Donnerstag, 31. Oktober 2013

... über "Charlie Joe Jackson - Lesen verboten!" von Tommy Greenwald

Tommy Greenwald 

Mehr als nur Tricks und Kniffe für Nichtleser

(c) Baumhaus Verlag /
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Zum Inhalt: 
Charlie Joe Jackson kann man mit Büchern in die Flucht schlagen. Nichts hasst er mehr als Lesen. Bis zur Mittelstufe hat er sich allerdings clever durchgeschlagen und Pflichtlektüre und damit verbundene Aufgaben gemeistert, ohne auch nur ein Wörtchen zu lesen. Dafür hat er seinen Kumpel Timmy. Bereitwillig  hat der sich nämlich in den letzten Schuljahren mit Süßigkeiten und Essen bestechen lassen und Charlie haarklein jedes Buch erzählt. Nun aber, mitten in "Billys Pakt", stellt Timmy plötzlich den Service ein und lässt Charlie hängen. Verzweifelt versucht der jetzt, herauszukriegen, wo der Hase im Pfeffer liegt, und die Dinge wieder zu richten. Denn selber lesen wird ein Charlie Joe Jackson nie und nimmer, und dafür wird er überaus ideenreich. 

Meine Meinung: 
Da haben wir den Salat. Mit fortschreitendem schulischem Leseaufwand fällt Sohnemanns Freizeitleselust steil gen Null. Also musste etwas Außergewöhnliches, was Auffallendes, was An- und Aufregendes her. Und Tommy Greenwalds "Charlie Joe Jackson - Lesen verboten!" kam gerade recht mit seiner heiteren Aufmachung, Seiten, die an Collegeblockseiten erinnern, unterschiedlichen Schriftarten, Illustrationen im Comic-Stil und viele Seiten mit hübsch wenig Text. Kaum war das Buch da, verschwand das Kind mit der Taschenlampe ins Bett und las. Freiwillig. Enthusiastisch. Dass das Buch für 10- bis 12-Jährige gedacht ist, störte erst einmal wenig. So wurden denn an Abend 1 schon die ersten fünfzehn Seiten verschlungen. "Der erzählt, wie man sich vor dem Lesen drücken kann", freute sich das Kind und hechelte schon am nächsten Tag auf weiteren zwanzig Seiten nach neuen Tipps. Freiwillig schmökerte der ehemalige Bücherfan wieder und ich dachte bereits ernsthaft über ein Dankschreiben an den Autor nach. Aber nach Teil 1 der in sechs Teile aufgegliederten Geschichte war es dann bereits wieder vorbei. Weggelegt wurde der Charlie und nie wieder angerührt. Also musste ich selbst an die Lektüre, um zu erschließen, welche Laus denn dem Kind über die Leber gelaufen war. 
Tatsächlich beginnt Tommy Greenwalds Kinderbuch wunderbar locker. Ohne Umschweife führt er seinen Hauptcharakter Charlie Joe Jackson ein, der weder auf den Mund noch auf den Kopf gefallen ist und sich auch überhaupt nichts daraus macht, dass er Lesen doof findet. Im Gegenteil. Er ist auch noch mächtig stolz, bisher erfolgreich um den Lesekram der Schule herumgekommen zu sein. Daneben wartet er bauernschlau mit zahlreichen Tipps auf, welche Bücher zu meiden sind. Ingesamt gibt es 25 solcher Tipps, die sich durch das gesamte Buch ziehen und die Geschichte immer wieder unterbrechen. So solle man sich unter anderem zunächst überzeugen, dass das Buch keine langen Kapitel hat, und die Finger von Büchern von "jemandem, dessen Namen ihr nicht aussprechen könnt", lassen. 
Relativ flott bringt der Autor Charlie dann auch in eine echte Bredouille, indem sein süßigkeitenbestochener Nacherzähler aus dem Deal aussteigt. Während der sehr ideenreiche Charlie nach einer Lösung sucht, bekommen seine Eltern Wind von dem Schwindel. Nicht nur, dass diese sowieso an seiner Leseunlust schuld sind, haben sie ihm doch einst ein traumatisierendes Buchgeschenk gemacht, nein, nun wird er auch noch zu Bibliotheksarrest verdonnert. Für Charlie sieht es echt schlecht aus. Sein Versuch, Timmy in die Lacrosse-Schulauswahl hinein zu tricksen, kommt ziemlich plump an, und sein guter Ruf ist angeknackst. Doch das Allerschlimmste überhaupt ist, dass Timmy, der Verräter, sich urplötzlich Charlies Angebeteter Hannah nähert. 
