Donnerstag, 4. September 2014

... über "Schuld" von Grit Poppe


Authentische, nachhallende Geschichtsaufbereitung für Jugendliche und Zeitreisende

(c) Dressler, Bildlink zu amazon

Zum Inhalt:
DDR 1988: Die fünfzehnjährige Jana erlebt einen Wechsel - Umzug, neue Schule … und mit der neuen Schule lernt sie auch Jakob kennen. Jakob, den Unangepassten, der so gar nicht in ihre linientreue Welt passt. Doch alle Umgangsverbote von Janas Eltern können nicht verhindern, dass sich die Jugendlichen verlieben. Und Jakob, dessen Eltern einen Ausreiseantrag gestellt haben, öffnet Jana die Augen. Durch ihn lernt sie, das Land, in dem sie lebt, zu hinterfragen, kritischer zu sein. Jakob scheut sich nicht, seine Meinung zu sagen, er schwimmt gegen den Strom, wiegelt auf, und schon bald verschwindet er im Gefängnis. Jana versteht die Welt nicht mehr, und eines Tages macht sie eine erschütternde Entdeckung. Trägt sie möglicherweise die Schuld an Jakobs Schicksal? Wird sie ihn je wiedersehen?

Meine Meinung:
Pünktlich zum bevorstehenden 25. Jahrestag des Mauerfalls ist nach „Weggesperrt“ und „Abgehauen“ nun Grit Poppes dritter Jugendroman zum Thema DDR erschienen, und grundsätzlich ist es begrüßenswert, dass auch nach dieser Zeit Alltag und Gegebenheiten für eine Zielgruppe aufbereitet werden, die zwangsläufig nicht live dabei gewesen sein kann.
Da ich, aufgewachsen in der DDR, zum Zeitpunkt des Mauerfalls gerade dreizehn Jahre alt war, habe ich natürlich mein eigenes Bild, das gerade in Bezug auf die in diesen Romanen thematisierten Schattenseiten sehr lückenhaft ist. Daher denke ich, dass Grit Poppes „Schuld“ neben der eigentlichen jugendlichen Zielgruppe auch noch uns ehemalige Jugendliche als Zielgruppe hat, die sich mithilfe ihres Romans noch einmal auf Zeitreise begeben.
Beide Adressaten bedient die Autorin gut.
Zu Beginn führt sie den Leser in den DDR-Alltag ein, der - nach meiner Erfahrung - authentisch beschrieben ist. Gepflogenheiten in der Schule und Nennungen von Produktnamen rufen Erinnerungen wach.
Dennoch legt die Autorin auch Wert darauf, dass die Jugendliche zunächst auch mit zeitlosen Problemen konfrontiert wird, um die heutige Leserschaft nicht unterwegs zu verlieren. So hadert Jana mit dem Umzug vom Land in die Stadt, hat den Stempel des Dorftrampels weg und passt, so ohne „Action“-Make-up in ihrer Rüschenbluse erst einmal nicht so recht ins Bild.
Der rebellische Jakob bietet einen typischen Gegenpart zu dem gut erzogenen, auf den ersten Blick etwas biederen Mädchen, und auch wenn eine solche Paarung in der Literatur nicht gerade brandneu ist, so gelingt es der Autorin doch sehr gut, die entstehende Beziehung zwischen den Jugendlichen glaubhaft zu gestalten.
Erfreulicherweise verzichtet sie dabei auf rosarote Wölkchen und unpassendes Anschmachten. Die zum Teil nüchterne Darstellung des Verliebens erinnerte mich geringfügig an DDR-Jugendliteratur, die in dieser Beziehung mitunter etwas „unheimelig“ sein konnte. Das soll aber gar kein Makel sein, denn ich genoss dieses Hineingleiten in eine Beziehung über ernste, geradezu erwachsene Dialoge, verbunden mit Szenen, die sich buchstäblich ins Leserherz hineinspielen, ohne kitschig zu sein. Im Gegenteil, da Jakob ohne Umschweife als jemand eingeführt wird, der sich in der DDR eingesperrt fühlt und etwas bewegen möchte, schwebt von Beginn an eine Gefahr über den beiden Protagonisten, die den Leser vorsichtig werden lässt. Dennoch ist Jakobs Verhaftung ein Schock, und die darauf folgenden Darstellungen zeigen sich auf erschütternd ungeschönte Weise, dass man durchaus immer einmal einen Moment zum Durchatmen braucht.
Um ihre Geschichte aus möglichst vielen Perspektiven zu beleuchten, bedient sich Grit Poppe mehrerer Zeitebenen und Erzählinstanzen. Eingeleitet wird „Schuld“ mit einer Ich-Erzählung aus dem Jahr 1992, erzählt von einer jungen Frau, die gerade ihre Stasiakte gelesen hat und sich nun auf eine Suche begibt.
Die Vorgeschichte dazu - zurück im Jahr 1988 bis hin zum Mauerfall - folgt dann in personaler Erzählweise, die Janas Erlebnisse im Wechsel zu Jakobs schildert und somit hautnahe Eindrücke bietet, die nachhallen.
Auf diese Weise erzählt Grit Poppe eine eindrückliche Geschichte, in der die Protagonisten eine nachvollziehbare, starke Entwicklung durchleben, eine Geschichte über großes Unrecht und Verrat an Stellen, wo man ihn nicht erwartet. Obwohl mir hier und da ein paar Graustufen fehlten und mir die Schuldfrage etwas zu absolut erscheint, konnte mich die runde Geschichte von Grit Poppes „Schuld“ nicht zuletzt auch dank des Hoffnungsschimmers, den der Roman dennoch zu entfachen weiß, überzeugen, sodass ich die beiden früheren Romane, die ich bislang noch nicht kenne, gern auf meine Wunschliste setze.

Fazit:
Realistischer Jugendroman über eine Jugendliebe, die am Unrechtssystem der ehemaligen DDR zu zerbrechen droht, mit glaubhaften Charakteren und authentischen Hintergründen.
Erschütternd, mitreißend, wichtig.  

Gesamteindruck:
5 von 5 Weißdornzweigen





Buchdaten:

  • Broschiert: 336 Seiten
  • Verlag: Dressler (21. Juli 2014)
  • Sprache: Deutsch
  • ISBN-10: 3791516345
  • ISBN-13: 978-3791516349
  • Vom Hersteller empfohlenes Alter: 14 - 17 Jahre
  • Neupreis: 9,99 € (D) 
  • Auch als E-Book erhältlich.

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