Samstag, 21. November 2015

... über "Big Game - Die Jagd beginnt" von Dan Smith

von Dan Smith

Zu viel Hollywood

(c) Chicken House, Bildlink zu Amazon

Zum Inhalt:
Oskari steht zu seinem dreizehnten Geburtstag ein großes Ritual bevor: Die Nacht vor dem großen Tag soll er allein in den Wäldern seiner Heimat verbringen und mit dem traditionellen Jagdbogen seines Dorfes ein nach Möglichkeit großes Tier erlegen. Nur schafft er es bereits bei der Verabschiedung an der "Schädelstätte" nicht, den riesigen Bogen ordentlich zu spannen. Mit einigem Muffensausen setzt er sich also auf das alte Quad seines Dads und braust durch die Wälder, um den geheimen Jagdplatz seines Dads zu erreichen. Doch dann kommt alles anders. Oskari rutscht mit dem Quad vom Weg und nur einen Augenblick später dröhnt ein riesiger Hubschrauber über ihn hinweg. Was der Junge dann beobachtet, passt keineswegs in seinen Wald. Er gibt Fersengeld, aber schon kurz darauf bricht der Himmel über ihm ein und zwischen brennenden Wrackteilen und Bäumen liegt eine Rettungskapsel. Darin: der Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika ...