Und genau da war für meinen Sohn Schluss. 
Übertrieben betet Charlie dieses Mädchen an, und es geht kapitelweise um Eifersüchteleien, die Charlies eigentliche Sorge, nämlich, dass er ein Strafreferat halten muss, stark in den Hintergrund drängen. Wenn man hier den ultimativen Nichtlesen-Ratgeber oder, im Gegensatz dazu, einen Ratgeber, wie ein Nichtleser zum Leser bekehrt wird, erwartet hat, dann wird Tommy Greenwalds humorvolles Buch im Mittelteil durchaus etwas langatmig. Vielleicht sogar etwas süßlich für jene, die mit (noch nicht) 10 Jahren eben noch keine Mädchen-/Beziehungsgeschichten lesen möchten. Hier zeigte sich, dass mein Sohn für dieses Buch, das äußerlich und mit seinen kindlichen Comic-Illustrationen eher so aussieht, als würde man mit 10 Jahren und älter nicht unbedingt mehr danach greifen, doch noch zu jung ist. Charlies Angeschmachte der göttlichen Hannah war für ihn nicht witzig, sondern langweilig. Als Erwachsene las ich das schon wieder mit anderen Augen und fand diesen Part durchaus amüsant, auch wenn ich tatsächlich zwischendurch den Faden zur Schul- und Lesegeschichte verlor. Nur stellt sich andererseits die Frage, ob ein reines Nichtlesebuch mit 240 Seiten tatsächlich noch gelesen würde. Da müssen schon ein bisschen Verwirrungen drin sein. 
Die beiden Übersetzerinnen übertragen Charlies direkten Erzählstil angemessen ins Deutsche. Über die gesamte Lektüre hält sich der Eindruck, man habe einen frechen Jungen unmittelbar vor sich. Es macht durchaus Spaß, von Charlie direkt angesprochen zu werden, das Hineingezogenwerden in die Geschichte blieb allerdings leicht auf der Strecke. 
Das lag daran, dass "Charlie Joe Jackson - Lesen verboten!" ein stark amerikanisches Buch ist. Nun gut, man kann einem US-amerikanischen Autor schlecht vorwerfen, dass er seine Geschichte nach seinem Umfeld und Erleben färbt. Lesen in den Schulalltag einzubinden ist ebenfalls sinnvoll und fast schon eine Notwendigkeit, denn wo sonst wird Lesen zum "Muss"? Dennoch bleibt man in einer gewissen beobachtenden Position, da die Abläufe im Schulalltag doch anders ausfallen und man sich erst hineindenken muss. Im Gegensatz zu anderen Romanen, die sich ebenfalls der Schule als Location bedienen, fühlte ich mich hier, so absurd es auch ist, damit nicht wohl. Insgesamt fühlte ich mich in einen überzeichneten US-amerikanischen Trickfilm versetzt, mit einem Protagonisten, der sein Ding macht, und mit den heroischen Reden, die zwar treffsicher ankommen, aber nicht jedem Rezipienten liegen. 
Davon abgesehen ist Greenwalds Idee, vom mangelnden Lesehunger zu einem anderen Problem umzuschwenken, nicht zu verachten. Mit kritischem Kinderauge betrachtet er Cliquenbildung in Schulen, wobei Schüler, die anderen Interessen nachgehen, ausgeschlossen werden. Dort wird "Charlie Joe Jackson - Lesen verboten!" nach der zwischenzeitlichen Durststrecke wieder richtig interessant, selbst wenn das Lesethema in den Hintergrund rückt. Dass dieses kritische Thema nicht langweilig wird, ist Greenwalds Fähigkeit zu verdanken, die Sicht des Jungen konstant aufrecht zu erhalten. Er lässt die Worte seines Ich-Erzählers nie in Erwachsenensprache und -urteile abgleiten, sondern Charlie bleibt von Anfang bis Ende der ausgefuchste, freche Mittelschüler, mit dem sich der junge Leser im richtigen Alter bestimmt gern anfreundet. 
Am Ende gelingt es Tommy Greenwald, den Kreis thematisch wieder zu schließen und Charlies Geschichte ordentlich abzurunden. Während der Lektüre hatte ich Gelegenheit, meine elterlichen Erwartungen an dieses Buch zu revidieren und mich auf eine neue Reise führen zu lassen. Und das gefiel und gefällt mir. 

