Freitag, 9. Oktober 2015

... über "Die Tochter des Malers" von Gloria Goldreich

Gloria Goldreich

Weil ich mich nicht kurz fassen konnte, stelle ich ausnahmsweise mein Fazit voran:
Als streng biografisch angelehnter Roman dürfte „Die Tochter des Malers“ Fans von Romanbiografien, die sich viele Informationen wünschen oder sich speziell für Chagalls familiäres Umfeld interessieren, gefallen. Autorin Gloria Goldreich bietet allerdings kontroverse Charaktere, die sie bewusst nicht von der Realität entfernt und die zum Teil erschreckend unsympathisch sind. Leider verliert sie auch so manches Mal ihre Protagonistin Ida Chagall aus dem Blick. Unnötige Längen und ein abfallender Spannungsbogen in Verbindung mit erzählerischen Schwächen sind die Folge. Dennoch erwarten den Leser interessante, lesenswerte Einblicke in die judenfeindliche Politik Frankreichs während des Zweiten Weltkriegs und die boomende Nachkriegs-Kunstwelt, kleine Begegnungen mit Zeitgenossen und zeitlich angemessene Sprache und an die Kunst angelehnte Bilder, die durchaus Lust auf mehr von/über Chagall machen. 

(c) Aufbau-Verlag; Bildlink zu amazon

Zum Inhalt:


Als Ida Mitte der 1930er zu einem Sommerlager für russische Emigranten aufbricht, hat sie nur die Liebe im Sinn. In den Armen des Jurastudenten Michel ist sie nicht die behütete Tochter des großen Marc Chagall. Für den Augenblick eines unbeschwerten Sommers tut sie, wonach ihr der Sinn steht. Zurück in Paris, folgt die Ernüchterung: Id(otschk)as und Michels Sommerliebelei ist nicht ohne Folgen geblieben. Idas Eltern sind entsetzt. Um einen Skandal zu vermeiden, macht man sich schlau, lässt die Tora auslegen und beschließt nicht nur ein avortement, sondern auch die Vermählung der Kinder. Mit nicht einmal zwanzig wird Ida ungewollt zur Ehefrau. Energisch nach ihrem Platz im Leben suchend, avanciert sie, jung und schön, zur Vertreterin der Kunst ihres schaffenswilden Vaters. Weiterhin untrennbar in den Mikrokosmos ihrer kleinen Familie eingebunden, reist sie für ihn, sorgt für die finanzielle Absicherung. Doch über Europa ziehen dunkle Wolken auf. Ida erkennt die drohende Gefahr. Nach all den Jahren, die das russisch-jüdische Ehepaar Chagall unstet verbrachte, seit es Russland hatte verlassen müssen, wähnt sich Chagall jedoch in Frankreich in Sicherheit. Von Paris weicht man gerade einmal in den französischen Süden aus, wo der Künstler sich selbstvergessen seinem Werk widmet, während Ida alles daran setzt, ihren Eltern die Ausreise zu ermöglichen. Aus dem viel gelobten Mädchen, das der berühmte Vater so gern in unschuldigem Weiß auf seine Gemälde bannte, wird eine Kämpferin. Eine junge Frau, die auch nach dem Krieg weiterkämpft … um Anerkennung und Unabhängigkeit gleichermaßen. Aber wann wird sie ihren eigenen Weg finden?

