Mittwoch, 14. August 2013

... über "Auch die Liebe hat drei Seiten" von Susann Rehlein

Susann Rehlein 

Liebenswert schräg

(c) Ullstein /
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Zum Inhalt:
Noch vor Kurzem lebte Lisbeth zusammen mit ihrem Schaf Paul in einem Zelt auf dem Grundstück ihrer Tante Ruth in der Provinz. Von der Mutter vernachlässigt, hatte sie bei der Tante Ruhe und Akzeptanz gefunden. Dort konnte sie ihrem Dasein als Sonderling mit all ihren Marotten frönen. Doch Tante Ruth, ältlich und in dem Wissen, dass sie sich nicht ewig um Lisbeth kümmern kann, kauft ihr eine Wohnung in Berlin-Kreuzberg und schubst sie ins kalte Wasser. So zieht denn Lisbeth mit ihren 23,7 Jahren ohne Schaf Paul in die riesige Wohnung ein, tritt eine Anstellung als Korrektorin und Fußabtreter bei einem Fleischerei-Fachblatt an und bemüht sich redlich, Ihren Zahlenfimmel in Schach zu halten. Schon früh lernt sie Tattoo-Paul kennen, den dreiundfünfzigjährigen König von Kreuzberg, der sie, so zwielichtig er auch erscheinen mag, behutsam unter seine Fittiche nimmt und sie im Viertel einführt. Bald tummeln sich in Lisbeths Leben schräge Gestalten und eine altersschwache Kampfhündin. Und dann kommt noch Edgar hinzu, dem Tante Ruth zu Lisbeths Entsetzen Haus und Hof verkaufen will, Edgar, den Lisbeth als Drops kennt und der ihr vor Jahren „7 kleine, kühle Küsse“ gestohlen hat, Edgar, der einzige Mensch, den sie nicht durchzählen will …