Fazit: 
Größtenteils amüsante Geschichte um einen notorischen Nichtleser, der sich ideenreich durch den Schulalltag manövriert, aber mehr Belehrbarkeit vertragen könnte. Stellenweise Übertreibungen bedienen zwar Klischees, sorgen aber für ein Schmunzeln und dürften Lesehungrigen wie auch Lesemuffeln im empfohlenen Lesealter durchaus Spaß machen. 

Gesamteindruck: 
4 von 5 Weißdornzweigen





Buchdaten
  • Gebundene Ausgabe: 240 Seiten
  • Verlag: Bastei Lübbe (Baumhaus); Auflage: Aufl. 2013 (21. Juni 2013)
  • Sprache: Deutsch, übersetzt von Regina Lehmann und Christina Pfeiffer
  • ISBN-10: 3833901829
  • ISBN-13: 978-3833901829
  • Vom Hersteller empfohlenes Alter: 10 - 12 Jahre
  • Neupreis: 12,99 € (D) 
  • Auch als E-Book erhältlich.  

Dienstag, 29. Oktober 2013

... über "Die Sphinx von Montana" von Pauls Toutonghi

Pauls Toutonghi

Auf der Suche nach den eigenen Wurzeln - selbstreflektierend, mit multikultureller Färbung und feinem Humor

(c) Rowohlt.Berlin /
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Zum Inhalt:
Mit Mitte zwanzig ist Khosi Saqrs Leben geordnet und ereignislos. Das Kupferbergbaustädtchen Butte im US-amerikanischen Montana hat außer seiner glorreichen Tagebauvergangenheit und dem berühmten Motorrad-Stuntman Evel Knievel nichts zu bieten. So geht Khosi seinem Job im Museum nach, pflegt einen Ordnungsfimmel und hat ein Auge auf seine Mutter Amy, die, an der Kupferspeicherkrankheit Morbus Wilson erkrankt, Medikation und Diät unterliegt, aber keinesfalls hilflos ist. Eines Tages aber erscheint sein Vater unangekündigt in Butte. Selbst wenn Khosi, Verwandten sei Dank, immerhin des Arabischen mächtig ist, ist sein Vater für ihn so fern wie das Land am Nil, aus dem jener stammt. Nachdem der Ägypter die Amerikanerin Amy schon so früh verlassen hat, dass Khosi keine Erinnerung an ihn blieb, steht er nun vor ihrer Tür und verlangt die Scheidung. Nur eine Unterschrift auf einem Papier. Kein Interesse, den Sohn kennenzulernen. Verärgert erwacht Khosi aus seinem Trott und beschließt, entgegen den Einwänden seiner Mutter nach Kairo zu reisen, um die Puzzleteile seiner zerrütteten Familie zu Wurzeln zusammenzufügen. Doch dort erwarten ihn einige Überraschungen ... 

