Mittwoch, 22. April 2015

More wine for you?

Der Salon
Es regnet. Kein sanftes Tröpfeln. Nein, es schüttet aus Kannen. Als ich am Montagmorgen im zerknautschten Schlafanzug auf den Hotelbalkon trete, sehe ich Menschen in dicken Jacken unter riesigen Regenschirmen. 
Na super. Gestern habe ich noch meinen Koffer umgepackt. Die gefütterte Jacke nebst Winterschuhen, die ich während der Anreise unbedingt gebraucht habe, habe ich ganz unten verstaut, das Luftige oben aufgelegt. Soll ich jetzt schon wieder auspacken? 
Verstimmt schleiche ich unter die warme Dusche, während Mama noch leise schnarcht. Unser Sonntagnachmittag ist nicht ohne gewesen. 
Ich im Salon - gespiegelt
Übernachtung mit Frühstück ist im Hotel NH Sevilla Viapol unbedingt zu empfehlen. Auch wenn hier während der Semana santa ganze Schulklassen aus dem In- und Ausland verweilen und nicht nur mit Koffern und Taschen das Foyer verstopfen, sondern auch im Frühstückssaal lautstark der Smartphone-Sucht frönen. Neben dem reichhaltigen Büffet stehen Servicekräfte bereit, um den Gast in die Bedienung der Kaffeeautomaten einzuweisen. Zu Hause kurbele ich morgens kräftig an meiner Kaffeemühle. Mich dem Zen hingebend, mahle ich von Hand und brühe mein Frühstücks- und Office-Getränk nach alter Manier. Angesichts der schicken Maschine gerate ich allerdings ins Wanken. Was sie zubereitet, ist einfach zu köstlich! Köstlich ist auch das Selbstbedienungsangebot des Frühstücksbüffets - von zuckrig süß bis deftig ist für jeden Geschmack etwas dabei. Wir stärken uns also ordentlich, bevor wir ein weiteres Mal die Koffer schließen, auschecken und bei Nieselregen im Taxi zu unserem nächsten Ziel fahren: dem Bahnhof Estación de Santa Justa. Knapp 6 € kostet die kurze Fahrt.  
(Ich wurde in einer privaten Nachricht explizit um Preisangaben gebeten.)
Ja, repräsentativ sieht anders aus.
Mehr Bilder vom Zug gibt's in den
Folgebeiträgen.
Mit ein paar Brocken Spanisch und viel Körpereinsatz gelingt es mir, mich zu unserem Treffpunkt durchzufragen. Was nützt mir aber die Kenntnis der Wo-Frage "Donde?", wenn ich dann rechts und links nicht verstehe? Memo für die nächste Reise: Wieder vorbereiten!
Der Warteraum ist von außen so unscheinbar (mit einem piepsigen Schild gekennzeichnet) und innen so klein, dass es schwerfällt zu glauben, dass wir quasi VIPs sind. 
Dabei steht uns doch Großes bevor. Etwas Once-in-a-lifetime-Großes. Ein Punkt auf der Löffelliste!
Etwas so Großes, dass meine Mama ganze zwölf Jahre dafür gespart hat. 
Wir werden eine Reise im historischen Luxuszug Al-Andalus unternehmen. Bis Samstag werden wir damit durch Andalusien reisen, die Highlights des Landes kennenlernen und uns verwöhnen lassen. 
Neben Sevillas Opernhaus darf
Mozart nicht fehlen.
Seit meine Mutter das erste Mal Andalusien besucht hat, hat sie von dieser Reise geträumt. 
Nachträglich zum Siebzigsten erfüllt sie sich nun diesen Traum. Unsere Löffellisten-Anthologie hat ihren Entschluss übrigens zementiert.
Obwohl ich Züge liebe - sie begleiten mich schon mein gesamtes Berufsleben lang in Form von technischen und administrativen Texten -, regelmäßig die Bahn nutze und schon zweimal mit dem Zug nach Russland gereist bin (okay, ich berichtige, einmal ging es nach Lettland), habe ich noch nie eine solche Reise im Sinn gehabt. Weil sie mir als Familienevent einfach zu teuer wäre. 
Wir warten also in aller Ruhe auf den viel zu weichen Sofas - nö, stimmt nicht, ich werde hibbelig -, und nach und nach füllt sich der Raum. 
Ob all die Menschen wohl mit uns reisen werden? 
Schon mal ein Blick auf die Kathedrale
Wie viele werden wir am Ende wohl sein? 
Lange tut sich nichts. 
Alle warten. 
Die in den Reiseunterlagen ausgewiesene Zeit ist längst überschritten. An dieser Stelle darf ich aber die Reiseunterlagen ein wenig kritisieren. Dort ist von "ab 11 Uhr" die Rede, das weitere Programm wird nicht näher spezifiziert. Keine Angabe des Namens des Raumes, in denen man sich treffen soll, höchstens der Straßenname gibt ein klein wenig Aufschluss, wohin man sich begeben könnte (dazu muss man aber auch wissen, dass der Bahnhof mehrere Ausgänge zu verschiedenen Straßen hat). Ein kleiner Lageplan wäre hilfreich gewesen, vor allem, wenn man die Sprachbarrieren bedenkt.
Ich bekomme einen steifen Hals vom Hochschauen.
Aufgrund einer wetterbedingten technischen Störung - trotz gewisser Umbauten und Modernisierung bleibt der historische Zug nun mal ein alter Zug - trifft unsere erste Ansprechpartnerin verspätet ein. Mit entwaffnendem Lächeln hebt sie mit weiß behandschuhter Hand ein Al-Andalus-Schild in die Höhe und lädt uns ein, ihr zu folgen. Mit einem Mal leert sich der kleine VIP-Warteraum. Ich höre verschiedene Sprachen, als sich unsere - zunächst noch - kleine Gruppe mitsamt Gepäck in Bewegung setzt. 
Am äußersten Bahnsteig - das Gleis habe ich vergessen (8, vielleicht?) - wartet unser Zug, der uns ins letzte Jahrhundert zurückversetzt und uns zu einem Mitglied der britischen Königsfamilie werden lässt. Die britische Krone nutzte diesen Zug nämlich einst für ihre Urlaubsfahrten. 
Kathedralenansichten en masse fotografiere ich.
Auf dem Bahnsteig hat man eine provisorische Rezeption eingerichtet. Eine Mitarbeiterin in royalblauem Hosenanzug und wieder mit weißen Handschuhen prüft unser Ticket, versieht unsere Koffer mit einem Aufkleber. Während ein junger Mann in selber Aufmachung bereits mit unserem Gepäck weit über den Bahnsteig bis zu den hinteren Wagen läuft, dürfen wir einsteigen. Eine behandschuhte Hand stützt meine Mama, denn ihr bereitet der große Abstand der historischen Trittbretter etwas Mühe. 
Und schon stehen wir im Salonwagen aus der dritten Dekade des 20. Jahrhunderts. Mit einem Glas Champagner (es ist kaum mehr als ein Schlückchen) in der Hand suchen wir scheu nach einem Sitzplatz. Man serviert Häppchen - Serrano-Schinken pur und fingerhutgroße Becherchen, deren Gepäcktyp sich mir nicht erschließen will, gefüllt sind sie jedenfalls mit einer feinen Lachscreme, garniert mit Rote-Bete- oder Brokkoli-Sprossen.
Das Ambiente schüchtert mich ein. Ich fühle mich im ersten Moment noch ziemlich fehl am Platze. Landeimäßig, unpassend gekleidet und überhaupt ... nicht betucht genug. Obwohl ... ein Tuch hab ich um. Als dann eine Gucci-Tasche hereinspaziert, will mir die Bonprix-Hose vom Leib bröckeln. Und dabei passt sie farblich so schön zur Sitzgarnitur ...

