Donnerstag, 3. April 2014

... über "Antoinette kehrt zurück" von Olivia Vieweg

Olivia Vieweg

Ernstes Thema in beeindruckend bedrückenden Bildern

(c) Egmont Graphic Novel - Bildlink zu amazon
Zum Inhalt:
Antoinette hat sich ein neues Leben aufgebaut. Weit weg von ihrem Kuhkaff lebt sie nun in Los Angeles, ist als Creative Director in einer Agentur erfolgreich und hat sich einen nicht unbekannten Schauspieler geangelt. Von ihrer Vergangenheit lösen kann sie sich nicht, so sehr sie sie auch verleugnet. So beschließt sie, sich ihren Dämonen zu stellen, und kehrt zurück nach Harzberg, in die Hölle ihres alten Lebens ... 

Meine Meinung: 
"Antoinette kehrt zurück" ist eine Graphic Novel und wird der Definition des thematischen Anspruchs und erzählerischen Komplexität (siehe wikipedia) durchaus gerecht. Letzterem vielleicht nicht auf den ersten Blick. 
Die noch vergleichsweise farbenfrohe Umschlaggestaltung mit signalroten Mohnblumen und ebenso signalrotem Rücken und einem ernsten mädchenhaften Gesicht mit weit aufgerissenen Augen, durch das ein fast schon stereotypes Dorf, das jedes beliebige sein könnte, hindurchschimmert, lässt bereits erahnen, dass die Geschichte, die sich dahinter verbirgt, nicht ganz so farbenfroh sein wird. In der Tat ist sie es nicht. Entsprechend ist der Innenteil in erdigen Ocker-, Gelb- und Brauntönen gehalten, die der Geschichte um Antoinette einen tristen, beinahe schmutzigen Touch verleihen. 
Als Kind war Antoinette Opfer ihrer Mitschüler. Jemand, der verzweifelt dazugehören will, aber zeitlebens in seinem Kuhkaff einen Stempel weg hat. Und um den loszuwerden, schluckt und erträgt die Heranwachsende das Mobbing und lässt sich auf die Spiele ihrer Mitschüler ein. 
Die Konsequenzen zeigt Olivia Vieweg in ihrer Graphic Novel, in der Gegenwart und Rückblenden in schnellem Wechsel abgebildet sind. Ihre Figuren, einschließlich der Ich-Erzählerin Antoinette, wirken jung, als sei zwischen der "alten" und der "neuen" Antoinette kaum Zeit vergangen. In schnelle Bleistift-Outlines gebannt wird der Zerrissenheit der Protagonistin Rechnung getragen, sie hinein in das erdrückend miefige Ambiente des fiktiven Ortes Harzberg (obwohl es ein echtes Harzberg gibt) gebannt, das erschreckend authentisch wirkt mit seinen Fachwerkhäusern, aber auch mit den beinahe klischeehaften und doch nicht aus der Luft gegriffenen Kindern, die nicht nur triezen, sondern handfeste Traumata verursachen und als Erwachsene die Dinge kleinreden.
In Kombination mit dem wenigen, stark auf Dialoge konzentrierten Text entsteht der Eindruck einer klassischen Kurzgeschichte, die nicht alles offenlegt, nicht jeden Schritt verfolgt, dafür aber mit Wendungen überrascht, die nicht jedem gefallen müssen und unter Umständen überzeichnet und krass daherkommen können. 
Dafür aber ist trotz Bilderflut auf 84 Seiten genug Raum für Kopfkino, das sich auch nach der Lektüre längst nicht abschalten lässt. 
Am Ende des Buches bietet die Autorin und Illustratorin in einer Skizzensammlung Einblicke in die Entstehung ihrer Graphic Novel, die mich zum Nachdenken brachte und mir Lust auf mehr grafisch aufbereitete Geschichten machte. 

Fazit: 
Beklemmende Graphic Novel, die in ausdrucksstarken Bildern auf ein wichtiges Thema aufmerksam macht, sich aber auch nicht vor Extremem scheut und sicherlich so manchen Leser im Zwiespalt zurücklassen dürfte. Prädikat: empfehlenswert.

Gesamteindruck: 
4 von 5 Weißdornzweigen





Buchdaten
  • Taschenbuch: 96 Seiten
  • Verlag: Egmont Graphic Novel; Auflage: 1 (6. März 2014)
  • Sprache: Deutsch
  • ISBN-10: 3770455002
  • ISBN-13: 978-3770455003
  • Neupreis: 14,99 €
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