Montag, 25. November 2013

... über "Norden ist, wo oben ist" von Rüdiger Bertram

Rüdiger Bertram

Zwei Kids, ein Boot, ein Abenteuer

(c) Ravensburger /
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Zum Inhalt: 
Paul-Antonius-Philipp hat nicht nur einen ausufernden Vornamen, sondern er führt auch ein großzügiges Leben. Eigentlich. Denn großzügiges Taschengeld und ein Schrank voller Markenklamotten in einer Villa sind gar nichts, wenn man mitten im Scheidungsstreit der Eltern steckt. Und davon hat Junge gründlich die Faxen dicke. Als die großen Ferien anstehen und er sich entscheiden muss, ob er mit Mutter oder Vater verreisen möchte, beschließt er, sich abzusetzen und die bevorstehenden vier Wochen in aller Ruhe allein zu verbringen. Während nun also Mutter und Vater jeweils in der Annahme, Philipp habe sich für den anderen Elternteil entschieden, in den Urlaub abdüsen, läuft dem Jungen Mel über den Weg. Mir nichts, dir nichts hat Philipp den ausgebüchsten Wildfang an der Backe und mit den geplanten ruhigen Ferien ist es Essig. Bald schon sind die Kids mit der Jacht von Philipps Vater auf dem Weg nach Norden, aber Mel verraten, wer er wirklich ist, das will Philipp noch lange nicht ... 

