Samstag, 17. Mai 2014

... über "If you stay - Füreinander bestimmt" von Courtney Cole

Courtney Cole

Drama, Herzschmerz, die ganz große Liebe - unterhaltsame Klischees für zwischendurch

(c) Knaur, Bildlink zu amazon

Zum Inhalt:
Eigentlich wollte Mila nur Fotos vom wunderschönen Nachthimmel schießen. Doch dann findet sie in einem Auto den bewusstlosen Pax. Voll mit Alkohol und Drogen steht es nicht gut um den jungen Mann und Mila rettet ihm, ohne nachzudenken, an Ort und Stelle das Leben. Als sie ihn schließlich im Krankenhaus besucht, können beide nicht mehr aus dem Leben des anderen fernbleiben. Die Künstlerin kann sich Pax rauem Charme nicht entziehen und findet sich, durch den Tod ihrer Eltern selbst traumatisiert, bald wieder in seiner Welt voller Schmerz und Verdrängung, in der beide zu verbrennen drohen.

Meine Meinung:
Courtney Coles New-Adult-Roman „If you stay - Füreinander bestimmt“ hat mich durch ein Wechselbad der Gefühle gehen lassen. Neugierig war ich auf dieses neue „Zwischengenre“, das sich an Twens richtet und nicht von der allerersten Liebe, sondern der anderen großen Liebe erzählen und einen Hauch von Erotik nicht aussparen will. Von diesem "Hauch" war zunächst aber nichts zu spüren, denn Coles Roman beginnt mit einem Blowjob im Drogenrausch und mit nicht gerade blumigen Worten und führt damit den männlichen Charakter Pax einigermaßen unsympathisch ein (wenn man denn zugibt, nicht vorurteilsfrei zu sein). Als Ich-Erzähler darf er bereits auf den ersten Seiten eine Menge Ressentiments versprühen und sich als ganz harter Kerl aufführen. Als dann Mila ihren Ich-Erzählerpart übernimmt und den zugedröhnten Anti-Traummann findet, dürften Emetophobiker den Roman wahrscheinlich weglegen. Offen gestanden habe ich fast nicht bis Seite 25 durchgehalten, und auch danach fiel mir die Lektüre zunächst nicht allzu leicht.
„If you stay“ ist nicht gerade arm an Klischees. Da haben wir einmal Pax, auf den ersten Blick „trust fund kid“ mit großem Haus und Hang zum Einzelgängertum und einem Suchtproblem, das natürlich keins ist. Hollywoodmäßig ist natürlich ein Kindheitstrauma an allem schuld. Und da tritt auch schon die sanftmütige Mila auf den Plan, die in vielerlei Hinsicht als typische Retterin dargestellt wird. Mit gerade einmal Anfang zwanzig verdient sie ihren Lebensunterhalt als Malerin und Fotografin mit eigenem Atelier und unterstützt daneben ihre ältere Schwester im Familienrestaurant, das natürlich nach dem Unfalltod ihrer Eltern in Schwierigkeiten steckt und entsprechend selbst einen Retter braucht. Selbstverständlich hat dann der Junge mit dem dicken Portemonnaie auch noch ein gespaltenes Verhältnis zu seiner Familie, aber guten sexuellen Appetit und ansonsten scheinbar nichts zu tun.
Dann gelang „If you stay“ aber das, worauf ich nach dem holprigen Start schon gar nicht mehr zu hoffen gewagt hatte: Der Roman hat mich unterhalten und letztendlich sogar zu Tränen gerührt, weil ich nun einmal einfach eine Schwäche für Liebesromane habe und mir gerade Milas Verhalten realistisch erschien und naheging.
Durch den gelungenen Wechsel der männlichen und weiblichen Ich-Perspektiven bietet die Autorin die Möglichkeit, in beide Charaktere hineinzusehen und sie jeweils mit den Augen des anderen zu sehen. So erweckt Mila, so jung sie auch ist, eben keinen rosarot verklärten, aber auch keinen selbstaufopfernden Eindruck, sondern zeigt sich bereits als eigenständige junge Frau, die in ihrem Leben zurechtkommt und auch nicht nägelkauend auf den Ritter auf weißem Ross gewartet hat. Und sie hat eine gesunde Portion Selbstbewusstsein und Selbstschutz, die sie realistische Grenzen ziehen lassen. Trotz ihrer Trauer und nachvollziehbaren Verschlossenheit ist sie es, die dem männlichen Part der Geschichte den größeren Entwicklungsspielraum schafft. Zu bedauern ist lediglich, dass der Roman mit seinen um die 300 Seiten da eher einen Schnelldurchlauf hinlegen muss, um Pax vom verdrängenden Grenzgänger zum verantwortungsvollen Partner zu läutern.
Auf dem Weg dahin gibt es knisternde Augenblicke, ordentlich Drama und sogar eine Tote. Hollywoodkitsch und -übertreibungen treffen auf realistische Entscheidungen und fehlbare Charaktere.
Damit macht der Roman auch seine sprachlichen Mängel wieder wett, die an der Übersetzung liegen können, aber  nicht müssen. Beispielsweise zeichnen sich Pax’ Passagen zunächst durch eine eher rohe Sprache aus, dann lässt er aber plötzlich Mila auf eine Tür „zustreben“. Auch an manch anderer Stelle stolperte ich, dennoch gelang es der in jeder Hinsicht nicht immer stimmigen Mischung von „If you stay“, mich soweit zu unterhalten, dass ich der im Sommer zu erwartenden Fortsetzung „If you leave - Niemals getrennt“, die sich um Milas große Schwester Madison drehen wird, eine Chance geben werde.