Meine Meinung
Nachdem ich in diesem Jahr mein Faible für Geschichten über das Erwachsenwerden und das Finden der eigenen Wurzeln wiederentdeckt habe, passte Pauls Toutonghis Roman von vornherein ins Schema. Brian Reas Umschlagillustration (die vom Originalumschlag der amerikanischen Ausgabe übernommen wurde) nimmt treffsicher Bezug auf die bikulturelle Herkunft des Hauptcharakters und Ich-Erzählers Khosi Saqr. Je nachdem, wie man die Abbildung dreht, siedelt man ihn entweder in Ägypten oder in Montana an, loslösen lässt er sich jedoch von keiner der beiden Regionen, denn Khosi hängt zwischen beiden fest. Durch ihre braunen und sandigen Nuancen wirkt die Illustration allerdings etwas ältlich und erinnert mich an alte Abenteuererzählungen weit vor meiner Zeit, was nicht so recht zu dem jungen Charakter des Khosi passen will und auch in gewissem Maße dazu beitrug, dass ich mir Khosis Vater immer wesentlich älter vorstellte. Mit dem deutschen Titel "Die Sphinx von Montana" bin ich ebenfalls noch nicht vollständig im Reinen, weil ich vergeblich nach der Sphinx suche, dennoch ist er für den deutschen Leser greifbarer als der Originaltitel "Evel Knievel Days". Letzterer bietet einen unverkennbaren Bezug zur Geschichte, in der letztendlich sogar der Geist des seligen Evel Knievel bemüht wird, nur dürfte ich wahrscheinlich  nicht der einzige Nichtamerikaner sein, der mit dem 2007 verstorbenen Stuntman nichts anfangen kann. Den unterhaltsamen Lesestunden tut dies jedoch keinen Abbruch.
Pauls Toutonghi präsentiert Khosis Geschichte mit einem angenehm augenzwinkernden Ton. Obwohl der junge Mann sich zweifellos Einiges aufhalst, beispielsweise die "Überwachung" seiner Mutter übernimmt, wenngleich sie weder gebrechlich noch unmündig ist, so legt er doch eine Selbstreflexion an den Tag, die mit erfrischendem Sarkasmus überzeugt und nicht selbstmitleidsgeschwängert daherkommt. Dabei zeichnet er scharfsinnig ein klares Bild seiner Umgebung; zunächst von Butte, das er nüchtern, fast in Reiseführerton beschreibt und damit seinen eigenen ereignislosen Alltag nur noch unterstreicht. 
Als sein Vater plötzlich in seinem Leben auftaucht und sich stehenden Fußes wieder verabschiedet, kommt auch Leben ins Geschehen. Die Figuren verlassen ausgetretene Pfade, agieren neu, und vor allem Khosi darf nun Neues erleben und erkunden, ob das Land seines Vaters ihm das Gefühl des In-der-Luft-Hängens, des Daseins als halber Mensch, nehmen kann. 
Während des Ägyptenaufenthalts, der den meisten Raum von Toutonghis Roman einnimmt, kommt es immer wieder zu überraschenden Begegnungen und Missverständnissen, die der Autor glaubwürdig und authentisch zu vermitteln weiß. So muss sich Khosi immer wieder selbst ertappen, dass sein Arabisch, das er fernab des Landes diszipliniert erlernt hat, arg angestaubt ist und mitunter für ein Schmunzeln sorgt. Während er an ägyptische Speisen gewöhnt ist, die seine Mutter mit viel Liebe zuzubereiten lernte, sorgt Kairo dennoch für Kulturschockmomente, die Khosi trotz seiner binationalen Herkunft zum Touristen degradieren. Auch das Kennenlernen des Vaters ähnelt einem Kulturschock. Sehr langsam lernen wir Khosis Erzeuger kennen, und mir fiel es sehr schwer, mich für ihn zu erwärmen. Umso mehr, da Khosi deutlich zum Sympathieträger avancierte, mit all seinen Eigenheiten, aber vor allem seiner Wärme im Umgang mit seiner Mutter und seinem Streben nach Ehrlichkeit, das ihn immer beflügelt, die Dinge richtig stellen zu müssen, auch wenn er damit Gefahr läuft, das Chaos noch zu vergrößern. 
Während ich mit Khosis Vater auch auf Seite 318 noch nicht warm geworden war, war mir seine Mutter Amy von Anfang an sympathisch. Selbst wenn sie mitunter einen gluckenhaften Eindruck vermittelt, dominiert eine innige Beziehung zu ihrem Sohn, und so bleibt sie über den gesamten Roman hinweg eine feste Größe, die auch aus dem ägyptischen Geschehen nicht wegzudenken ist. Im Übrigen ist "Die Sphinx von Montana" angefüllt mit unzähligen ägyptischen kulinarischen Genüssen, denn Khosis Mutter ist eine begnadete Köchin, die, obwohl Amerikanerin, manches Nationalgericht besser zubereitet als Einheimische, selbst wenn sie die Mehrheit der Speisen aufgrund ihrer Stoffwechselstörung nicht einmal probieren kann. Über den knurrenden Magen beim Lesen darf man sich daher nicht wundern. 
Im Mittelteil der Geschichte hatte ich zugegebenermaßen einen Hänger und musste die Lektüre kurz aussetzen. Nicht nur hatte ich dann das Gefühl, die Geschichte käme zum Stagnieren, sondern sie war mir auch kurzfristig etwas zu skurril. Das amüsierte Grinsen, das ich zu Beginn der Geschichte noch mit mir herumtrug, hielt in diesem Part des Romans nicht an. Im Endspurt klären sich jedoch auch die Ereignisse auf, sodass sich das Durchhalten auf jeden Fall lohnt. Im letzten Drittel schließlich spart Toutonghi nicht an Spannung, indem er seinen Protagonisten nicht schont. Doch für Khosi lohnt es sich. Und für den Leser auch. 