Meine Meinung: 
Zurzeit gestaltet sich die Suche nach passender Lektüre für Sohnemann gar nicht so einfach. Die Bücher für seine Altersklasse wecken sein Interesse kaum, Geschichten für ältere Leser sind aber meistens noch zu umfangreich. Mit "Norden ist, wo oben ist" meinte ich dennoch, ein spannendes Buch in passendem Umfang gefunden zu haben.
Vom Äußeren zeigte sich mein Sohn zunächst wenig beeindruckt. Das Umschlagbild von Constanze Spengler stellt farblich und inhaltlich treffende Bezüge zu Rüdiger Bertrams Kinderbuch her und ist dabei recht nüchtern und unaufgeregt. Meinem Sohn hingegen war der Umschlag allerdings nicht auf- bzw. anregend genug. Auch fand er es schade, dass das Buch mit Ausnahme von Vignetten keine weiteren Illustrationen enthält, wodurch der Text trotz großzügiger Schrift und Zeilenabstände etwas erschlagend wirkt. Gerade für Jungen, die sich auch im anvisierten Lesealter zwischen 10 und 12 Jahren oft nur mühsam zum Lesen bewegen lassen, empfinde ich viel Text ohne kleine Auflockerung immer als Hemmschuh. 
Rüdiger Bertram beginnt sein Kinderbuch ohne viel Vorgeplänkel und stürzt den Leser direkt ins Geschehen. Das ist ganz wunderbar, denn so kommt gar nicht erst Anfangslangeweile auf. 
Protagonist Paul-Antonius-Philipp sitzt bereits in der Raststätte, während seine Eltern in getrennten Autos auf dem Parkplatz auf seine Entscheidung warten. Die Kluft zwischen ihnen ist augenscheinlich so tief, dass sie es nicht einmal über sich bringen, ihren Sohn persönlich zum Auto des Elternteils, für den er sich entscheidet, zu begleiten. So schenken sie Philipps kurzem Anruf Glauben und fahren schließlich los, ohne den Sachverhalt zu prüfen. Immerhin haben sie ihrer Auffassung nach ein eigenständige Individuum erzogen, das eigene Entscheidungen treffen kann. Dabei verkennen sie, dass Philipp eigentlich  nur seine Ruhe haben will, anstatt mit Dingen überhäuft zu werden, die ihr schlechtes Gewissen beruhigen. 
Eine realistische Situation, in der sich nicht wenige Kinder wiederfinden, auch ohne wie Philipp Teil einer wohlhabenden Familie zu sein. 
Während der Elfjährige über seinen Plan, seine Eltern auszutricksen, nachdenkt und dabei einen erstaunlich reflektierten Eindruck macht, gesellt sich ein Mädchen zu ihm. Offenbar wurde Mel von ihrer Feriengruppe vergessen, und weil sie sowieso keine Lust hatte, mit nach Kroatien zu fahren, ist das auch nicht weiter schlimm. 
Mel, kaum älter als Philipp, überrumpelt ihn immer wieder mit ihrer direkten Art und drängt sich ihm buchstäblich auf bzw. Philipp hat nicht den Mumm, das Mädel einfach in die Wüste zu schicken, was vermuten lässt, dass er vielleicht gar nicht richtig allein sein will.
Mel ist abenteuerlustig, ausgefuchst und ziemlich impulsiv und sprunghaft. 
Während Philipp mit einem goldenen Löffel im Mund geboren wurde, ist Mel genau das Gegenteil. Sie lebt in einer Pflegefamilie und weiß, was es heißt, sich durchzuschlagen. 
So gegensätzlich die Kinder sind, so sind sie doch nicht überzeichnet und passen gut zueinander. Sie fordern einander gewissermaßen heraus und bringen einander auch in der Kürze der Handlung gewiss weiter. 
Allerdings kann sich nie ganz sicher sein, was von dem, das Mel erzählt, auch wirklich stimmt. Immerhin tritt Philipp als Ich-Erzähler auf und so müssen wir ihm glauben, was er sieht und denkt. Zudem halten es beide Kinder mit der Wahrheit nicht so genau. 
Obwohl Philipp für seine elf Jahre oft älter und klüger als Mel wirkt, will er sich keine Blöße geben und dem Mädchen auf keinen Fall preisgeben, wer er ist. 
Man merkt ihm an, dass er gerne ein Junge wie jeder andere sein und vor Mel nicht wie ein Schnösel dastehen möchte, gleichzeitig aber auch die Annehmlichkeiten seiner Herkunft durchaus genießt. So ist er doch kein alltäglicher Junge, mag Obstsalat, steht im Fechtclub eher schlecht als recht seinen Mann und lässt so manches Mal den Cineasten raushängen. Dies lässt mutmaßen, dass Philipp in der wenigen Zeit, die sein Vater offenbar mit ihm verbringt, nicht mit Kinderdingen beschäftigt ist. Seine Assoziationen und Vergleiche wirken oft erwachsen und haben mich häufig zum Schmunzeln gebracht. Mein Sohn hingegen nahm diese kaum bis gar nicht wahr und konzentrierte sich auf den spannenden Handlungsstrang der beiden Kinder, die allein ein Boot navigieren und dann auch noch per Anhalter auf dem Weg nach Rostock sind. Da musste ich seine Fantasie doch ab und an bremsen und dringend von der Nachahmung abraten.
Rüdiger Bertram beweist gutes Gespür für eine ausgewogene Gestaltung seiner Figuren. So dürfen seine Charaktere trotzdem Kind sein. Werfen sie einerseits mächtig erwachsenen Aussagen um sich, dürfen sie kurze Zeit schlecht bis gar nicht durchdachte Dinge tun, mit denen sie sich zwangsläufig in Bredouille bringen. Zwischendurch muss man sich sogar Sorgen um die Kinder machen, denn Mel hat Asthma, das sie zwar hin und wieder mit schauspielerischem Talent zu nutzen weiß, an anderer Stelle aber wird es wirklich ernst. Nicht nur auf diese Weise erhalten die Charaktere Gelegenheit, nach einem eher unfreiwilligem Start ihre neu gewonnene Freundschaft unter Beweis zu stellen. 
Mein Sohn mochte außerdem besonders gern, dass Mel nicht als sonderlich mädchenhaftes Mädchen dargestellt wird. Sie ziert sich wenig und scheut nur vor Dingen zurück, die einen Asthmaanfall bewirken könnten. Damit nimmt auch der männliche Leser sie rasch als Kumpel an und empfindet sie nicht als das störende Element, das auch Philipp zu Beginn noch vermutet hatte. 
Durch die Erzählung aus Philipps Sicht bleibt dennoch der Charakter der Mel leicht außen vor, und wir hätten uns gern noch mehr Einblicke gewünscht. 
Alles in allem erwies sich "Norden ist, wo oben ist" als kurzweilige Lektüre, die nicht immer realitätsnah verläuft und nach einem ziemlich flotten Ende ein paar Fragen offen lässt. 
Trotz 190 Seiten Text fühlte sich auch mein aktuell nicht leseaffiner Sohn sehr gut unterhalten, und da Rüdiger Bertram seine Geschichte am Ende dankenswerterweise nicht haarklein aufdröselt, wurde sogar eine leise (unbestätigte) Hoffnung geschürt, ob Philipp und Mel mal wieder etwas miteinander unternehmen. 

