Donnerstag, 23. April 2015

Dann tanzt das Fass von Picasso Flamenco

Der Schrank
Himmelherrverflixtnocheins ... hab ich schlecht geschlafen. 
Habe ich überhaupt geschlafen? 
Wie einen Pfannkuchen habe ich mich gedreht und gewendet, bis ich eine ordentliche Schlafposition gefunden habe. 
Das Brummen aber ist geblieben. 
Wir haben das Pech, das letzte Abteil von Wagen Nr. 6 zu bewohnen. Pech deshalb, weil das Abteil direkt neben dem Technikraum liegt. 
Unsere Eingangstür (von innen)
Um die Fahrgäste mit angenehmer Luft zu versorgen (oder sie bei Bedarf auch feinzufrosten, aber dazu später), bedarf es natürlich an Technik und Elektrik, und die ist genau neben meinem Schlafplatz untergebracht. 
Meine zweite Zugreise in russischsprachige Gefilde ist mir noch gut in Erinnerung. 
Ein wenig Stauraum
Daher habe ich befürchtet, vom Schnarchen des Nachbarn im Nebenabteil wachgehalten zu werden. 
Mit einer sanft vibrierenden Wand aber habe ich nicht gerechnet. 
Irgendwann habe ich meine Papiertaschentücher zerpflückt und mir die Ohren damit verstopft - eine Lösung, wenn auch nicht optimal.
Selbstverständlich hat mich mein innerer Wecker überpünktlich aus dem seichten Schlaf gerissen.
Planmäßig eilt unser Steward nämlich erst um 8 Uhr mit seinem Glöckchen durch die schmalen Gänge. 
Bedenkt man unseren langen Weg zum Restaurantwagen, ist eine halbe Stunde bis zum Frühstück für uns zwei Damen ziemlich knapp bemessen. 
Aber es zwingt uns ja niemand, uns an die Glöckchenzeit zu halten, also sind wir längst fertig, als das offizielle Gebimmel erklingt. 
Wie soll ich das nur fotografieren?
Viel ist von der Dusche nicht zu erkennen.
Unser Abteil verfügt über ein eigenes Badezimmer, mehr als eine schmale Nasszelle ist es nicht. Es bietet neben Vakuum-WC und Waschbecken mit kleinem Hängeschränkchen eine Duschkabine. Meine Rundungen passen dort noch ganz gut hinein. Uff. Glück gehabt. Würden wir die bereitgestellten Bademäntel an den vorgesehenen Haken aufhängen, wäre in dem winzigen Raum aber kein Platz mehr. Trotzdem ist jeder Zentimeter gut ausgenutzt. 
Das Abteil der Standardkategorie ist mit einer Liegebank und einem Sessel ausgestattet. In Handumdrehen verwandelt sich der Sessel in ein Bett, und dann ist der Raum auch schon voll. 
Der ausziehbare Schlafsessel. In den Genuss,
das Abteil im hier gezeigten Zustand zu nutzen,
kommen wir nicht. So sieht es nur bei An- und
Abreise aus.
Über der Badtür steht eine Ablage zur Verfügung, unsere Koffer sind jedoch zu hoch (selbst Mamas Wochenendvariante passt nicht). Unter dem ausgezogenen Sessel finden sie jedoch gut Platz. 
Wir packen nur wenig aus. 
Bestückt mit ein paar Kleiderbügeln bietet der Schrank Raum für Jacken, Blusen, Hosen und Röcke und eine kleine Ablagefläche. Einen Safe gibt es ebenfalls. 
Genügend Stauraum ist vorhanden, aber trotz luxuriösen Ambientes vom Ende der 1920er Jahre mit elegantem Echtholzfurnier leben wir eine Woche lang aus dem Koffer, um nicht ständig übereinander klettern zu müssen. Wir sind froh, nicht mit einem gemeinsamen Koffer gereist zu sein. 
Mein Schlafsofa. Kissenrollen und Rückenlehne
wurden während der Reise verstaut,
um mir reine Liegefläche zu bieten.
Unschuldig zu sehen ist die vibrierende
Wand zum Technikraum.
Wie mag es erst in der Superior-Kategorie aussehen? Diese - zwar insgesamt etwas größeren - Abteile verfügen nämlich über ein Doppelbett, das die gesamte Abteilbreite einnimmt. 
An diesem ersten Morgen im Zug kämpfen wir noch mit der Einrichtung, hängen die Duschtücher lieber ins Abteil, damit wir uns beim Toilettengang nicht darin verheddern. 
Die Klimaanlage pustet aus Leibeskräften, obwohl ich den kühlen Wind am Vorabend abgeschaltet hatte. 
Ich drücke den Ausschalter, bevor wir - in Strickjacke, denn in den Gängen ist es zugig kalt - zum Frühstück flüchten. 
Unser Gang
Angeboten wird ein Frühstücksbüffet. Der Raumgröße angemessen ist es entsprechend klein, aber für jeden Geschmack dürfte etwas dabei sein: Obst, spanische Käse- und Wurstsorten, Brötchen, Toast, Marmelade und Honig (abgepackt in Ein-Mann-Portionsgläsern). Butter gibt's in hotelüblicher Plastikminipackung. Dazu steht täglich eine neue Omelettevariante auf dem Menü. Heute mit Chorizo. Wer das nicht mag, bekommt ganz nach Gusto Spiegel- oder Rührei oder, ganz klassisch, ein gekochtes Ei. Kaffee, Tee und Saft werden serviert. 
Der Bahnhof in Jerez zählt zu den
schönsten Andalusiens.
Eine Stunde Frühstückszeit ist anberaumt, dann startet das Tagesprogramm. 