Das Gebäude ist so riesig,
dass ich schließlich gar nicht
mehr weiß, an welchem
Ende wir uns befinden.
Ein beeindruckendes Bauwerk
Wir Gäste beäugen einander, Champagner wird nachgeschenkt - halte niemals dein leeres Glas unentschlossen in der Hand, denn es wird sich von Zauberhand füllen -, und schließlich gibt es eine kurze Vorstellungsrunde des Personals und eine Einführung in unseren ersten Tag. 
Als wir unseren Schlüssel abholen und zum ersten Mal zu unserem Schlafabteil gehen, um abzulegen und uns kurz zu erfrischen, merke ich, dass ich einen klitzekleinen Schwipps habe.
Den Schwipps muss ich wohl oder übel zum ersten Programmpunkt mitnehmen: Eine - wie unsere Reiseleiterin so schön sagt - "panoramische" Rundfahrt durch Sevilla steht an. Weil Deutsch immer die letzte Sprache ist, habe ich die wichtigsten Informationen immer schon verstanden und bin so konfus, dass ich ernsthaft darüber nachdenke, ob es auf Deutsch den Begriff "Panorama-Rundfahrt" überhaupt gibt. 
Folgen soll eine Besichtigung der Kathedrale. 
Als wir im Reisebus sitzen, finden sich erstmals alle Sprachgruppen zusammen. Hatte ich zuvor noch angenommen, unsere Gruppe sei klein, muss ich nun feststellen, dass fast alle Busplätze belegt sind. Nachzügler kommen keine. 
Reiseleiterin Carolina hat in dieser Woche eine Mammutaufgabe vor sich: die Gäste sprechen Spanisch, Französisch, Englisch und Deutsch. 
Ich liebe Details. Leider habe ich
kaum Gelegenheit, Einzelheiten
anzulichten.
Carolina - ihren Namen ersetze ich nicht durch einen erfundenen Platzhalter, denn ihr gebührt jegliche lobende Erwähnung - erzählt geduldig und verständlich von der Iberoamerikanischen Ausstellung 1929 und von der Expo 92, bis wir unweit des uns bekannten Torre del Oro zum Halten kommen und aussteigen. 
Obwohl wir gestern fast alles bereits gesehen haben, habe ich nun besser verstanden, mit welchen Gebäuden wir es zu tun haben. Ich bin zufrieden, auch weil das Wetter eine Kehrtwende gemacht hat. Nach und nach hat sich der Himmel geklärt, der leise Niesel ist verdampft, und als wir uns neben der Oper versammeln, müssen wir die Augen mit der Hand beschirmen, um unsere Stadtführerin richtig sehen zu können.