Fazit: 
Coming-of-Age-Roman um einen schrägen, aber liebenswerten Protagonisten auf der Suche nach den fehlenden Puzzleteilen seiner Herkunft, scharfsinnig, humorvoll und dramatisch erzählt, wenn auch nicht immer vor Überzeichnung und Längen gefeit.

Gesamteindruck: 
4 von 5 Weißdornzweigen
 




Buchdaten:
  • Gebundene Ausgabe: 320 Seiten (mit Schutzumschlag und Lesebändchen)
  • Verlag: Rowohlt Berlin (8. März 2013)
  • Sprache: Deutsch, übersetzt von Eva Bonné
  • ISBN-10: 3871347450
  • ISBN-13: 978-3871347450
  • Neupreis: 19,95 € (D) 
  • Auch als E-Book erhältlich. 
 



Montag, 28. Oktober 2013

... über "Das Wasserschloss" von Megan Frazer Blakemore

Megan Frazer Blakemore

Geheimnisvolles Abenteuer für wissenschaftshungrige Leser und alle, die noch an Wunder glauben.

(c) Carlsen / Abb. = Bestelllink zu Amazon
Zum Inhalt:
Das Schicksal hat der fünfköpfigen Familie Appledore-Smith einen gewaltigen Dämpfer versetzt. Nach dem Schlaganfall des Vaters ist nichts mehr, wie es einmal war. Um auch nur den kleinsten Fortschritt in seiner Genesung ringend, beschließt die Mutter, selbst Ärztin, mit der ganzen Familie nach Maine aufs Land zu ziehen. Ein Spezialist soll sich dort um den Patienten kümmern, während der Landsitz der Familie Appledore, den sie bisher noch nie betreten haben, für die notwendige Ruhe und Abwechslung sorgen soll. Die Kinder Price, Ephraim und Brynn staunen jedoch nicht schlecht, als sie das Anwesen im beschaulichen Crystal Springs sehen. Das "Wasserschloss" genannte Haus entpuppt sich als architektonischer Spielplatz und wartet nicht nur mit versteckten Zimmern auf. Ephraim, das mittlere der Appledore-Kinder, bemerkt als Erster ein seltsames Summen und einen merkwürdigen blauen Lichtschein. Nicht zuletzt darf er in der neuen Schule feststellen, dass offenbar alle Kinder in Crystal Springs - im Gegensatz zu ihm selbst - besonders begabt sind. Als er dann erfährt, dass einer seiner Vorfahren tatsächlich nach dem Wasser des Lebens gesucht hat, wird er neugierig. Gemeinsam mit seiner neuen Schulkameradin Mallory, deren Familie sich seit Generationen um das Appledore-Anwesen kümmert, und Will, dessen Familie sich wiederum nie grün mit den Appledores war, geht er den geheimnisvollen Erscheinungen im Haus nach und ist bald schon überzeugt, dass er seinem Vater helfen kann. 

