Freitag, 24. April 2015

Pack den Stier bei den Hörnern ...

Meine Nase ist ein Eiszapfen. 
Grundgütiger, ist das kalt! 
Sind wir über Nacht zum Nordpol gefahren? 
Ich hatte doch den Sturm der Klimaanlage ausgeschaltet. Irgendwie scheint nun aber überhaupt nichts eingeschaltet zu sein. 
Ich zerre einen Bademantel aus dem Hängeschrank über Mamas Bettsessel. 
Zitternd tippe ich auf den Tasten der Klimaanlage herum, aber es tut sich nichts. Wo zum Henker ist nur die Heizung? 
Der Regen war vorbei, aber die Stimmung
auf diesem Bild trügt.
Im Badezimmer zittere ich weiter. Dass wir sparsam mit dem autonomen Wasservorrat des Zuges umgehen sollen, ist mir ja sowas von schnurzpiepe. Weil ich schon so durchgefroren bin, tut selbst der sanfteste Wasserstrahl dermaßen weh, dass ich in der engen Duschkabine von einer Wand zur anderen springe. Schließlich dringt die Wärme des Wassers durch, und als ich endlich bis in die Fußzehen durchgewärmt bin, lege ich mich, in Badetuch und -mantel fest eingewickelt wieder ins Bett.
Bald klingelt im Gang das Weckglöckchen, aber ich traue mich immer noch nicht unter der Decke hervor.
Die nicht ganz so neue Puente nuevo
Irgendwann muss ich das aber, und während wir uns zum Frühstück begeben, wissen wir auch, warum das Gebiss nicht aufhört zu klappern. Bei trübem Himmel gießt es in Strömen. Heute beeilen wir uns besonders, in den Restaurantwagen zu kommen.

Megaoptimistisch gibt sich meine Mama. 
Am Montag hatte es sich im Laufe des Tages aufgeklärt, warum sollte es heute nicht ebenso sein?
Komm schon, Kind, hab dich nicht so!
Ein Blick in die Ferne - da hinten
scheint die Sonne.
Ich bin ja so froh, dass ich meine leichte Mütze mitgenommen habe, denn auch nachdem uns unser Bus in die Innenstadt von Ronda gefahren hat, klärt sich nichts auf. Vorbei der Regen, die Straßen trocken, doch es zieht ein Wind durch die Stadt in der andalusischen Provinz Málaga, der viel zu scharf im Vergleich zu den vergangenen frühlingshaften Tagen ist. Kalt und heftig mogelt er sich durch die Kleidung, lässt uns frösteln. Ich ziehe mein Tuch fester um den Hals, als wir mit unserem Stadtführer zur Besichtigung der imposanten Stadt auf dem Felsenplateau aufbrechen. 
Die Straßen und Gassen sind hier eng, sodass wir nach unseren "panoramischen" Rundfahrten in Sevilla und Cádiz hier in den Genuss einer Führung zu Fuß kommen. 
Auch in Ronda ist uns das Glück hold; unser Guide spricht hervorragend Deutsch (und Englisch, aber unsere englischsprachigen Mitreisenden separieren sich im Laufe des Rundgangs) und kennt sich ausgezeichnet aus. 
Trotzdem gibt es heute vergleichsweise wenig zu erzählen. 
Wir verbringen den gesamten Tag im selben Ort und sind fast immer in Begleitung unseres Guides. Unterhaltsam ist der Mittwoch auf jeden Fall, auch wenn wir zunächst frieren wie die Schneider.
Und weil ich über Ronda nicht viel Worte verlieren möchte - immerhin ist das Internet ein Füllhorn voll Informationen -, werde ich die fotografischen Eindrücke, die ich nicht in den Text einfügen kann, als Bildergalerie an das Ende dieses Beitrages stellen.
 
