Mittwoch, 16. April 2014

... über "Die Wahrheit, wie Delly sie sieht" von Katherine Hannigan

Katherine Hannigan
Die Wahrheit, wie Delly sie sieht

Warmherzig, einfühlsam, besonders

(c) Carl Hanser Verlag - Bildlink zu amazon
Zum Inhalt:
Für die meisten bedeutet Delaware - Delly - Pattinson hauptsächlich eines: Ärger. Die Elfjährige baut sich ihre Welt zurecht, und wenn sie dabei im Polizeiauto eine Freifahrt nach Hause bekommt, ist es erst einmal auch nicht schlimm. Sie erlebt Abenteuer, erfindet eigene Wörter und ist ständig auf der Suche nach einem "Überraschenk". Als es fast schon zu spät ist und die Erwachsenen Delly beinahe aufgeben wollen, kommt eine neue Schülerin in ihre Klasse. Ferris Boyd, dünn und knabenhaft, spricht kein Wort und darf nicht berührt werden. Hungrig nach einem neuen Projekt folgt Delly neugierig der Neuen und muss nun lernen, dass sie nicht überall Türen einfach einrennen kann. Auch mit Unterstützung ihres kleinen Bruders RB lernt Delly, Fragen zu stellen und zuzuhören, selbst wenn kein einziges Wort gesprochen wird. Nach und nach entspinnt sich zwischen den drei Kindern eine besondere Freundschaft, bis Delly eine erschütternde Entdeckung macht ... 