Meine Meinung: 
Meinem Sohn, der aktuell von einem Bogenschießvirus befallen ist, fiel ein passendes Buch in die Hände. Ohne je von dem gleichnamigen Film gehört zu haben, sprach ihn der Umschlag mit den übergroßen Lettern auf schwarzem Grund an. Und weil das Buch ohne Alterzuordnung unter "Kinderbücher" im Buchladen herumlag, haben wir es gekauft.
Ein Fehler dahingehend, dass mein Sohn zwei Jahre unter dem empfohlenen Lesealter liegt. Das ist nämlich, passend zum Alter des Protagonisten, mit 12 bis 17 Jahren angesetzt. Nach der Lektüre sind wir allerdings beide überzeugt, dass Smiths Roman wohl besser bei Lesern ab 14 aufgehoben ist. 
Gespickt ist die Geschichte mit Aktion, Gefahr, Adrenalin, das ein Kind zum Superhelden macht, und auch mit einer ganzen Menge Leichen. 
Zu Beginn verspricht "Big Game" eine naturverbundene Story über den Übergang in einen neuen Lebensabschnitt. Mit erfolgreich absolviertem Jagdritual zählen die Jugendlichen in Oskaris finnischem Dorf nämlich zu den Erwachsenen. Dabei ist Oskari ein Durchschnittsjunge, der schon von Kindesbeinen an mit seinem Dad durch die Wälder zog und ganz sicher mal ein guter Jäger wird. Nun ist er aber auch noch ein Kind und kein Kraftprotz, sodass er dem Ritual entsprechend verunsichert entgegenblickt. Nach dem Tod seiner Mutter hat er einen besonderen Erfolg nötig, und er will auch keineswegs seinen Dad enttäuschen. Der steht nämlich ganz oben auf der Liste der Top-Jäger. Als es Oskari nicht gelingt, den traditionellen schweren Jagdbogen komplett zu spannen, sinkt ihm verständlicherweise der Mut. Doch Oskari ist mit Traditionen aufgewachsen und glaubt, wie seine Mom ihm schon immer sagte, daran, dass es da draußen ein Tier geben muss, das für ihn bestimmt ist. Das alles deutet auf eine Geschichte von Selbstfindung, Selbstvertrauen und Naturverbundenheit hin. 
Hollywood lässt aber nicht lange auf sich warten. Hätte ich das Impressum hinten im Buch zuerst gelesen (meinen Sohn interessiert ja so etwas ohnehin nicht), wäre mir eine gewisse Vorahnung nicht erspart geblieben. Dort wimmelt es nämlich von "Based on ..." So basiert Smiths Roman nicht nur auf der Originalgeschichte von Jalmari Helander und Petri Jokarinta, sondern auch auf Helanders Drehbuch und dem gleichnamigen Film. Es ist damit nicht verwunderlich, dass Oskari und sein Umfeld von Beginn an eher den Eindruck machen, es handele sich um amerikanische Ureinwohner. Finnland kommt erst später im Zuge der Begegnung mit dem US-Präsidenten zur Sprache. Das Setting ist austauschbar und entbehrt einer lokalen Färbung. Oskari könnte genauso gut durch die Rockies wandern. 
Spätestens als Oskari mit seiner Tarndecke zum Landeplatz des riesigen Hubschraubers robbt und Terroristen mit ihren Gewehren beobachtet, rutschen wir hinein in ein Action Movie, das flott mit seiner ersten Leiche seinen Lauf nimmt. Oskari muss zum Erwachsenwerden gar keinen großen Hirsch erlegen, nein, er darf den Präsidenten der freien Welt retten. Auf geht es mit unbrauchbarem, schwerem Jagdbogen und Campingequipment mit dem Präsidenten durch den Wald, Attentäter sind den beiden auf den Fersen. Selbstverständlich ist der Junge in seinem Element und der Staatschef ziemlich hilflos. Pathetische Dialoge, atemberaubende Actionsequenzen - Zwölfjähriger hängt mit Kühltruhe am Hubschrauber, springt hohe Wasserfälle hinab, schwimmt durch eiskalte Seen -, erschossene Secret-Service-Agenten und liquidierte Air-Force-One-Besatzung pflastern den Leseweg, und selbstverständlich blieb der Feuerball, als das Präsidentenflugzeug nebst Begleitflugzeugen vom Himmel geholt wurde, unbemerkt. Pläne werden vereitelt und so ganz ohne Handy und Fähigkeit im Umgang mit vorhandenen Waffen gestaltet sich die Flucht der beiden ungleichen Protagonisten konfliktreich, aber auch ziemlich ziellos. Nur gut, dass es die SEALs gibt ... 
Das wird zwar rasant und routiniert spannend erzählt, vom erhofften Bogenschützen oder Naturburschen lesen wir jedoch nicht genug. Leider bleiben Oskari und der Präsident ziemlich blass und die Beweggründe der Attentäter gewohnt plakativ.
Mein Sohn hat sich somit beim Lesen nicht nur ziemlich gefürchtet, immerhin schwamm Oskari nicht nur metaphorisch zwischen Toten, sondern bleibt einigermaßen enttäuscht zurück. Sein Fazit: "Da hätten wir auch ins Kino gehen können, und daheim hätt' ich dann ein gutes Buch gelesen."

Fazit:
Schnell zwischendurch zu lesendes Action-Spektakel, das vermitteln will, das man nie glauben soll, man sei nicht gut genug, aber die Belanglosigkeit nur selten verlässt. Nur Actionfans zu empfehlen, die gerne das "Buch zum Film" lesen. 

Gesamteindruck: 
2 von 5 Weißdornzweigen
 

Buchdaten:
  • Gebundene Ausgabe: 304 Seiten
  • Verlag: Chicken House (24. April 2015)
  • Sprache: Deutsch, übersetzt von Birgit Niehaus
  • ISBN-10: 3551520739
  • ISBN-13: 978-3551520739
  • Vom Hersteller empfohlenes Alter: 12 - 17 Jahre
  • Ladenpreis: 15,99 € (D) 
  • Auch als E-Book und Hörbuch erhältlich.  