Meine Meinung: 
Bevor ich mit dem Lesen begonnen und später die Umschlaggestaltung der englischen Ausgabe gesehen habe, war ich von der Aufmachung von "Das Wasserschloss" begeistert. Verena Körtings gelungene Illustration verbindet Wasser und Geheimnis, vermittelt jedoch auch eine fantastische Komponente, die der eher wissenschaftlich ausgerichteten Geschichte fehlt. Das Originalcover punktet hingegen mit dem Freundschaftsfaktor und stellt die drei Kinder, die sich anfänglich nicht riechen können, aber durch ganz unterschiedlichen Forscherdrang zusammengeschweißt werden, in den Vordergrund. Im Vergleich gefällt mir daher der Originalumschlag etwas besser als die deutsche Ausgabe von Carlsen. Im Festeinband liegt Blakemores Roman mit seinen 364 kräftigen, groß beschriebenen Seiten ziemlich gewichtig in der Hand (mein Sohn hat sich beschwert). Dank der nicht ganz so kleinen Schrift ist der Text angenehm zu lesen, wobei die Schriftgröße vor allem in den zahlreichen kursiv gedruckten Passagen, die eine vergangene Zeitebene beleuchten, positiv ins Gewicht fällt, denn ich empfinde inzwischen Kursiv als ziemlich anstrengend. Gestört haben mich die Kapitelüberschriften. In Graunuance gehen diese in den ersten Satz über, sodass ich, je nach Leseposition, ab und an Schwierigkeiten hatte, die ersten Wörter zu entziffern. Nicht schön fand ich auch, dass sämtliche Seitenzahlen links stehen, was die Suche nach der letzten Seite (wenn einem mal, so wie uns, das Lesezeichen flöten geht) nicht gerade vereinfacht. 
Ursprünglich war geplant, dass mein Sohn und ich das Buch gemeinsam lesen. Das Abenteuer um das Wasser des Lebens reizte uns, auch wenn das empfohlene Lesealter bei 11 bis 13 Jahren liegt. Ausgestiegen ist mein Sohn allerdings schon recht früh, da sich das Wissenschaftsthema als zu kompliziert erwies. Er ist für dieses Buch noch zu jung, aber Blakemores Roman ist es wert, für das Lesealter aufbewahrt zu werden. 
"Das Wasserschloss" besticht mit dem Charakter des Ephraim, der als Sandwichkind weder so klug wie seine jüngere Schwester Brynn noch so sportlich wie sein größer Bruder Price ist. Obwohl er im Vergleich zu den übrigen Kindern in Crystal Springs "nur" normal ist, überzeugt er mit ordentlich Biss und unverbrüchlichem Vertrauen. Damit gelingt es ihm, Ressentiments, die sich seit Generationen halten, zu überwinden und Freunde (und Verbündete) zu gewinnen für eine spannende Suche, die dem tiefen Wunsch entspringt, den lebensfrohen Vater, den Maler mit seinen farbigen Bildern, zurückzuholen und der Mutter die Sorgen zu nehmen, und zu einem Entdeckungsabenteuer heranwächst, das aufregende Lesemomente verspricht. Ihm zur Seite stellt Blakemore zwei Charaktere, die beide einen recht eigenbrötlerischen Eindruck machen. Da ist zum einen Will, der die Appledore-Smiths schon von vornherein pauschal nicht leiden kann. Immerhin herrscht seit Generationen eine Fede zwischen den Familien, beanspruchen doch sowohl Wills als auch Ephraims Vorfahren die Entdeckung des legendären Wassers in Crystal Springs für sich. Auch das Mädchen im Bunde, Mallory Green, hat mit den Appledores nicht wirklich etwas am Hut. Seit Generationen liegt das Schicksal des alten Appledore-Hauses mit seinen verspielt-versteckten Räumen schon in den Händen ihrer Familie mütterlicherseits, doch Mallory hat ganz andere Sorgen, vornehmlich die Trennung ihrer Eltern. Wie stark die Geschicke der beiden Familien miteinander verknüpft sind, entspinnt sich im Laufe der Geschichte auf interessante Weise. Anhand von Tagebuchaufzeichnungen einer Vorfahrin von Mallory erzählt Blakemore eine Parallelhandlung um die Jahrhundertwende zum 20. Jh. Dort finden sich Entdeckungen, die die Kinder in der Gegenwart erst für sich erschließen müssen. Dabei gilt es, nicht nur alte Schatten zu überwinden, sondern auch in Dinge zu vertrauen, die man vielleicht nicht versteht, unter Umständen vielleicht auch nie ganz verstehen wird.
Auch wenn ich dem empfohlenen Lesealter weit entwachsen bin, machte es mir viel Spaß, Hinweise zu finden und Zusammenhänge zu verknüpfen. Mit großem Interesse verfolgte ich die drei Kinder, die als Fremde in einem Schulforschungsprojekt zusammengewürfelt wurden und schließlich doch füreinander einstehen. Dabei vermisste ich gelegentlich Ephraims Geschwister. Das allerdings nur rein physisch, denn ihre Charaktere wurden trotz ihrer raren Präsenz liebevoll und nachvollziehbar gezeichnet und blieben längst nicht in groben Umrissen stecken. Nachdem ich bei Kinder- und Jugendbüchern oft bemängele, dass Elterncharaktere durch Abwesenheit glänzen, konnte mich Megan Frazer Blakemore mit einer gesunden Mischung elterlicher Anwesenheit überzeugen, die hier nämlich nicht auf das autoritäre Zurechtstutzen in heiklen Situationen reduziert wird, sondern Mütter und Väter mit authentischen Sorgen zeigt, die aber trotzdem da sind, wenn sie gebraucht werden. 
Daneben legt die Autorin eine rege Fantasie an den Tag, wenn es um die Beschreibungen des so besonderen Wasserschlosses geht, das in seiner ausgeklügelten, geheimnisvollen Architektur ein gutes Vorstellungsvermögen erfordert. Außerdem gelingt es ihr gut, wissenschaftliche Erklärungen glaubhaft zu vermitteln, auch wenn sich diese bestimmt teilweise der dichterischen Freiheit zuordnen lassen. Gut gefiel mir auch, dass Erklärungen der Zusammenhänge versteckt und angedeutet und nicht auf dem Präsentierteller geliefert werden. 
Ein Buch zum Mitdenken und Mitfiebern.