Nach Sprachen werden wir nämlich zertifizierten Stadtführern zugeteilt. 
Unsere Stadtführerin spricht Deutsch und Englisch im Wechsel. 
Klar, sie ist routiniert, trotzdem bewundere ich ihre Konzentration und Gewandtheit. 
Die Stadt ist so vollgestopft, nicht nur mit Touristen, sondern auch mit Pferdekutschen, dass auf dem eigentlich kurzen Weg bis zur Kathedrale viel Zeit zum Erzählen bleibt. Verschämt knipse ich an jeder Ecke ein Bild und ärgere mich, dass ich von spanischer Geschichte keine Ahnung habe. 
Dass ich eben Französisch und Russisch studiert habe, lasse ich nicht als Entschuldigung gelten. Memo an mich: Nachbereitung! Gelobt sei das Internet, denn so muss ich die Informationen, die ich behalten habe, hier nicht auch noch breit treten.

Sevillas Kathedrale haut mich um. 
Gestern habe ich vom Goldturm aus lediglich ein Foto geschossen und darauf gehofft, dass sie auf dem Reiseprogramm stehen würde. Dass ich tatsächlich aber in der größten gotischen Kirche der Welt stehen sollte, hätte ich mir nicht träumen lassen (genauso wenig ahne ich, dass dieser Sakralbau auf dieser Reise sogar noch getoppt werden sollte). Schon der Orangen-Patio, über den man uns Einlass gewährt, ist ein Traum. 

Kein christliches Motiv, denn
hier ruhen 150 Gramm
Kolumbus.
Der Gelbstich ist dem Automatik-
Modus geschuldet. Das Grabmal ist
im Original eher anthrazitfarben.
Im Übrigen ist alles perfekt durchorganisiert. In der Vergangenheit haben wir schon einige Pauschalreisen unternommen und schon ganz anderes erlebt. Deshalb ist die Organisation an dieser Stelle unbedingt eine lobende Erwähnung wert. 
Wir müssen nur wenige Minuten warten, bis unsere Reiseleiterin die Eintrittskarten abgeholt hat und wir die Anlage betreten dürfen. Sämtliche Besichtigungen sind inklusive, also mit dem hohen Reisepreis bereits bezahlt, sodass wir nicht an jeder Ecke erneut den Geldbeutel zücken müssen.

Ah ja, unten ist doch ein Stückchen
des Hochaltars zu sehen.
Neben einem unfassbar luxuriös vergoldeten Hochaltar beherbergt die Kathedrale auch 150 Gramm Überreste von Kolumbus; es ist beinahe eine Ermittlergeschichte, die unsere Stadtführerin mit unverkennbarem Augenzwinkern und großem Spaß an der Sache zum Besten gibt. An Kolumbus' Grabmal erinnere ich dann auch endlich, dass meine Kamera über eine Automatik-Einstellung verfügt. Von da an werden die Fotos scharf, für den Hochalter aber kam die Erleuchtung zu spät. 
Kompakt und von kurzer Dauer ist das Programm in Sevilla, denn nach der Besichtigung der Kathedrale kehren wir umgehend zurück zum Bahnhof. 
Deckenansicht
Das Mittagessen soll im Zug serviert werden - auch hier eine kleine Kritik an der Vorabinformation des Reiseveranstalters, in der nur von Abendessen die Rede war.