Wir befinden uns in Jerez de la Frontera, und was könnte in der Heimstatt des Sherrys anderes auf dem Plan stehen als eine Besichtigung einer Bodega?
Weinkellereien, Brennereien und Co. haben wir schon im Rahmen diverser Pauschalreisen hinter uns. Ihre Besichtigungen gehören einfach dazu. Manchmal sind sie langweilig, manchmal interessant, und immer spülen die Touristenströme Geld in die Kassen der Betreiber. Genervt habe ich bei der letzten Italienreise lieber im Garten die Seele baumeln lassen. Damals war ich in meinen Zwanzigern und hatte für Wein ohnehin nichts übrig.
Bahnhofsinnenansicht
Da ich keine Ahnung von Sherry habe - der letzte, den ich probiert habe, hat das Getränk auf meiner Anti-Spiritus-Liste umgehend hinter Pfefferminzlikör katapultiert -, sehe ich heute dem Pflichtprogramm gelassen entgegen. 
Wir fahren also mit unserem Begleitbus zu González Byass (Tio Pepe), einer der größten und bekanntesten Sherry-Kellereien Spaniens. 
Bahnhofsschmuck
Touristenbusse werden ausgekippt und für eine Weile ist es vor Menschenstimmen und Motorengeräuschen so unfassbar laut, dass die kleine Dame im roten Kleid, die uns durch die Anlage führen soll, stumm abwartet, um sich nicht heiser schreien zu müssen. 
Wir werden heute nicht ihre einzige Gruppe sein. 
Als es ruhiger wird und wir uns enger um sie scharen, wird es interessant. In wunderbarem Deutsch (und Englisch, die Amerikaner sind in der Minderzahl und müssen sich meistens einen Guide mit uns teilen) berichtet sie uns von der Sherry-Produktion. Man keltert vom eigenen Weinberg und behält von der Pflanze bis zur Flasche umfassende Kontrolle. 
Das nenne ich mal Empfangshalle!
Willkommen bei González Byass.
Die Kellerei ist riesig - wir sehen gerade einmal den Touristenteil, und selbst hier ist jedes einzelne Fass voll und in Betrieb. An Ort und Stelle wird nach dem González-Sherry-Prinzip ab- und umgepumpt, und überall hängt der Duft von Trauben und Alkohol in der Luft. 
Gonzáles Byass ist so berühmt, dass seit Jahrzehnten auch die großen VIPs hierherströmen und ein Fass signieren. Aber: Auch wenn ganze Hallen mit Autogrammfässern gefüllt sind, so gehören diese allesamt dem Unternehmen (und sind in Betrieb). 
Wir schlendern an vielen international bekannten Namen vorbei, an noch mehr nationalen Namen, die uns nichts sagen. 
Den Höhepunkt bildet das Fass von Picasso. 
Wie passend! 
Habe ich doch gerade einen Picasso-Roman und die Erinnerungen Fernande Oliviers gelesen. 
Aber irgendwie ist es doch ziemlich unscheinbar, das Fass. Eine Widmung für den Chef, eine kleine Skizze und ein Signum ... aber hallo, so nahe war ich dem Meister lange nicht mehr (ich schätze Picasso erst, seit ich ein reiferes Alter erreicht habe). 
Den Abschluss bildet die obligatorische Degustation. 
Man kredenzt uns zwei Sherrys - den trockenen Fino eisgekühlt und einen lieblichen Vertreter, auch gut gekühlt. 
Et voilà, Sherry purzelt von meiner Anti-Spiritus-Liste, während Mama sich schüttelt. 
Fässer, überall Fässer
Ihr ist der eine zu staubig, der andere zu süß. Sie kreiert sich ihren eigenen Verschnitt, schüttet ihre Gläser zusammen und befindet das Gemisch nun für trinkbar. 
Selbstverständlich hat das Unternehmen seinen eigenen Shop, und dank des perfekten Timings bleibt noch Zeit, ein Souvenir zu erstehen. 
Von der Sherry-Probe und der amüsanten Führung beschwingt, geht es weiter zum nächsten Programmpunkt. 
Eine gepflegte, sehenswerte Anlage
Wir besuchen die Real Escuela Ecueste, die Königliche Reitschule, in Jerez. 
Dort geht es auf direktem Wege zu unseren Plätzen - keine Wartezeit, keine Warteschlangen. Und hier sind alle Plätze gut. 
Fotografiert werden darf während der Vorstellung nicht. Wie die Bienen schwirren die Platzanweiserinnen umher, geben sich über die Manege hinweg Handzeichen und weisen jeden Fotografen scharf zurecht. 
Tio Pepe
Auf haarige Tiere bin ich allergisch, auf manche mehr, auf manche weniger. Glücklicherweise sind Pferde keine Katzen. 
