Samstag, 21. November 2015

... über "Big Game - Die Jagd beginnt" von Dan Smith

von Dan Smith

Zu viel Hollywood

(c) Chicken House, Bildlink zu Amazon

Zum Inhalt:
Oskari steht zu seinem dreizehnten Geburtstag ein großes Ritual bevor: Die Nacht vor dem großen Tag soll er allein in den Wäldern seiner Heimat verbringen und mit dem traditionellen Jagdbogen seines Dorfes ein nach Möglichkeit großes Tier erlegen. Nur schafft er es bereits bei der Verabschiedung an der "Schädelstätte" nicht, den riesigen Bogen ordentlich zu spannen. Mit einigem Muffensausen setzt er sich also auf das alte Quad seines Dads und braust durch die Wälder, um den geheimen Jagdplatz seines Dads zu erreichen. Doch dann kommt alles anders. Oskari rutscht mit dem Quad vom Weg und nur einen Augenblick später dröhnt ein riesiger Hubschrauber über ihn hinweg. Was der Junge dann beobachtet, passt keineswegs in seinen Wald. Er gibt Fersengeld, aber schon kurz darauf bricht der Himmel über ihm ein und zwischen brennenden Wrackteilen und Bäumen liegt eine Rettungskapsel. Darin: der Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika ...

Meine Meinung: 
Meinem Sohn, der aktuell von einem Bogenschießvirus befallen ist, fiel ein passendes Buch in die Hände. Ohne je von dem gleichnamigen Film gehört zu haben, sprach ihn der Umschlag mit den übergroßen Lettern auf schwarzem Grund an. Und weil das Buch ohne Alterzuordnung unter "Kinderbücher" im Buchladen herumlag, haben wir es gekauft.
Ein Fehler dahingehend, dass mein Sohn zwei Jahre unter dem empfohlenen Lesealter liegt. Das ist nämlich, passend zum Alter des Protagonisten, mit 12 bis 17 Jahren angesetzt. Nach der Lektüre sind wir allerdings beide überzeugt, dass Smiths Roman wohl besser bei Lesern ab 14 aufgehoben ist. 
Gespickt ist die Geschichte mit Aktion, Gefahr, Adrenalin, das ein Kind zum Superhelden macht, und auch mit einer ganzen Menge Leichen. 
Zu Beginn verspricht "Big Game" eine naturverbundene Story über den Übergang in einen neuen Lebensabschnitt. Mit erfolgreich absolviertem Jagdritual zählen die Jugendlichen in Oskaris finnischem Dorf nämlich zu den Erwachsenen. Dabei ist Oskari ein Durchschnittsjunge, der schon von Kindesbeinen an mit seinem Dad durch die Wälder zog und ganz sicher mal ein guter Jäger wird. Nun ist er aber auch noch ein Kind und kein Kraftprotz, sodass er dem Ritual entsprechend verunsichert entgegenblickt. Nach dem Tod seiner Mutter hat er einen besonderen Erfolg nötig, und er will auch keineswegs seinen Dad enttäuschen. Der steht nämlich ganz oben auf der Liste der Top-Jäger. Als es Oskari nicht gelingt, den traditionellen schweren Jagdbogen komplett zu spannen, sinkt ihm verständlicherweise der Mut. Doch Oskari ist mit Traditionen aufgewachsen und glaubt, wie seine Mom ihm schon immer sagte, daran, dass es da draußen ein Tier geben muss, das für ihn bestimmt ist. Das alles deutet auf eine Geschichte von Selbstfindung, Selbstvertrauen und Naturverbundenheit hin. 
Hollywood lässt aber nicht lange auf sich warten. Hätte ich das Impressum hinten im Buch zuerst gelesen (meinen Sohn interessiert ja so etwas ohnehin nicht), wäre mir eine gewisse Vorahnung nicht erspart geblieben. Dort wimmelt es nämlich von "Based on ..." So basiert Smiths Roman nicht nur auf der Originalgeschichte von Jalmari Helander und Petri Jokarinta, sondern auch auf Helanders Drehbuch und dem gleichnamigen Film. Es ist damit nicht verwunderlich, dass Oskari und sein Umfeld von Beginn an eher den Eindruck machen, es handele sich um amerikanische Ureinwohner. Finnland kommt erst später im Zuge der Begegnung mit dem US-Präsidenten zur Sprache. Das Setting ist austauschbar und entbehrt einer lokalen Färbung. Oskari könnte genauso gut durch die Rockies wandern. 
Spätestens als Oskari mit seiner Tarndecke zum Landeplatz des riesigen Hubschraubers robbt und Terroristen mit ihren Gewehren beobachtet, rutschen wir hinein in ein Action Movie, das flott mit seiner ersten Leiche seinen Lauf nimmt. Oskari muss zum Erwachsenwerden gar keinen großen Hirsch erlegen, nein, er darf den Präsidenten der freien Welt retten. Auf geht es mit unbrauchbarem, schwerem Jagdbogen und Campingequipment mit dem Präsidenten durch den Wald, Attentäter sind den beiden auf den Fersen. Selbstverständlich ist der Junge in seinem Element und der Staatschef ziemlich hilflos. Pathetische Dialoge, atemberaubende Actionsequenzen - Zwölfjähriger hängt mit Kühltruhe am Hubschrauber, springt hohe Wasserfälle hinab, schwimmt durch eiskalte Seen -, erschossene Secret-Service-Agenten und liquidierte Air-Force-One-Besatzung pflastern den Leseweg, und selbstverständlich blieb der Feuerball, als das Präsidentenflugzeug nebst Begleitflugzeugen vom Himmel geholt wurde, unbemerkt. Pläne werden vereitelt und so ganz ohne Handy und Fähigkeit im Umgang mit vorhandenen Waffen gestaltet sich die Flucht der beiden ungleichen Protagonisten konfliktreich, aber auch ziemlich ziellos. Nur gut, dass es die SEALs gibt ... 
Das wird zwar rasant und routiniert spannend erzählt, vom erhofften Bogenschützen oder Naturburschen lesen wir jedoch nicht genug. Leider bleiben Oskari und der Präsident ziemlich blass und die Beweggründe der Attentäter gewohnt plakativ.
Mein Sohn hat sich somit beim Lesen nicht nur ziemlich gefürchtet, immerhin schwamm Oskari nicht nur metaphorisch zwischen Toten, sondern bleibt einigermaßen enttäuscht zurück. Sein Fazit: "Da hätten wir auch ins Kino gehen können, und daheim hätt' ich dann ein gutes Buch gelesen."