Meine Meinung: 
Katherine Hannigan richtet sich mit ihrem zweiten Roman an LeserInnen zwischen 11 und 13 Jahren, was dem Buch rein äußerlich meiner Meinung nach nicht anzusehen ist. Das gefällt mir, denn "Die Wahrheit, wie Delly sie sieht" ist ein wunderbares Buch für die Zielgruppe, aber auch für Erwachsene. Gestalterisch unauffällig werden hier Inhalt und Äußeres treffend verknüpft. Die Protagonistin hat tatsächlich einen rötlichen Schopf und ließe sich problemlos in genau dieser Haltung am Ast eines Baumes finden. Zudem finden sich die tanzenden Buchstaben des Titels auch im Buch wieder, sodass hier eine stimmige Brücke geschlagen wird. 
Mit ihrer Hauptfigur Delaware stellt Hannigan zunächst eine komplizierte Gestalt vor. Als vorletztes von sechs Kindern, die nach Bundesstaaten bzw. Städten benannt sind, tanzt sie in der bunten Pattinson-Familie einigermaßen aus der Reihe. Anfänglich bietet Delly wenig Sympathiepotential. Sie hat sich mit ihrer Schwester in der Wolle, hat kein Problem damit, ihren Freunden mal eins auf die Mütze zu geben, ist Dauergast im Polizeiauto und darf in der Schule oft genug auf die Strafbank. Eigentlich ein Kind zum Verzweifeln. Zumindest aus Sicht eines Erwachsenen. Schnell wird aber klar, dass Delly gar keinen Ärger machen will, sondern nicht nachvollziehen kann, was sie falsch macht. Und so geht es wahrscheinlich im wahren Leben so manchem Kind. Erst als Dellys Mutter Clarice, die ihre Kinderschar zumeist allein mit bemerkenswerter Ruhe, wenn auch mit nicht unbekannten Strafmaßnahmen wie Hausarrest, managt, in aller Öffentlichkeit in Tränen ausbricht, bewegt sich etwas in der Elfjährigen. Denn genau das möchte sie nie wieder erleben müssen: die Erschöpfung und unverkennbare Enttäuschung ihrer Ma, die sie von ganzem Herzen liebt. Die Pattinsons sind keine Bilderbuchfamilie, wodurch es schlussendlich einfacher wird, die auf den ersten Blick eigenbrötlerische, Unfrieden stiftende Delly ins Herz zu schließen. Auch wenn sie in ihren ersten Begegnungen mit der Neuen, Ferris Boyd, gewiss einen nervigen Eindruck macht, so ist sie doch auf erfrischend authentische Weise gleichermaßen unbedarft wie aufgeweckt. Und eben unfertig und entwicklungsfähig, womit sie Identifikations- und schlussendlich sogar Heldenpotential bietet.
Dass mit jener Ferris etwas nicht stimmen kann, wird zwar unverblümt präsentiert, die Aufklärung aber schrittweise und behutsam geliefert. Der junge Leser darf im Verlauf der Geschichte ebenso wachsam und neugierig bleiben wie Delly. Unliebsame Details bleiben ausgespart, lassen Raum für eigene Gedanken und entbehren dennoch nicht der notwendigen Emotionalität und Tiefe. Erfreulicherweise zeichnet Hannigan das zweite Mädchen nicht ausschließlich schwarz und weiß, macht es nicht ausschließlich zu einer bedauernswerten Person, sondern stattet es mit liebenswerten Stärken aus, die sich nicht nur in Szenen mit Delly und RB, sondern auch im Kontakt mit Nebencharakteren zeigen. Dort dürfen sich dann auch die Nebenfiguren mit all ihren Schwächen - und Dummheiten - als normale Charaktere zeigen, die es nun einmal im realen Leben gibt und die oft genug Ziel von Angriffen oder Ausgrenzung sind. Obwohl wir nur wenige Dinge über das zarte Mädchen, das nicht sprechen will, aber die weltbeste Basketballspielerin ist, erfahren, gewinnt es durch Dellys Augen an lebhafter Präsenz, selbst wenn es nur zusammengekauert lesend in einer Ecke sitzt. Dellys Neugier wandelt sich zu echter Freundschaft und dem Bedürfnis, die neue Freundin beschützen zu wollen. Damit erhalten alle Figuren Gelegenheit, sich im Laufe der Geschichte weiterzuentwickeln und in sich und anderen Neues zu entdecken. Das gilt für die Kinder ebenso wie für die Erwachsenen. Dellys Wandlung hat Auswirkungen auf ihr Verhältnis mit ihrer Familie und ihrem gesamten Umfeld, wobei die Autorin ein gutes Händchen beweist, diese Veränderungen behutsam und allmählich einzuflechten, um die Glaubwürdigkeit ihrer Geschichte zu erhalten.
"Die Wahrheit, wie Delly sie sieht" ist ein Roman, der die kleinen Schritte zelebriert, ohne langatmig zu sein, und Charaktere nachvollziehbar handeln lässt, selbst wenn sie, wie Delly, auf den ersten Blick einen verschrobenen Eindruck vermitteln. Es stimmte mich lediglich traurig, dass es in dieser Geschichte trotz der vertrauensvollen Atmosphäre, die nach und nach entsteht, eines Kindes bedurfte, um die Wahrheit über ein anderes Kind zu entdecken. Erwachsenen sind offenere Augen zu wünschen!
Und nicht zuletzt hat Übersetzerin Susanne Hornfeck die Aufgabe, Dellys besondere Wortschöpfungen fantasievoll und dennoch lesbar ins Deutsche zu übertragen, bravourös gemeistert und dem ruhigen, beobachtenden Stil der Autorin, der aus personaler Erzählperspektive knappen Feststellungen vor Schnörkeln den Vorzug gibt, treffsicher Rechnung getragen. Ein Glossar mit Delly-ismen (Dellexikon) rundet Katherine Hannigans 272 Seiten starken Roman ab.  

Fazit: 
Warme und emotionale Geschichte um drei besondere Freunde, die zu Helden werden dürfen, eine Geschichte, die zu Tränen und Lächeln berührt und dabei glaubwürdig und unübertrieben ist und uns lehrt, dem Schweigen zuzuhören. Empfehlenswert nicht nur für Kinder!

Gesamteindruck: 
5 von 5 Weißdornzweigen





Buchdaten
  • Gebundene Ausgabe: 280 Seiten
  • Verlag: Carl Hanser Verlag GmbH & Co. KG (3. Februar 2014)
  • Sprache: Deutsch, übersetzt von Susanne Hornfeck
  • ISBN-10: 3446245138
  • ISBN-13: 978-3446245136
  • Altersempfehlung: 11 - 13 Jahre
  • Neupreis: 14,90 €
  • Auch als E-Book und Hörbuch erhältlich. 

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