Dienstag, 5. Mai 2015

... und dann weint der Himmel.

Córdoba hat einen großen modernen Bahnhof.
Wer mit großem Gepäck reist,
wird hier wie am Flughafen durchleuchtet.
Das soll es jetzt gewesen sein?
Gerade habe ich meinen Anflug von Heimweh überwunden, und schon ist der letzte Tag unserer Rundreise mit dem Al-Andalaus angebrochen. 

Als ich mich am Samstagmorgen in den wärmenden Bademantel unseres Hotels auf Schienen hülle, um der morgendlichen Kälte zu entkommen, sind unsere Koffer längst gepackt. 
Gut, wirklich ausgepackt waren sie nie, aber nun sind sie tatsächlich abreisebereit - bis auf Kleinigkeiten, die sich gegen Mittag noch flott verstauen lassen. 
Heute haben wir eine halbe Stunde länger Zeit. 
Das Glöckchen bimmelt etwas leiser als in den vergangenen Tagen. 
Wir aber sind wieder längst wach, weil wir die Party frühzeitig mit bleiernen Gliedern verlassen haben. 
Endlich nehme ich das Summen der Wand nicht mehr wahr. 
Jetzt habe ich mich an die Umgebung gewöhnt und könnte glatt noch eine Woche dranhängen. 
"Unglaublich, wie schnell so eine Woche vorbei ist", stellen auch unsere Reisefreunde am Frühstückstisch fest. 
Das Schinkenomelette ist heute besonders dunkelbraun.
 Ja, es haben wirklich alle gefeiert. 
Es schmeckt trotzdem. 
Seneca
Um 10 Uhr brechen wir schließlich zu unserem letzten Programmpunkt auf. Córdoba erwartet uns. 
Die Spanier in unserer Reisegruppe sind warm eingemummelt. 
Regen prophezeien sie. 
Als unser Bus uns vor der Altstadt abliefert, ist es tatsächlich trüb. 
Der Himmel hat genau dieses trostlose Nuance von hellem Grau, die jedes Foto mit meiner Kamera zum Glücksspiel werden lässt. 
Unser Busfahrer Sergio verteilt Stockschirme mit Renfe-Logo. 
"Ach, ich schlepp doch keinen Schirm mit mir rum!", beschließt meine Mama. 
Ich nehme einen. 
Stockschirme sind doch so schöne Spazierstöcke. 
Vor dem Tor des Almodovar lernen wir unsere Stadtführerin kennen. 
Stadtmauer
Wieder teilen wir uns eine Führung mit unseren US-amerikanischen Mitreisenden. 
Auch heute werden Verstärker und Kopfhörer ausgegeben. 
Nachdem wir das Tor durchquert haben, wird sich auch zeigen, wie hilfreich diese Technologie ist. 
Denn trotz des trüben Wetters ist Córdobas Altstadt angefüllt mit Touristen. 
Weil neben dem Tor eine unübersehbare Statue des Philosophen Senecas aufgestellt wurde, ist er, berühmter Sohn der Stadt, der erste, über den wir etwas erfahren.
Eine Auffrischung des Lateinunterrichts kann nie schaden.
Die Decke der Synagoge
"Im Jahre 65 n. Chr. starb er in Rom", endet unsere Stadtführerin und winkt uns, ihr zu folgen. 
"Er wurde ermordet", flüstert ein Teilnehmer. 
"Na und?", gibt seine Frau zurück: "Wenn man ermordet wird, stirbt man auch."
Liegt es am Wetter? 
Irgendwie ist die Stimmung trüb. 
Ihm - Seneca, nicht unserem bewanderten Teilnehmer - wurde übrigens die Selbsttötung befohlen. 
Na ja, auch eine Form der Ermordung. 
Durch Córdobas enge Gassen werden wir zunächst zu einer Synagoge geführt. 
Nein, nicht zu einer, sondern zu der Synagoge.  
Ganze drei Synagogen gibt es noch in Córdoba, diese aber gilt als ausgemachte Kostbarkeit mit ihren Stuckverzierungen im Mudéjarstil. 
Nach zwei Tagen Führungspech haben wir heute eine großartige Stadtführerin. 