Es kribbelt mir geringfügig im Hals, als wir den Saal betreten, aber die Vorstellung überstehe ich unbeschadet. 
Stolz präsentieren sich die Andalusischen Pferde und ihre Reiter. Direkt ins Blut geht auch die Musik. Meine Mama liebt Pferde, sie klatscht so sehr, dass sie am Abend wahrscheinlich kein Besteck mehr halten kann. 
Bei González haben auch die Apostel ihre Fässer.
Die Zeit rast nur so dahin. 
Bis knapp 14 Uhr haben wir bereits zwei erlebnisreiche Programmpunkte absolviert, und im Gegensatz zum Montag fühle ich mich beschwingt und noch vollkommen ungestresst. 
Auch der Schlafmangel macht sich noch nicht bemerkbar. Erst einmal ... 
Als wir mit dem Bus nach Sanlúcar de Barrameda zum Mittagessen fahren, fallen mir dann doch die Augen zu. 
Die Fässer der Königsfamilie
Sanlúcar de Barrameda liegt an der Mündung des Guadalquivir, der uns auf unserer Reise offenbar begleitet. Hier vereint sich der immense Fluss mit dem Atlantischen Ozean. 
Vom Ort selbst bekommen wir nicht viel zu sehen, am Ufer aber reiht sich ein Restaurant ans andere, und am Sandstrand tummeln sich einige Menschen. 
Gegenüber erstreckt sich der Nationalpark Coto de Doñana. 
Von unserem Restaurant Casa Bigote haben wir einen ausgezeichneten Blick auf das Wasser und den Dünenstreifen des Nationalparks. 
Von außen eher unscheinbar fasst das Casa Bigote unsere 50 Personen starke Reisegruppe mühelos an Vierer- bis Achtertischen im Obergeschoss und hat dabei im Untergeschoss immer noch ausreichend Raum für weitere Mittagsgäste. Dennoch gibt es jeweils nur ein einziges WC für Damen, Herren und darüber hinaus eine behindertengerechte Toilettenkabine. In fast allen externen Restaurants, die wir im Laufe unserer Reise besuchen, führt diese Situation zu langen Warteschlangen. 
Lagetypisch gibt es ein maritimes Mittagessen - hier serviert man von der großen Platte, und es gibt später nicht nur Nachschlag, sondern auch einen Sherry als Aperitiv. 
Bei sämtlichen Mahlzeiten sind sowohl Softdrinks als auch die Weine und der Kaffee inklusive. Der Reisepreise beinhaltet Vollpension, inkl. alkoholischen und nicht alkoholischen Getränken während der Mahlzeiten sowie nicht alkoholischen Getränken im Zug. Gönnt man sich ansonsten einen Cocktail, kostet der extra. Unterwegs im Reisebus steht gekühltes stilles Wasser in handlichen Flaschen kostenfrei zur Verfügung. 
DAS HIGHLIGHT
Im Casa Bigote wie auch in allen anderen Restaurants, die wir besuchen, und im Zug wird der Wein aus der Flasche ausgeschenkt und immer nachgeschenkt. 
Ich frage mich, ob die Kellner eine Flaschenprovision erhalten.
Obwohl ich nicht wieder über das Essen ausschweifen wollte, ist die Mahlzeit im Casa Bigote erwähnenswert, weil sie schlichtweg zu den besten zählte. 
Weinstöcke gibt nicht nur auf dem Weinberg,
sondern auch auf dem Kellereigelände.
Angefangen bei den frischen Garnelen, die frisch gebraten mit Meersalz berieselt und Olivenöl beträufelt zum warmen Brötchen gereicht wurden, über das Filet vom Seebarsch im ersten Gang und die reichhaltige, deftige Reissuppe mit Fisch und Meeresfrüchten im Hauptgang, bis hin zur Rosineneiscreme mit Tocino de Cielo war alles geradezu bodenständig und einfach nur köstlich. 
Auch wenn die Menüs aus Gründen der Planungssicherheit feststehen, ist für Nichtfischesser flugs eine Alternative zubereitet. Die beiden Kinder in unserer Reisegruppe werden ebenfalls problemlos mit Alternativen versorgt. 
Sherry-Pröbchen
Zurück in Jerez setzt sich unser Zug um 17.20 Uhr in Bewegung in Richtung Ronda. 
Erstmals haben wir Gelegenheit zu einer Siesta. 
Fünf Stunden soll die Fahrt dauern. 
Obwohl die Entfernungen zwischen unseren Zielen oftmals nicht groß sind, fahren wir recht lange. 
Der Al-Andalus ist ein Sonderzug. Deshalb muss er oft andere Strecken fahren oder warten, um Regionalbahnen und Hochgeschwindigkeitszügen den Vortritt zu lassen. Gemächlich streifen wir also durch die andalusische Landschaft, in unseren Betten liegend schauen wir aus dem Fenster und genießen die Fahrt. 
Eingang der Reitschule

