwillingen tritt sie in der Villa der Kirchenreuths und in der Öffentlichkeit gebührlich auf.
Hinter der Fassade bröckelt es aber gewaltig, wie Heidi Rehns personal erzählter Schwenk auf Viktoria zeigt. Sie versteht es ausgezeichnet, die ältere Schwägerin zugleich als durchtrieben, verzweifelt, mütterlich und sogar bemitleidenswert darzustellen.
Im Vergleich dazu bleibt Ellas Gatte Jobst in meinen Augen etwas blass. Bereits auf der Hochzeitsreise zeigt er sich mit großen Pupillen und schwankt zwischen zärtlicher Zuneigung zu Ella, wilder Begierde und stoischer Verschlossenheit. Angesichts der flotten Heirat sind Konflikte vorprogrammiert. Die jungen Eheleute kennen sich nicht wirklich. Es ist Ellas verständigem, einfühlsamen und nicht zuletzt geduldigem Charakter zu verdanken, dass der eheliche Handlungsstrang nicht mit der Rückkehr nach München beendet ist. Mit den kurzlebigen Jetset-Affären hat das Paar nichts gemein: erfreulicherweise verbinden es nämlich echte Gefühle, die - wie auch Jobst technisches Interesse und sein Geschäftssinn - im Laufe der Geschichte immer mehr Kontur annehmen dürfen. Ellas und Jobst Liebesgeschichte mit ihren Höhen und Tiefen ist angenehm zu lesen und bietet einen ausgewogenen, wohltuenden Gegenpol zu der von Ressentiments, Erpressung und Gewalt geprägten Ehe von Viktoria und Jobst Bruder Falk.
Die Darstellung der Familien- und Beziehungsgefüge gelingt Heidi Rehn besonders gut, da sie sich nicht auf soziale Zeitklischees beschränkt, sondern gekonnt die unterschiedlichen politischen Anschauungen und Lebensvorstellungen der Beteiligten aufzeigt. Diese bergen nicht nur Konfliktpotenzial, sondern auch Raum für eine Fortsetzung der Kirchenreuth-Familiensaga. Neben den Veränderungen, die durch Ellas Heirat mit Jobst in der Familie entstehen, erfährt auch der zeitliche Hintergrund ihrer Geschichte Veränderungen. 
So projiziert die Autorin ein kontrastreiches Bild der sehr verschiedenen Städte München und Berlin: Während Ellas Heimat Berlin lebendig leuchtet, weltoffen ist und dem aufstrebenden Nationalsozialismus noch die Stirn bietet, ist das München der Kirchenreuths buchstäblich dunkel (Leuchtreklame ist verboten) und konservativ. Im Hintergrund aber findet Hitler mehr und mehr Anhänger. Auch hier besteht durchaus Raum für eine Weitererzählung des Handlungsstrangs rund um die Maschinenbaufirma der Kirchenreuths. 
Rehns Nebencharaktere sind interessant, haben stringente Handlungsstränge und verschwinden nicht sang- und klanglos. Sie schreibt ihnen passende Dialoge in passender Sprache auf den Leib und macht sie damit glaubwürdig. Reale politische Persönlichkeiten erhalten ebenfalls dann und wann einen kleinen Statistenauftritt, womit das Zeitbild angenehm abgerundet wird.
Etwas schwer getan habe ich mich allerdings mit Heidi Rehns Nominalstil, den ich als geradezu bürokratisch steif empfinde. So versucht sich Ella beispielsweise "im Herausfinden der Wahrheit", Viktoria steigt "nach dem Aussteigen" (aus der Tram) unangenehmer Geruch in die Nase oder Ella unterhält sich mit Rike "während des Durchgeknetetwerdens" ... Im Gegensatz dazu nimmt das "Patsch!", mit dem jede Ohrfeige angekündigt wird (und es gibt so einige Ohrfeigen in diesem Roman), schon fast comichafte Züge an. Auch ein paar Wiederholungen  - so wird beispielsweise ständig Viktorias Haarfarbe erwähnt - führen dazu, dass ich einen Punkt vom Gesamteindruck abziehe. 
Dennoch ist "Spiel der Hoffnung" ein rundum befriedigender historischer Roman zwischen Familiensaga und europäischer Geschichte Ende der Goldenen Zwanziger und macht Lust auf mehr Lektüre über diese Epoche. 

