Freitag, 16. Mai 2014

... über "Ich und die Menschen" von Matt Haig

Matt Haig 
Ich und die Menschen
 

Interessante Perspektive auf die Spezies Mensch, mit all ihren Unzulänglichkeiten

(c) dtv, Bildlink zu amazon

Zum Inhalt:
Andrew Martin, Professor für Mathematik in Cambridge, hat eines der herausforderndsten mathematischen Rätsel der Menschheit gelöst. In den großen Weiten des Alls gefällt das aber einer Lebensform überhaupt nicht. Kurzerhand wird der Professor ausgeschaltet und durch eines der hochintelligenten Wesen ersetzt. Es soll dafür sorgen, dass Martins Entdeckung unentdeckt bleibt. Voller Vorurteile gegenüber den Erdenbewohnern muss sich die außerirdische Lebensform nun in Menschengestalt inmitten all dieser angeblich so unzulänglichen, egoistischen, gewalttätigen und zudem noch extrem hässlichen niederen Menschen zurechtfinden und hat plötzlich eine Ehefrau und einen Sohn, einen Hund, Musik, australischen Wein, Gedichte und … Gefühle. Und mit einem Male ist die der Menschheit überlegene Lebensform gar nicht mehr so überlegen und hadert mit ihrem Auftrag.

Meine Meinung:
Matt Haigs "Ich und die Menschen" zählt zu jenen Büchern, die unheimlich interessant klingen, es mir dann aber lange Zeit schwermachten.
So mäanderte die Geschichte zu Beginn, mit der Verwirrung ihres Protagonisten einhergehend, vor sich hin, ohne dass sich ein Ziel abzeichnete. Gleichzeitig stand ich mir selbst im Weg, stolperte ich doch immer wieder über die Frage, warum Martins Entdeckung denn so bahnbrechend für die Menschheit und so verheerend für die Bewohner von Vonnadoria sein sollte. Wenngleich ich mir der metaphorischen Bedeutung immer bewusst war, dauerte es doch zu lange, bis ich sie annehmen konnte. Zu lange saß der nicht menschliche Andrew Martin in seiner Außenbetrachtung der Erdenwesen fest, bevor er sich ihnen denn annäherte. Das Schwarz-Weiß war mir zu strikt, selbst wenn es, unbenommen, zur weltfremden Attitüde des Außerirdischen passte. Damit konnte ich über seine Wahrnehmung der äußeren Attribute des Menschen oder sein etikettenwidriges Handeln eher schmunzeln als in herzhaftes Lachen ausbrechen.
Dieses fremde Wesen, das Wissen in Kapseln in sich aufnimmt, Mathematik für das einzig Wahre hält, weder Gefühle noch Gewissen kennt und sich die Sprache der Erdenbewohner mithilfe einer Ausgabe der Cosmopolitan aneignet, ist im Grunde kein Sympathieträger. Überraschenderweise ist das aber auch der echte Andrew Martin nicht, wie man im Zuge der Ich-Erzählung seines Ersatzes erfahren darf. Während der Vonnadorianer zunächst seinem Auftrag folgt und einen Mitwisser der Martinschen Entdeckung ohne Umschweife um die Ecke bringt, war der echte Martin ein ganz menschlicher Arsch, vernachlässigte Sohn und Frau. Und genau da fängt der Außerirdische plötzlich an zu hadern. Er analysiert sein Umfeld sehr genau - und hier wird die anfänglich störende Distanz zum Vorteil - zeichnet ein ehrliches, eindrückliches Bild der Menschen, mit denen er zu tun hat.
Sein Dialog mit dem Heimatplaneten wird differenzierter, ebenso wie sein Handeln. Mit einem Male sucht er nach Kompromissen, will sogar die Menschen verstehen und findet an ganz schlichten Dingen Gefallen. Eine Wandlung, die meines Erachtens für ein intelligentes Wesen, dem es aber offenbar an Vernunft mangelt, etwas spät eintrat, aber der Lektüre schlussendlich sehr gut tat. Endlich wurden der „Fremde“ greifbarer, Konflikte ausgefeilter und der Roman deutlich spannender. Sogar in einem Maße, dass ich, nachdem ich für die ersten hundert Seiten mehrere Wochen gebraucht habe, den Rest in einem Rutsch weggelesen habe.
Spannung und nur mäßige Vorhersehbarkeit gehen einher mit einer scharfsinnigen Analyse der Menschheit und münden in einem offenen Ende, das aber eines Hoffnungsfünkchens nicht entbehrt.

Fazit:
Zu Beginn etwas orientierungslos anmutende Geschichte, die sich treffsicheren Sprachbildern zu einer Liebeserklärung an die Menschen entwickelt, schlussendlich doch zu unterhalten weiß, aber auch zum Innehalten und Nachdenken anregt.


Gesamteindruck:
4 von 5 Weißdornzweigen





Buchdaten
  • Broschiert: 352 Seiten
  • Verlag: Deutscher Taschenbuch Verlag (1. April 2014)
  • Sprache: Deutsch, übersetzt von
  • ISBN-10: 3423260149
  • ISBN-13: 978-3423260145
  • Originaltitel: The Humans
  • Neupreis: 14,90 € (D) 
  • Auch als E-Book und Hörbuch erhältlich.

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