Samstag, 2. Mai 2015

Der Abschied steht bevor ...

Blick auf die Plaza mit Parador und Capilla
Stimmt nicht. 
Ich habe doch schon Heimweh gehabt. 
Damals auf unserer Kalifornientour, nur war es nicht so schlimm wie heute. 
Bei unserem üppigen Mittagessen beschleicht mich nämlich wieder eine seltsame Melancholie, und für einen Moment habe ich nicht übel Lust, den Tag nach dem Essen zu beenden. 
Unser Guide soll uns den ganzen Tag über begleiten und uns die Zwillingsstädte Baeza und Úbeda näherbringen. 
Ob es nun daran liegt, dass ihm das in Baeza nur mäßig gelungen ist, oder ob das Mittagessen eine ausgiebige Siesta fordert, nach dem Essen bin ich jedenfalls allein. 
Meine Mama, unsere Tischbekanntschaft und der gesamte Rest der deutschen Gruppe nimmt das Angebot an, zum Zug zurückzukehren. 
Da kann ich doch jetzt nicht auch noch kneifen! 
Kurzzeitig überlege ich allerdings, ob ich mich nicht einer anderen Gruppe anschließen soll - die Franzosen sind von ihrem Guide nämlich hin und weg. 

Palacio de Vázquez de Molina

Dann aber entschließe ich mich, doch mit unserem - nun meinem - Guide spazieren zu gehen. 
Und das klappt erstaunlich gut. So allein mit ihm wird der Rundgang zu einem kleinen Sprachkurs für ihn, und ich erfahre doch Einiges über die Gebäude, die ich zu sehen bekomme. 
Vor allem vor der  Sacra Capilla del Salvador kommen wir ins Plaudern, denn Juan Vázquez de Molina, nach dem der gesamte Platz benannt ist, hat sich, selbst nicht adlig, sondern "nur" Staatssekretär Philipps II., diese Kapelle als Familienkapelle und -ruhestätte errichten lassen, obwohl ihm ein solches Privileg standesgemäß gar nicht zustand. 
Kirche Santa María de los Reales Alcázares
Flugs ehelichte er, damals schon nicht mehr der Jüngste, wenn man die durchschnittliche Lebenserwartung im 16. Jh. bedenkt, ein adliges Mädchen, um sich das Kapellenbaurecht zu sichern. 
Steinreich wie er war - immerhin erhielt er als königlicher Sekretär einen Anteil an den wertvollen Schiffsladungen, die aus Amerika eintrafen (1 von 100 Schiffen) -, hatte die Familie der blutjungen Braut händereibend eingewilligt. 
Dass er aber dann doch stolze siebzig Lenze erreichen sollte, damit hatte man nicht gerechnet. 
Die Fertigstellung seiner Kapelle erlebte de Molina allerdings nicht.
Palacio de Vázquez de Molina
Wir verlieren uns in Fassadendetails, die ich hier endlich mal in Ruhe fotografieren kann. Christliche Motive hier, heidnische Motive da, römische Gottheiten, Wappenträger, Totenköpfe vom Stier, heroische Darstellung des Erbauers ...  
So eine Privatführung hat schon Vorteile!  
Eine Besichtigung des Interieurs hingegen ist nicht geplant und wohl zeitlich auch nicht zu schaffen, denn der nächste Programmpunkt ist Úbedas Wassersynagoge. 
Detail der Santa Maria de los Reales Alcázares
Deshalb bekomme ich auch die Eingangsseite der Kapelle nicht mehr zu sehen, weil wir uns durch die Gassen direkt zum nächsten Ziel bewegen.
Unscheinbar versteckt sich die Wassersynagoge in einem Gebäude, das von außen nichts anderes als ein Wohnhaus ist. 
Ihre Innenräume sind eng und klein, sodass wir zunächst warten müssen, bis die englische und französische Führung in den nächsten Raum vorgedrungen sind. 
Fotografiert werden darf hier leider nicht. 
Ich muss gestehen, dass ich zwar schon in einigen Moscheen und Kathedralen war, aber noch nie in einer Synagoge. 
Ich habe noch nicht einmal eine sinnvolle Begründung dafür. 
Ebenfalls Santa Maria de los
Reales Alcázares
Über Úbedas jüdische Geschichte ist wenig bekannt, außer, dass auch hier, wie in Andalusien üblich, Juden eine gewisse Zeit mit Christen und Moslems friedlich coexistierten. 
In Úbeda wohl aber in so geringer Zahl, dass es kein jüdisches Viertel gibt. 
Und so wurde die Synagoge auch erst im Zuge von Bauarbeiten entdeckt. 
Es förderte nämlich jemand einen Schmuckstein zu Tage, der dann den Stein ins Rollen brachte und Bauamt und Archäologen auf den Plan rief. 
Und dann war es Essig mit dem Plan, dort Ferienwohnungen zu errichten. 
Es wurde weiter ausgegraben, bis 2010 das Haus für Besucher zugänglich gemacht werden konnte. 
Mein Guide sieht mich besorgt an. 
Ein Tor der Capilla, aber nicht
der Eingang
Er meint, in der Synagoge sei es kalt. 
Meine kurzen Ärmel betrachtet er mit Skepsis. 
Dabei ist heute ein ausgesprochen warmer Tag. 
Bereits im Olivenmuseum habe ich die Jacke weggepackt. 
Auch Herkules schmückt die Capilla
Über den Raum des Inquisitors betreten wir das Haus - das mit der Inquisition muss ich mir noch mal genauer zu Gemüte führen -, müssen aber zunächst in die Lagerräume hinuntersteigen, um nicht mit den anderen Gruppen zu kollidieren. 
Riesige Amphoren sind in den Boden eingelassen und vermitteln ein Bild vergangener Lagerhaltung. 
Gottheiten im Portalbogen
Die Anlage ist so schmal und verwinkelt, dass ich unseren Weg kaum nachvollziehen kann. 
Schließlich stehen wir in dem Raum, dem die Synagoge wohl ihren Namen verdankt. 
Mein Privat-Guide erzählt mir, man habe hier unter Schutt Wasser vorgefunden. 
Der Versuch der Trockenlegung scheiterte. 
Und das gleich mehrfach.
Am nächsten Tag war das Wasser immer wieder da. 
Also grub man weiter und stieß dabei auf das rituelle Reinigungsbad. 
Detail an der Capilla
Offenbar bewegt sich unter dem Gebäude ein unterirdischer Bach. 
In den Grund unter der Synagoge sind Treppen eingehauen, die zu einem viereckigen Loch führen, in dem eine Person Platz findet, um die spirituelle Reinigung vorzunehmen. 
Dass in die Decke über mir eine verglaste Öffnung eingelassen ist, nehme ich noch gar nicht wahr bzw. ich schaue zielstrebig in die falsche Richtung, weil ich nicht kapiere, was mir mein Guide vermitteln will. 
Erst als wir hinauf in den Saal der Synagoge steigen, erkenne ich, dass man von dort hinab zum Bad schauen kann. Mehr noch, in der Tür zum Synagogensaal befand sich eine Öffnung, die das Sonnenlicht direkt hinunter zum Wasser leitete. Ein wenig Mystik umfängt mich. Auch ein Teil der zur Synagoge gehörenden Brunnen ist heute noch zu sehen, zwei davon noch mit Originalumrandung. 
Löwen hüten den Weg vom Palacio
Vázquez de Molina zur Santa-Maria-Kirche.
Ich mag solche kleinen Sehenswürdigkeiten abseits der Hauptstraßen. Leider finde ich auch hier keinen Führer auf Deutsch - erfreulicherweise hat die Synagoge aber einen mehrsprachigen Blog
Ein Türmchen der Capilla
Auf dem Rückweg trödeln wir ein bisschen. 
Wir haben noch Zeit, zwar nicht genug für die Capilla, aber doch für ein paar Ortsansichten, denn unser Bus wird extra vom Bahnhof zurückkehren und uns abholen. 
Also gibt es noch ein Denkmal hier, ein Anekdötchen da, und nebenbei erfahre ich noch was über die horrenden Flatratepreise, die meinen Guide in seinem Wohnort, der Provinzhauptstadt Jaén, aufgrund einer frechen Anbieterbindung davon abhalten, die neuen Sprachlern- und -übungsmethoden im Internet zu nutzen. 
Knapp achtzig Euro im Monat wollen auch erst einmal verdient werden! 
Als wir uns verabschieden, hat er eiskalte Hände. 
Spanier!
 