Rondas Herzstück bilden zweifellos seine drei Brücken, die die etwas mehr als hundert Meter tiefe Schlucht zwischen Alt- und Neustadt überspannen. 
Wir überqueren die heutige Hauptbrücke Puente Nuevo - ein bisschen mulmig wird mir schon. 
Die Schlucht ist enorm, zerklüftet und schlichtweg atemberaubend. Dass die Brückenkonstruktion einst auch als Gefängnis genutzt wurde, verwundert nicht - sie ähnelt Alcatraz, nur mit deutlich weniger Wasser. 
Brückenblick auf das Parador
Die Altstadt besticht mit ihren originalgetreuen Fassaden, die hier strengem Bestandsschutz unterliegen. Vergleichsweise schlicht zeigen sich die alten Bauten, sollte man doch damals nicht von außen erkennen, wie wohlhabend der Bewohner war. 
Selbst in den schmalen Gassen begegnen uns Pomperanzenbäume. Sie lockern auf und sorgen für Mittelmeerflair. 
Überall in der Altstadt verstecken sich außerdem kleine Museen. So gibt es nicht nur ein typisches Heimatmuseum, sondern auch ein Museum über den aus Ronda stammenden Maler Joaquín Ruiz-Peinado Vallejo. 
Auch ihn zog es nach Paris, wo er Picasso begegnete. Ebenfalls dem Kubismus zugewandt, sollte er es jedoch nicht zu vergleichbarem Ruhm schaffen. 
Für umfassende Museumsbesuche bleibt uns auf unserer Reise jedoch keine Zeit. 
Daher spazieren wir am nächsten Museum ebenfalls nur vorbei: Das Museo Lara, das von der Puente Nuevo einfach zu erreichen ist, bietet eine Vielzahl von Themen von Waffen über wissenschaftliche Instrumente, Archäologie und Stierkampf bis hin zu Film und Fotografie. 
Unser Rundgang endet in der Stierkampfarena. 
Weil Ronda als Wiege des Stierkampfes gilt, gehört eine Besichtigung einfach dazu. Dass der Stierkampf offenbar das Tai Chi des Spaniers ist, war mir bislang nicht bekannt. Kriegstraining war das umstrittene Kulturgut also. Und hier, in Ronda, entstanden seine Regeln, die heute noch Gültigkeit haben. 
Museo Lara
Behutsam führt uns unser Guide an das Thema heran und spart auch sensible Themen nicht aus. Abschließend, nach einer kurzen Führung durch die Ausstellung des Stierkampfmuseums, nimmt er uns beiseite, um die Diskussion um das Stierkampfverbot möglichst neutral anzuschneiden. 
Gut drei Stunden sind wir mit ihm in der Stadt unterwegs und am Ende bin ich zufrieden und friere ich sogar nicht mehr. 
Die folgende Freizeit bis zum Mittagessen nutzen wir zum Bummeln. 
Bevor ich noch ein paar Fotos schießen gehe, lade ich meine Mama schon mal im Parador ab, wo unser Essen geplant ist. 
Parador ist eine staatliche Hotelkette der gehobenen Kategorie, später in dieser Woche werden wir noch einmal in einem Parador zu Mittag essen. Neben Hotels gibt es in Ronda auch eine Reihe charmanter Fremdenzimmer bzw. Ferienwohnungen, in denen man inmitten historischer Umgebung authentisch wohnen kann.
Enge Gassen überall
Das Parador in Ronda ist hinter seiner historischen Fassade überraschend modern und hat - ja, ja schon wieder - ausgesprochen angenehme Örtlichkeiten. 
Nach dem Essen verlassen wir Ronda am Nachmittag schon wieder. Auf geht es in Richtung Granada. 
Dieses mal sind wir sehr lange unterwegs. 
Unser Zug muss eine Sonderstrecke fahren, sodass wir zunächst Richtung Norden nach Córdoba reisen, bevor wir wieder nach Süden zurückkehren. 
Acht Stunden dauert die Reise, erst in der Nacht erreichen wir Granada, und zum ersten Mal gehen wir ins Bett, während der Zug fährt.
Auch heute gönnt sich Mama eine ordentliche Siesta. 
Wir genießen wieder den Ausblick, halten ein kurzes Erholungsschläfchen, lassen dann später aber die "Unterhaltung an Bord" nicht ausfallen. 
Heute gibt es Live-Musik - ein Gitarrist und eine Sängerin begleiten uns auf der Strecke und verwöhnen uns mit regionalen Klängen vor und nach dem Abendessen. 
In der Zwischenzeit hat sich die Temperatur im Zug auch eingepegelt, sodass wir ohne Eiszapfen zu Bett gehen können. 
Ich liebe das Schaukeln des Zuges. 
Heute schlafe ich wesentlich besser und wache nur kurz auf, als der Zug in Granada zum Halten kommt. 
Ich träume von strahlender Sonne. 