Meine Meinung:
Viel wurde über den Maler und Mystiker Marc Chagall geschrieben. Seine Lebensgefährtin, mit der er nach dem Tod seiner Ehefrau Bella sieben Jahre verbrachte, meldete sich zu Wort wie auch sein unehelicher Sohn und nicht zuletzt der Meister selbst in einer Autobiografie. So scheint es doch nur angemessen, dass sich ein/e Autor/in voll und ganz der Frau widmet, der er wohl nicht nur sein Leben, sondern auch zu großen Teilen Wohlstand und ständige Präsenz in den Kunsthallen dieser Welt verdankte: seiner Tochter Ida.
Gloria Goldreich, Expertin für jüdische Geschichte und vielfach ausgezeichnete Autorin, legt mit „Die Tochter des Malers“ eine detailliert recherchierte, auf strenge Einhaltung der Chronologie bedachte Romanbiografie vor, die gut zwei Dekaden im Leben Ida Chagalls überspannt. Mit hohem Anspruch und unverkennbarem Interesse an der Kunst und dem Wesen ihrer Figuren stellt sie dem Leser eine Frau vor, die, gefangen zwischen dem Drang, aus dem Schatten des berühmten Vaters zu treten, und dem Wunsch, sich stets und ständig der Liebe und Anerkennung ihres Vaters zu vergewissern, zu einer, so möchte man meinen, energischen und starken Frau heranreift. 
Auf dem Buchumschlag heißt es: "Schönheit ist das Leben ihres Vaters Marc Chagall. Doch sie sucht die Liebe." Vorsicht, wer hier nach Romanze lechzt. Den Aufdruck darf man durchaus zweideutig verstehen.
In ihren Erinnerungen „Sieben Jahre der Fülle - Leben mit Chagall“ (1987 im Diana-Verlag erschienen), die Goldreich im Vorwort zu ihrem Roman im Übrigen ausdrücklich empfiehlt, mutmaßt Virginia Haggard, Chagalls Lebensgefährtin, wie schwierig es gewesen sein muss, die Tochter eines berühmten Mannes zu sein. Ida sei nicht immer so geliebt worden, wie sie es brauchte, postuliert sie. Während Haggard jedoch Abstand davon nimmt, das Chagallsche Beziehungsgeflecht zu verteufeln, webt Goldreich einen Roman, in dem Sympathieträger zur Nadel im Heuhaufen werden.

Antihelden aus dem wahren Leben

Zwar ist Ida eine der seltenen literarischen Gestalten, die (zunächst) eine echte Entwicklung durchlaufen. Dennoch täuscht ihre über weite Teile ihrer Geschichte omnipräsente Stärke nicht darüber hinweg, dass ihr Freistrampeln zunächst nur Makulatur ist und einem großen Schlag entgegendriftet.
Auf den ersten Seiten, die aufgrund von Zeit- und Ebenenwechseln etwas kompliziert sind, deutet die Autorin Familien- und Fluchtkontext an, der dem Leser als Interpretationsgrundlage dienen darf. Schlägt er dieses Angebot aus, mag Idas Entwicklung zu einer Person, die - im Grunde sogar ungefragt - enorme Verantwortung übernimmt, „aus heiterem Himmel“ erscheinen. Denn nicht immer lassen sich die zeitlichen Übergänge und Ereignisse und die Verhaltensweisen schlüssig nachvollziehen.
Ida Chagall ist kein Romancharakter, mit dem es sich leicht mitfühlen lässt, ganz gleich, wie unsympathisch wir ihren Vater Marc Chagall präsentiert bekommen.
Wir erleben ihn als egozentrischen Künstler, der, wenngleich nicht praktizierender Jude, in Fatalismus versinkt, sich wie ein Kind von den Frauen in seinem Leben abhängig macht und sie dabei in Abhängigkeit verstrickt, während er nicht wahrnimmt, wie sie an ihrer Aufopferung zu zerbrechen drohen. Oder doch? Wir erfahren es nicht, denn Goldreichs Romanbiografie mangelt es an Grautönen.
So mutet Idas Leben wie ein Fulltime-Job für Chagall an. Von Beginn an steckt sie in einem Geflecht von Abhängigkeit. Alles dreht sich um Chagall, der sich mehr Sorgen macht, dass seine Bilder den Krieg überstehen, als um seine eigene Tochter (und den Schwiegersohn, den er gar nicht will, aber sich selbst aufzwingt). Bella, Idas Mutter und Chagalls ewige Inspiration der großen Liebe, ist stets bestrebt, ihm alles mundgerecht zu richten, ihn zu besänftigen, während sie selbst unverkennbar kränkelt und Russland hinterhertrauert. Ihre Rolle übernimmt schließlich Ida. Einst Muse und Modell wird sie zur Elternfigur, die immer auf engstem Raum mit ihrem Vater lebt, ihn bei seinen Kunstvertretern in aller Welt vertritt, Ausstellungen mitorganisiert und ihm schlussendlich neue Frauen an die Seite stellt. Dabei bleibt Ida, die als wiederholt als wunderschön und clever beschrieben wird, oft auf der Strecke. Und mit ihr auch die Menschen, die ihr Leben - ohne Chagall - teilen möchten.

