Dienstag, 28. April 2015

Ersäuf den Freitagsblues in Olivenöl!

Ich bin satt. 
Kurz nach 6 Uhr weckt mich das Ruckeln des Zuges, der sich von Granada in Richtung Linares-Baeza in Bewegung setzt. 
Heute will ich nicht aufstehen. 
Ein Gefühl von Sättigung, ja Übersättigung, presst mich auf meine Liege. 
Nicht nur viel gegessen haben wir in den vergangenen Tagen, sondern auch viel gesehen. 
Von Eindrücken erfüllt bin ich, sodass ich Gefahr laufe, überzuquellen, wenn noch mehr folgen. 
Ich schiebe das Rollo hoch und sehe aus dem Fenster. 
In rotgoldenes Licht getaucht, rast die Landschaft an uns vorbei. 
Seit der Geburt meines Sohnes war ich höchstens vier Tage allein unterwegs, zu Weiterbildungen, nicht etwa zu purem Privatvergnügen. 
Es ist Freitag. 
Seit genau einer Woche bin ich fort, und seit genau einer Woche habe ich kein Wort mehr mit meinem Sohn gewechselt. 
Er lebt seinen Kinderalltag, so habe ich erfahren. Lernt Skateboard fahren mit seinem Kumpel, und nachts kuschelt er sich in mein Bett. 
Nur anrufen will er mich nie. 
Mein Mikrokosmos fehlt mir. 
Ich, die ich mich kaum an Heimweh erinnere, will plötzlich nach Hause. 
Täglich sitze ich mir den Hintern an meinem Heimarbeitsplatz breit und bin es nicht mehr gewöhnt, den Tag mit so vielen anderen Menschen zu teilen, und schon gar nicht, dass es fünfzehn Menschen gibt, die sich jeden Tag um mich und die anderen kümmern. 
Offenbar werde ich alt. 
Es bereitet mir Mühe, meine Eindrücke zu sortieren und abzuschalten. 
Nach einer Woche schwebe ich in einer seltsamen Unentschlossenheit zwischen Reiselust, bleierner Müdigkeit und ungekanntem Heimweh. 
Trotzdem ist es der Moment, an dem endlich Urlaubsfeeling eintritt. 
Pauschalreisen sind immer so durchorganisiert, so angefüllt mit Programmpunkten, dass ich eine ganze Weile brauche, um mir wirklich bewusst zu werden, dass ich im Urlaub bin. 
Wann mache ich denn schon Urlaub? 
Eine Woche der vergangenen Sommerferien haben wir an der Ostsee verbracht. 
Ansonsten finden wir immer wieder Hindernisse, die uns erfolgreich von echtem Urlaub abhalten. 
Mal ein Ausflug hier, ein Ausflug da, nur nichts, von dem man lange zehren könnte. 
Gerne würde ich heute blau machen, aber dann sage ich mir: Es ist doch alles bezahlt, und ich bin einmal hier. 
Schon immer habe ich Sorge gehabt, ich könnte etwas verpassen. 
Tief in mir drin, weiß ich, dass ich alles sehen und erleben will, auch wenn ein anderer Teil von mir nach Ruhe schreit. 
Fertig für die Probe
Ich bin schon ein seltsamer Mensch, denke ich mir, während ich die unzähligen Olivenbäume an mir vorbeistreifen sehe.
Überhaupt ist es heute im Bus etwas ruhiger, als wir in das ländliche Gebiet um Baeza fahren. 
Nach alten Gemäuern und städtischem Flair fühle ich mich auf einmal heimischer. 
Nicht, dass es bei uns im Südharz auch nur annähernd so aussieht wie hier. 
Es ist einfach diese ländliche Ruhe, die ich vermisse und die mich immer wieder erdet nach dem Überborden der Stadt und all dem Prunk, den Historisches auch mit sich bringen kann. 
Unsere Fahrt führt uns zu einem Olivenölmuseum, zum Museo de la Cultura del Olivo de la Hacienda La Laguna. 
Nun bekomme ich doch wieder Appetit. 
Ich erinnere mich noch an eine Führung durch eine Olivenöl-Manufaktur in Italien, aber nicht an Details. 
Das muss auf jener Sommerreise gewesen sein, die als Heuschnupfenschleier durch meine Erinnerung schwebt. 
Das spanische Olivenöl und seine Herstellung sind mir heute, da ich seltsamerweise keinerlei Allergieansatz verspüre, somit willkommen.
Was unsere deutschsprachige Führung anbelangt, haben wir eine Pechsträhne. 
Hätte ich nur halb so viel Selbstvertrauen wie unsere Guides, wäre ich sofort beim nächsten Stadtführerlehrgang dabei. 
Enthousiasmus und Witz können leider nicht darüber hinwegtäuschen, dass sich unser Guide erst wieder in sein Metier einarbeiten muss. 
An dieser Stelle muss aber auch darauf hingewiesen werden, dass die Gegend, in der wir uns heute bewegen, für den deutschsprachigen Touristen offenbar kaum Material bereithält. 
Das Ölivenölmuseum stellt seine Exponate zwar auch auf Deutsch vor, bietet aber keine deutschsprachigen Führungen. 
In Baeza und Úbeda später bekomme ich im Souvenirshop nicht einmal einen deutschen Reiseführer. 
Schade, denn beide Orte sind seit 2003 Welterbestätte und bieten zusammen um die 150 Sehenswürdigkeiten. 
Was zunächst recht klein aussieht, entpuppt
sich als ein recht umfangreiches Museum.
Unsere erste Anlaufstelle, das Olivenölmuseum, aber macht trotzdem Spaß. 
Zunächst gibt es nämlich eine Olivenölverkostung - meine erste. 
In einem ziemlich nüchternen Raum, der mit seinen Fliesen eher an ein Schwimmbad erinnert, nehmen wir wie Schüler an Tischreihen Platz. 
Vor uns aufgestellt sind 3 numerierte Becherchen mit einem Schluck Öl. 
Dazu gibt es ein Bewertungsblatt (das etwas für die Übelsetzungs-Pinnwand ist, wir wursteln uns aber durch). 
Hier wird verkostet.
Nach Anweisung erwärmen wir nun das erste Becherchen in der Hand und kosten mit spitzen Lippen. 
Hm! 
Meine alljährliche Heuschnupfenplage hat mir noch nicht den Geschmackssinn verdorben. 
Fruchtige Milde breitet sich auf meiner Zunge aus, im Abgang zeigt sich das Öl dann ein ganz klein wenig bitter. 
Sehr angenehm. 
Links zu sehen: riesige Tanks.
Wir tun so, als wären wir Profis, und vergeben Geschmacksnoten. 
"Igitt, das ist ja ranzig!", empört sich meine Mama, die hinter mir sitzt, als wir Öl Nr. 2 probieren. 
Meine Probe ist keineswegs ranzig. 
Dieses Öl ist bei angenehm grasigem Duft - vielleicht wird das Duftempfinden hier auch von der leicht grünlichen Farbe der Flüssigkeit beeinflusst -, recht bitter und überrascht mit scharfem Abgang. 
Mein Fall ist es dennoch nicht. 
Öl Nr. 3 riecht nach nichts. 
Ich will es schon für Rapsöl halten, als man uns vom Kosten abhält und offenbart, dass es sich um industrielles Olivenöl aus dem Supermarkt handelt. 
Der hauseigene Olivengarten
Ich koste trotzdem. 
Es riecht nach nichts, es schmeckt nach nichts. 
Nach der Probe geht es hinüber zum Museum, das mit Originalstücken und Nachbildungen der Olivenölgewinnung gestern und heute nachspürt. 
Dazu gehört auch ein Garten mit einer Vielzahl verschiedener Olivenbaumarten (ich habe mir die Zahl nicht gemerkt, meine aber, es sind ganze 30 Arten). 
Überall wird die Olivenölkultur lebendig. 
Kein Wunder, denn in Andalusien gibt es 66 Millionen Olivenbäume, sodass statistisch gesehen 1,4 Bäume auf einen Einwohner entfallen. 
Aufbewahrung früher
20 % der weltweiten Olivenölproduktion werden allein in diesem Landstrich gedeckt. 
Als wir nach Baeza aufbrechen, begleiten uns Olivenbäume wieder en masse. 