Um 18.45 Uhr steht aber Unterhaltung an Bord auf dem Programm. 
Mama hat keine Lust auf Animation. 
Verübeln kann ich es ihr nicht. Das viele Laufen und die verqueren Essenszeiten machen ihr zu schaffen. Sie braucht ihre Siesta, da darf sie das Show Cooking auch mal ausfallen lassen. 
Typische Tapas will man uns vorstellen, und als ich im Salonwagen eintreffe, sind unsere beiden Köche (beide jünger als ich) bereits mit tatkräftiger Unterstützung zweier Freiwilliger dabei, eine Salmorejo zuzubereiten. 
Beim darauffolgenden Tomaten-Melonen-Frischkäse-Salat bin ich als Freiwillige an der Reihe.
Hey, ich bin im Urlaub, und jetzt soll ich auch noch kochen? 
In Gedanken höre ich meinen Sohn: "Immer bist du so ein Spielverderber!" (Und jetzt klingeln mir die Ohren, weil der Ohrwurm "Spielverderber" von Inka Bause durch meine Gehörgänge tanzt!)
Innenansichten
Entschlossen schnappe ich meinem spanischen Co-Freiwilligen das gute große Kochmesser weg und lege los. In Hausfrauenaffenzahn schnibbele ich Tomate, Honig- und Wassermelone und weiß dann nicht, wohin mit den Würfelchen. 
Das Schneidbrett quillt über. 
Die beiden Köche grinsen, als sie mir mehrere Schüsselchen reichen müssen. 
Wie beim Trifle schichten wir zunächst Tomate, dann Honigmelone, dann Wassermelone und zuletzt die Frischkäsewürfel in ein Glas (der spanische Frischkäse ähnelt stark dem Mozarella, ist aber wesentlich weicher und trotzdem würfelbar). 
Mal kurz am Strand in Sanlúcar de Barrameda
In der Zwischenzeit bereitet einer der Köche eine schlichte Vinaigrette aus Balsamico, Olivenöl und Honig zu. 
Garniert wird mit Sprossen. Sind Sprossen gerade en vogue? 
Dieser Salat kommt auf jeden Fall auf meine heimische Speisekarte (vielleicht ohne Käse, weil ich den daheim wohl nicht bekommen werde), nicht nur, weil ich einen Holzkochlöffel als Belohnung bekommen habe. 
Für die abschließende Olivenpaste räume ich dem nächsten Freiwilligen das Feld. 
Das Abendessen heute folgt vergleichsweise früh: schon 20.45 Uhr finden wir uns im Restaurantwagen ein. Während der Fahrt nach Ronda speisen und plaudern wir. 
In Ronda angekommen, steht noch ein weiterer Punkt auf dem Programm. Selbstverständlich ist das Angebot keine Pflicht, es steht uns Reisenden immer frei, teilzunehmen oder im Zug zu verbleiben. 
Auch wenn ich mich daheim um 22.45 Uhr schon von innen betrachte, kann ich doch hier nicht schlappmachen. 
Mosaiken sind in Andalusien allgegenwärtig.
Eine Flamenco-Vorführung ist noch geplant. Weil unser Stammbusfahrer seine Zeiten einhalten muss, fährt uns ein anderer Fahrer hinein nach Ronda. 
Meine Mama ist schon ganz aufgeregt, hat sie doch vor Jahren schon einmal eine Flamenco-Show erlebt. Sie erwartet etwas Großes, etwas Buntes. 
Entsprechend ernüchtert ist sie, denn das Tablao "El Quinqué" ist ein winziges Haus (und zu meinem Leidwesen muss ich schon wieder die unzumutbare Toilettensituation erwähnen). 
Wir betreten einen kleinen Gewölberaum. 
Ein Blick aus dem Zugfenster