Meine Meinung:
Der Umschlag von Susann Rehleins „Auch die Liebe hat drei Seiten“ verspricht verspielte Sommerlektüre. Da sitzt - vermutlich - Lisbeth im von Tante Ruth selbst genähten, nicht ganz hochmodischen Kleid unter einem Regenschirm und wünscht sich die Welt, wie sie sie gerne hätte. Vielleicht mit rosafarbenen ballonartigen Blümchen, die davonfliegen (und sich zählen lassen) und vielleicht zur großen Liebe führen? Auch wenn man eigentlich lieber in seiner eigenen eigentümlichen Welt sitzt und Sorgen eher ausschläft?
So verspielt ist Lisbeths Geschichte aber dann doch nicht, und Susann Rehlein bewegt sich geschickt auf dem sehr schmalen Grat zwischen Überzeichnung und liebenswerter Echtheit.
Mit ihrer Marotte, alles und jedes zählen zu müssen, ist Lisbeth nämlich nicht nur skurril, sondern auch ziemlich anstrengend. Susann Rehlein schafft es allerdings, Lisbeths Charakter treu zu bleiben, lässt sie Fortschritte machen, setzt sie aber auch Rückschlägen aus. So verliert sie nicht von heute auf morgen ihre Macken. Über das gesamte Buch hinweg zählt sie frisch fröhlich weiter Stufen, Karos auf Männerhemden und Erbsen, erinnert sich immer wieder, dass sie das nicht tun soll, aber sie ist, durchaus realistisch, nicht von heute auf morgen heilbar, zumal Susann Rehleins Roman auch nur wenige Wochen in Lisbeths neuem Leben abdeckt. Die Autorin streicht beispielsweise Ziffern (und manchmal auch Wörter) durch, korrigiert sie mit weniger verfänglichem Vokabular, sobald sich ihre Protagonistin bewusst macht, dass es nicht darum geht, die Dinge genau zu beziffern und es gröbere Mengenangaben auch tun würden. Zahlen sind, sobald es ums Zählen geht, als Ziffer dargestellt und stechen so buchstäblich ins Auge.
Zudem bekommen die meisten neu eingeführten Charaktere gar keinen echten Namen, sondern behalten im Verlauf ihrer Geschichte ihre Spitznamen, die sie schon vorher haben bzw. von Lisbeth als Attribut zugeordnet bekommen, so z. B. "der Alte mit dem Pelzstirnband" oder "Babsie G-Punkt". Dadurch wirken sie alle wie ein bunter Haufen von Sonderlingen, die sich "gesucht und gefunden haben" und Farbe in (nicht nur) Lisbeths Alltag bringen, in dem Muster und Notizbücher mit Lieblingszahlen und Lieblingswörtern dominieren.
Alles in allem hat Lisbeth in ihrer kurzen Zeit in Berlin allerhand um die Ohren, das schon einen nicht zwangsgestörten Menschen aus der Bahn werfen könnte. Bisher hatte sie mehr oder weniger das Sicherheitsnetz der Selbständigkeit als Korrektorin (stilles Kämmerlein und so), nun aber muss sie täglich in ein Büro, zu einem Chef, der rasch den Beinamen "Diktator" erhält. Darüber muss sie sich an eine Umgebung anpassen, die viel mehr und vor allem buntere Menschen umfasst, als sie bisher erleben durfte. Dafür, dass sie auf die 24 zugeht, ist sie recht unbedarft, aber auch vorurteilsfrei, wodurch sie trotz ihres seltsam anmutenden Charakters nicht auf den Hacken kehrtmacht und davonläuft. Dabei tritt sie fast kindlich auf, kauft sich Boots, weil die in Kreuzberg jeder trägt, nimmt sich andererseits aber gar nicht als Frau wahr, ganz gleich, wie kurz der Rock ist, in dem sie auf die Straße geht.
Bereitwillig lässt sie sich von - dem ihr natürlich völlig fremden -  Tattoo-Paul helfen, der äußerlich sehr detailliert vor dem geistigen Leserauge erscheint, aber von dem man eher nicht wissen möchte, was er sonst noch so treibt oder womit er sein Geld verdient. Anstatt von Lisbeths unzähligen Anrufen in die Flucht geschlagen zu werden, gibt er ihr Halt, vermittelt und sorgt dafür, dass sie sich Schritt für Schritt in ihr neues Leben einfinden. Er wird in nur wenigen Wochen zu einem ganz besonderen Freund. Beinahe ein Paul in Fleisch und Blut, ein Ersatz für das Schaf, das Lisbeth zurücklassen musste, aber eben ein Mensch, okay, ein Kreuzberger. Zwischendurch überfordert er sie auch gewaltig, indem er ihr zu einer WG verhilft, die sie eigentlich nicht gebrauchen kann, für die sie aber - hier im speziellen Notfall - genug Platz hat, denn nicht umsonst hat sie ihr Wohnzimmer „Hallenbad“ getauft.
Susann Rehlein gelingt es gut, eine unterhaltsame Mischung von Charakteren zu schaffen, unter denen Lisbeth gar nicht mehr so absonderlich wirkt, weil sie alle, wie oben erwähnt, ihre Ticks und Eigenheiten haben.
Unterstützt wird dieser Eindruck durch die Erzählperspektive, die ausschließlich Lisbeth von außen beobachtet, den übrigen Charakteren jedoch nicht über die Schulter schaut, sodass der Leser immer nur das weiß, was Lisbeth erlebt. Durch diese äußere Beobachtung entsteht eine gewisse Distanz zu der Protagonistin, die wahrscheinlich als Ich-Erzählerin noch anstrengender gewesen wäre.
Susann Rehleins Erzählweise ist aber so liebenswert und amüsant, dass man sich am liebsten neben Lisbeth auf den Balkon setzen und darauf warten möchte, dass die „Scheißamsel“ mal den Schnabel aufmacht und ihre Meinung kundtut.
Zwischen Bandwurmsätze, die Lisbeths Gedanken und Beobachtungen beinahe ohne Punkt und Komma zusammenschweißen, reihen sich lockere Einwortsätze und lisbethtypische Wortschöpfungen und Attribute und berlinerte Dialoge, die die Lektüre kurzweilig machen, selbst wenn die Autorin mit "Auch die Liebe hat drei Seiten" keine Komödie vorlegt.
"Auch die Liebe hat drei Seiten" hat nämlich auch ernsten Seiten, spricht Verluste an und veranlasst auch ab und an, die Augen trocken zu tupfen. Ein Roman, bei dem man sich selbst hinterfragt, ob es uns vielleicht manchmal ganz gut täte, der Welt mit anderen Augen zu begegnen.

