Dienstag, 21. April 2015

Bäh, das klabt!

Hotelblick auf das Neubauviertel -
gewöhnungsbedürftig für meine
Kleinstadt-Mutter
Schienenersatzverkehr auf dem Weg nach Freising, trotz bleierner Müdigkeit kaum Schlaf im Flughafenhotelbett - das soll mich doch nicht schrecken. 
Dass ich aber seit fast zwei Tagen kein Wort mit meinem Sohn gewechselt habe, als wir am Ostersonntag zur besten Mittagszeit in Sevilla landen, wurmt mich. 
Zu allem Überfluss zeigt sich die Hauptstadt Andalusiens nicht von ihrer aparten Seite. 
Donnerbalken auf französischen Rastplätzen (und nicht nur da), kilometerweit müffelnde Metro-Toiletten, verstopfte Schüsseln in russischen Universitäts- und Museums-WCs, weil Papier und Spülkraft nicht kompatibel sind - been there, done that! Seit zehn Jahren war ich nicht mehr unterwegs, und nun wirft mich der kleine andalusische Flughafen mit seinen zwei Damentoilettenkabinen zurück in meine Moskauer Studienzeit mit ihren Klopapierdesastern, die gerade ihr achtzehnten Jubiläum feierte. Überraschenderweise bin ich härter im Nehmen als meine ferienlagererprobte Mutter, die es vorzieht, im Taxi bis ins Hotel zu schwitzen. 

Die nächste Überraschung: In Spanien spricht man Spanisch. 
Auf geht es in Richtung Altstadt
Ach ja, das war der Grund, weshalb ich noch nie dort war. Ich beherrsche gerade so viel Spanisch, dass ich in Bier ertrinken könnte. 
So halte ich dem netten Taxifahrer unseren Hotelvoucher mit Adresse unter die Nase und stammele: "Este hotel", gefolgt von einem "prego". Trotz des italienischen Fauxpas bringt uns der fröhliche Mann, der im Radio ein Fußballspiel verfolgt, zielsicher zu unserem Hotel, und das auch noch zum normalen Flughafentarif, obwohl doch Sonntag ist. Nur knapp 25 Euro kostet die Fahrt, wie auch dem Tarifblatt, das gut sichtbar - natürlich nur auf Spanisch - im Taxi aushängt, zu entnehmen ist. Am nächsten Sonntag sind es dann knapp 30, und der Tarif stimmt.
Nicht herausgeputzt geht auch
Im Hotel stolpere ich in die nächste Sprachfalle. Nur eine der Rezeptionsmitarbeiterinnen ist wenigstens ansatzweise der englischen Sprache mächtig. 
Ganz ehrlich, ich fühle mich ziemlich mies. Als Urlauberin bin ich immer top verbereitet. 
Fragen hier, Floskeln da. Alles brav einstudiert und anwendungsbereit.
Mensch, in Italien kann ich sogar in der Apotheke stolperfrei nach Wundpflaster für blasengequälte Touristenfüße fragen. 
Nicht so in Spanien. Nicht einmal einen Sprachführer habe ich dabei, und das iPhone hat ja bekanntlich bereits seit meiner Heimatanreise am Karfreitag einen Sprung in der Schüssel. 
Gummibaum!
Mit freundlichem Lächeln und  viel Geduld - wir haben schließlich Urlaub - gelingt es mir, Mama und mich einzuchecken und uns in die nächste Bleibe für eine Nacht zu bugsieren. 