Fazit:
Schnell zwischendurch zu lesendes Action-Spektakel, das vermitteln will, das man nie glauben soll, man sei nicht gut genug, aber die Belanglosigkeit nur selten verlässt. Nur Actionfans zu empfehlen, die gerne das "Buch zum Film" lesen. 

Gesamteindruck: 
2 von 5 Weißdornzweigen
 

Buchdaten:
  • Gebundene Ausgabe: 304 Seiten
  • Verlag: Chicken House (24. April 2015)
  • Sprache: Deutsch, übersetzt von Birgit Niehaus
  • ISBN-10: 3551520739
  • ISBN-13: 978-3551520739
  • Vom Hersteller empfohlenes Alter: 12 - 17 Jahre
  • Ladenpreis: 15,99 € (D) 
  • Auch als E-Book und Hörbuch erhältlich.  

Donnerstag, 5. November 2015

... über "Kräuter der Provinz" von Petra Durst-Benning

Petra Durst-Benning
Köstliche Lektüre 
(c) Blanvalet, Bildlink zu Amazon

Zum Inhalt:
Therese ist Wirtin der Goldenen Rose und Bürgermeisterin von Maierhofen. Beschaulich eingebettet in eine Wohlfühllandschaft liegt das Dorf im schwäbischen Allgäu, aber wie so manch anderer kleiner Ort leidet auch Maierhofen unter der Abwanderung der Jungen, und dem lokalen Gewerbe droht das Aus. Sorgenvoll blickt Therese auch in ihre eigene Zukunft - erst kürzlich erhielt sie die Diagnose: Krebs. Doch bevor sie sich um sich selbst kümmern kann, will sie das Schicksal Ihres Dorfes in die richtigen Bahnen gelenkt wissen. Als sie im Fernsehen sieht, dass ihre Cousine Greta Roth einen Werbepreis gewinnt, kommt ihr eine Idee: Maierhofen soll eine Imagekampagne bekommen. Nur hatte Therese zuletzt als Kind Kontakt zu Greta und die Gemeindekassen sind sowie leer. Also entsinnt Therese einen Plan, um die Städterin Greta wieder in die Provinz zu locken. Aber wird sie damit Erfolg haben?

Meine Meinung:
Zahlreiche Romane sind bereits aus Petra Durst-Bennings Feder geflossen, „Kräuter der Provinz“ ist jedoch das erste Buch, das ich von der Autorin gelesen habe. Angesichts des recht aufgeräumten Covers mit seinem ländlichen Kochbuchlook war ich noch nicht überzeugt. Nach dem zweiten Blick hat sich der Griff zur Lektüre allerdings gelohnt.
Mit „Kräuter der Provinz“ legt Petra Durst-Benning nämlich einen warmherzigen Roman vor, der heimelige Herbstlesestunden beschert und stellenweise ganz schön für Magenknurren sorgt.
Dass ich mich mit den Kräutern der Provinz so zu Hause gefühlt habe, ist vor allem den Protagonistinnen zu verdanken. Wir haben es hier nicht mit gekünstelten jungen Hüpfern zu tun, sondern mit Frauen, die in ihren Vierzigern an einem Wendepunkt in ihrem Leben angekommen sind.
Da ist zum einen Therese, die als Herz des Romans und des Handlungsortes Maierhofens eingeführt wird. Obwohl sie krankheitsbedingt über weite Strecken der Handlung nicht einmal anwesend ist, hält sie doch alles zusammen. Sie ist die Initiatorin der Geschichte, und der Autorin gelingt es ausgezeichnet, Therese präsent zu halten, selbst wenn sie keine eigenen Szenen bekommt. So entkommt der Roman auch übermäßiger Trübsal und konzentriert sich auf Wünsche und Träume und deren Umsetzung.
Dafür soll nun Thereses Cousine Greta zuständig sein. 
Werbefrau Greta Roth - die Rot zu ihrem Markenzeichen gemacht hat und bislang zu den ganz Großen in ihrer Werbeagentur zählte - hat sich nun aber ganz und gar nicht auf Landlust und dörfliches Image spezialisiert. Deshalb muss sie erst einmal überzeugt werden. So wird zunächst Hausmütterchen Christine nägelkauend auf die Reise nach Frankfurt geschickt. Mit Laugenbrezeln als Gruß stolpert die Hausfrau und von ihren Töchter wenig geschätzte Mutter in Gretas Wohnung und Leben, um sie nach Maierhofen zu locken. Mit Erfolg: Wenig später reist Greta im schicken Auto mit Navi - weil es im Reisebüro kein Pauschalangebot gab - an und bekommt einen Kulturschock.
Ohne dass die Lektüre langweilig wird, erleben wir denselben Ort, den wir bereits auf den ersten Seiten kennenlernen durften, noch einmal - durch Gretas Augen. Und das ist ebenso ernüchternd wie amüsant.
Wir begleiten Greta, um das Dorf und seine Bewohner kennenzulernen. Kartoffelbäuerin Roswitha, die schon zeitig vorgestellt wird, Metzgermeister Edy, der ein tierisches Problem mit seinem Beruf hat, Jessy, die Likör-Frau, Aussteigerin und Sennerin Madara, Sam, der mürrische Koch in der Goldenen Rose … sie alle haben Träume und Ideen, die im Laufe der Geschichte herausgekitzelt werden. Und sie alle haben besonderen Sinn für ursprünglichen Genuss - etwas, das der Städterin Greta abhanden gekommen ist.
Neben den urwüchsigen, aber auch kreativen Köstlichkeiten lockt in Maierhofen auch noch eine ganz andere Versuchung, auf die Greta in ihrem „Alter“ beinahe nicht mehr zu hoffen gewagt hätte …
Petra Durst-Benning zeichnet ein lebendiges Bild des Landlebens mit seinen Sorgen, aber auch den bunten Festen, die den ländlichen Raum so manches Mal zusammenhalten. Allerdings ist der Maierhofen vergleichsweise groß und nach meinem Verständnis eher eine Kleinstadt, sodass ich mein persönliches Dorferleben nicht unbedingt darin wiederfinden kann. Aber die Vorstellungen von einem Dorf dürften wohl genauso bunt sein wie die Dörfer selbst … sodass Maierhofen durchaus all jene kleinen Orte repräsentieren darf, in denen vor allem die Menschen in mittlerem Alter dafür kämpfen, dass den Jungen eine Lebensgrundlage erhalten bleibt und die Orte nicht von der Bildfläche verschwinden. Von Ambiente allein lässt es sich schließlich nicht leben. Dass das nicht einfach ist, klingt in „Kräuter der Provinz“ ebenso an wie der Appell, dass es darauf ankommt, Träume wirklich in die Hand zu nehmen und Ideen gemeinsam umzusetzen. In sich hineinhören und genießen können - Fähigkeiten, die es wert sind, zurückerlangt zu werden.
Trotz des ernsteren Handlungsstrangs um Thereses Krankheit ist „Kräuter der Provinz“ ein vornehmlich heimeliger Roman, in dem zwar Stolpersteine auf dem Weg liegen, aber ansonsten alles ziemlich glatt läuft. Gerade in Bezug auf kulinarische Neuerungen und den Verkauf selbst zu bereiteter Lebensmittel stelle ich mir gewisses Konfliktpotential vor (Besuche von der Lebensmittelkontrolle sind durchaus Realität).
Da das Wagen von Träumen aber im Mittelpunkt steht, ist es wohl eher folgerichtig, die Hürden zu minimieren und die Freude am Genießen zu vermitteln. Und das gelingt Petra Durst-Benning sehr gut mit untrüglichem Gespür für authentische Dialoge, die stets zur Situation und zu ihren Protagonisten passen, kleine Seufzermomente inklusive. 
„Kräuter der Provinz“ ist ein Wohlfühlbuch, das anregt, Lebensgewohnheiten zu hinterfragen, und Mut macht, neue Wege zu beschreiten. Vielleicht hat es auch genau deshalb ein offenes Ende …