Fazit:
„Auch die Liebe hat drei Seiten“ ist Roman, der mit einer zwar anstrengenden, recht unbedarften, aber rund durchdachten Protagonistin besticht, beschwingt schräge Freundschaftsbande knüpft, ernste Töne nicht kaschiert und leise die Liebe an die Tür klopfen lässt. Eine Geschichte voll liebenswerter Verrücktheit, bunter Charaktere, Schmunzel- und Seufzmomente, die zeigen, dass das Leben nicht nur schwarz und weiß ist. Ein Roman für jede Jahreszeit, wenn die Seele mal wieder aufatmen soll. 

Gesamteindruck: 
5 von 5 Weißdornzweigen
(Ich habe mich rundum gut unterhalten gefühlt!)





Buchdaten:
  • Taschenbuch: 304 Seiten
  • Verlag: Ullstein Taschenbuch (9. August 2013)
  • Sprache: Deutsch
  • Umschlaggestaltung: ZERO Werbeagentur, München
  • ISBN-10: 3548284884
  • ISBN-13: 978-3548284880
  • Größe und/oder Gewicht: 18,8 x 12 x 2,6 cm 
  • Neupreis: 9,99 € (D)
  • Auch als E-Book erhältlich.  

Samstag, 10. August 2013

... über "Fucking Moskau!" von Chris Helmbrecht

Chris Helmbrecht

Was draufsteht, ist auch drin!

(c) Heyne
Inhalt und Meinung:
Was macht man, wenn man auf dem Rentnerparadies Teneriffa plötzlich den Job verliert? Man lässt sich von einem Bekannten, einem gebürtigen Litauer, den man - die Welt ist klein - aus den USA kennt, nach Moskau einladen. Die Metropole der Gegensätze und des Extremen. Kulturschock und Hassliebe pur. Und doch wird aus der winterlichen Stippvisite, die die deutsche Mentalität überraschte, Kopfschütteln, Zögern und Ungläubigkeit hervorrief, mehr. Ein halbes Jahr später bricht Chris Helmbrecht seine Zelte auf den warmen Kanaren ab und geht - der Liebe wegen - nach Moskau. Die Liebe hält nicht, aber Helmbrecht bleibt, lässt sich mitreißen von russischer Ungezwungenheit, erlebt und lebt das Moskauer Partyleben. Doch neben Wodka und willigen Mädchen gibt es auch Augenblicke, in denen einem so richtig die Muffe geht. Moskau ist extrem in vieler Hinsicht. Zehn Jahre später lebt und arbeitet Helmbrecht noch immer dort, und was er in all den Jahren erlebt hat, erzählt er unterhaltsam und schnörkellos in diesem Buch.