Das Hotel NH Sevilla Viapol ist ein bezahlbares Vier-Sterne-Hotel (Landeskategorie) und steht in seiner Zimmergröße unserem deutschen Flughafenhotel in nichts nach. Bequem ließ sich das Zimmer als Verlängerungsnacht zu unserer kommenden Pauschalreise hinzubuchen. So funktionieren An- und Abreise in Eigenregie ziemlich reibungslos. 
Blauregen, wohin das Auge blickt
Allerdings ist das Haus doch ziemlich abgewohnt, punktet aber mit seiner günstigen Lage zwischen Bahnhof und Altstadt; beides lässt sich gut zu Fuß erreichen, wenn man nicht gepäckbeladen ist oder es besonders eilig hat. Seine Örtlichkeiten sind sauber, die Spülung ist klopapierkompatibel, und ich bin erfolgreich davon abgebracht, einen Kloroman zu schreiben. Sogar Zimmerservice bietet das Hotel, und das ist, wie ich von verschiedenen Seiten höre, längst keine Selbstverständlichkeit, auch wenn wir nicht davon Gebrauch machen. 
Der Tag ist noch jung, also gönnen wir uns nur ein kurzes Probeliegen auf dem King-Size-Bett (das am Abend für Gelächter sorgen wird, weil wir uns wie die Wale mit großen Wellen gegenseitig herausschubsen wollen). 
Dann geht es in los in die Innenstadt. 
In den Jardines de Murillo
Zu Fuß natürlich, schließlich müssen wir üben, denn am Montag beginnt die organisierte Reise mit ihrem Besichtigungsprogramm. Die erste Herausforderung für Mamas Gelenkersatz.
Kaum haben wir das Hotel verlassen, kommen wir gerade einmal fünf Meter weit, denn es ist beste Kaffeezeit. 
Ein Kellner des hoteleigenen Restaurants, ein älterer Herr mit verschmitztem Lächeln, erkennt sofort mein Dilemma und eilt mit einer zweisprachigen Speisekarte herbei. 
Gott sei Dank! 
Nach Bier ist mir nämlich noch nicht. 
Pomeranzen en masse
Wenigstens ist "Café" international, und glücklicherweise sind Mama und ich keine Koffeinabstinenzler. Bei den süßen Begleitern wird's dann schon eng. Mama will ein Eis. Gut und schön, nur verstehe ich außer Vanille und Schokolade und Erdbeeren nur Bahnhof - denn auf dem Menü steht gemeinerweise nur "Eis" ohne die möglichen Geschmacksrichtungen. Wir bestellen ihr also eine Kugel vom weltbesten Vanilleeis, mir einen Brownie mit Pfefferminzeis (typisch spanisch, ich weiß). 
Der Goldturm Torre del Oro
"Bäh, das klabt!", schimpft meine Mama, als sie zum Eislöffel greift. Mein Löffel klebt auch, aber das ist mir wurscht, schließlich schmilzt mein Pfefferminzeis sanft in den dampfenden Brownie und ich schiebe Kohldampf. Die drei Stunden Linienflug von München nach Sevilla wurden uns nämlich nur mit einem Sandwich versüßt. 
Hach, hier lässt es sich gut sitzen, auch wenn die angrenzende Avenida wahrlich keine Nebenstraße und entsprechend gut befahren ist. 
Während meine Mutter also in Besteckputzwahn verfällt, gleite ich mit jedem Löffelchen mehr in den Urlaubsmodus und betrachte die blühende Frühlingspracht um uns herum. 