Es steht die letzte Nacht im Zug bevor. 
Während des Abendessens befinden wir uns bereits auf dem Weg nach Córdoba. 
Und alle Zeichen stehen auf Abschied. 
Obwohl noch eine Besichtigung in Córdoba geplant ist, ist die Reise so gut wie zu Ende. 
Deshalb soll Party gemacht werden. 
Es gibt Partyspielchen, wie eine Auslosung des "Sexiest passenger" und Polonäse, und Tanz. 
Meine Mama wagt ein Tänzchen, und ich springe erbleichend hinterher. 
Nur für den Fall, dass die künstliche Hüfte ... 
Brechend voll ist der Barwagen. 
Das Personal feiert mit - mit ordentlich Rhythmus im Blut.
Habe ich früher bei Pauschalreisen immer ordentlich den Altersdurchschnitt gedrückt, halte ich heute nicht durch. 
Mein Schulbusrhythmus eben. 
Kurz nach Mitternacht zieht es uns zu unserer Kabine und ein letztes Mal schlafen wir im Al-Andalus, der bereits in Córdoba eingetroffen ist, ein.

**Ende des 5. Tages**

Das Abendessen nach dem üppigen Mittagsmahl ist auch an diesem Tag wieder too much, aber köstlich:

Entrée: kaltes helles Tomatensüppchen - angenehm würzig
Erster Gang: Avocadocreme mit Thunfischtartar, obenauf ein Gurkenscheibchen und Salatblatt - eine super Kombination, aber viel zu nahrhaft nach dem deftigen Mittagessen
Hauptgang: Sirloin-Steak vom Kalb mit Kürbiscreme, dazu etwas gebratener Lauch und Rosmarinöl - super zart, und Kürbiscreme kommt jetzt auch auf meinen Speiseplan

Nachtisch: Apfelkompott mit Frischkäsemousse
... und weil es das letzte Abendessen war gab es für die Damen eine rote Nelke und für die Herren eine weiße. Wir haben sie nicht mitgenommen, sondern zu unserem Tischsträußchen ins Wasser gesteckt.





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