Eine Presse
Baeza befindet sich auf einem 800-m-Hügel über dem Guadalquivir-Tal. 
Bereits früh war der Ort besiedelt, und unter den Römern erfuhr er einen ordentlichen Entwicklungsschub, lag er doch an der Silberstraße von den Minen in Sierra Morena zur Ostküste. 
Einst war Baeza sogar Hauptstadt der Provinz und Bischofssitz. 
1538 entstand hier eine eigene Universität, die Baezas Attraktivität erheblich steigerte, bevor die Stadt im 17. und 18. Jh. langsam an Bedeutung verlor. 
Verantwortlich war vor allem der Verlust von Ländereien, wodurch Baeza bald gezwungen war, landwirtschaftliche Produkte zu importieren, anstatt auf Eigenproduktion zurückzugreifen. 
Zahlreiche Modelle gibt es im Museum zu sehen.
Nicht zuletzt das verheerende Erdbeben in Lissabon im Jahre 1755 zog diese Gegend in Mitleidenschaft. 
Sowohl Baeza als auch Úbeda wurden erheblich beschädigt. 
Auch wenn heute allerorts Restaurierungsarbeiten zu beobachten sind, befindet sich doch so Manches in einem Zustand, dem man deutlich den Zahn der Zeit ansieht. 
Das Lagerhaus für Olivenöl
Nach einem Rundgang durch Baezas Altstadt - über die Plaza del Pópulo mit ihrem Löwenbrunnen und dem ehemaligen Schlachthof hinauf zur Antigua Universidad, wo der Dichter Antonio Machado, einst Französisch unterrichtete, weiter zu Santa-Cruz-Kirche und Jabalquinto-Palast und schließlich zur Plaza de Santa María - gehen wir an der Kathedrale, die wie so viele andere Kirchen hier auf den Fundamenten der ehemaligen Moschee errichtet wurde, schließlich noch zu einem Aussichtspunkt mit heute ziemlich diesigem Blick auf das Tal.
Der Löwenbrunnen
Als besonderer architektonischer Blickpunkt ist der Jabalquinto-Palast zu nennen, der die Universidad Internacional de Andalucía beherbergt. Auch die Machado-Sommeruniversität findet hier statt. Also, wenn ich Spanisch könnte ... 
Wir bummeln ziemlich und beäugen das alte "Graffiti" am Jabalquinto-Palast. 
Offenbar haben früher die Studenten sich mit ihren Initialen in Stierblut auf Universitäten und sonstigen Gebäuden verewigt. 
Es fällt schwer, die Löwen noch zu erkennen.
Auch Granadas Kathedrale blieb nicht verschont. 
Bräuche gibt es ...  
Und weil wir einen so langen Rundweg unternommen haben, sind wir auch die letzten, die wieder am Bus eintreffen, als es zum Mittagessen ins Parador nach Úbeda gehen soll. 
Eingerichtet in einem Haus, das einst extra für den Architekten der benachbarten Capilla del Salvador, einer bemerkenswerten Renaissance-Kapelle, befindet es sich direkt an der Plaza Vázquez de Molina und bildet damit den perfekten Ausgangspunkt für den nächsten Rundgang. 
Trotz meines Freitagsblues fotografiere ich viel, weshalb ich diesen Tag in zwei Teile trenne und dem Nachmittag in Úbeda einen gesonderten bebilderten Artikel widme.