Uferblick
So gestärkt begeben wir uns schließlich in die Innenstadt von Sevilla. Vor gut vierzehn Jahren war meine Mutter schon einmal hier. Auch wenn die Details allmählich verblassen, spricht sie noch heute mit großer Begeisterung von ihrer damaligen Reise. 
Sie hat mir definitiv nicht zu viel versprochen. 
Buntes Treiben am Ufer
Gemächlich spazieren wir durch die Jardines de Murillo und die Jardines del Alcázar und ich könnte mich dumm und duselig fotografieren. Das muss ich auch, denn ich bin mit geliehener Kamera unterwegs. Weil meine Spiegelreflex nebst Objektiven zu schwer war, laufe ich mit des Mannes wertvoller Kompaktvariante herum und muss mich einarbeiten. Ich knipse, was mir vor die Linse kommt. Gummibäume mit den verschlungensten Stämmen, Blauregen, Palmen, Judasbäume. Ich komme aus dem Staunen nicht mehr heraus. Pomeranzen, wohin das Auge reicht. Sie blühen und tragen gleichzeitig Früchte. Es duftet so intensiv nach Blüten, dass der erste Heuschnupfennieser nicht weit ist. Komischerweise ist es der erste und letzte in Spanien. Keine juckenden Augen, keine Laufnase. Nichts. Vielleicht sollte ich einfach in Spanien bleiben. 
Bei unerwarteten 30 °C (der Online-Wetterbericht war wahrscheinlich besoffen, als er 15 °C versprach) schlendern wir immer weiter, bis wir schließlich vor dem Torre del Oro stehen. 
Modernes am Ufer
Von wegen "Wir machen nur eine kleine Runde"! 
Eine eifrige Mitarbeiterin der Bootsausflugsgesellschaft überredet uns in flottem Englisch ("kwuildrin, only half da price!" "Huh? What are kwuildrin?" "Niños, dear, niños!") zu einer einstündigen Rundfahrt; natürlich gibt's Rabatt. 
Auf dem Guadalquivir
Im Halbstundentakt legen die Boote mit ihren Touristenladungen zur Rundfahrt auf dem Guadalquivir ab. An Bord gibt es Getränkeautomat, Toilette und jede Menge Plastikstühle, die man sich nach Bedarf nehmen und zurechtrücken kann. In mehreren Sprachen wird vom Band ein Überblick über die Stadt vermittelt. Ich stehe an der Reling, schaue und fotografiere und höre irgendwann nicht mehr zu. Die Eindrücke häufen sich bereits, sodass ich bald nur noch schaue und vor mich hin lächle. Neben Brücken, Blumenplateaus, Fischerviertel, Opernhaus, Palacio de San Telmo, Teatro Central bekommen wir auch einen Blick auf Bauten der Expo 92. Die 30 Euro war der Ausflug auf jeden Fall wert - den Sonnenbrand auch.
Nicht unsere Kutsche -
aber Siesta ist ein Muss!
Wir sind seit nicht einmal vier Stunden in Sevilla und haben bereits erstaunlich viel gesehen. Wir können gar nicht genug bekommen. Ich lasse es mir nicht nehmen, für 1,50 € auf den Torre del Oro zu klettern. Dass hier einmal Edelmetalle gelagert wurden, kann ich mir, als ich die schmale Wendeltreppe hinaufschnaufe und mir das dicke Gemäuer beschaue, gut vorstellen. Dabei vergesse ich glatt, die Stufen zu zählen, obwohl meine Monk-Mama die Stufenzahl immer genau wissen will, selbst wenn sie nicht mitkommt. Ich genieße den Panoramablick, obwohl der Turm nicht ganz so hoch ist, wie zunächst angenommen. 
Auf dem Turm
Auf das integrierte Schifffahrtsmuseum habe ich dann doch keine Lust. Einmal die Frühlingsluft geschnuppert - mir stecken der Sturm vor Ostern und die umgefallenen Bäume im heimischen Garten noch in den Knochen -, wollen wir draußen bleiben. 
Mama zieht es zu den Pferdekutschen. Ich erinnere mich noch gut, dass wir damals angesichts des Preises keine Fiakerfahrt in Wien unternommen haben. 
Die Kathedrale von Sevilla -
ein Programmpunkt am Ostermontag
Heute wird nicht gekniffen, ganz egal, ob noch Feiertagstarif wegen der Karwoche gilt (wieder bekommen wir ein Tarifblatt unter die Nase gehalten). Also steigen wir für insgesamt 50 € (an normalen Tagen kostet die komplette Kutsche 45 €) in die Kutsche und lassen uns eine Stunde lang durch den idyllischen Parque Maria Luisa mit seinen imposanten Gummibäumen und seiner Blütenpracht, über die Plaza de America und die Plaza de España, die wir leider nicht noch einmal näher zu Gesicht bekommen sollten, wieder zurück zur Puerta de Jerez chauffieren. Die Kutscher sind gut gelaunt und haben Lust zu erzählen. Meine fehlenden Spanischkenntnisse ärgern mich. So schnappe ich nur die Namen von Gebäuden auf und kann nach dem Namen eines Baumes fragen. Die meiste Zeit sitzen wir still auf unserer Bank und schauen uns um. Mama sucht nach Bekanntem. Ab und an hält die Kutsche, damit ich fotografieren und den Blick genießen kann. Viel zu schnell ist die Stunde vorbei und wir kehren an unseren Ausgangspunkt zurück.
Palacio de San Telmo
Während wir uns verabschieden und unsere Kutschpferde ihr wohlverdientes Abendessen bekommen, melden auch unsere faulen Touristenbäuche Bedürfnisse an. 