An die späten Essenszeiten der Spanier werde ich mich nie gewöhnen. 
Mein Biorhythmus orientiert sich am Schulbus-Fahrplan meines Sohnes. Bis ich mich umgewöhne, dauert es in der Regel mehr als eine Woche. Um 6 Uhr trommelt mich mein innerer Wecker aus den Federn, auch wenn ich theoretisch ausschlafen könnte. So hängt mir schon der Magen in den Kniekehlen, als wir im Restaurantwagen Platz nehmen. 
Ein nettes Ehepaar gesellt sich zu uns. Wir sprechen Deutsch, und ich bin froh, dass ich nicht dolmetschen muss. 
Uns gefällt unser Vierertisch. Im Restaurantwagen ist es nämlich recht eng, und obwohl sich die Tischplatten verschieben lassen, müssen wir uns auf die Sofas hangeln. Trotzdem haben wir hier mehr Raum als die Gäste, die an den Stirnseiten des Raumes Platz nehmen. So knie- und hüftfreundlich wie dieser Tisch ist, muss die Sitzordnung einfach für den Rest der Reise beibehalten werden. Diese Entscheidung fällt umgehend, und zu viert werden wir in den nächsten Tagen um "unseren" Tisch kämpfen. Eine Entscheidung, insbesondere die französischen Mitreisenden total doof finden und lautstark mit einem "ce sont les Allemands, c'est typique" quittieren, ganz siegessicher, dass sie sowieso keiner versteht. Na, wartet mal noch zwei Tage ...
Der Schmeichler für den Gaumen - sehr fluffig
Dasselbe Servicepersonal, das uns noch vor ein paar Stunden in Empfang genommen hat, schenkt nun stilles Wasser ein und nach Wunsch Vino blanco oder Vino tinto aus. Unterdessen setzt sich der 400 Meter lange Zug in Bewegung. Ungerührt vom Ruckeln servieren unsere mit weißer Jacke adrett gekleideten Kellner das Amuse-Gueule: ein Würfelchen von einer Mousse von einem Schalentier, beträufelt mit einem passenden Hummer-Jus. 
"So eine Geschirrverschwendung!", staunt Mama.  Schüsselchen auf Untertasse, ein extra Tellerchen links für frisch gebackene Brötchen. Spontan greife ich zur falschen Gabel. Hätte ich mal das Büchlein "So benimmt sich die junge Dame" gelesen!
Das Türmchen von Pastete und
Ziegenweichkäse mit Balsamico-Reduktion -
hier schon angeschnitten
Gerade haben wir mit unserer neuen Reisebekanntschaft angestoßen, schon bringt die Kellnerin - eine von insgesamt drei Irenes - Nachschub. 
"More wine for you?" 
Ich muss kurz überlegen. Ich weiß, dass ich rote Wangen habe, kann aber nicht mit Sicherheit sagen, ob der Champagner, das Schlückchen Wein oder die Aufregung dafür verantwortlich ist. Betreten nicke ich und bekomme große Augen, als der erste Gang folgt. 
Man serviert uns ein geschickt konstruiertes Türmchen aus Leberpastete, Ziegenkäse und hauchdünnen Birnenscheibchen. Hm, ja ... also ... Man sieht es mir an, dass ich gerne esse (und genauso gerne koche ich auch), aber ich hasse Leberpastete. Und es ist mir auch völlig
Iberisches Schwein mit Auberginen-Haube
wurscht, welche Leber da zu Brei verarbeitet wurde, und sei es noch so eine Delikatesse. Allerdings habe ich mir vorgenommen, nicht zu mäkeln, schließlich zähle ich mich nicht zu den Suppenkaspern, selbst wenn ich Speisen, die mir nicht schmecken, vermeide. Probiert wird alles.