Fazit: 
Amüsante und spannende Ereignisse mit einem ernsten Grundthema vereinende Geschichte um zwei gegensätzliche Kinder, die auf einem Roadtrip ein ganz besonderes Ferienabenteuer erleben, das allerdings nicht zur Nachahmung empfohlen ist. 

Gesamteindruck: 
4 von 5 Weißdornzweigen





Buchdaten: 

  • Gebundene Ausgabe: 192 Seiten
  • Verlag: Ravensburger Buchverlag; Auflage: 1 (1. Mai 2013)
  • Sprache: Deutsch
  • Umschlagbild und Vignetten: Constanze Spengler
  • ISBN-10: 3473368652
  • ISBN-13: 978-3473368655
  • Vom Hersteller empfohlenes Alter: 10 - 12 Jahre
  • Neupreis:  12,99 € (D)
  • Auch als E-Book erhältlich.   

Sonntag, 17. November 2013

... über "Die Liebe in Grenzen" von Veronika Peters

Veronika Peters

Leben und Lieben ohne Schablone.

Zum Inhalt: 
Katia Werner sucht noch nach ihrem Platz im Leben. Ihre Ausbildung zur Erzieherin hat sie quasi abgeschlossen, das Anerkennungsjahr muss sie noch absolvieren. Mehr aus Geldsorgen denn aus tiefer Überzeugung bewirbt sie sich auf eine Praktikantenstelle in einer besonderen psychiatrischen Wohngemeinschaft, der Goldbachmühle. Wider Erwarten, denn eigentlich ist sie für die Arbeit mit den dortigen Fällen noch nicht ausreichend qualifiziert, bekommt sie den Job. Nicht zuletzt wegen Konrad, der unter den ungewöhnlichen Bewohnern besonders heraussticht und dessen einnehmendem Wesen sie sich bald auch nach Dienstschluss nicht mehr entziehen kann ... 