Kaum zu glauben, dass wir alle hier hineinpassen - sind überhaupt alle mitgekommen? 
Von Tischen und Stühlen gesäumt verspricht die kleine Bühne Nähe, Intimität. 
Ein Gitarrist stimmt uns ein. Jeder Saitenschlag wird zum Gänsehautgaranten. Erst nachdem er sein Spiel beschließt, treten ein junger Mann und eine junge Frau zu ihm. Nichts und niemand ist hier bunt. Sie alle tragen dunkle, gedeckte Kleidung, heben sich kaum vom Bühnenhintergrund ab. Zu dritt sitzen sie auf den schlichten orangefarbenen Stühlen auf der Bühne. Der Gitarrist schlägt erneut die Saiten an, Mann und Frau klatschen rhythmisch in die Hände. Dann hebt der Mann zu singen an - er interpretiert, wie uns eine Spanierin aus unserer Reisegruppe später erzählt -, laut, mitunter beinahe zornig, dann wieder sanfter trägt er seine Seele auf der Zunge. 
Das ist das einzige Bild, auf dem nicht alles zertanzt wurde.
Beim nächsten Lied erhebt sich die Frau. In langsamen Bewegungen wogt ihr Körper zu Gitarrenmelodie und Gesang. In sanften Wellen hebt sie die Arme, formt Finger und Handgelenke, Ellenbogen, als habe sie keine Knochen. Dann wird ihr Tanz schneller, kraftvoll, intensiv - der Bühnenboden ist nicht grundlos zertanzt. Obwohl ich kein Wort des Gesangs verstehe, schwängert Leidenschaft das Ambiente. Werben, Herzschmerz, Atemlosigkeit rammt die Tänzerin in komplizierten Schritten in den Boden. Die Luft vibriert, lässt mir die Tränen in die Augen schießen. Eine kurze Pause gönnen sich die drei, die Tänzerin zieht sich um. Drei Tänze zeigt sie uns insgesamt, bevor sie sich schweißgebadet, schwer atmend verabschiedet. 
Meine Mama ist enttäuscht, ihr hat die Veranstaltung die Augen nicht gefüllt. 
Mir fehlt der Vergleich, aber im Augenblick kann ich mir nichts Atemberaubenderes, nichts Authentischeres vorstellen. 
Erfüllt vom klopfenden Flamenco-Rhythmus nehme ich meine vibrierende Wand in dieser Nacht nicht mehr wahr und schlafe, davon bin ich überzeugt, mit einem Lächeln auf dem Lippen ein. 

**Ende des 2. Tages**

 
Es folgen die bestellten Food-Fotos vom Abendessen an Bord des Zuges. 
Das Hauptgericht habe ich leider komplett verwackelt und dazu vor dem Fotografieren schon angeknabbert - das passiert, wenn man so tut, als hätte man den ganzen Tag lang nichts zu essen bekommen. Es gab eine zarte Entenkeule mit würzig-süßem Bratenjus. 

Ein simpler Entrée: Honigmelone ummantelt mit Serrano-Schinken, gebadet in Melonenjus - für manchen Gaumen durchaus gewöhnungsbedürftig.
Ach Mensch, ich knabbere schon am ersten Gang, als mir einfällt, dass ich doch ein Fotoprojekt am Laufen habe! Auch dieser Gang ist schlicht, aber sehr schmackhaft und kommt auf meine heimische Speisekarte. Brokkoli, Möhrchen, Kürbis und Tomaten kurz in der Pfanne geschwenkt und mit Olivenöl als warmer Salat serviert.

Zum Dessert ein ebenso schlichter Sahnepudding mit Himbeerjus und Rosenpuder. Sehr süß und nach der Entenkeule beinahe etwas viel.
 




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