Rein äußerlich war ich im Zwiespalt. 
Stefanie Freischem von yellowfarm GmbH hat hier für Heyne gestalterisch sehr tief ins Klischeetöpfchen gegriffen und ein Cover kreiert, dass mir "Kauf mich!" und "Finger weg!" gleichermaßen entgegenschreit. 
"Finger weg!", weil Russland für mich eigentlich mehr ist als Buntes, Lippenstiftmädchen und Sozialismusüberbleibsel - auch wenn ich mit den insgesamt vier Monaten, die ich dort verbringen durfte, beileibe nicht mit der Zehnjahreserfahrung des Autors mithalten kann. 
"Kauf mich!", weil es eben sensationsgeile Instinkte anspricht und, wie sich nach der Lektüre feststellen lässt, doch eine Einheit mit dem Inhalt bildet. 
Einem ähnlichen Zwiespalt setzte mich der Titel aus. 
Fucking-XY-Titel gibt es zuhauf, und außerdem kann ich diesen Englisch-Deutsch-Mischmasch nicht mehr sehen - und dann auch noch in Verbindung mit dem Mischmasch-Untertitel "Sex, Drugs & Wodka". 
ABER: Der Titel findet sich im Buch selbst wieder, und der Untertitel kündigt genau das an, was im Buch drin ist. 
Denn in 32 Anekdoten, die Chris Helmbrecht, Ex-Extrem-Snowboarder, Partymacher, DJ und Betreiber einer Kreativagentur, zum Teil bereits zuvor an anderer Stelle in Blogkolumnenform veröffentlicht hatte, schildert er genau das: 
Moskau unzensiert und aus der Sicht eines Ausländers, der im grauen Smog zwischen Neureichen und Topmodels im Nachtleben nichts anbrennen lässt und seinen Platz in einer Stadt sucht, die eigentlich hässlich, voller Schlaglöcher und Absurditäten ist, einen aber so schnell nicht wieder loslässt. 
Wir lesen, wie Sto Gramm zum Verhängnis werden und russische Frauen (und Männer) ticken, schlagen die Nägel solidarisch in die Sitzunterlage, wenn der Wolga im Affenzahn über den MKAD schaukelt, kriegen vielleicht etwas prüde Schnappatmung, wenn ein Dom ihm seine Sklavin für eine Nacht verleiht, erleben, wie die weltbesten Bolschoi-Tänzerinnen zu Partyhäschen mutieren, und sind dabei, wenn die Miliz sich ein Zubrot verdient. 
Zwischen Sexkapaden und alkoholumnebelten Episoden klingt allerdings recht wenig russischer Alltag an, hier mal ein Wasserproblem, da selbstgemachtes Moskauer Wetter, an anderer Stelle wieder die Medizinerin, alleinerziehend, die gerade einmal vierhundert Euro im Monat verdient - das Gros aber spielt sich dort ab, wohin Otto-Normal-Tourist wohl nur mit viel Vitamin B und ordentlich Kleingeld gelangt. 
Chris Helmbrecht zeigt ein Russland, das ich als ressourcenknappe Studentin nicht erlebt habe, aber er zeigt aber auch Verhaltensweisen, an die ich mich noch gut erinnern kann, sodass "Fucking Moskau!" für mich ein Buch ist, das mich gewissermaßen zurückführt, mich aber andererseits auch mit dem Kopf schütteln lässt und Russland noch weiter von mir wegrückt, als ich es seit dem Studium ohnehin aus den Augen verloren hatte.
Chris Helmbrecht erzählt mit der Leichtfüßigkeit des Kumpels von nebenan, der bei einer Flasche Wodka augenzwinkernd und unprätentiös, ohne nach allgemeiner Anerkennung zu heischen, von seinen Abenteuern berichtet, die man glauben kann, aber nicht muss. 

Chris Helmbrecht gibt auf 223 Seiten unverblümte Einblicke in "sein" Moskau - immer unter Strom und exzessiv. 
Wem das zu oberflächlich ist, der hole sich einen Reiseführer oder eine gesellschafts- und politikwissenschaftliche Abhandlung über Russland und seine prätentiöse Hauptstadt.
Denn mit "Fucking Moskau" bekommt der Leser genau das, was draufsteht: Sex, Drugs & Wodka. Und Unterhaltung.
Abenteuer mit der russischen Sprache, die große Liebe und echtes Ankommen finden vielleicht in einer Fortsetzung Platz. 

Gesamteindruck: 
4 von 5 Weißdornzweigen





Buchdaten:
  • Taschenbuch: 224 Seiten
  • Verlag: Heyne Verlag (8. Juli 2013)
  • Sprache: Deutsch
  • Umschlaggestaltung: yellowfarm GmbH
  • ISBN-10: 3453602498
  • ISBN-13: 978-3453602496
  • Größe und/oder Gewicht: 18,6 x 11,8 x 2 cm
  • Neupreis: 8,99 €
  • Auch als E-Book erhältlich. 

