Dienstag, 30. Juni 2015

... über "En finir avec Eddy Bellegueule" von Edouard Louis

Edouard Louis

Mechanismen des Unerträglichen. 
Ein Schrei, den nicht jeder hören will. 
 
Zum Inhalt:
Von klein auf passt Eddy nicht dazu. Nicht zu den anderen Kindern, nicht zu seiner Familie. Mit femininen Zügen ausgestattet, ist er früh schon als Schwuchtel verschrien, hat in der Schule Schläge einzustecken und kann in seinem ärmlichen Elternhaus, in dem es keine Türen für Privatsphäre gibt, Geschlechterrollen klar abgesteckt sind und von früh bis spät der Fernseher läuft, weder Verständnis noch Hilfe erwarten, ist er doch geradezu abstoßend für sie und Quell der Schande. Eddy will ausbrechen aus seinem sozialen Milieu, der Armut und der täglichen Gewalt. Ein erster früher Fluchtversuch scheitert, doch Eddy findet einen neuen Weg ...

Meine Meinung:
„En finir avec Eddy Bellegueule“, in Deutschland bei S. FISCHER unter dem Titel „Das Ende von Eddy“ erschienen, ist der autobiografische Roman des noch jungen Schriftstellers Édouard Louis. Äußerlichsowohl in der französischen Originalausgabe des für seine einheitliche Umschlaggestaltung bekannten Verlags Seuil als auch in der deutschen Ausgabe wie ein pädagogisches Fachbuch anmutend, bedarf es doch eines gewissen Interesses, nach dem Roman, der in Frankreich ein Überraschungserfolg war, zu greifen. 
"En finir avec Eddy Bellegueule" entpuppt sich als Roman, der oft von so stark distanzierter Außenbetrachtung durchzogen ist, dass die Abgrenzung zur Autobiografie erschwert wird. Mit Anfang 20 reflektiert Eddy Bellegueule, inzwischen zu Édouard Louis geworden, seine Kindheit im französischen Norden. Wo Armut und Arbeitslosigkeit dominieren, zeichnet der junge Mann ein geradezu klischeehaftes Bild seiner ehemaligen Heimat, erzählt vom erdrückenden Dorfleben mit seinem vorgezeichneten Denken und seinen festgefahrenen Rollenbildern. 
Der Legende um Louis’ Beststeller zufolge sei sein Manuskript zunächst unter anderem abgelehnt worden, weil man seinen Schilderungen kaum Glauben schenken könne. 
Dabei sind es doch gerade seine Schilderungen von ländlichem Miefs über gelebte Kleingeistigkeit bis hin zur hausgemachten Ausweglosigkeit, die dem Leser, der schon mal den Fuß vor die Tore der Großstadt gesetzt hat, nicht unbekannt sein und hier besonders eindrücklich ins Bewusstsein rücken dürften. 
Mit der Akribie eines Soziologen analysiert Louis das Umfeld seiner Kindheit, oft aber fehlt ihm Raum für persönliche Emotionalität. Der Eddy, der der Autor selbst war, bleibt hinter der Distanz zurück, wirdabsichtlich, möchte man meinenmit analytischen Betrachtungen von Herkunft, Gegebenheiten, aus denen so gar keiner ausbrechen will, und Gewalt unterdrückt. 
Nähe bezieht Louis’ Roman aus Einschüben wörtlicher Rede. Ohne Punkt und Komma, nur in Kursivdruck deutlich gemacht, flicht der Autor die Sprache seines Dorfes, seiner Eltern, seiner Mitmenschen ein. Sie strotzt vor Argot, mangelnder Bildung. Deutlich ist sie, hart und bringt die Authentizität, die der Roman benötigt, um nicht an seiner eigenen Analytik zu ersticken, und gerade an dieser Stelle würde ich im Nachgang tatsächlich gern noch die deutsche Übersetzung lesen. 
Ein großer sprachlicher Knalleffekt bleibt dennoch aus. Der junge Autor ergeht sich nicht in Wortgewalt, sondern bleibt trotz seiner Ausflüge in den schnoddrigen Argot, mit dem er aufgewachsen ist, erstaunlich nüchtern. 
Nach vielen Seiten, die Eddys Leidensweg eingebettet in bisweilen als Entschuldigung anmutende Geschichten über Vater und Mutter schildern, schwenkt Louis schließlich über zu seiner sich von Anfang an andeutenden Suche nach seiner Sexualität. 
Ist er homosexuell, wie ihm die Schmährufe und Schläge glauben machen wollen? 
Welche „Neigung“ hat er? 
Ist er der, für den ihn alle anderen halten? 
Kann er sein wie die anderen? 
Will er überhaupt dazugehören? 
Auf seiner Suche nach seinem Platz macht Eddy ‒ und wir lesen hier von einem Kind, das noch nicht zum Lycée übergewechselt ist ‒ alles mit, lässt alles mit sich machen. 
Hat der aufgeschlossene Leser bislang vielleicht wissend genickt, denn komasaufende Jugendliche, Gewalt auf dem Schulhof, die angeblich keiner sieht, oder Lehrer, die Flausen in Kinderköpfen demontieren, dürften wahrlich keine unbekannten Größen sein, so schabt Louis nun heftig an der Grenze des Erträglichen. 
Szenen, in denen das Kind bei heimlichen Treffen in einem Hangar von seinem eigenen Cousin zu Geschlechtsverkehr gezwungen wird (und Gefallen daran findet (?)), lasten schwer und werfen die Frage auf, wie viel Direktheit Louis’ Schrei nach Veränderung und Toleranz überhaupt benötigt, um gehört zu werden. 
Wie abgestumpft mag der Leser wohl sein, wenn er mit voyeuristischem Blick durch ein Brennglas jenseits der Romantik aufgeschreckt werden muss? 
Mit Eddy stolpern wir von jenen homoerotischen Erfahrungen zu einem arrangierten Beziehungsversuch mit der 18-jährigen (!) Freundin seiner Schwester. Und immer wieder stellt sich die Frage, wo Autobiografie endet und Fiktion beginnt. 
Der Wunsch, „mit Eddy abzuschließen“ ‒ aus Lesersicht durchaus zweideutig zu verstehen ‒, keimt mit jedem Bild, mit jedem Anflug von peinlicher Berührtheit und von sogar von Wut und Unverständnis. 
Dem Autor gelingt es, seinen vermeintlichen Schicksalsweg zu verlassen. In Fiktion oder Realität setzt er zur Flucht an, bis er den Weg findet. Zu einer weiterführenden Schule mit Internat, eine Zugreise von seinem Dorf entfernt. 
Doch kann er nun wirklich befreit über den Zuruf „Schwuchtel“ lachen?
Wir erfahren es nicht, denn Louis endet seinen Epilog abrupt. 
Was bleibt, sind die Mythen rund um den Bestseller eines jungen französischen Autors, der mit Eddy abgeschlossen hat, aber ‒ ohne dass an dieser Stelle die Unfähigkeit der Eltern entschuldigt werden soll ‒, tragische Figuren in einer Milieustudie der Ausweglosigkeit und ein schales Gefühl von einem Tropfen auf dem heißen Stein zurücklässt.

Gesamteindruck: 
4 von 5 Weißdornzweigen
 





Buchdaten:
  • Gebundene Ausgabe: 208 Seiten
  • Verlag: S. FISCHER; Auflage: 3 (12. Februar 2015)
  • Sprache: Deutsch, aus dem Französischen übersetzt von Hinrich Schmidt-Henkel
  • ISBN-10: 3100022777
  • ISBN-13: 978-3100022776
  • Originaltitel: En finir avec Eddy Bellegueule
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