Abhängigkeiten

Positiv fällt dabei auf, dass Idas Weg zunächst durchaus glaubhaft geschildert wird. Zu Beginn begegnen wir einem unsicheren Mädchen, das noch seinen Weg sucht. Idas künstlerisches Talent liegt noch brach, wird, verständlicherweise, rasch mit kritischem Blick bedacht. Am liebsten hätte sie es, dass ihr die Kunst einfach zuflöge, wie sie es bei ihrem Vater zu sehen glaubt. Aufgrund ihrer Intimitäten mit Michel schliddert sie in eine von ihren Eltern erzwungene Ehe. Sie orientiert sich neu, sorgt sich um die Kunst ihres Vaters, denn sie glaubt, sein Schaffen zu verstehen. Bis der Krieg brüsk ihre Jugend und Unbeschwertheit unterbricht. Der Kampf ums Überleben der Chagalls rückt in den Mittelpunkt, Ehemann und Schwiegereltern verkommen immer mehr zu Randfiguren. Dann Exil in New York. Eine Übergangslösung, in der sich die Eltern unwohl fühlen, sich weigern, die neue Lebenssituation anzunehmen, drei Brocken Englisch zu lernen, während die Tochter in ihren Zwanzigern die Mutter spielt, alles managet und schließlich versucht, die verlorene Jugend nachzuholen. Sie gibt Partys, stürzt sich in eine Affäre, entfremdet sich weiter von ihrem Ehemann, der - glücklicherweise - ein Freund bleibt. Doch nie ist Ida unabhängig. Marc Chagall ist das ewige Zentrum allen Interesses. Mit Chagall verdient sie ihr Geld. Lange lebt sie mit Chagall, sorgt für ihn, spricht ihm geradezu die Selbständigkeit ab und mischt sich, als sei es eine Selbstverständlichkeit, in sein Leben ein.
Und spätestens dann steht Ida Marc in nichts nach - sie ist weder sympathisch noch hat sie großartiges Identifikationspotential. Sie liegt wie ein Käfer auf dem Rücken und strampelt, weil es ihr vielleicht doch ganz gut gefällt, und der Leser kann es kaum noch erwarten, dass sie auf die Beine kommt.