Donnerstag, 5. November 2015

... über "Kräuter der Provinz" von Petra Durst-Benning

Petra Durst-Benning
Köstliche Lektüre 
(c) Blanvalet, Bildlink zu Amazon

Zum Inhalt:
Therese ist Wirtin der Goldenen Rose und Bürgermeisterin von Maierhofen. Beschaulich eingebettet in eine Wohlfühllandschaft liegt das Dorf im schwäbischen Allgäu, aber wie so manch anderer kleiner Ort leidet auch Maierhofen unter der Abwanderung der Jungen, und dem lokalen Gewerbe droht das Aus. Sorgenvoll blickt Therese auch in ihre eigene Zukunft - erst kürzlich erhielt sie die Diagnose: Krebs. Doch bevor sie sich um sich selbst kümmern kann, will sie das Schicksal Ihres Dorfes in die richtigen Bahnen gelenkt wissen. Als sie im Fernsehen sieht, dass ihre Cousine Greta Roth einen Werbepreis gewinnt, kommt ihr eine Idee: Maierhofen soll eine Imagekampagne bekommen. Nur hatte Therese zuletzt als Kind Kontakt zu Greta und die Gemeindekassen sind sowie leer. Also entsinnt Therese einen Plan, um die Städterin Greta wieder in die Provinz zu locken. Aber wird sie damit Erfolg haben?