Fazit: 
Ausgewogener historischer Roman, der mit schillernden Szenerien mitzureißen weiß, aber auch mit Schattenseiten und lauten wie auch leisen Töne überzeugt und nuancierte Figuren bietet. Empfehlenswert für Leser, die sich für die Zeit der Weimarer Republik interessieren und gleichzeitig eine glaubwürdige Familien- und Liebesgeschichte genießen möchten. 

Gesamteindruck: 
4 von 5 Weißdornzweigen






Buchdaten:
  • Taschenbuch: 512 Seiten
  • Verlag: Knaur TB (1. September 2016)
  • Sprache: Deutsch
  • ISBN-10: 342651592X
  • ISBN-13: 978-3426515921
  • Neupreis: 10,99 € (D)
  • Auch als E-Book erhältlich.

Sonntag, 16. Oktober 2016

... über "Honigmilchtage" von Julia Rogasch

Julia Rogasch


Leichter Lesestoff für Tage, an denen heiße Milch mit Honig und Lesen gut tun


(c) Forever by Ullstein.
Bildlink zu amazon.

Zum Inhalt:
Mit ihrem Leben könnte Carla eigentlich zufrieden sein: Mit Ende 20 ist sie schon eine Weile in harmonischer Ehe mit ihrer großen Liebe Julius verheiratet, sie arbeitet im Außendienst eines Pharmaunternehmens und hat in ihrer jüngeren Schwester die beste Freundin, die man sich denken kann. Und doch läuft es nicht richtig rund. Der Job erfüllt sie nicht; viel zu erfolgsheischend und befremdlich erscheinen ihr ihre Kollegen, lediglich die zehn Jahre ältere Nele hat sich zur Freundin entwickelt, und als Carla den Mund auf macht, um ihre Unzufriedenheit mit dem "System" in der Firma kundzutun, muss sie um ihre Stelle fürchten. Auch Julius ist als Juniorpartner in seiner Kanzlei mächtig eingespannt und immer auf Achse, und so manches Mal fragt sich Carla, wie Familiengründung in diese Konstellation, in der jeder viel zu wenig Zeit für den anderen hat, passen soll. Als Nele ihr an einem jener Tage, die nach viel heißer Milch mit Honig verlangen, einen Glücksratgeber schenkt, beginnt Carla, ihr Leben zu hinterfragen, und beginnt eine E-Mail-Korrespondenz mit der Autorin. Als sich eine einschneidende berufliche Veränderung androht, ist Carla schließlich bereit, alles hinzuschmeißen. Doch genau an diesem Tag erleidet Julius einen schweren Zusammenbruch ...