(c) Goldmann /
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Meine Meinung: 
Es ist so eine Sache mit den Vorurteilen ... 
Normalerweise mache ich nämlich einen Bogen um Romane, die äußerlich auf den ersten Blick so nüchtern und uneinladend gestaltet sind wie Veronika Peters' neuer Roman "Die Liebe in Grenzen". Oft befürchte ich da etwas "Schweres", das sich mit dem primären Wunsch nach Unterhaltung nicht unbedingt vereinbaren lässt. Veronika Peters Buch ist aber eine jener Geschichten, die zum Revidieren eigener Vorurteilen geradezu einlädt. Schon der Umschlag regt zum Nachdenken an, mit dem in die Grenzen zweier Laternen gesetzten Titel, der alten Brüstung, Stühlen, die nur noch aus Rahmen bestehen, sodass wohl kaum jemand gern verweilen würde, und mit den Vögeln, die einfach loslassen und davonfliegen. In den auf den ersten Blick so nüchternen Elementen spiegelt sich der Roman sehr treffend wider, und ich werde künftig keinen Bogen mehr um solche Umschläge machen, sondern genauer hinschauen und hineinlesen. 
Zunächst erleben wir Protagonistin Katia vor dem Briefkasten. Obwohl sie nicht einmal Bewerbungsabsagen erwartet und ihr Vater den Briefwechsel mangels Antworten schließlich ebenfalls eingestellt hat, hat sie das merkwürdige Gefühl, dass wider Erwartung an eben diesem Montag vielleicht doch etwas darin liegen könnte. Ohne Umschweife lernen wir eine junge Frau kennen, die sich in den vergangenen Monaten zurückgezogen hat. Eine Frau, die verdrängt, vergeblich verarbeitet, vielleicht sogar Angst hat. Als sie eine leere Ansichtskarte vom Jardin du Luxembourg zwischen der Werbung aus dem Briefkasten hervorfischt, wird sie mit einer nahen Vergangenheit konfrontiert und beginnt, sich ihr zu stellen, denn das nächste postalische Zeichen bleibt nicht aus. 
Veronika Peters lässt ihre Protagonistin Katia als Ich-Erzählerin in zwei Zeitebenen von einem Abschnitt ihres Lebens berichten. 
Von der Katia vor dem Briefkasten blicken wir somit zurück zu der Katia, die sich vor ein paar Monaten erst durchgerungen hat, ihre Ausbildung abzuschließen und ihr Anerkennungsjahr als Erzieherin zu absolvieren. 
Und da stoßen wir schon wieder auf eigene Vorurteile. Mit ihren grünen Haaren ist Katia äußerlich unangepasst, vermittelt nicht unbedingt den Eindruck einer Respektsperson. In einem unkonventionellen Bewerbungsgespräch, das eigentlich gar keines ist, erweist sie sich jedoch als schlagfertig und nicht auf den Kopf gefallen, selbst wenn sie sich im nächsten Augenblick selbst analysiert und sich so manches Mal in Allerwertesten beißen möchte. Sie zeigt sich als junge Frau ohne Berührungsängste, sie ist offen gegenüber neuen Aufgaben und lässt sich auch nicht so schnell ins Bockshorn jagen. 
Während die Gegenwarts-Katia von Unsicherheit geprägt ist und ein Zeichen nach dem anderen zu entschlüsseln versucht, wächst die "alte" Katia in eine neue Gemeinschaft, eine neue Familie, hinein. 
In der Villa, die eine Reihe von "Fällen" beherbergt, bei denen klassischen Therapiewege ausgeschöpft sind oder die von den Betreuern schlichtweg als Fehldiagnose eingestuft werden, trifft Katia auf Menschen, die nicht dem entsprechen, was wir gemeinhin für gesellschaftliche Normen halten, Menschen, die nicht unseren Erwartungen gerecht werden und die sich selbst sogar als "Irre" bezeichnen. 
Zu ihnen gehört auch Konrad, eine schillernde Figur, die auf einem sehr schmalen Grat zwischen stereotyp und erschreckend authentisch gezeichnet ist. Aus gutem Hause, mit depressionskranker Mutter und überanspruchsvollem, gestrengem Vater schreit er förmlich nach Klischee. Seine künstlerischen Talente, seine Intelligenz und seine einwandfreien Manieren verleihen ihm eine Hochglanzaura, die ihn hervorstechen lässt. "Irre" wie die anderen in der Goldbachmühle ist er ... und doch anders. Für ihn ist die Katia mit den grünen Haaren längst kein Paradiesvogel. Schnell kann er sie für sich gewinnen, Gefühle in ihr wecken, die nichts Dienstliches mehr an sich haben, sie in eine Gefühlswelt entführen, in der sie schnell verbrennen kann.
Intensiv und gerafft erzählt Veronika Peters auf 242 Seiten aus Katias Sicht eine etwas andere Beziehung, die nicht von jedem Leser zwangsläufig mit Liebe gleichgesetzt werden wird. Dabei gelingt es ihr, den Handlungsstrang um die Goldbachmühle und ihre Bewohner ausgewogen mit der besonderen "Liebesgeschichte" zu verknüpfen. Katia, deren gute Instinkte sie rasch zu einem Familienmitglied in der Goldbachmühle machen, wird, wie der Leser auch, in Konrads Bann gezogen. Seine Beweggründe und Gefühle zu entschlüsseln, ist, mangels Darstellung seiner Innensicht, schwierig und auch nicht das Ziel. Schnell wird deutlich, wie sehr Konrad sein Spiel spielt, Fäden zieht, ständig in einem fadendünnen Gemütszustand, der auch für Katia nicht leicht zu handlen ist. Eingebettet in den Alltag der psychiatrischen Einrichtung schildert die Autorin etwas, das sich nicht auf eine klassische Liebesgeschichte reduzieren lässt. Sie stattet ihre Charaktere mit glaubhaften Problemen aus, verleiht ihnen Charakter und lässt Konflikte nicht aus der Luft gegriffen wirken. In der Goldbachmühle ist jeder Charakter gleichwichtig, wie in der Gegenwart auch Katias beste Freundin Manu. Veronika Peters gestaltet sie alle so lebendig, dass sie selbst dann präsent wirken, wenn sie gar nicht physisch anwesend sind.  
Dies gilt auch für Konrad, der, und das erfahren wir bereits zu Beginn des Buches, nicht mehr physisch in Katias Leben anwesend ist. Im Verlauf des Romans sendet er Katia diverse Zeichen, die Fragen aufwerfen und schlussendlich Meilensteine in der Charakterentwicklung repräsentieren. Dabei gelingt es der Autorin, Spannungsmomente treffsicher zu setzen und dafür zu sorgen, dass der Leser auch in Augenblicken voller Zweifel und Rückschläge nicht in Schwermut verfällt. Während Katia die vergangenen Monate verarbeitet, wird der Leser angeregt, sein eigenes Schablonendenken zu hinterfragen und abzustreifen, sich Alternativen zu öffnen und sich auf ein unerwartetes Ende vorzubereiten. 
Damit wird "Die Liebe in Grenzen" zu einem intensiven Leseerlebnis, das Emotionen weckt und auch Lust macht, den Charakter der Katia weiter zu verfolgen. 