Nur gut, denn das hier ist das köstlichste Türmchen, das ich je essen durfte. Wäre das Ambiente nicht so mondän, würde ich das Messer ablecken. 
Eine Wiederholung der Speise wird es nicht geben. 
Ab sofort schieße ich täglich Food-Fotos als kulinarischen Beweis ... und als Anregung, denn manchmal gönne ich mir und meiner Familie auch etwas Chichi in der heimischen Küche. 
Ein zartes Küchlein in Schokoladensoße -
mein Hosenbund ist in akuter Gefahr.
"More wine for you?" - und da ist die Weißweinflasche wieder. Rotwein mag ich nicht. Glücklicherweise gibt es hier keinen Wein-Gericht-Zwang; jeder trinkt, was er mag. Auch Bier, wenn einem gerade danach ist. Nie ist auch nur ein Glas leer. Sobald die blautransparenten Wasserflaschen geleert sind, werden neue gebracht, Gläser sofort aufgefüllt. 
Der Tageswein - heute in rot und weiß aus Rioja - passt auch hervorragend zum Hauptgang: einem Medaillon vom Ibérico-Schwein gefüllt mit einem Scheibchen Serrano-Schinken. Das Glück ist auf meiner Seite, denn als einzige an unserem Vierertisch bekomme ich ein durchgebratenes Stück. Meine Mama schluckt. Medium gebratenes Fleisch ist einfach nicht ihr Ding. Schon gar nicht, wenn es um Schweinefleisch geht. Trotzdem sieht ihr Stück aus, als hätte es wenigstens ein paar Minuten Hitze bekommen. Das Medaillon meines Gegenübers aber erweckt den Eindruck, es habe sich kurz am Pfannenrand angelehnt und sei danach ausgerissen. Jetzt schlucke ich schwer. Schon will ich eine Irene herbeirufen, um es nachbraten zu lassen, doch alle beißen sich durch bzw. drum herum. 
Ein klebriges Desserttröpfchen
Als der Dessertwein kommt, glühen meine Wangen; mein Spanisch wird nicht besser, dafür mein Englisch. 
Kellnerin Mercedes lacht, als Mama sich schüttelt, weil ihr der Wein zu schwer und zu süß ist. 
Geradezu zäh rinnt die Flüssigkeit am Glasrand herab und schimmert wie leckerer Blatthonig aus dem Laubwald, sobald ich das Glas in die Sonne hebe. 
Mit unserem Tischpärchen plaudern wir bereits über Gott und die Welt. Wir haben uns gefunden.

PAUSE!

Nach dem Dessert eine Siesta! 
Por favor! 
S'il-vous-plaît! 
Bitte, bitte! 
Please, I am begging you!
Spanish yoga! 
Now, please! 

PAUSE!

Pustekuchen!

Für uns heißt es nämlich: "Alle aussteigen, bitte. Auf in den Bus!"
Eine tolle Sache ist so ein privater Reisebus. 
Über die gesamte Reise hinweg begleitet er unseren Zug und bringt uns zu unseren Ausflugszielen. Am frühen Abend des Ostermontags ist unser Ziel die Fähre nach Cádiz. 
Unser Zug fährt inzwischen in Jerez-de-la-Frontera. 
Wir aber schaukeln von El Puerto de Santa Maria mit der Fähre durch die Meeresbucht nach Cádiz, einer der ältesten Städte Westeuropas, die einst von den Phöniziern gegründet wurde. 
Fähre mal anders?
In ihre Kapuze eingemummelt fängt meine Mama plötzlich an zu lachen. 
Ich weiß, was jetzt kommt:
Meerblick mit Gegenlicht
diese uralte Geschichte, die meinem Vater noch immer anhängt. 
Geboren im Mecklenburgischen, ausgebildet bei Blohm+Voss in Hamburg, war er so unbeschreiblich seeuntauglich, dass eine stürmische Rügenrundfahrt vor meiner Zeit nicht nur meiner Mama im Gedächtnis geblieben sein dürfte. Das Tütenkontingent an Bord wurde deutlich aufgestockt. 
Ich hege den leisen Verdacht, dass Mama danach giert, herauszufinden,
Erster Blick auf Cádiz
wie viel von meinem Vater in mir steckt. Jede Menge, vermute ich, aber ich spiele nicht mit. Mein Ziegenkäsetürmchen gebe ich nicht wieder her! 