Fazit: 
Gelungenes Kinderbuch rund um die abenteuerliche Suche nach dem vermeintlich Unmöglichen, in der gegensätzliche, lebendig gezeichnete Charaktere zusammengeschweißt werden. Forschungsbegeisterte junge Leserinnen und Leser dürften ihre Freude daran haben, auf einem interessanten Grat zwischen Wissenschaft und Wunder zu wandern. Wer nicht gern hinterfragt und knobelt, dem könnte "Das Wasserschloss" unter Umständen zu komplex und auch zu umfangreich sein.

Gesamteindruck: 





Buchdaten
  • Gebundene Ausgabe: 368 Seiten
  • Verlag: Carlsen (25. Juli 2013)
  • Sprache: Deutsch, übersetzt von Annette von der Weppen
  • ISBN-10: 355155644X
  • ISBN-13: 978-3551556448
  • Vom Hersteller empfohlenes Alter: 11 - 13 Jahre
  • Neupreis: 16,90 €
  • Auch als E-Book erhältlich. 

Mittwoch, 16. Oktober 2013

Achtung, jetzt kommt ...

... WERBUNG!


Denn unser Gemeinschaftsprojekt ist fertig und bestellbereit.
Betreut von den Herausgebern und Schmunzelspezialisten Torsten Buchheit und Monika Kubach, sieht es in professioneller Gestaltung von Manu Wirtz so aus: 


(c) Manu Wirtz / Bildlink zu amazon



Entstanden ist diese humorige Anthologie "Im Dutzend witziger" in einer geheimen Schreibkeimzelle im sozialen Netzwerk und vereint Geschichten, Gedichte und Bilder von Monika Baitsch, Ulrich Borchers, Torsten Buchheit, Sofie Capasso, David Damm, Anna Dorb, Vasilisas Dykstra, Nicolas Fayé, Katharina Georgi, Marlene Geselle, Annette Hillringhaus, Anke Höhl-Kayser, Carmen Immel, Heidi Christina Jaax, Monika Kubach, Pamela Menzel und Manu Wirtz. 
Auch ich habe einen bescheidenen (nicht ganz neuen) Beitrag beigesteuert und bin schon sehr neugierig auf die Sammlung, denn was ist bei diesem miesepetrigen Herbstschmuddelwetter besser als ein Buch, das uns ein Lächeln ins Gesicht malt?
Also ran an den Schmunzelschmöker! 

Im Dutzend witziger
Torsten Buchheit & Monica Kubach (Hrsg.)
ISBN 978-3-7322-8344-6
Books on Demand
Paperback, 128 Seiten
9,90 €
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