Fazit: 
Mit viel Gespür für das Außergewöhnliche und erfrischend unkitschig erzählte Geschichte, die in einem kurzen Strohfeuer der Liebe und seinen Nachwirkungen charakterliche Graustufen auslotet, mit Vorurteilen und Erwartungen aufräumt und sich nicht vor dem Loslassen scheut. Ein Roman, der weder Schwarz noch Weiß zurücklässt und stark nachwirkt. 

Gesamteindruck: 
5 von 5 Weißdornzweigen 

Buchdaten:
  • Gebundene Ausgabe: 272 Seiten
  • Verlag: Goldmann Verlag (21. Oktober 2013)
  • Sprache: Deutsch
  • Umschlaggestaltung: Uno Werbeagentur, München
  • ISBN-10: 3442313201
  • ISBN-13: 978-3442313204
  • Neupreis: 19,99 €
  • Auch als E-Book erhältlich.

Sonntag, 10. November 2013

... über "Schwanengrab" von Petra Schwarz


Mitreißend und nicht vorhersehbar

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Zum Inhalt: 
Den Umzug nach Deutschland hat sich Samantha sicherlich anders vorgestellt. Nach dem Tod ihrer Mutter erwarten sie nun ein neues Land und eine neue Schule. Doch die Aussicht auf neue Freunde rückt bereits mit der ersten Stunde in weite Ferne. Die Fünfzehnjährige wird geschnitten und erhält bald schon Drohbriefe, dass sie verschwinden solle. Ihre Nachforschungen führen sie schließlich auf den Friedhof. Zum Grab ihrer gleichaltrigen Doppelgängerin ... 