Wer sich am Ende nicht nur in Maierhofen und seine kochenden, backenden, kreativen Bewohner verliebt, sondern auch Lust bekommen hat, die angesprochenen Köstlichkeiten selbst auszuprobieren, wird auch in diesem Buch fündig. Abgeschlossen wird der Roman mit einer Reihe von „Genießertipps“, die den eigenen Küchenalltag aufpeppen.

Fazit:
Ein Wohlfühlroman mit authentischen Charakteren, die ihr Leben in die Hand nehmen und (wieder) lernen zu genießen.

Gesamteindruck:
4 von 5 Weißdornzweigen






Buchdaten:
  • Taschenbuch: 512 Seiten
  • Verlag: Blanvalet Taschenbuch Verlag (14. September 2015)
  • Sprache: Deutsch
  • ISBN-10: 3734100119
  • ISBN-13: 978-3734100116
  • Ladenpreis: 9,99 € (D) 
  • Auch als E-Book erhältlich.

Freitag, 9. Oktober 2015

... über "Die Tochter des Malers" von Gloria Goldreich

Gloria Goldreich

Weil ich mich nicht kurz fassen konnte, stelle ich ausnahmsweise mein Fazit voran:
Als streng biografisch angelehnter Roman dürfte „Die Tochter des Malers“ Fans von Romanbiografien, die sich viele Informationen wünschen oder sich speziell für Chagalls familiäres Umfeld interessieren, gefallen. Autorin Gloria Goldreich bietet allerdings kontroverse Charaktere, die sie bewusst nicht von der Realität entfernt und die zum Teil erschreckend unsympathisch sind. Leider verliert sie auch so manches Mal ihre Protagonistin Ida Chagall aus dem Blick. Unnötige Längen und ein abfallender Spannungsbogen in Verbindung mit erzählerischen Schwächen sind die Folge. Dennoch erwarten den Leser interessante, lesenswerte Einblicke in die judenfeindliche Politik Frankreichs während des Zweiten Weltkriegs und die boomende Nachkriegs-Kunstwelt, kleine Begegnungen mit Zeitgenossen und zeitlich angemessene Sprache und an die Kunst angelehnte Bilder, die durchaus Lust auf mehr von/über Chagall machen. 

(c) Aufbau-Verlag; Bildlink zu amazon

Zum Inhalt:


Als Ida Mitte der 1930er zu einem Sommerlager für russische Emigranten aufbricht, hat sie nur die Liebe im Sinn. In den Armen des Jurastudenten Michel ist sie nicht die behütete Tochter des großen Marc Chagall. Für den Augenblick eines unbeschwerten Sommers tut sie, wonach ihr der Sinn steht. Zurück in Paris, folgt die Ernüchterung: Id(otschk)as und Michels Sommerliebelei ist nicht ohne Folgen geblieben. Idas Eltern sind entsetzt. Um einen Skandal zu vermeiden, macht man sich schlau, lässt die Tora auslegen und beschließt nicht nur ein avortement, sondern auch die Vermählung der Kinder. Mit nicht einmal zwanzig wird Ida ungewollt zur Ehefrau. Energisch nach ihrem Platz im Leben suchend, avanciert sie, jung und schön, zur Vertreterin der Kunst ihres schaffenswilden Vaters. Weiterhin untrennbar in den Mikrokosmos ihrer kleinen Familie eingebunden, reist sie für ihn, sorgt für die finanzielle Absicherung. Doch über Europa ziehen dunkle Wolken auf. Ida erkennt die drohende Gefahr. Nach all den Jahren, die das russisch-jüdische Ehepaar Chagall unstet verbrachte, seit es Russland hatte verlassen müssen, wähnt sich Chagall jedoch in Frankreich in Sicherheit. Von Paris weicht man gerade einmal in den französischen Süden aus, wo der Künstler sich selbstvergessen seinem Werk widmet, während Ida alles daran setzt, ihren Eltern die Ausreise zu ermöglichen. Aus dem viel gelobten Mädchen, das der berühmte Vater so gern in unschuldigem Weiß auf seine Gemälde bannte, wird eine Kämpferin. Eine junge Frau, die auch nach dem Krieg weiterkämpft … um Anerkennung und Unabhängigkeit gleichermaßen. Aber wann wird sie ihren eigenen Weg finden?