Fazit:
Wenig innovativer Auftakt zu einer New-Adult-Reihe, der ein ernstes Thema mit Drama, Erotik und der ganz großen Liebe mit all ihrem Herzschmerz und Herzklopfen nicht immer ausgewogen verpackt, dennoch viel Zuneigung für seine Figuren versprüht und den Liebesromanfreund zwischendurch zu unterhalten weiß.

Gesamteindruck:
3 von 5 Weißdornzweigen





Buchdaten
  • Taschenbuch: 320 Seiten
  • Verlag: Knaur TB (1. April 2014)
  • Sprache: Deutsch, übersetzt von Rebecca Lindholm
  • ISBN-10: 342651527X
  • ISBN-13: 978-3426515273
  • Originaltitel: If You Stay
  • Neupreis: 8,99 € (D) 
  • Auch als E-Book und Hörbuch erhältlich.



Freitag, 16. Mai 2014

... über "Ich und die Menschen" von Matt Haig

Matt Haig 
Ich und die Menschen
 

Interessante Perspektive auf die Spezies Mensch, mit all ihren Unzulänglichkeiten

(c) dtv, Bildlink zu amazon

Zum Inhalt:
Andrew Martin, Professor für Mathematik in Cambridge, hat eines der herausforderndsten mathematischen Rätsel der Menschheit gelöst. In den großen Weiten des Alls gefällt das aber einer Lebensform überhaupt nicht. Kurzerhand wird der Professor ausgeschaltet und durch eines der hochintelligenten Wesen ersetzt. Es soll dafür sorgen, dass Martins Entdeckung unentdeckt bleibt. Voller Vorurteile gegenüber den Erdenbewohnern muss sich die außerirdische Lebensform nun in Menschengestalt inmitten all dieser angeblich so unzulänglichen, egoistischen, gewalttätigen und zudem noch extrem hässlichen niederen Menschen zurechtfinden und hat plötzlich eine Ehefrau und einen Sohn, einen Hund, Musik, australischen Wein, Gedichte und … Gefühle. Und mit einem Male ist die der Menschheit überlegene Lebensform gar nicht mehr so überlegen und hadert mit ihrem Auftrag.