Meine Meinung: 
"Schwanengrab" spricht mich bereits äußerlich an. Das tiefe Blau, der schwarze Schwan und der signalhafte Titel machen nicht nur neugierig, sondern sorgen auch dafür, dass der rote Faden des Schwanensee-Märchens auch auf dem Buchumschlag nicht verloren geht. 
Petra Schwarz stellt ihren Hauptcharakter Samantha vor einen Neuanfang. Aufgewachsen im kalifornischen Berkeley als Tochter einer amerikanischen Mutter und eines deutschen Vaters wird sie vom Vater nach dem Unfalltod der Mutter nach Trier mitgenommen, wo der Vater eine neue Stellung antritt. Ohne ihre Freundinnen und ihre Großmutter ist Sam(antha) vom ersten Tag an allein, denn ihr Vater flüchtet sich in seine Arbeit und ist häufig nur über Zettel mit Nachrichten an seine Tochter anwesend. Vor diesem Hintergrund kommt sie nun in ihrer neuen Schule an, wo sie feststellen muss, dass sie offenbar unerwünscht ist. Nicht nur mag sie keiner, sie hängt auch vor allem in Mathe Lichtjahre hinterher. Im Grunde hat sie niemanden, dem sie sich anvertrauen kann, so ist es auch wenig verwunderlich, dass sie der erste Brief, der sie auffordert, zu verschwinden, aus der Bahn wirft. Hin und her gerissen zwischen Furcht und dem Drang, herauszufinden, warum ihr alle mit offener Antipathie begegnen, manövriert sie sich selbst in brenzlige Situationen. 
Weil niemand - nicht einmal die Lehrer - die Karten offen auf den Tisch legt, wissen weder Samantha noch der Leser, wem in dieser Geschichte Vertrauen geschenkt werden darf. 
Da ist Streber Christoph, der Sam Mathenachhilfe gibt und schon bald neue Gefühle weckt. Dann Herr Simon, der Lehrer mit dem Zahnpastalächeln, der verdächtig oft den Arm um seine Schülerinnen legt. Oder die aufbrausende Caro und die ihr untergebene Geli, die die Fäden der Schulaufführung in Schwanensee in ihren Händen halten und alles andere als erfreut sind, als Sam ebenfalls in das Projekt integriert wird. 
Auch wenn Samantha mit ihren fünfzehn Jahren recht selbständig sein muss, da ihr Vater sich in seine Arbeit verkriecht, so ist sie doch recht naiv und leichtsinnig, wodurch ihr jugendlicher Charakter authentisch wirkt und dem jugendlichen Leser mit auf den Weg gegeben wird, dass man im realen wie virtuellen Alltag die Augen offen halten muss. 
Die Autorin Petra Schwarz verpackt dies geschickt in einer Geschichte, die spannend erzählt ist und mit ihrem herbstlich-grauen, regnerischen Ambiente durchaus eine düstere Stimmung verströmt. 
Immer wieder muss man Sympathien, die man sich gerade noch mühsam aufgebaut hat, wieder überdenken, und immer wieder darf man sich mit neuen Erkenntnissen überraschen lassen. 
Dabei hat die Autorin ihre Charaktere sehr umfassend durchdacht. So bricht sie beispielsweise Samanthas kalifornische Verbindungen nicht gänzlich ab, sondern erinnert mit englischen "Fetzen" in Chats und E-Mails daran, dass ihre Protagonistin eben nicht in Deutschland aufgewachsen ist und sich bisher in einem anderen Sprachraum aufgewachsen ist. Ihr Ausgegrenztsein wird somit umso deutlicher. 
Schulische Umstellung wie auch umzugsbedingte Mängel kommen ebenfalls zur Sprache und machen den Roman genauso lebendig wie seine Charaktere, die altersgemäß reagieren. 
Durch verschiedentliche Träume Samanthas bekommt "Schwanengrab" außerdem einen mysteriösen Touch, wird allerdings nicht zum Mystery-Thriller, sodass hier unter Umständen Erwartungen auf der Strecke bleiben. Auch hatte ich mehr Geheimnisvolles um die so schön um den Odette-Odile-Faden aus Schwanensee gesponnene Doppelgängergeschichte erwartet.
Nach einem atemberaubenden Showdown hätte ich mir lediglich etwas mehr Sanktionen für die Erwachsenen gewünscht. In "Schwanengrab" verhalten sich meines Erachtens viele einfach falsch und inkompetent und sorgen damit für die unvermeidliche Eskalation. Aus meiner erwachsenen Lesersicht hätte ich mir mehr Aufrütteln und Aufrühren erhofft. Blicke ich aber auf mein jugendliches Leser-Ich zurück, ist "Schwanengrab" ein Jugendthriller zum Verschlingen. 