Meine Meinung:
Viel wurde über den Maler und Mystiker Marc Chagall geschrieben. Seine Lebensgefährtin, mit der er nach dem Tod seiner Ehefrau Bella sieben Jahre verbrachte, meldete sich zu Wort wie auch sein unehelicher Sohn und nicht zuletzt der Meister selbst in einer Autobiografie. So scheint es doch nur angemessen, dass sich ein/e Autor/in voll und ganz der Frau widmet, der er wohl nicht nur sein Leben, sondern auch zu großen Teilen Wohlstand und ständige Präsenz in den Kunsthallen dieser Welt verdankte: seiner Tochter Ida.
Gloria Goldreich, Expertin für jüdische Geschichte und vielfach ausgezeichnete Autorin, legt mit „Die Tochter des Malers“ eine detailliert recherchierte, auf strenge Einhaltung der Chronologie bedachte Romanbiografie vor, die gut zwei Dekaden im Leben Ida Chagalls überspannt. Mit hohem Anspruch und unverkennbarem Interesse an der Kunst und dem Wesen ihrer Figuren stellt sie dem Leser eine Frau vor, die, gefangen zwischen dem Drang, aus dem Schatten des berühmten Vaters zu treten, und dem Wunsch, sich stets und ständig der Liebe und Anerkennung ihres Vaters zu vergewissern, zu einer, so möchte man meinen, energischen und starken Frau heranreift. 
Auf dem Buchumschlag heißt es: "Schönheit ist das Leben ihres Vaters Marc Chagall. Doch sie sucht die Liebe." Vorsicht, wer hier nach Romanze lechzt. Den Aufdruck darf man durchaus zweideutig verstehen.
In ihren Erinnerungen „Sieben Jahre der Fülle - Leben mit Chagall“ (1987 im Diana-Verlag erschienen), die Goldreich im Vorwort zu ihrem Roman im Übrigen ausdrücklich empfiehlt, mutmaßt Virginia Haggard, Chagalls Lebensgefährtin, wie schwierig es gewesen sein muss, die Tochter eines berühmten Mannes zu sein. Ida sei nicht immer so geliebt worden, wie sie es brauchte, postuliert sie. Während Haggard jedoch Abstand davon nimmt, das Chagallsche Beziehungsgeflecht zu verteufeln, webt Goldreich einen Roman, in dem Sympathieträger zur Nadel im Heuhaufen werden.

Antihelden aus dem wahren Leben

Zwar ist Ida eine der seltenen literarischen Gestalten, die (zunächst) eine echte Entwicklung durchlaufen. Dennoch täuscht ihre über weite Teile ihrer Geschichte omnipräsente Stärke nicht darüber hinweg, dass ihr Freistrampeln zunächst nur Makulatur ist und einem großen Schlag entgegendriftet.
Auf den ersten Seiten, die aufgrund von Zeit- und Ebenenwechseln etwas kompliziert sind, deutet die Autorin Familien- und Fluchtkontext an, der dem Leser als Interpretationsgrundlage dienen darf. Schlägt er dieses Angebot aus, mag Idas Entwicklung zu einer Person, die - im Grunde sogar ungefragt - enorme Verantwortung übernimmt, „aus heiterem Himmel“ erscheinen. Denn nicht immer lassen sich die zeitlichen Übergänge und Ereignisse und die Verhaltensweisen schlüssig nachvollziehen.
Ida Chagall ist kein Romancharakter, mit dem es sich leicht mitfühlen lässt, ganz gleich, wie unsympathisch wir ihren Vater Marc Chagall präsentiert bekommen.
Wir erleben ihn als egozentrischen Künstler, der, wenngleich nicht praktizierender Jude, in Fatalismus versinkt, sich wie ein Kind von den Frauen in seinem Leben abhängig macht und sie dabei in Abhängigkeit verstrickt, während er nicht wahrnimmt, wie sie an ihrer Aufopferung zu zerbrechen drohen. Oder doch? Wir erfahren es nicht, denn Goldreichs Romanbiografie mangelt es an Grautönen.
So mutet Idas Leben wie ein Fulltime-Job für Chagall an. Von Beginn an steckt sie in einem Geflecht von Abhängigkeit. Alles dreht sich um Chagall, der sich mehr Sorgen macht, dass seine Bilder den Krieg überstehen, als um seine eigene Tochter (und den Schwiegersohn, den er gar nicht will, aber sich selbst aufzwingt). Bella, Idas Mutter und Chagalls ewige Inspiration der großen Liebe, ist stets bestrebt, ihm alles mundgerecht zu richten, ihn zu besänftigen, während sie selbst unverkennbar kränkelt und Russland hinterhertrauert. Ihre Rolle übernimmt schließlich Ida. Einst Muse und Modell wird sie zur Elternfigur, die immer auf engstem Raum mit ihrem Vater lebt, ihn bei seinen Kunstvertretern in aller Welt vertritt, Ausstellungen mitorganisiert und ihm schlussendlich neue Frauen an die Seite stellt. Dabei bleibt Ida, die als wiederholt als wunderschön und clever beschrieben wird, oft auf der Strecke. Und mit ihr auch die Menschen, die ihr Leben - ohne Chagall - teilen möchten.

Abhängigkeiten

Positiv fällt dabei auf, dass Idas Weg zunächst durchaus glaubhaft geschildert wird. Zu Beginn begegnen wir einem unsicheren Mädchen, das noch seinen Weg sucht. Idas künstlerisches Talent liegt noch brach, wird, verständlicherweise, rasch mit kritischem Blick bedacht. Am liebsten hätte sie es, dass ihr die Kunst einfach zuflöge, wie sie es bei ihrem Vater zu sehen glaubt. Aufgrund ihrer Intimitäten mit Michel schliddert sie in eine von ihren Eltern erzwungene Ehe. Sie orientiert sich neu, sorgt sich um die Kunst ihres Vaters, denn sie glaubt, sein Schaffen zu verstehen. Bis der Krieg brüsk ihre Jugend und Unbeschwertheit unterbricht. Der Kampf ums Überleben der Chagalls rückt in den Mittelpunkt, Ehemann und Schwiegereltern verkommen immer mehr zu Randfiguren. Dann Exil in New York. Eine Übergangslösung, in der sich die Eltern unwohl fühlen, sich weigern, die neue Lebenssituation anzunehmen, drei Brocken Englisch zu lernen, während die Tochter in ihren Zwanzigern die Mutter spielt, alles managet und schließlich versucht, die verlorene Jugend nachzuholen. Sie gibt Partys, stürzt sich in eine Affäre, entfremdet sich weiter von ihrem Ehemann, der - glücklicherweise - ein Freund bleibt. Doch nie ist Ida unabhängig. Marc Chagall ist das ewige Zentrum allen Interesses. Mit Chagall verdient sie ihr Geld. Lange lebt sie mit Chagall, sorgt für ihn, spricht ihm geradezu die Selbständigkeit ab und mischt sich, als sei es eine Selbstverständlichkeit, in sein Leben ein.
Und spätestens dann steht Ida Marc in nichts nach - sie ist weder sympathisch noch hat sie großartiges Identifikationspotential. Sie liegt wie ein Käfer auf dem Rücken und strampelt, weil es ihr vielleicht doch ganz gut gefällt, und der Leser kann es kaum noch erwarten, dass sie auf die Beine kommt.