Längenkrankheiten

Gloria Goldreichs Romanbiografie bietet sicherlich hohen Anspruch, der sich zum einen in der Thematisierung von Chagalls Kunst und Leben vor dem Hintergrund des Judentums und zum anderen auch in einer möglichst authentischen Darstellung der Personen äußert. Damit verbunden ist auch die Annäherung an die Person seiner Tochter, um die es zumindest im großen WWW ziemlich still ist.
Die Autorin ist bestrebt, Ida Chagall und ihrem Wirken gerecht zu werden, und versucht, sie möglichst lebensnah in all ihrer Vitalität, Schönheit und Klugheit darzustellen. Kontrovers als literarische Figur vorgestellt, weckt sie doch einige Emotion, und sei es nur ein unverständiges Kopfschütteln.Vielleicht soll man Ida gar nicht lieb gewinnen und vielleicht soll man ebenso atemlos durch das Buch hecheln wie sie durch ihr Leben? Nur sind mehr als fünfhundert Seiten eine ganz schön weite Strecke, auf der man auch mal ein Energieleckerli benötigt. Zum Beispiel Atmosphäre ... 
Goldreich wählt zwar größtenteils gut funktionierende Bilder, die sie der Kunst entnimmt und in Dialoge einpflanzt, doch es gelingt ihr nicht immer, Atmosphäre zu erschaffen. Nah an die wahre Biografie angelehnt, wechseln die Schauplätze häufig. Im Gegensatz zu den nichtfiktiven Figuren, die oft starke Emotionen in Bezug auf einen Ort empfinden, hat der Leser kaum Gelegenheit, sich ebenso in Orte zu verlieben oder in ein bestimmtes Flair einzutauchen. Wohnräume sind nüchtern dargestellt, dienen ihrem Zweck, über allem hängt der Geruch von Terpentin, der geradezu symbolhaft alles und jeden überschattet. 
Schade für all jene, die sich angesichts des - im übrigen inhaltlich durchaus stimmigen Covers  - Einblicke in die lebendige Pariser Kunstwelt erhoffen.
Dem englischen Titel „The Bridal Chair“ entsprechend punktet die Autorin allerdings mit dem "Hochzeitsthron", dem physisch existenten Bild, das Chagall anlässlich Idas Hochzeit mit Michel malte. Gekonnt hält sie ihn als roten Faden in ihrem Roman aufrecht und platziert ihn als treffsicheren Begleiter in Idas Geschichte.
Nicht so treffsicher geht die Autorin allerdings mit ihrer Erzählperspektive um. Während sie stellenweise die personale Erzählperspektive bewusst und gekonnt wechselt, um Ida durch die Augen einer Nebenfigur zu betrachten und ihr mehr Tiefe zu verleihen, stolpert sie an anderer Stelle über ihren eigenen Kunstgriff und verliert ihre eigentliche Hauptfigur fast aus den Augen. So erzählt sie beispielsweise viel zu viel über Virginia Haggard, die, so sehr sie der Autorin auch ans Herz gewachsen sein mag, Ida Chagall als Hauptfigur nicht in den Schatten stellen sollte. Der Leser gewinnt rasch den Eindruck, die Autorin habe womöglich Mühe gehabt, Prioritäten zu setzen. Damit entstehen Längen, die den Lesefluss stören.
Mit 576 Seiten breit angelegt, leidet die „Die Tochter des Malers“ außerdem an blassen Aufzählungen von Ereignissen und Episoden in Ida Chagalls Leben, die für den Leser nicht von Belang sind und dem Spannungsbogen nicht gut tun. So sind zeitliche Übergänge oftmals wenig elegant überbrückt und mit „traumlosen Nächten“ angefüllt. Beziehungen enden abrupt, andere befinden sich ohne nennenswerte Vorzeichen in voller Fahrt. Dem aufmerksamem Leser dürften auch zeitliche Ungenauigkeiten nicht entgehen. Insbesondere im letzten Dritte entsteht der Eindruck, dass der Autorin die Puste ausgeht. Vieles wird schnell und harsch abgehandelt, und nicht zuletzt wirkt das Ende, obwohl es zweifellos der Prämisse des Romans entspricht, überraschend brüsk.
Nichtsdestotrotz hat „Die Tochter des Malers“ eine willkommene Nebenwirkung: Der Roman macht Lust, parallel zur Lektüre nach Chagalls Bildern zu stöbern und mehr über die Personen zu erfahren. Nach Anne Girards "Madame Picasso" bleibt nun abzuwarten, welche Frau aus dem Leben eines Künstlers uns der Aufbau-Verlag noch präsentieren wird.

Gesamteindruck: 
3 von 5 Weißdornzweigen




Buchdaten:
  • Taschenbuch: 592 Seiten
  • Verlag: Aufbau Taschenbuch; Auflage: 2 (21. September 2015)
  • Sprache: Deutsch
  • ISBN-10: 3746631823
  • ISBN-13: 978-3746631820
  • Neupreis: 12,99 € (D)

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