Fazit:
Wendungsreich erzählter Jugendthriller für Leser ab 14 Jahren, der Figuren mit tragischem Hintergrund, ein Verbrechen, Geheimnisse, Lokales und einen Funken von erster Liebe ausgewogen miteinander verbindet und für unterhaltsame und aufregende Lesestunden sorgt. 

Gesamteindruck: 
4 von 5 Weißdornzweigen 





Buchdaten: 
  • Taschenbuch: 304 Seiten
  • Verlag: Deutscher Taschenbuch Verlag (1. August 2013)
  • Umschlaggestaltung: buxdesign, München
  • Sprache: Deutsch
  • ISBN-10: 3423715391
  • ISBN-13: 978-3423715393
  • Vom Hersteller empfohlenes Alter: 14 - 17 Jahre
  • Neupreis: 8,95 € (D) 
  • Auch als E-Book erhältlich.

Freitag, 1. November 2013

Vorbei der Oktober ...

... und irgendwie saust das Jahr nur so vorüber. 

Wenngleich ich mich gegen Monatszusammenfassungen entschieden habe, weil es meistens nichts Interessantes zu berichten gibt, mache ich Oktober einmal eine Ausnahme. 
Eines der ältesten Bücher,
die ich beim Ausmisten fand.

Betrachte ich meine private, ganz zwanglose Lesestatistik, lehne ich mich entspannt zurück. 
Obwohl ich weit unter meiner Seitenzahl vom letzten Jahr liege, fühle ich mich viel wohler. 
Weniger Druck, aber trotzdem eine größere Büchervielfalt. 
Das darf, von mir aus, gerne so weiter gehen. 

Raus damit ... 

 

Da wir momentan am Ausmisten sind, uns von Ballast trennen und unser Leben buchstäblich aufräumen, haben diesen Monat stapelweise Bücher unseren Haushalt verlassen. Belletristik gen Gemeindebücherei, Fachbücher unmittelbar in die Tonne (die braucht eh keiner mehr angesichts ihres Alters). 
Von diesem Aufklärungsschinken habe ich
leider nur den Umschlag gefunden.
Wieso der einsam im Regal stand? Keine Ahnung.
Immer habe ich gedacht, dass ich mich nie und nimmer von so vielen Büchern trennen kann, aber dann war es auf einmal ganz einfach. Allerdings habe ich auch seit unserem Einzug nie wieder so viele Bücher auf einmal in die Hand genommen, begutachtet, geputzt oder nicht, um- und aussortiert. Und ich glaube, dass ich, als ich nach dieser Mammutaktion ins Bett gekrochen bin, zum ersten Mal in meinem Leben gesagt habe: "Ich kann keine Bücher mehr sehen!"
Wenigstens hatte ich dabei viele Bücher in der Hand, an die ich mich schon gar nicht mehr erinnern konnte. Ein paar wackelige Handyfotos habe ich zum Beweis geschossen. 

Gelesen ... 

Mehr als im September habe ich auf jeden Fall gelesen. Lesetechnisch hatte ich im September nach einem sehr guten August nämlich eine echte Durststrecke gehabt, über die ich mich aber gar nicht beschweren will :) 
Nicht zur Rezension gekommen sind im Oktober allerdings die beiden folgenden Bücher: 