Sie kennt sich aus in Stadtgeschichte und Architektur, leiert aber keine einstudierten Texte herunter. 
Die Frauengalerie
Geduldig beantwortet sie Fragen, interagiert und gestaltet ihre Führung lebendig. 
Als wir in einem der malerischen Innenhöfe Córdobas eintreffen, ist das Wetter nur noch Nebensache: 
Blau bemalte, bunt bepflanzte Terrakottatöpfe vor den weiß getünchten Mauern heben die Stimmung. 
"Damals waren die Töpfe rot", erinnert sich Mama. "Ich habe ein Foto davon gemacht."
Feinster Stuck überall in der Synagoge
Unsere Stadtführerin gibt ihr recht. 
Nun haben wir zweimal Fotos vom selben Ort - in rot und in blau.
Nach kurzen Stopps an Statuen illustrer Persönlichkeiten erreichen wir schließlich unser Hauptziel, die Mezquita-Moschee. 
Vor der Besichtigung bleibt uns etwas Zeit für eine Toiletten- und Shoppingpause. 
Es müssen sich erst alle Gruppen zusammenfinden, bevor wir geschlossen die "Moschee-Kathedrale" betreten können. 
In der Zwischenzeit fängt es doch an zu regnen. 
An Platz zum Aufspannen des zugeigenen Stockschirms fehlt es aber.
So zeichnen sich bereits Nässeflecken auf den Kapuzen ab, als wir die heiligen Hallen betreten. 
Weil ich seinen Schuh nicht gestreichelt habe,
werde ich wohl nie weise werden.
Mama erinnert sich, dass es damals, bei ihrem ersten Besuch, viel heller war. 
Damals drang das Licht von außen ungehindert durch die Fenster.
Heute sind sie mit Holzläden geschützt, die, kunstvoll durchbrochen, nur wenig Licht ins Innere lassen. 
Eine gewisse mystische Stimmung ist in diesem Symbol der Koexistenz der Religionen nicht zu verleugnen.
In unerwartet krassem Gegensatz zu der weißen, geradezu cleanen Kathedrale Granadas atmen Bögen, Gebetsnischen, Altäre, Decken ... in Córdobas bedeutendster Attraktion Geschichten, die sich an einem Tag gar nicht erfassen lassen. 
Mein Genick schmerzt vom vielen Hochschauen. 
Deko-Ideen auch für daheim.
Das Gießen muss man üben!
Die Unendlichkeit der Bogenkonstruktion fasziniert mich, und ich muss aufpassen, dass ich den Anschluss an unsere Gruppe nicht verliere. 
Inzwischen haben uns unsere amerikanischen Mitreisenden wieder verlassen und besichtigen die Anlage auf eigene Faust. 
Umso besser für unsere Führerin, denn nun muss sie nicht zwischen den Sprachen hin- und herspringen und kann sich voll auf uns konzentrieren. 
Zwischen Schlichtheit und Prunk verbringen wir etwas mehr als eine Stunde. 
Als wir das Haus verlassen, regnet es in Strömen.
Uns steht noch Freizeit zur Verfügung. 
Was aber tun bei diesem Wetter?
Nur knapp dreieinhalb Stunden Zeit blieb uns in Córdoba. 
Zu wenig  für diese interessante Stadt.
Mein Elan verlässt mich. 
Ich habe keine Lust, im Regen herumzurennen, Fotos zu schießen und pitschnass hechelnd am Treffpunkt anzukommen.
Hierher muss ich zurückkehren, nehme ich mir vor, aber wahrscheinlich ist das nur ein weiterer Punkt auf meiner so viele Reiseziele umfassenden Löffelliste.
Der Glockenturm der Mezquita
Mit unserer üblichen Gesellschaft setzen wir uns in aller Ruhe in ein Restaurant, trinken Wein und Kaffee und gönnen uns ein paar Tapas. 
In Córdoba wird heute gefeiert: in der Kathedrale eine Hochzeit, im Restaurant eine Taufe. 
Hier könnte ich stundenlang sitzen.
 