 
**Ende des 3. Tages**

Bevor die Impressionen von Mittag- und Abendessen kommen, hier zunächst noch weitere Ansichten aus Ronda und von unserer Zugfahrt:
Noch wird die Brücke nicht von ungezählten Schlössern heimgesucht.
Sonnige Aussichten
Eng ist es überall - und doch begegnet man Anwohnern mit kleinen verbeulten Autos.

Die Kirche von Ronda. Auch sie hat eine bewegte Geschichte.
Einst Moschee wurde sie nach der Rechristianisierung in eine Kirche umgebaut.
Kirche mit Palme

Noch mehr Aussichten
Wohnen an der Schlucht
Die Stierkampfarena - sie ist noch in Betrieb
Plätze sind hier schnell ausverkauft.
Das neuere Ronda mit dem Herkulesbrunnen
Die Landschaft fliegt vorbei.

 

Und nun die Mahlzeiten: 

Mittagessen zur besten Kaffeezeit im Parador in Ronda. 
In seiner Gesamtheit ist dieses Menü sehr sättigend, und zwar so nachhaltig, dass meine Mama zum Abendessen in den Streik tritt und nicht mehr das gesamte Menü zu sich nimmt, es sogar nicht mal probiert.
Entrée: Links im Bild: ein Scheibchen Gewürzbrot, belegt mit einem Salat aus Birnen- und Käsewürfeln. Rechts: ein Tortelette mit Tomatenmousse. Das Gewürzbrot mit dem süßwürzigen Belag ist der Hammer!
Erster Gang: Blätterteig-Säckchen mit einer deftigen Füllung aus Gemüse, Fisch und Meeresfrüchten in einer überraschend gut passenden Pilzsauce
Hauptgang: Kalbsteak auf einem Bratkartoffel-Paprika-Mix mit Käsesauce. Im Vorfeld wurden unsere Garwünsche aufgenommen und jeder bekam sein Steak wie bestellt.
Nachtisch: Biscuitboden mit Mandelcreme-Flan, bedeckt mit rotem Beerengelee, begleitet von Mangojus, der nach meinem Gaumen nicht wirklich zu dieser Süßspeise passt.
Das Abendessen im Zug: 
Als Entrée gibt es ein zartes, kaltes Zucchinisüppchen, das ich leider verwackele, weil ich immer noch mit den Einstellungen der Kamera kämpfe. 
Erster Gang: marinierte Makrele auf kaltem Ratatouille - das Ratatouille ist ein Traum, die Makrele erinnert hingegen an marinierten Hering und ist nicht ganz so mein Fall.
Hauptgang: gebratener Hecht auf einem Meeresfrüchterisotto - wäre das Mittagessen nicht schon so sättigend gewesen, würde ich mir einen Nachschlag ordern.
Nachtisch: Al-Andalus-Variation vom Armen Ritter. In Vanilleeischaum gebadete, gebratene Toastscheiben mit Vanillesauce. Ein Traum, aber viel zu schwer für den Abend.

1 Kommentar:

Nazurka hat gesagt…

Das sieht alles so unglaublich schön aus! Ich wünschte, ich könnte das ebenfalls erleben! :) Schön, dass du ein paar tolle Tage genießen konntest und danke für's Teilen dieser tollen Fotos! :)

Liebste Grüße,
Nazurka

Related Posts Plugin for WordPress, Blogger...