Donnerstag, 2. April 2015

... über "Madame Picasso" von Anne Girard

Anne Girard


Eine große Liebe in einer bewegten Zeit


(c) aufbau taschenbuch, Bildlink zu amazon

Zum Inhalt:
Im Mai 1911 zahlt sich Evas Entschluss, das provinzielle Vincennes hinter sich zu lassen und nach Paris zu gehen, endlich aus. Sie findet eine Anstellung als Näherin im berühmten Moulin Rouge. Zwischen zerrissenen Strümpfen und Kostümen behauptet sie sich hinter den Kulissen gegenüber den Bühnenstars. Mit Tänzerin Sylvette bewohnt sie ein bescheidenes Zimmer in der Künstlerkolonie La Ruche und hat, wenngleich ihr theoretisches Kunstverständnis fehlt, keinerlei Berührungsängste gegenüber der eigenwilligen modernen Kunst jener Zeit. Mehr und mehr lebt sich Eva in der schillernden Belle-Epoque-Welt ein und trifft schließlich auf Pablo Picasso. Der erstaunliche Künstler mit dem durchdringenden Blick fasziniert sie, und auch sie lässt ihn nicht gleichgültig. So frisch Eva auf Picasso auch wirkt, ihn inspiriert und beide sich für einen Moment der Leidenschaft hingeben, er ist nicht frei. Seit Jahren lebt er in einer Beziehung mit Fernande Olivier, seiner Muse und Liebe, die mit ihm gute und schlechte Zeiten durchlebt hat und sich in ganz Paris offen als "Madame Picasso" gibt. Picasso aber ist unzufrieden mit dem, was nur noch nach Zweckpartnerschaft anmuten mag, mit den zunehmenden Streitereien und mit den unterschiedlichen Vorstellungen, und doch sollte einige Zeit verstreichen, bis Eva die offizielle Geliebte an seiner Seite wird. Sie schenkt ihm, dem unermüdlich Schaffenden, die nötige Ruhe, gibt ihm Boden und Halt. Bald spricht man von Heirat, aber nicht nur die Anfänge des Ersten Weltkriegs, der mit Europa auch Paris und damit Picassos gewohnte Entourage grundlegend verändert, stellen sich dem Paar in den Weg. Eva selbst muss schließlich einen unfairen Kampf austragen ...