Meine Meinung:
In Schaltjahren wie diesem gibt es genügend Tage, an denen nur noch eine mollige Erinnerung an Kindheitstage, als man noch umsorgt wurde, hilft. Frauenromane wie Julia Rogaschs "Honigmilchtage" sind da grundsätzlich eine gute Wahl. 
Zu meinem Bedauern zählt "Honigmilchtage" zu jenen Romanen, die mir sprachlich und stilistisch stark die Lesefreude getrübt haben, was sich deutlich in der Punktwertung niederschlägt. Und dabei ist die Idee gar nicht mal so schlecht und der Roman durchaus unterhaltsam.
Julia Rogasch zeichnet ihre Protagonistin Carla als eine Person, mit der sich die Leserin um die Dreißig, aber auch um die Vierzig oder eben an jedem anderen Wendepunkt im Leben wunderbar identifizieren kann. Sie ist keiner jener jammervollen Charaktere, die sich von Satz zu Satz selbst bedauern, sondern ist sich der Defizite in ihrem Leben durchaus bewusst. Sie ist gewissermaßen gefestigt und erfreut sich eines gesunden Umkreises. Es ist schon mal erfrischend, einen Charakter zu lesen, der nicht tonnenweise Familien- und Vergangenheitsgepäck mit sich herumschleppt. Auch ohne Trauma ist Carla einfach an einem Punkt, an dem eine Veränderung angezeigt ist. Wie im echten Leben braucht auch sie nur den passenden Anstoß ... oder mehrere. 
Als Ich-Erzählerin reflektiert sie im Präteritum recht scharfsinnig über ihr Leben; es steht außer Frage, dass wir es mit einer klugen Person zu tun haben, die mehr aus ihrem Leben machen will, und einer Frau, die bereit ist, Karriere und Familie unter einen Hut zu bringen. Trotzdem wirkt der Roman, der sich fast schon anspruchsvoll "Glücksroman" nennt, vergleichsweise oberflächlich. Auf unzähligen Treffen, die zwar Carlas gefestigtes soziales Umfeld verdeutlichen, wird immer wieder viel gegessen, getrunken und gefeiert, aber die Augenblicke, in denen es so menschelt, dass es ans Leserherz geht, waren mir für einen Glücksroman zu wenig. Überdies passen Carlas Handlungen gelegentlich nicht zu dem Bild, das sie von sich selbst zeichnet. So kann sie sich einerseits mit ihren erfolgsverliebten Kollegen nicht anfreunden, will das Klassentreffen nicht besuchen, weil sie mit den Schulkameraden von damals "nicht kann", vertraut sich dann aber in einem schwachen Moment einem Wildfremden auf einer Parkbank an und schließt auf Sylt erstaunlich schnell neue Freundschaften. Gleichzeitig reagiert sie wie eine beschützende Löwin, wenn ihrer Familie weh getan wird, wobei sie aber die Angelegenheit nicht genau hinterfragt, sondern erst einmal ohne Vertrauensvorschuss überemotional reagiert und dann oft der Zufall die Dinge richten darf. Hier wie auch für das gesamte Setting hätte ich mir feinere Abstufungen gewünscht. Auch die Charaktere haben vorwiegend den Stempel "lieb" - die klischeehafte Ex einmal ausgenommen -, und so hätte hinter Carla und ihrer Schwester Marie, die fast immer ein echter Fels in der Brandung ist, zwischendurch aber auch mal aus der Rolle fallen darf, vor allem Julius, dem das Schicksal einigermaßen übel mitspielt, mehr Tiefe gut getan.
Der Stil der Autorin ist geprägt von Füllseln (direkt, dann auch gleich mal, unmittelbar, ja ...) und einem Mix von Substantivierung, Relativsätzen, deren Bezug zu weit entfernt steht, und umgangssprachlichem Erzählen. Letzteres funktioniert zwar in Dialogen, die trotz einiger überzogener Einschübe englischer Aussprüche authentisch überkommen, und gibt dem Roman eher den Stil einer schnell dahin geschriebenen Mail an eine Freundin; er passt aber irgendwie nicht zu Carlas eher träumerischem Charakter, die sich bei Gelegenheit gern in eine Decke kuschelt, eine Honigmilch genießt oder am Strand spaziert. Anflüge sinnlichen Erzählens verblassen noch zu stark, und ab und an wirkt die Timeline kürzer, als sie eigentlich ist, was insbesondere den Handlungssträngen um die Nebenfiguren etwas an Glaubwürdigkeit nimmt.
Spaß machen, trotz der Vorhersehbarkeit der Geschichte, die gefestigten Freundschaften der Figuren und Carlas Wandlung von der herumgeschubsten Außendienstlerin zu einer angehenden Geschäftsfrau, die sich eben genau auf diese Freundschaften verlassen kann, wendig und optimistisch ist und schlussendlich versteht, was persönliches Glück für sie bedeutet. Typische Verwicklungen und Mißverständnisse pflastern den Weg, sorgen aber dank der schlüssigen Umsetzung der Hintergrundidee für angenehm kurzweilige Lektüre. 

Fazit: 
Frauenroman, der mit einer durchaus realistischen Glücks-Schmiede-Idee und einer Hauptfigur mit ordentlichem Identifikationspotenzial punktet, aber an Vorhersehbarkeit und noch unausgereiftem Stil krankt. Wer an trüben Tagen Kurzweil und eine kleine Portion Glück sucht, ist mit diesem E-Book dennoch nicht falsch beraten.

Gesamteindruck: 
3 von 5 Weißdornzweigen






Buchdaten:
  • Format: Kindle Edition
  • Dateigröße: 2223 KB
  • Seitenzahl der Print-Ausgabe: 391 Seiten
  • Verlag: Forever (12. August 2016)
  • Verkauf durch: Amazon Media EU S.à r.l.
  • Sprache: Deutsch
  • ASIN: B01J7L204Q
  • Aktueller Preis: 3,99 €
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