(c) Fischer Taschenbuch Verlag /
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Die Zwillinge von Highgate ist nach "Die Frau des Zeitreisenden" Audrey Niffeneggers zweiter Roman und erzählt das Leben der Charakter nach dem Tod von Elspeth. Zu früh verstorben hinterlässt sie in einem Wohnhaus direkt am Londoner Highgate-Friedhof ihren Lebensgefährten Robert und ihren Nichten ihre Wohnung. Ihre Nichten, die Zwillinge Valentina und Julia, die Elspeth, die die Zwillingsschwester ihrer Mutter war, nie kennengelernt haben, ziehen nun von den USA nach London. Nur sehr langsam leben sie sich ein, während auch Robert nur sehr langsam aus seiner Trauer auftaut und sich den Mädchen öffnet. Zunächst ahnen die drei nicht, dass Elspeth noch da ist. Als Geist schwebt sie durch ihre alte Wohnung, beobachtet ihre Nichten und Robert und lernt nach und nach, auf die Wirklichkeit einzuwirken und auf sich aufmerksam zu machen. In einer Nebenhandlung trennen sich ein weiterer Hausbewohner, Martin, und seine Frau. Während er in seiner Wohnung festsitzt, kehrt seine Frau nach Holland zurück. Doch das Eintreffen der Zwillinge verändert auch sein Leben. 
Obwohl ich "Die Frau des Zeitreisenden" lediglich als Film kenne und den zugrundeliegenden Roman noch nicht gelesen habe, nahm ich Niffeneggers zweites Buch mit gewissen Erwartungen zur Hand. Leider muss ich sagen, dass ich lange nichts derart Langweiliges gelesen habe. Aufgrund des Klappentextes hatte ich mir eine warme Liebesgeschichte erhofft, wurde aber enttäuscht. Obwohl angekündigt, ist von Roberts und Elspeths großer Liebe und seinem Kummer kaum etwas zu spüren, und die Spiegelzwillinge Valentina und Julia machen einen mächtig verkorksten, aber auch gelangweilten Eindruck. Elspeth schwebt klischeehaft durch die Botanik und nutzt geisterhafte Kommunikationsmittel, die wir alle schon hundertfach in Buch und Film gesehen haben. Erst im letzten Viertel wird der Roman zwar dann durchaus emotional und interessant, aber da hatte Niffenegger mich bereits verloren. 


(c) Prestel Verlag /
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Hollywood Unseen: Filmstars hinter den Kulissen aus dem Prestel Verlag habe ich sozusagen auf Facebook gefunden. Dass ich es haben musste, steht außer Frage, denn ich liebe nun mal alte Hollywood-Fotos. Dieser großformatige Bildband befasst sich mit auf 240 Seiten mit der Praxis der Publicity-Fotos der frühen Jahre Hollywoods. Zu einer Zeit, in der die Studios das Privatleben der Stars im Auge hatten und deren Bild in der Öffentlichkeit stark beeinflussten und formten, entstanden jede Menge Fotos, die das Privatleben beliebter Leinwandhelden suggerieren sollten. Auf casual und natürlich getrimmt strahlen bekannte Gesichter in die Kameras und zeichnen beinahe ein unwirkliches Bild. Viele dieser Fotografien, viele davon bisher nicht gezeigt, sind in diesem Bildband vereint. Stars wie Joan Crawford, die sich zu einem absoluten Publicity-Profi entwickelte, sind darin beinahe schon übermächtig vertreten, aber es ist auch das eine oder andere heute nicht mehr ganz so präsente Gesicht dabei. Wenn ich erbsenzählerisch sein will, dann kann ich bemängeln, dass mir manche Fotos zu klein waren und ich mir mehr großformatige Fotos gewünscht hätte, aber das ist ja ein rein subjektives Empfinden. Das Vorwort stammt im Übrigen von Joan Collins, die die ausklingende Zeit des Studiosystems noch miterlebt hat.
"Hollywood Unseen" ist auf jeden Fall ein Buch für Fans und für diese auch empfehlenswert. 


Ausgeflogen ... 

Herbstferien sei Dank hatten wir wieder einmal Gelegenheit für Ausflüge. Wir hatten nämlich lieben Besuch, der uns eine wunderbare Abwechslung und die Möglichkeit bot, unsere Region noch ein bisschen mehr zu erkunden. 
Ausflugsfotos gibt es demnächst. 

Nun aber starten wir mal frisch-fröhlich in den vorletzten Monat des Jahres!
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