Längenkrankheiten

Gloria Goldreichs Romanbiografie bietet sicherlich hohen Anspruch, der sich zum einen in der Thematisierung von Chagalls Kunst und Leben vor dem Hintergrund des Judentums und zum anderen auch in einer möglichst authentischen Darstellung der Personen äußert. Damit verbunden ist auch die Annäherung an die Person seiner Tochter, um die es zumindest im großen WWW ziemlich still ist.
Die Autorin ist bestrebt, Ida Chagall und ihrem Wirken gerecht zu werden, und versucht, sie möglichst lebensnah in all ihrer Vitalität, Schönheit und Klugheit darzustellen. Kontrovers als literarische Figur vorgestellt, weckt sie doch einige Emotion, und sei es nur ein unverständiges Kopfschütteln.Vielleicht soll man Ida gar nicht lieb gewinnen und vielleicht soll man ebenso atemlos durch das Buch hecheln wie sie durch ihr Leben? Nur sind mehr als fünfhundert Seiten eine ganz schön weite Strecke, auf der man auch mal ein Energieleckerli benötigt. Zum Beispiel Atmosphäre ... 
Goldreich wählt zwar größtenteils gut funktionierende Bilder, die sie der Kunst entnimmt und in Dialoge einpflanzt, doch es gelingt ihr nicht immer, Atmosphäre zu erschaffen. Nah an die wahre Biografie angelehnt, wechseln die Schauplätze häufig. Im Gegensatz zu den nichtfiktiven Figuren, die oft starke Emotionen in Bezug auf einen Ort empfinden, hat der Leser kaum Gelegenheit, sich ebenso in Orte zu verlieben oder in ein bestimmtes Flair einzutauchen. Wohnräume sind nüchtern dargestellt, dienen ihrem Zweck, über allem hängt der Geruch von Terpentin, der geradezu symbolhaft alles und jeden überschattet. 
Schade für all jene, die sich angesichts des - im übrigen inhaltlich durchaus stimmigen Covers  - Einblicke in die lebendige Pariser Kunstwelt erhoffen.
Dem englischen Titel „The Bridal Chair“ entsprechend punktet die Autorin allerdings mit dem "Hochzeitsthron", dem physisch existenten Bild, das Chagall anlässlich Idas Hochzeit mit Michel malte. Gekonnt hält sie ihn als roten Faden in ihrem Roman aufrecht und platziert ihn als treffsicheren Begleiter in Idas Geschichte.
Nicht so treffsicher geht die Autorin allerdings mit ihrer Erzählperspektive um. Während sie stellenweise die personale Erzählperspektive bewusst und gekonnt wechselt, um Ida durch die Augen einer Nebenfigur zu betrachten und ihr mehr Tiefe zu verleihen, stolpert sie an anderer Stelle über ihren eigenen Kunstgriff und verliert ihre eigentliche Hauptfigur fast aus den Augen. So erzählt sie beispielsweise viel zu viel über Virginia Haggard, die, so sehr sie der Autorin auch ans Herz gewachsen sein mag, Ida Chagall als Hauptfigur nicht in den Schatten stellen sollte. Der Leser gewinnt rasch den Eindruck, die Autorin habe womöglich Mühe gehabt, Prioritäten zu setzen. Damit entstehen Längen, die den Lesefluss stören.
Mit 576 Seiten breit angelegt, leidet die „Die Tochter des Malers“ außerdem an blassen Aufzählungen von Ereignissen und Episoden in Ida Chagalls Leben, die für den Leser nicht von Belang sind und dem Spannungsbogen nicht gut tun. So sind zeitliche Übergänge oftmals wenig elegant überbrückt und mit „traumlosen Nächten“ angefüllt. Beziehungen enden abrupt, andere befinden sich ohne nennenswerte Vorzeichen in voller Fahrt. Dem aufmerksamem Leser dürften auch zeitliche Ungenauigkeiten nicht entgehen. Insbesondere im letzten Dritte entsteht der Eindruck, dass der Autorin die Puste ausgeht. Vieles wird schnell und harsch abgehandelt, und nicht zuletzt wirkt das Ende, obwohl es zweifellos der Prämisse des Romans entspricht, überraschend brüsk.
Nichtsdestotrotz hat „Die Tochter des Malers“ eine willkommene Nebenwirkung: Der Roman macht Lust, parallel zur Lektüre nach Chagalls Bildern zu stöbern und mehr über die Personen zu erfahren. Nach Anne Girards "Madame Picasso" bleibt nun abzuwarten, welche Frau aus dem Leben eines Künstlers uns der Aufbau-Verlag noch präsentieren wird.

Gesamteindruck: 
3 von 5 Weißdornzweigen




Buchdaten:
  • Taschenbuch: 592 Seiten
  • Verlag: Aufbau Taschenbuch; Auflage: 2 (21. September 2015)
  • Sprache: Deutsch
  • ISBN-10: 3746631823
  • ISBN-13: 978-3746631820
  • Neupreis: 12,99 € (D)

Dienstag, 30. Juni 2015

... über "En finir avec Eddy Bellegueule" von Edouard Louis

Edouard Louis

Mechanismen des Unerträglichen. 
Ein Schrei, den nicht jeder hören will. 
 