** Ende des Vormittags **

Es folgen einige Impressionen aus Baeza und im Anschluss natürlich unser Mittagessen im Parador:

Das ehemalige Schlachthaus
Wappen am ehemaligen Schlachthaus
 

Schon mal ein Blick zur Kathedrale
Vorher geht es aber in die Alte Universität

 

Ein erfrischender Patio
Als Erinnerung, dass Machado hier einst unterrichtete
In diesem Raum unterrichtete er Französisch, die Einrichtung ist allerdings eher naturwissenschaftlich orientiert.

Santa-Cruz-Kirche
Front des Jabalquinto-Palastes, der von vorne gar nicht so riesig aussieht.
Im Übrigen ist er mit höchst schlüpfrigem Stuck verziert.

Ein Aufgang im Palast
Weniger schlüpfriger Stuck
Im Patio des Palastes
Universität - der Palast ist doch größer als gedacht
Plaza de Santa Maria - dieser Brunnen ist schon stark verwaschen
Wir spazieren um die Kathedrale - ein anderes Zeitalter eröffnet sich
Kathedralenansichten
 

Eine diesige Aussicht auf Olivenbäume
 Das reichhaltige Mittagessen: 

Entrée: links: Salmorejo, die kalte Tomatensuppe, mit Olivenöl und Serrano-Schinken,
rechts: kalte Knoblauchsuppe - beides LECKER!
Erster Gang: Blätterteigkonstruktion mit Spinat, Garnele und Käse überbacken, dazu ein süßlicher Tomatenjus
Hauptgang: Keule vom Zicklein mit Kartoffelgratin -
ein Gericht, das die Geister spaltet.
Offenbar zählt es zu den Standardgerichten des Parador (mit knapp 25 Euro ziemlich happig).
Das Fleisch ist zart und gut gewürzt, der Kartoffelgratin aber ist zu schwer und zudem zu laff.
Ich lasse ihn liegen.
Nachtisch: Olivenöleis (super lecker!) und AOVE-Royal-Biscuitstück -
insgesamt ein enormes Sattmachermenü.
Kein Wunder, dass nun fast alle eine Siesta brauchen.



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