Montag, 13. April 2015

Aber heute ist doch Schlafanzugtag!

Zum Glück können die sprichwörtlichen Blicke noch immer nicht töten. 
Als empörter Fels steht mein Sohn vor mir und wünscht mich ins Nirwana. 
Dass ich verreise, hat er noch immer nicht verinnerlicht. Verdrängt hat er es wohl, dass seine Mutter heute nicht etwa in irgendeine Schule fährt, sondern es tatsächlich wagt, einen Männerhaushalt zurückzulassen.
Schnoddrig schleudert er mir: „Aber heute ist doch Schlafanzugtag!“ entgegen. 
Schlafanzugtage gibt es bei uns an Wochenenden und in den Ferien. 
Immer, wenn Extremcouching angesagt ist. 
Heute aber steht eine Bahnhofsfahrt auf dem Programm. 
Zumindest auf meinem, aber weil Karfreitag ist, bringt mich kein Bus dorthin, sondern Mann und mürrisches Kind. 
Natürlich behält es den Schlafanzug an, als es sich in die Hose zwängt. 
Weil ich seinen Plan eines faulen Tages durcheinander gebracht habe, wechselt mein Sohn kein Wort mehr mit mir. Bis wir auf dem Bahnhofsvorplatz halten. 
Kaum ausgestiegen, wirft er sich mir dann doch in die Arme. 
Wie groß er doch schon ist. Bald kann er mir mit seinem Strubbelhaar die Nase putzen. 
Obwohl die Frühstückszeit längst verstrichen ist, riecht er noch immer nach Schlaf. 
Nach Schlafanzugtag, gepaart mit einem Heute-lasse-ich-das-Waschen-aus-Tag. 
„Nimm mich mit!“, wünscht er sich und für einen Augenblick würde ich am liebsten wieder ins Auto steigen, mich nach Hause chauffieren lassen und die Urlaubsschnappsidee vergessen. 
Ich mag so manches Mal meckern, aber ich bin gern arbeitende Mutter, und nur allzu gern vergesse ich mich dabei. 
Nein, so sehr ich sein Schlafhaar liebe, so sehr brauche ich eine Auszeit. 
Keine Auszeit, die zwei Schulungstage in nicht allzu großer Entfernung dauert. 
Nein, einen echten Tapetenwechsel. 
Gelegenheit dazu gibt mir meine eigene Mutter, die nie an Schlafanzugtagen weggefahren ist. 
Weil ich ihrer Einladung schlichtweg nicht widersprechen und im letzten Moment nicht doch noch die Rund-um-die-Uhr-Mutter raushängen lassen will, pflastere ich das Müffelhaar meines Sohnes mit Knutschern und lasse meine Männer schließlich wieder nach Hause fahren, während ich auf Zug Nummer 1 warte, der mich meiner Mutter und dem Antritt unserer ersten gemeinsamen Reise seit bestimmt fünfzehn Jahren näher bringen soll.
Früher – vor Arbeits- und Familienleben – machten wir als Mutter-Tochter-Reisegespann Europa unsicher, besuchten Italien, Österreich, und, und, und - einmal sogar wagten wir ein Zugabenteuer nach Lettland und ich bin meiner Mama unendlich dankbar, dass sie mich lieber wieder aus der Türkei mit zurück nach Hause genommen hat, statt mich für vierzig Kamele zu verschachern. 

Mit RegionalExpress-Geschwindigkeit rausche ich durch die Landschaft, in der ich mich festgesessen habe – in Gedanken ständig zwischen Kofferinhalt, Reiseunterlagen und dem Bedürfnis, umzukehren. 
Klar, ich klammere am Gewohnten, und mir geht die Muffe bei der Vorstellung, nach so langer Zeit wieder in ein Flugzeug zu steigen. 
Ausgerechnet nach Spanien. 
Die Tragödie ist noch so unfassbar nah, sitzt auch mir in den Knochen.
Der Wagen füllt sich, Kinder lenken mich ab, bringen mich zum Lachen, doch nach dieser kurzen Stunde klebt mir noch immer mein Schlafanzugsohn in der Nase, sodass ich im Drei-Sätze-Takt von meinem „Jungen“ erzähle.


Knapp 5 Stunden und ein zerbrochenes iPhone später erreiche ich meine Heimatstadt. 
Den Ort, in dem ich aufgewachsen bin und der heute kaum noch mit meinen Erinnerungen vereinbar ist. 
Nach viermaligem Umsteigen bin ich so müde, dass ich nur noch in ein Bett fallen will. 
Noch einmal schlafen. 
Bei Mutti, ganz wie damals, als an den Wochenenden nach Hause fuhr. 
Am Samstagmorgen wollen wir zu unserem Abenteuer aufbrechen.
Durch die halbe Republik müssen wir reisen, denn unser Flugzeug soll in München starten. 
Als ich mich aufs Bett lege in dem Zimmer, das für eine Weile einmal mein Zimmer gewesen war, bevor ich wieder ins echte Kinderzimmer umzog, und den Wecker meines Handys stelle, sehe ich, dass ich einen Anruf verpasst habe. 
Bei allem Geschnatter und Gelächter mit meiner Mutter habe ich mein Telefon nicht gehört. 
Auf dem Anrufbeantworter höre ich nur ein „Mama“. 
Leise, ein wenig piepsig  von meinem empörten Schlafanzugsohn ist nichts mehr übrig. 
Es ist zu spät, um noch einmal anzurufen. 
Nacht Nummer 1 – „Mama“ sitzt mir im Ohr, und ich kann nicht schlafen.

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