Mit meinem Kopftuch kämpfend schieße ich mit ruhigem Magen ein paar Fotos und lande, wie alle anderen auch, völlig unbeschadet in Cádiz. Klar, irgendwie schwankt danach der Boden, weil ich einen großen Satz vom Steg unternehmen musste, denn das Boot will selbst am Ufer nicht ruhig liegen.
Weil bis dahin alles so gut geklappt hat, müssen wir uns dort natürlich in unserer "Zeit zur freien Verfügung" verlaufen. 
Schon oft habe ich blumige Texte übersetzt, die die jodhaltige Luft des Atlantiks anpriesen. Um die Nase geweht war sie mir nie. Bis heute.
Cádiz ist ein wundervolles Fleckchen Erde, mit seinen charmanten Gassen, seinem historischen Flair in Kombination mit maritimer Gelassenheit, die sich nicht im Bild festhalten lässt. Die Nase in die Atlantikluft gereckt, verheddern wir uns im jahrhundertealten Wegegeflecht, und als ich 10 Minuten, bevor wir uns am Treffpunkt einfinden sollen, feststelle, dass wir mehr als nur ein Millimeterchen zu weit in die entgegengesetzte Richtung gegangen sind, wird uns flau. 
Man erkennt sie auf dem Bild nicht,
aber es handelt sich tatsächlich um
ein Arrangement von Alpenveilchen
und Efeu.
Ich will Mama in ein Taxi zerren, Mama will aber Einheimische fragen. Angesichts der bisherigen Sprachbarrieren, bin ich bereit, in den Streik zu treten, und werde unwirsch. Ich schnauze sogar ein bisschen rum. 
Erfreulicherweise sprechen die beiden jungen Väter, die wir um Hilfe bitten, so viel Englisch, dass sie uns in die richtige Richtung lotsen. Wir geben Fersengeld, sofern es Mamas künstliche Hüfte zulässt. Mit viel Gottvertrauen. Wer weiß, ob uns die zwei nicht doch an der Nase herumgeführt haben. Wir laufen und laufen und nichts kommt uns bekannt vor. Jetzt schnauze ich richtig, denn für Mama wird es zu anstrengend. 
"Ich hab ja das Taxi nehmen wollen ...", pflaume ich los. 
Nun hat der Spaß schon so viel gekostet, da wären auch die fünf Euro noch drin gewesen. 
An der nächsten Ecke - die doofe Gasse ist natürlich nicht im Stadtplan verzeichnet - will ich nach dem Handy greifen, um Reiseleiterin Carolina anzurufen, als ich nach vorne schaue und den Platz wiedererkenne. 
Da sind weitere Mitreisende und alle bewegen sich in dieselbe Richtung. 
Unser blauer Bus! 
Mir fällt ein Stein vom Herzen und Mamas Herzschrittmacher kann einen Gang runterschalten. 
Carolina lacht, als wir ihr erzählen, wo wir gelandet sind. 
Glück gehabt!
Ohne Verluste geht es nun nach Jerez-de-la-Frontera, wo wir die erste Nacht im Zug verbringen sollen.
Der Restaurantwagen
Als wir am Bahnhof eintreffen, ist es bereits dunkel. 
Zeit zum Entspannen in der Schlafkabine bleibt kaum. 
Sind die Spanier nicht bekannt für ihre Siesta? Ja, aber wann halten sie diese denn? 
400 Meter lang ist unser Zug - es ist der längste Europas -, wir sind im letzten Abteil von Wagen Nr. 6 der Standardkategorie untergebracht. Gefühlte 300 Meter Weg legen wir zurück, um zum Restaurantwagen und zu unserem mehrgängigen Abendessen zu später Stunde zu gelangen.
Wir erobern unseren Vier-Mann-Tisch - allen steht Erschöpfung ins Gesicht geschrieben. 
Es war ein langer Tag. 
"More wine for you?", fragt eine der Irenes lächelnd. 
Ich nicke. 
Dieser Tag verträgt noch ein Schlückchen.

**Ende des 1. Tages**



Auf ausdrücklichen Wunsch folgen an dieser Stelle Impressionen des Abendessens. Keine Angst, in den folgenden Artikeln werde ich zwar Futterfotos mit Bildunterschrift zeigen, aber von detaillierten Beschreibungen im Text absehen, es sei denn, es gibt nichts Spannenderes zu berichten.
Entrée: Ceviche vom Tintenfisch mit Streifchen von Paprika und roter und Gemüsezwiebel; laut Menü sollte ein mediterraner Shrimp enthalten sein, in mein Schälchen hatte sich das Meeresfrüchtchen aber nicht verirrt.
Erster Gang: Tomatensalat mit Hummer, überzogen mit einer leichten Mayonnaise und beträufelt mit Oregano-Öl
Saftiges Thunfisch-Steak mit Rahmwildpilzen - eine ausgesprochen schmackhafte Kombination, die ich bislang für unmöglich gehalten hätte
Mandelcreme-Charlotte mit Nougat - sehr lecker, nicht zu süß, aber für ein Abendessen definitiv zu schwer


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