Zum Inhalt:
Von klein auf passt Eddy nicht dazu. Nicht zu den anderen Kindern, nicht zu seiner Familie. Mit femininen Zügen ausgestattet, ist er früh schon als Schwuchtel verschrien, hat in der Schule Schläge einzustecken und kann in seinem ärmlichen Elternhaus, in dem es keine Türen für Privatsphäre gibt, Geschlechterrollen klar abgesteckt sind und von früh bis spät der Fernseher läuft, weder Verständnis noch Hilfe erwarten, ist er doch geradezu abstoßend für sie und Quell der Schande. Eddy will ausbrechen aus seinem sozialen Milieu, der Armut und der täglichen Gewalt. Ein erster früher Fluchtversuch scheitert, doch Eddy findet einen neuen Weg ...

Meine Meinung:
„En finir avec Eddy Bellegueule“, in Deutschland bei S. FISCHER unter dem Titel „Das Ende von Eddy“ erschienen, ist der autobiografische Roman des noch jungen Schriftstellers Édouard Louis. Äußerlichsowohl in der französischen Originalausgabe des für seine einheitliche Umschlaggestaltung bekannten Verlags Seuil als auch in der deutschen Ausgabe wie ein pädagogisches Fachbuch anmutend, bedarf es doch eines gewissen Interesses, nach dem Roman, der in Frankreich ein Überraschungserfolg war, zu greifen. 
"En finir avec Eddy Bellegueule" entpuppt sich als Roman, der oft von so stark distanzierter Außenbetrachtung durchzogen ist, dass die Abgrenzung zur Autobiografie erschwert wird. Mit Anfang 20 reflektiert Eddy Bellegueule, inzwischen zu Édouard Louis geworden, seine Kindheit im französischen Norden. Wo Armut und Arbeitslosigkeit dominieren, zeichnet der junge Mann ein geradezu klischeehaftes Bild seiner ehemaligen Heimat, erzählt vom erdrückenden Dorfleben mit seinem vorgezeichneten Denken und seinen festgefahrenen Rollenbildern. 
Der Legende um Louis’ Beststeller zufolge sei sein Manuskript zunächst unter anderem abgelehnt worden, weil man seinen Schilderungen kaum Glauben schenken könne. 
Dabei sind es doch gerade seine Schilderungen von ländlichem Miefs über gelebte Kleingeistigkeit bis hin zur hausgemachten Ausweglosigkeit, die dem Leser, der schon mal den Fuß vor die Tore der Großstadt gesetzt hat, nicht unbekannt sein und hier besonders eindrücklich ins Bewusstsein rücken dürften. 
Mit der Akribie eines Soziologen analysiert Louis das Umfeld seiner Kindheit, oft aber fehlt ihm Raum für persönliche Emotionalität. Der Eddy, der der Autor selbst war, bleibt hinter der Distanz zurück, wirdabsichtlich, möchte man meinenmit analytischen Betrachtungen von Herkunft, Gegebenheiten, aus denen so gar keiner ausbrechen will, und Gewalt unterdrückt. 
Nähe bezieht Louis’ Roman aus Einschüben wörtlicher Rede. Ohne Punkt und Komma, nur in Kursivdruck deutlich gemacht, flicht der Autor die Sprache seines Dorfes, seiner Eltern, seiner Mitmenschen ein. Sie strotzt vor Argot, mangelnder Bildung. Deutlich ist sie, hart und bringt die Authentizität, die der Roman benötigt, um nicht an seiner eigenen Analytik zu ersticken, und gerade an dieser Stelle würde ich im Nachgang tatsächlich gern noch die deutsche Übersetzung lesen. 
Ein großer sprachlicher Knalleffekt bleibt dennoch aus. Der junge Autor ergeht sich nicht in Wortgewalt, sondern bleibt trotz seiner Ausflüge in den schnoddrigen Argot, mit dem er aufgewachsen ist, erstaunlich nüchtern. 
Nach vielen Seiten, die Eddys Leidensweg eingebettet in bisweilen als Entschuldigung anmutende Geschichten über Vater und Mutter schildern, schwenkt Louis schließlich über zu seiner sich von Anfang an andeutenden Suche nach seiner Sexualität. 
Ist er homosexuell, wie ihm die Schmährufe und Schläge glauben machen wollen? 
Welche „Neigung“ hat er? 
Ist er der, für den ihn alle anderen halten? 
Kann er sein wie die anderen? 
Will er überhaupt dazugehören? 
Auf seiner Suche nach seinem Platz macht Eddy ‒ und wir lesen hier von einem Kind, das noch nicht zum Lycée übergewechselt ist ‒ alles mit, lässt alles mit sich machen. 
Hat der aufgeschlossene Leser bislang vielleicht wissend genickt, denn komasaufende Jugendliche, Gewalt auf dem Schulhof, die angeblich keiner sieht, oder Lehrer, die Flausen in Kinderköpfen demontieren, dürften wahrlich keine unbekannten Größen sein, so schabt Louis nun heftig an der Grenze des Erträglichen. 
Szenen, in denen das Kind bei heimlichen Treffen in einem Hangar von seinem eigenen Cousin zu Geschlechtsverkehr gezwungen wird (und Gefallen daran findet (?)), lasten schwer und werfen die Frage auf, wie viel Direktheit Louis’ Schrei nach Veränderung und Toleranz überhaupt benötigt, um gehört zu werden. 
Wie abgestumpft mag der Leser wohl sein, wenn er mit voyeuristischem Blick durch ein Brennglas jenseits der Romantik aufgeschreckt werden muss? 
Mit Eddy stolpern wir von jenen homoerotischen Erfahrungen zu einem arrangierten Beziehungsversuch mit der 18-jährigen (!) Freundin seiner Schwester. Und immer wieder stellt sich die Frage, wo Autobiografie endet und Fiktion beginnt. 
Der Wunsch, „mit Eddy abzuschließen“ ‒ aus Lesersicht durchaus zweideutig zu verstehen ‒, keimt mit jedem Bild, mit jedem Anflug von peinlicher Berührtheit und von sogar von Wut und Unverständnis. 
Dem Autor gelingt es, seinen vermeintlichen Schicksalsweg zu verlassen. In Fiktion oder Realität setzt er zur Flucht an, bis er den Weg findet. Zu einer weiterführenden Schule mit Internat, eine Zugreise von seinem Dorf entfernt. 
Doch kann er nun wirklich befreit über den Zuruf „Schwuchtel“ lachen?
Wir erfahren es nicht, denn Louis endet seinen Epilog abrupt. 
Was bleibt, sind die Mythen rund um den Bestseller eines jungen französischen Autors, der mit Eddy abgeschlossen hat, aber ‒ ohne dass an dieser Stelle die Unfähigkeit der Eltern entschuldigt werden soll ‒, tragische Figuren in einer Milieustudie der Ausweglosigkeit und ein schales Gefühl von einem Tropfen auf dem heißen Stein zurücklässt.