Ich verstehe, warum meine Mama diese Reise mit mir unternehmen wollte. 
Warum sie mir all das zeigen wollte. 
Ich weiß, dass ich all das auch mit meiner Familie teilen will. 
Einen Luxuszug brauche ich dazu aber nicht. 
Dieses Erlebnis gehört uns allein - mir und meiner Mama. 

Zum letzten Mal fährt uns Sergio zurück zum Zug. 
Innenansichten
Zum letzten Mal stützt er lächelnd meine Mama beim Aussteigen. 
Sie behauptet zwar, sein Griff sei federleicht, aber ich bin überzeugt, dass er uns im Stolperfall alle auffangen würde.
Es fühlt sich an, als verabschiedete man ein Familienmitglied. 
Zum letzten Mal steigen wir auch in den Al-Andalus. 
Unsere Kabine ist bereits aufgeräumt. 
Die Betten laden nicht mehr zum Schlafen ein. 
Die Koffer stehen bereit. 
Wir verstauen letzte Kleinigkeiten und gehen ein letztes Mal durch fünf Schlafwagen, den Salonwagen und den Barwagen nach vorn in den Restaurantwagen.
Auf der Fahrt wird das Mittagessen serviert. 
Ein letztes Mal vier Gänge.
Zu Hause werde das viele Fleisch nicht vermissen, aber das Lächeln des Teams, das immer auch die Augen erreicht. 
Gegen 16:15 erreichen wir Sevilla, wo unsere Reise am Montag begonnen hat.
Rezeption
Ein letztes Mal nehmen wir auf den rot bezogenen Sofas des Barwagens Platz, schießen ein letztes Foto. 
Dann geben wir unseren Schlüssel ab. 
Auf dem Bahnsteig warten wir auf unsere Koffer. 
Das komplette Team - zumindest der Rest, der nicht mit Koffertragen beschäftigt ist - steht zur Verabschiedung bereit. 
Händeschütteln, Umarmungen, Abschiedsworte in vier Sprachen ... eines der mitreisenden Mädchen sieht aus, als hätte es den schlimmsten Allergieanfall aller Zeiten. 
Meine Mama nimmt die Kleine in die Arme. 
Du lieber Himmel, jetzt schießt auch mir das Wasser in die Augen!
Eine Reise mit dem Al-Andalaus ist eben doch etwas Besonderes!

Eine knappe Stunde später checken wir wieder im NH Sevilla Viapol ein. 
Noch eine Nacht bleibt uns Andalusien erhalten, und nur weil ein Abenteuer beendet ist, heißt das ja nicht, dass uns nicht noch neue erwarten. 

**Ende des 6. Tages, aber daheim sind wir noch lange nicht**

Impressionen aus Córdoba:








Weil es regnet, verbringen wir die anschließende Freizeit bei Schinken und Wein.
Das letzte Mittagessen im Al-Andalus:

Entrée: eine schlichte Krokette
Erster Gang: ein Kartoffelsalat mit Ei und Garnelen auf Salatbett und mit Salatdach, dazu ein Spritzerchen Paprikajus
Fazit: sehr lecker und was zum Nachkochen
Hauptgang: gebratene Scheibe vom Stierschwanz mit Paprikaschaum
Laut Menükarte sollte es dazu gebratene Artischocken, aber die hat der Koch wohl vergessen.
Geschmackserlebnis: zartes Fleisch, allerdings viel unessbares Drumherum.
Paprikaschaum (von gerösteter Paprika für mehr Pepp) muss ich daheim mal probieren.
Zuhause folgt aber definitiv eine Fleischpause.
Ochsenschwanz und Co. brauche ich nicht unbedingt in meinem Alltag.
Nachtisch: Blätterteigstück mit Birne, dazu Vanilleeiscreme
Sehr lecker.

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