Zur Feier des Tages steht Paella auf dem Menu. Auf der - offenbar - Kneipenmeile unweit der Kathedrale wartet ein Restaurant mit Freisitz mit geradezu unüberschaubarer Paella-Karte auf. Klassisch, bunt gemischt, vegetarisch, mit extra Meeresfrüchten, mit schwarzem Reis und, und, und. Die Ein-Mann-Portionen für 12 Euro sind riesig, doch angesichts des Fußmarsches, der uns zum Hotel bevorsteht, langen wir zu. 
Plaza de España -
keine Chance auf ein Foto ohne Menschen,
daher habe ich die Gesichter mit dem
Unschärfepinsel bearbeitet
"Bäh, das klabt!", schnaubt meine Mama. Schon wieder hat sie Besteck erwischt, das an der Spülmaschine vorbeigetragen wurde. Hier aber schreitet der Kellner umsichtig ein und bringt ihr neues. Meinen Wunsch nach einem Soda ohne Eiswürfel ignoriert er allerdings. Mein Glas ist vollgestopft mit Eisklumpen, und ich bin froh, dass ich meine Reiseapotheke mitgeschleppt habe. Gerne probiere ich Speisen und Getränke, aber mit Eiswürfeln habe ich schon schlechte Erfahrungen gemacht. Weil die Paella zu schmackhaft ist, höre ich auf, den Teufel an die Wand zu malen, und genieße. 
Der Unterschied zwischen Mamas Paella classica und meiner mixta erschließt sich mir nicht. Gut, sie hat zwei Garnelen mehr, aber ansonsten ist keine Besonderheit zu erkennen.
Duftiges
Leider - ja, das leidige Thema - lässt die Toilettensituation auch in diesem Restaurant zu wünschen übrig.  
Auf halber Strecke zum Hotel gönne ich mir dann doch noch ein Bier in einer Cervecería am Fuße der Avenida de Eduardo Dato, weil ich endlich einmal: "Una cerveza, por favor" sagen will. Und weil der adrette Kellner mich nicht so saufen sehen kann, kommt er gleich noch mit einem Schälchen Knoblaucholiven hinterher. 
Die Schale klebt. 
Aber ich liebe Oliven. Und Knoblauch auch. 
Wahrscheinlich werde ich zwei Wochen lang stinken, aber so hat dann jeder etwas von meinem Urlaub.

Obwohl mein Sohn am Abend schon wieder nicht erreichbar ist bzw. mir grollt und nicht mit mir sprechen möchte, schlafe ich in dieser Nacht, nachdem wir es geschafft haben, uns nicht mehr gegenseitig aus dem King-Size-Bett zu kugeln, endlich einmal ordentlich durch und verpasse sogar den Regen. 
Das wahre Abenteuer aber, das sollte erst am Montag beginnen. 

1 Kommentar:

Soleil hat gesagt…

Schön, dass Du wieder gesund da bist! Und das klingt nach einem eindrucksvollen ersten Tag, also wenn es so weiter gegangen ist ... :) Das mit Deinem Sohn hat sich hoffentlich wieder eingerenkt!

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