Gesamteindruck: 
4 von 5 Weißdornzweigen
 





Buchdaten:
  • Gebundene Ausgabe: 208 Seiten
  • Verlag: S. FISCHER; Auflage: 3 (12. Februar 2015)
  • Sprache: Deutsch, aus dem Französischen übersetzt von Hinrich Schmidt-Henkel
  • ISBN-10: 3100022777
  • ISBN-13: 978-3100022776
  • Originaltitel: En finir avec Eddy Bellegueule

Dienstag, 5. Mai 2015

... und dann weint der Himmel.

Córdoba hat einen großen modernen Bahnhof.
Wer mit großem Gepäck reist,
wird hier wie am Flughafen durchleuchtet.
Das soll es jetzt gewesen sein?
Gerade habe ich meinen Anflug von Heimweh überwunden, und schon ist der letzte Tag unserer Rundreise mit dem Al-Andalaus angebrochen. 

Als ich mich am Samstagmorgen in den wärmenden Bademantel unseres Hotels auf Schienen hülle, um der morgendlichen Kälte zu entkommen, sind unsere Koffer längst gepackt. 
Gut, wirklich ausgepackt waren sie nie, aber nun sind sie tatsächlich abreisebereit - bis auf Kleinigkeiten, die sich gegen Mittag noch flott verstauen lassen. 
Heute haben wir eine halbe Stunde länger Zeit. 
Das Glöckchen bimmelt etwas leiser als in den vergangenen Tagen. 
Wir aber sind wieder längst wach, weil wir die Party frühzeitig mit bleiernen Gliedern verlassen haben. 
Endlich nehme ich das Summen der Wand nicht mehr wahr. 
Jetzt habe ich mich an die Umgebung gewöhnt und könnte glatt noch eine Woche dranhängen. 
"Unglaublich, wie schnell so eine Woche vorbei ist", stellen auch unsere Reisefreunde am Frühstückstisch fest. 
Das Schinkenomelette ist heute besonders dunkelbraun.
 Ja, es haben wirklich alle gefeiert. 
Es schmeckt trotzdem. 
Seneca
Um 10 Uhr brechen wir schließlich zu unserem letzten Programmpunkt auf. Córdoba erwartet uns. 
Die Spanier in unserer Reisegruppe sind warm eingemummelt. 
Regen prophezeien sie. 
Als unser Bus uns vor der Altstadt abliefert, ist es tatsächlich trüb. 
Der Himmel hat genau dieses trostlose Nuance von hellem Grau, die jedes Foto mit meiner Kamera zum Glücksspiel werden lässt. 
Unser Busfahrer Sergio verteilt Stockschirme mit Renfe-Logo. 
"Ach, ich schlepp doch keinen Schirm mit mir rum!", beschließt meine Mama. 
Ich nehme einen. 
Stockschirme sind doch so schöne Spazierstöcke. 
Vor dem Tor des Almodovar lernen wir unsere Stadtführerin kennen. 
Stadtmauer
Wieder teilen wir uns eine Führung mit unseren US-amerikanischen Mitreisenden. 
Auch heute werden Verstärker und Kopfhörer ausgegeben. 
Nachdem wir das Tor durchquert haben, wird sich auch zeigen, wie hilfreich diese Technologie ist. 
Denn trotz des trüben Wetters ist Córdobas Altstadt angefüllt mit Touristen. 
Weil neben dem Tor eine unübersehbare Statue des Philosophen Senecas aufgestellt wurde, ist er, berühmter Sohn der Stadt, der erste, über den wir etwas erfahren.
Eine Auffrischung des Lateinunterrichts kann nie schaden.
Die Decke der Synagoge
"Im Jahre 65 n. Chr. starb er in Rom", endet unsere Stadtführerin und winkt uns, ihr zu folgen. 
"Er wurde ermordet", flüstert ein Teilnehmer. 
"Na und?", gibt seine Frau zurück: "Wenn man ermordet wird, stirbt man auch."
Liegt es am Wetter? 
Irgendwie ist die Stimmung trüb. 
Ihm - Seneca, nicht unserem bewanderten Teilnehmer - wurde übrigens die Selbsttötung befohlen. 
Na ja, auch eine Form der Ermordung. 
Durch Córdobas enge Gassen werden wir zunächst zu einer Synagoge geführt. 
Nein, nicht zu einer, sondern zu der Synagoge.  
Ganze drei Synagogen gibt es noch in Córdoba, diese aber gilt als ausgemachte Kostbarkeit mit ihren Stuckverzierungen im Mudéjarstil. 
Nach zwei Tagen Führungspech haben wir heute eine großartige Stadtführerin. 
Sie kennt sich aus in Stadtgeschichte und Architektur, leiert aber keine einstudierten Texte herunter. 
Die Frauengalerie
Geduldig beantwortet sie Fragen, interagiert und gestaltet ihre Führung lebendig. 
Als wir in einem der malerischen Innenhöfe Córdobas eintreffen, ist das Wetter nur noch Nebensache: 
Blau bemalte, bunt bepflanzte Terrakottatöpfe vor den weiß getünchten Mauern heben die Stimmung. 
"Damals waren die Töpfe rot", erinnert sich Mama. "Ich habe ein Foto davon gemacht."
Feinster Stuck überall in der Synagoge
Unsere Stadtführerin gibt ihr recht. 
Nun haben wir zweimal Fotos vom selben Ort - in rot und in blau.
Nach kurzen Stopps an Statuen illustrer Persönlichkeiten erreichen wir schließlich unser Hauptziel, die Mezquita-Moschee. 
Vor der Besichtigung bleibt uns etwas Zeit für eine Toiletten- und Shoppingpause. 
Es müssen sich erst alle Gruppen zusammenfinden, bevor wir geschlossen die "Moschee-Kathedrale" betreten können. 
In der Zwischenzeit fängt es doch an zu regnen. 
An Platz zum Aufspannen des zugeigenen Stockschirms fehlt es aber.
So zeichnen sich bereits Nässeflecken auf den Kapuzen ab, als wir die heiligen Hallen betreten. 
Weil ich seinen Schuh nicht gestreichelt habe,
werde ich wohl nie weise werden.
Mama erinnert sich, dass es damals, bei ihrem ersten Besuch, viel heller war. 
Damals drang das Licht von außen ungehindert durch die Fenster.
Heute sind sie mit Holzläden geschützt, die, kunstvoll durchbrochen, nur wenig Licht ins Innere lassen. 
Eine gewisse mystische Stimmung ist in diesem Symbol der Koexistenz der Religionen nicht zu verleugnen.
In unerwartet krassem Gegensatz zu der weißen, geradezu cleanen Kathedrale Granadas atmen Bögen, Gebetsnischen, Altäre, Decken ... in Córdobas bedeutendster Attraktion Geschichten, die sich an einem Tag gar nicht erfassen lassen. 
Mein Genick schmerzt vom vielen Hochschauen. 
Deko-Ideen auch für daheim.
Das Gießen muss man üben!
Die Unendlichkeit der Bogenkonstruktion fasziniert mich, und ich muss aufpassen, dass ich den Anschluss an unsere Gruppe nicht verliere. 
Inzwischen haben uns unsere amerikanischen Mitreisenden wieder verlassen und besichtigen die Anlage auf eigene Faust. 
Umso besser für unsere Führerin, denn nun muss sie nicht zwischen den Sprachen hin- und herspringen und kann sich voll auf uns konzentrieren. 
Zwischen Schlichtheit und Prunk verbringen wir etwas mehr als eine Stunde. 
Als wir das Haus verlassen, regnet es in Strömen.
Uns steht noch Freizeit zur Verfügung. 
Was aber tun bei diesem Wetter?
Nur knapp dreieinhalb Stunden Zeit blieb uns in Córdoba. 
Zu wenig  für diese interessante Stadt.
Mein Elan verlässt mich. 
Ich habe keine Lust, im Regen herumzurennen, Fotos zu schießen und pitschnass hechelnd am Treffpunkt anzukommen.
Hierher muss ich zurückkehren, nehme ich mir vor, aber wahrscheinlich ist das nur ein weiterer Punkt auf meiner so viele Reiseziele umfassenden Löffelliste.
Der Glockenturm der Mezquita
Mit unserer üblichen Gesellschaft setzen wir uns in aller Ruhe in ein Restaurant, trinken Wein und Kaffee und gönnen uns ein paar Tapas. 
In Córdoba wird heute gefeiert: in der Kathedrale eine Hochzeit, im Restaurant eine Taufe. 
Hier könnte ich stundenlang sitzen.
 