Meine Meinung: 
Die "schlechte" Nachricht zuerst: 
Wer auf der Suche nach tiefgründigen, intellektuellen Einblicken in die Künstlerszene dieser wichtigen Zeit des 20. Jh.s. ist und sich mit hohem Vorwissen und ebenso hohen Erwartungen auf Anne Girards Roman stürzen will, sollte sich den Klappentext besser noch einmal ganz genau an sehen. Dort ist von "verliebt", "Liebesgeschichte" und "Gefühlen" die Rede, und genau das ist in Anne Girards "Madame Picasso" drin: Eifersüchteleien und Animositäten gibt es genauso wie Drama, Leidenschaft und Emotionalität. Wer gar einen Gesellschaftsroman mit feinsinniger Sektion der Belle Epoque oder die einzig wahre Geschichte um Pablo Picasso und seine zweite, rückblickend geradezu mysteriöse Lebensgefährtin erwartet, ist mit diesem Roman falsch beraten.
Wer sich auf eine mit künstlerischen Freiheiten konstruierte Liebesgeschichte um zwei reale Figuren einlassen und dabei trotzdem gewissen Input zur Belle Epoque und Picassos Schaffen erhalten und auch bekannten Persönlichkeiten wie Mistinguett, Marcoussis, Georges Braque, Gertrude Stein, Alice B. Toklas und Apollinaire  begegnen will, wird von "Madame Picasso" gut unterhalten werden. Insbesondere macht Girards Roman durch geschickt eingeflochtene Verweise auf konkrete Werke, die zeitbedingte Fülle an eben jenen bekannten Figuren und sogar konkrete Fragen, die die Autorin nach Ende der Geschichte dem Leser stellt, Lust auf mehr Informationen. 
Vor gelegentlichem Infodumping ist man jedoch nicht gefeit. 
So überschüttet die Autorin den Leser in einem ebenso eiligen wie auch schleppenden Einstieg (in dem die Protagonistin Eva im wahrsten Sinne des Wortes rennt und dabei Tausende Dinge langatmig reflektiert) mit einer Fülle an Informationen über die Protagonistin und ihr vergangenes und aktuelles Leben, dass einem angesichts zahlreicher vor Plusquamperfekt strotzender Passagen der Kopf schwirren will. Ebenso zeigt sie Picasso allzu oft von außen, lässt ihn von Dritten betrachten und analysieren, als ihm eine glaubhafte Innenperspektive angedeihen zu lassen. Im Gegensatz zu Eva, die unbestritten das Zentrum von Girards Roman bildet und mehrheitlich im Fokus des personalen Erzählers steht, bleibt der Charakter des berühmten Künstlers schwer greifbar - geradezu unnahbar und distanziert. Er bleibt eine unerreichbare Größe, auch wenn die Protagonistin im näher kommt als andere.
Lebendig weiß die Autorin hingegen ihre Eva zu zeichnen. Unterstützt von einem Interview, das sich am Ende des Buches findet, entsteht der Eindruck, Girard habe mit viel Interesse und Zuneigung endlich ein Bild einer Frau malen wollen, die Picasso lediglich in Worten in seiner Kunst verewigte und von der kaum Verbrieftes erhalten geblieben ist. Rund um eine Fotografie, die Eva Gouel, wie auch immer ihr Geburtsname gewesen sein mag, in einem Kimono zeigt, ersinnt Girard eine Geschichte, auf die Attribute wie "hingebungsvoll" und "leidenschaftlich" durchaus zutreffen und die eine junge Frau zum Leben erweckt, die sich nach mehr sehnt, sich hocharbeitet und dem Mann, den sie liebt, ebenbürtig sein will, ihm Verständnis zeigt, aber doch nie ganz die moderne eigenständige Frau sein kann, als die sie zunächst eingeführt wird. Sie ist widersprüchlich, nicht immer sattelfest in ihren Zielen und auch nicht immer sympathisch. 
Überhaupt erscheinen Girards Figuren oft künstlich, was nicht selten daran liegt, dass sie sich selbst neu erschaffen (haben), sich neue Namen geben und sich schlichtweg zu anderen Personen verkünsteln. Echte Sympathieträger gibt es kaum, am natürlichsten mag noch Evas Freundin und Zimmergenossin Sylvette wirken. 
Nebenhandlungsstränge lassen Konkurrenzdenken, Eifersüchteleien und Neid deutlich werden, sodass es kaum eine Figur gibt, deren Denken und Handeln nicht gewisse Zweifel hervorruft. Dies sorgt zum einen, insbesondere in der Phase, in der Eva und Picasso zueinanderfinden und die einen sehr großen Teil des Buches einnimmt, für gewisse Längen. Nicht abstreiten lassen sich aber auch die widerstreitenden Emotionen, die die US-amerikanische Autorin beim Leser auslöst und die durchaus der Unterhaltung förderlich sind.
Auch leidet der Roman unter der Ereignisfülle der Jahre zwischen 1911 und 1915 leidet. Um bei aller Fiktion auch der Historie Rechnung zu tragen, kommen neben dem unerhörten Raub der Mona Lisa die Titanic-Katastrophe und nicht zuletzt der beginnende Erste Weltkrieg zur Sprache. Über gut zwei Drittel ihres Romans hält sich Girard nun aber in liebesromanleserfreundlicher Manier am typischen Konflikt auf, bei dem ein Lebensabschnitt nicht ohne Kampf beendet werden muss, bevor ein neuer begonnen werden kann. Entsprechend geht ihr im Endspurt die Puste aus. Für die Jahre von 1913 bis 1915 bleibt ihr nicht mehr viel Raum, und das Drama, das sie hier noch verpacken muss, wirkt gedrängt. Nur sehr oberflächlich lässt sich erahnen, inwieweit die zeitliche Nähe des Todes von Picassos Vater, der Erkrankung Evas und der Einberufung all seiner französischen Künstlerfreunde Picasso beeinflusst haben mögen. Dem im Klappentext angekündigten Aufeinandertreffen, das "sein" Leben für immer verändern würde, wird Anne Girard nicht gerecht. In ihrem Roman geht es um Eva Gouel, eine junge Frau aus der Provinz, deren Leben sich in Paris und durch die Begegnung mit Picasso drastisch änderte. Was eben diese Liebesepisode aus Picasso machte, bleibt recht vage. 
Zugleich ist es Girard, die einen gewissen Hang zu Kitsch zeigt, positiv anzurechnen, dass sie ihren Roman, dessen Ausgang von der Geschichte vorgegeben ist, zwar dramatisch, aber berührend und, im Vergleich zu ihrem hektischen Einstieg, in gebührender Stille ausklingen lässt, ohne sich in analysierende oder gar zukunftsblickende Nachworte zu verlieren.
Sprachlich zeigt sich "Madame Picasso" in aus US-amerikanischen Romanzen beinahe schon gewohnter wenig anspruchsvoller Manier. Die Autorin schreibt unkompliziert, zumeist gefällig, was bei den meisten Leserinnen sicherlich gut ankommen dürfte. Allerdings schwankt sie auch zwischen geistreichen Erkenntnissen und schwülstigen Beschreibungen, gestelzten Aussagen im Kontrast zu vergleichsweise modernen Vorstellungen und schiebt hier und da fremdsprachige Aussprüche mit ein, die im Grunde nur dann im Kontext sinnvoll sind, wenn sie in polnischer oder spanischer Sprache auftauchen. Auf zu viel Französisch vor einem französischen Setting hätte zugunsten eines weniger blasierten Tons gut und gerne verzichtet werden können. 

Doch bei all dieser Kritik soll jedoch hervorgehoben werden, und das ist die "gute" Nachricht zum Schluss, dass es Anne Girard durchaus gelingt, eine abwechslungsreiche Geschichte zwischen Fiktion und Realität zu erzählen und trotz einiger Längen mit viel Freude an ihrem Sujet ein farbenfrohes Bild jener Zeit malt, dem es nicht an Ereignissen und Emotion mangelt und das sehr wohl Lust auf die Belle Epoque, ihr Kunstschaffen und ihre Persönlichkeiten macht. "Madame Picasso" ist in dieser Hinsicht schon beinahe interaktiv und regt an, die jeweiligen Gemälde zu betrachten, Musik zu hören und Geschehnisse und Personen zu hinterfragen.

Eine Leseempfehlung ist für jene auszusprechen, die Freude an jüngeren historischen Romanen um reale Persönlichkeiten und keine Scheu vor Liebesgeschichten mit einem Hauch von Kitsch und nicht ganz so gefälligen Figuren haben.

Mein Gesamteindruck: 
3 von 5 Weißdornzweigen





Buchdaten: 

  • Taschenbuch: 478 Seiten
  • Verlag: Aufbau Taschenbuch; Auflage: 2 (9. März 2015)
  • Sprache: Deutsch, übersetzt von Yasemin Dinçer
  • ISBN-10: 3746631386
  • ISBN-13: 978-3746631387
  • Neupreis: 12,99 € (D)
  • Auch als E-Book und Hörbuch erhältlich.
 

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