Meine Meinung:
Matt Haigs "Ich und die Menschen" zählt zu jenen Büchern, die unheimlich interessant klingen, es mir dann aber lange Zeit schwermachten.
So mäanderte die Geschichte zu Beginn, mit der Verwirrung ihres Protagonisten einhergehend, vor sich hin, ohne dass sich ein Ziel abzeichnete. Gleichzeitig stand ich mir selbst im Weg, stolperte ich doch immer wieder über die Frage, warum Martins Entdeckung denn so bahnbrechend für die Menschheit und so verheerend für die Bewohner von Vonnadoria sein sollte. Wenngleich ich mir der metaphorischen Bedeutung immer bewusst war, dauerte es doch zu lange, bis ich sie annehmen konnte. Zu lange saß der nicht menschliche Andrew Martin in seiner Außenbetrachtung der Erdenwesen fest, bevor er sich ihnen denn annäherte. Das Schwarz-Weiß war mir zu strikt, selbst wenn es, unbenommen, zur weltfremden Attitüde des Außerirdischen passte. Damit konnte ich über seine Wahrnehmung der äußeren Attribute des Menschen oder sein etikettenwidriges Handeln eher schmunzeln als in herzhaftes Lachen ausbrechen.
Dieses fremde Wesen, das Wissen in Kapseln in sich aufnimmt, Mathematik für das einzig Wahre hält, weder Gefühle noch Gewissen kennt und sich die Sprache der Erdenbewohner mithilfe einer Ausgabe der Cosmopolitan aneignet, ist im Grunde kein Sympathieträger. Überraschenderweise ist das aber auch der echte Andrew Martin nicht, wie man im Zuge der Ich-Erzählung seines Ersatzes erfahren darf. Während der Vonnadorianer zunächst seinem Auftrag folgt und einen Mitwisser der Martinschen Entdeckung ohne Umschweife um die Ecke bringt, war der echte Martin ein ganz menschlicher Arsch, vernachlässigte Sohn und Frau. Und genau da fängt der Außerirdische plötzlich an zu hadern. Er analysiert sein Umfeld sehr genau - und hier wird die anfänglich störende Distanz zum Vorteil - zeichnet ein ehrliches, eindrückliches Bild der Menschen, mit denen er zu tun hat.
Sein Dialog mit dem Heimatplaneten wird differenzierter, ebenso wie sein Handeln. Mit einem Male sucht er nach Kompromissen, will sogar die Menschen verstehen und findet an ganz schlichten Dingen Gefallen. Eine Wandlung, die meines Erachtens für ein intelligentes Wesen, dem es aber offenbar an Vernunft mangelt, etwas spät eintrat, aber der Lektüre schlussendlich sehr gut tat. Endlich wurden der „Fremde“ greifbarer, Konflikte ausgefeilter und der Roman deutlich spannender. Sogar in einem Maße, dass ich, nachdem ich für die ersten hundert Seiten mehrere Wochen gebraucht habe, den Rest in einem Rutsch weggelesen habe.
Spannung und nur mäßige Vorhersehbarkeit gehen einher mit einer scharfsinnigen Analyse der Menschheit und münden in einem offenen Ende, das aber eines Hoffnungsfünkchens nicht entbehrt.

Fazit:
Zu Beginn etwas orientierungslos anmutende Geschichte, die sich treffsicheren Sprachbildern zu einer Liebeserklärung an die Menschen entwickelt, schlussendlich doch zu unterhalten weiß, aber auch zum Innehalten und Nachdenken anregt.


Gesamteindruck:
4 von 5 Weißdornzweigen





Buchdaten
  • Broschiert: 352 Seiten
  • Verlag: Deutscher Taschenbuch Verlag (1. April 2014)
  • Sprache: Deutsch, übersetzt von
  • ISBN-10: 3423260149
  • ISBN-13: 978-3423260145
  • Originaltitel: The Humans
  • Neupreis: 14,90 € (D) 
  • Auch als E-Book und Hörbuch erhältlich.
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