Ich verstehe, warum meine Mama diese Reise mit mir unternehmen wollte. 
Warum sie mir all das zeigen wollte. 
Ich weiß, dass ich all das auch mit meiner Familie teilen will. 
Einen Luxuszug brauche ich dazu aber nicht. 
Dieses Erlebnis gehört uns allein - mir und meiner Mama. 

Zum letzten Mal fährt uns Sergio zurück zum Zug. 
Innenansichten
Zum letzten Mal stützt er lächelnd meine Mama beim Aussteigen. 
Sie behauptet zwar, sein Griff sei federleicht, aber ich bin überzeugt, dass er uns im Stolperfall alle auffangen würde.
Es fühlt sich an, als verabschiedete man ein Familienmitglied. 
Zum letzten Mal steigen wir auch in den Al-Andalus. 
Unsere Kabine ist bereits aufgeräumt. 
Die Betten laden nicht mehr zum Schlafen ein. 
Die Koffer stehen bereit. 
Wir verstauen letzte Kleinigkeiten und gehen ein letztes Mal durch fünf Schlafwagen, den Salonwagen und den Barwagen nach vorn in den Restaurantwagen.
Auf der Fahrt wird das Mittagessen serviert. 
Ein letztes Mal vier Gänge.
Zu Hause werde das viele Fleisch nicht vermissen, aber das Lächeln des Teams, das immer auch die Augen erreicht. 
Gegen 16:15 erreichen wir Sevilla, wo unsere Reise am Montag begonnen hat.
Rezeption
Ein letztes Mal nehmen wir auf den rot bezogenen Sofas des Barwagens Platz, schießen ein letztes Foto. 
Dann geben wir unseren Schlüssel ab. 
Auf dem Bahnsteig warten wir auf unsere Koffer. 
Das komplette Team - zumindest der Rest, der nicht mit Koffertragen beschäftigt ist - steht zur Verabschiedung bereit. 
Händeschütteln, Umarmungen, Abschiedsworte in vier Sprachen ... eines der mitreisenden Mädchen sieht aus, als hätte es den schlimmsten Allergieanfall aller Zeiten. 
Meine Mama nimmt die Kleine in die Arme. 
Du lieber Himmel, jetzt schießt auch mir das Wasser in die Augen!
Eine Reise mit dem Al-Andalaus ist eben doch etwas Besonderes!

Eine knappe Stunde später checken wir wieder im NH Sevilla Viapol ein. 
Noch eine Nacht bleibt uns Andalusien erhalten, und nur weil ein Abenteuer beendet ist, heißt das ja nicht, dass uns nicht noch neue erwarten. 

**Ende des 6. Tages, aber daheim sind wir noch lange nicht**

Impressionen aus Córdoba:








Weil es regnet, verbringen wir die anschließende Freizeit bei Schinken und Wein.
Das letzte Mittagessen im Al-Andalus:

Entrée: eine schlichte Krokette
Erster Gang: ein Kartoffelsalat mit Ei und Garnelen auf Salatbett und mit Salatdach, dazu ein Spritzerchen Paprikajus
Fazit: sehr lecker und was zum Nachkochen
Hauptgang: gebratene Scheibe vom Stierschwanz mit Paprikaschaum
Laut Menükarte sollte es dazu gebratene Artischocken, aber die hat der Koch wohl vergessen.
Geschmackserlebnis: zartes Fleisch, allerdings viel unessbares Drumherum.
Paprikaschaum (von gerösteter Paprika für mehr Pepp) muss ich daheim mal probieren.
Zuhause folgt aber definitiv eine Fleischpause.
Ochsenschwanz und Co. brauche ich nicht unbedingt in meinem Alltag.
Nachtisch: Blätterteigstück mit Birne, dazu Vanilleeiscreme
Sehr lecker.
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