Meine Meinung:
Zahlreiche Romane sind bereits aus Petra Durst-Bennings Feder geflossen, „Kräuter der Provinz“ ist jedoch das erste Buch, das ich von der Autorin gelesen habe. Angesichts des recht aufgeräumten Covers mit seinem ländlichen Kochbuchlook war ich noch nicht überzeugt. Nach dem zweiten Blick hat sich der Griff zur Lektüre allerdings gelohnt.
Mit „Kräuter der Provinz“ legt Petra Durst-Benning nämlich einen warmherzigen Roman vor, der heimelige Herbstlesestunden beschert und stellenweise ganz schön für Magenknurren sorgt.
Dass ich mich mit den Kräutern der Provinz so zu Hause gefühlt habe, ist vor allem den Protagonistinnen zu verdanken. Wir haben es hier nicht mit gekünstelten jungen Hüpfern zu tun, sondern mit Frauen, die in ihren Vierzigern an einem Wendepunkt in ihrem Leben angekommen sind.
Da ist zum einen Therese, die als Herz des Romans und des Handlungsortes Maierhofens eingeführt wird. Obwohl sie krankheitsbedingt über weite Strecken der Handlung nicht einmal anwesend ist, hält sie doch alles zusammen. Sie ist die Initiatorin der Geschichte, und der Autorin gelingt es ausgezeichnet, Therese präsent zu halten, selbst wenn sie keine eigenen Szenen bekommt. So entkommt der Roman auch übermäßiger Trübsal und konzentriert sich auf Wünsche und Träume und deren Umsetzung.
Dafür soll nun Thereses Cousine Greta zuständig sein. 
Werbefrau Greta Roth - die Rot zu ihrem Markenzeichen gemacht hat und bislang zu den ganz Großen in ihrer Werbeagentur zählte - hat sich nun aber ganz und gar nicht auf Landlust und dörfliches Image spezialisiert. Deshalb muss sie erst einmal überzeugt werden. So wird zunächst Hausmütterchen Christine nägelkauend auf die Reise nach Frankfurt geschickt. Mit Laugenbrezeln als Gruß stolpert die Hausfrau und von ihren Töchter wenig geschätzte Mutter in Gretas Wohnung und Leben, um sie nach Maierhofen zu locken. Mit Erfolg: Wenig später reist Greta im schicken Auto mit Navi - weil es im Reisebüro kein Pauschalangebot gab - an und bekommt einen Kulturschock.
Ohne dass die Lektüre langweilig wird, erleben wir denselben Ort, den wir bereits auf den ersten Seiten kennenlernen durften, noch einmal - durch Gretas Augen. Und das ist ebenso ernüchternd wie amüsant.
Wir begleiten Greta, um das Dorf und seine Bewohner kennenzulernen. Kartoffelbäuerin Roswitha, die schon zeitig vorgestellt wird, Metzgermeister Edy, der ein tierisches Problem mit seinem Beruf hat, Jessy, die Likör-Frau, Aussteigerin und Sennerin Madara, Sam, der mürrische Koch in der Goldenen Rose … sie alle haben Träume und Ideen, die im Laufe der Geschichte herausgekitzelt werden. Und sie alle haben besonderen Sinn für ursprünglichen Genuss - etwas, das der Städterin Greta abhanden gekommen ist.
Neben den urwüchsigen, aber auch kreativen Köstlichkeiten lockt in Maierhofen auch noch eine ganz andere Versuchung, auf die Greta in ihrem „Alter“ beinahe nicht mehr zu hoffen gewagt hätte …
Petra Durst-Benning zeichnet ein lebendiges Bild des Landlebens mit seinen Sorgen, aber auch den bunten Festen, die den ländlichen Raum so manches Mal zusammenhalten. Allerdings ist der Maierhofen vergleichsweise groß und nach meinem Verständnis eher eine Kleinstadt, sodass ich mein persönliches Dorferleben nicht unbedingt darin wiederfinden kann. Aber die Vorstellungen von einem Dorf dürften wohl genauso bunt sein wie die Dörfer selbst … sodass Maierhofen durchaus all jene kleinen Orte repräsentieren darf, in denen vor allem die Menschen in mittlerem Alter dafür kämpfen, dass den Jungen eine Lebensgrundlage erhalten bleibt und die Orte nicht von der Bildfläche verschwinden. Von Ambiente allein lässt es sich schließlich nicht leben. Dass das nicht einfach ist, klingt in „Kräuter der Provinz“ ebenso an wie der Appell, dass es darauf ankommt, Träume wirklich in die Hand zu nehmen und Ideen gemeinsam umzusetzen. In sich hineinhören und genießen können - Fähigkeiten, die es wert sind, zurückerlangt zu werden.
Trotz des ernsteren Handlungsstrangs um Thereses Krankheit ist „Kräuter der Provinz“ ein vornehmlich heimeliger Roman, in dem zwar Stolpersteine auf dem Weg liegen, aber ansonsten alles ziemlich glatt läuft. Gerade in Bezug auf kulinarische Neuerungen und den Verkauf selbst zu bereiteter Lebensmittel stelle ich mir gewisses Konfliktpotential vor (Besuche von der Lebensmittelkontrolle sind durchaus Realität).
Da das Wagen von Träumen aber im Mittelpunkt steht, ist es wohl eher folgerichtig, die Hürden zu minimieren und die Freude am Genießen zu vermitteln. Und das gelingt Petra Durst-Benning sehr gut mit untrüglichem Gespür für authentische Dialoge, die stets zur Situation und zu ihren Protagonisten passen, kleine Seufzermomente inklusive. 
„Kräuter der Provinz“ ist ein Wohlfühlbuch, das anregt, Lebensgewohnheiten zu hinterfragen, und Mut macht, neue Wege zu beschreiten. Vielleicht hat es auch genau deshalb ein offenes Ende …

Wer sich am Ende nicht nur in Maierhofen und seine kochenden, backenden, kreativen Bewohner verliebt, sondern auch Lust bekommen hat, die angesprochenen Köstlichkeiten selbst auszuprobieren, wird auch in diesem Buch fündig. Abgeschlossen wird der Roman mit einer Reihe von „Genießertipps“, die den eigenen Küchenalltag aufpeppen.

Fazit:
Ein Wohlfühlroman mit authentischen Charakteren, die ihr Leben in die Hand nehmen und (wieder) lernen zu genießen.

Gesamteindruck:
4 von 5 Weißdornzweigen






Buchdaten:
  • Taschenbuch: 512 Seiten
  • Verlag: Blanvalet Taschenbuch Verlag (14. September 2015)
  • Sprache: Deutsch
  • ISBN-10: 3734100119
  • ISBN-13: 978-3734100116
  • Ladenpreis: 9,99 € (D) 
  • Auch als E-Book erhältlich.

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