Freitag, 9. August 2013

Schmökern mit Sohnemann #16

Claudia Montoreano

Sommerabenteuer am Meer


(c) Schelfbuch Verlag

Inhalt und Meinung:
Passend zu den Ferien haben mein Sohn und ich zum ersten Mal gemeinsam an einer Leserunde teilgenommen: mit "Till und das Geheimnis der Tauchgondel" von Claudia Montoreano. 
Die Autorin, die an der Ostsee geboren wurde und dort ihre Kindheit verbrachte, entführt mit ihrem ersten Kinderbuch junge LeserInnen zwischen 8 und 12 Jahren in einen fiktiven Ort an der Ostsee. 
In Vittstrand verbringt der zehnjährige Till seine Ferien. 
Der Junge, den Illustrator Jürgen Willbarth auf dem Umschlag ein aufgewecktes Gesicht gibt, ist dort aufgewachsen, aber, den Erfordernissen des Arbeitsmarktes folgend, mit seinen Eltern in die Stadt gezogen. In den Sommerferien hat er nun Gelegenheit, bei seinen Großeltern zu wohnen und alte Freunde wiederzutreffen. Kaum angekommen, erhält er auch schon eine geheime Botschaft. Im Ort gehen "komische Dinge" vor sich, heißt es in der Nachricht, die ihn ins alte Sanatorium zur nächsten Nachricht lockt. Und so macht sich Till denn auf den Weg, um herauszufinden, wer ihn denn da auf seltsame Vorgänge aufmerksam machen will. Sind es die Badeunfälle, die sich zu häufen scheinen und bei denen Till und seine Freunde sogar einmal Zeuge werden? Für Till und seine Freunde beginnt ein spannendes Abenteuer, bei dem sie sich eins ums andere Mal waghalsig in die Bredouille bringen, aber auch viel lernen. 
Obwohl mein Sohn noch nie an der Küste war, ist er ein Meeresfan, weshalb ich sicher war, dass Claudia Montoreanos Kinderbuch ihn thematisch auf jeden Fall ansprechen würde. 
Nicht sicher aber war ich mir angesichts des Umfangs. 
Tills Geschichte wird nämlich auf 173 Seiten erzählt, die zwar in für Kinder gut lesbarer großer Schrift mit großen Zeilenabstand beschrieben sind, aber außer Kapitelillustrationen, die sich im Seitenfuß des betreffenden Kapitels wiederholen, keine Bilder haben. 
Trotz einer Unterteilung in 18 nicht allzu lange Kapitel war der Text für mein 2.-Klasse-Lesekind durchaus eine kleine Herausforderung, und er hätte sich ab und an ein hübsches Bild als Etappenziel gewünscht. Ältere Leser bräuchten das sicherlich nicht. 
Im Übrigen handelt es sich um eine solide gebundene Ausgabe mit regelrecht edlem Leinenüberzug auf dem Buchrücken. Eine sehr liebevolle Gestaltung, die "Till und das Geheimnis der Tauchgondel" zu einem Kinderbuch macht, das noch lange nicht aus dem Regal verschwinden möchte, auch wenn das Kind längst dem Lesealter entwachsen ist. 
Nicht ganz so alltäglich sind die Kapitelüberschriften. Hier hat sich die Autorin nämlich etwas Nettes einfallen lassen. Anstatt sie mit "Kapitel 1" usw. zu überschreiben, bekommt jedes Kapitel eine kleine Zusammenfassung als Überschrift, die, wie bei einer guten Schlagzeile, Lust machen auf mehr. So lautet Kap. 1 beispielsweise "Das 1. Kapitel, in dem ein Brief die Geschichte ins Rollen bringt" und regt auch dazu an, die Überschrift zu lesen anstatt nur von Fließtext zu Fließtext zu springen. 
Besonders angetan hatte es meinem Sohn, dass die Till seine Ferien ganz alleine bei seinen Großeltern verbringen darf. Vor allem der Großvater ist sehr liebevoll gezeichnet. Mit seiner Pfeife im Mundwinkel wirkt er zwar schon etwas älter und mehr wie ein klassischer als ein moderner Opa, aber er bringt auch einen vertrauensvollen Ruhepol und sehr angenehmen Wohlfühlfaktor. Sein Augenzwinkern und seine Lockerheit machen ihn ungemein sympathisch. Die Großmutter hingegen steht für die mütterlich-fürsorgliche Seite und darf auch mal schimpfen, was sie natürlich keinesfalls unsympathisch, sondern nur menschlich macht. 
Till und seine Freunde Kalle und Ella kamen meinem Sohn etwas älter als zehn Jahre vor. Wahrscheinlich, weil sie viel allein unternehmen und sich tüchtig was trauen. Was sicherlich auch daran liegt, dass die Kinder sehr gut mit ihrer Umgebung vertraut sind. Sehr gut vertraut sind sie auch miteinander. Sie kennen ihre jeweiligen Macken und Eigenheiten, die Autorin Claudia Montoreano sehr liebevoll zeichnet. Till fügt sich, obwohl er weggezogen ist, nahtlos in die alte Heimat ein, bekommt aber auch Augenblicke für sich allein, die ihn für seine zehn Jahre recht besonnen wirken lassen, während er an anderer Stelle durchaus jungenhaftes Benehmen an den Tag legen und sich nicht ganz so brav benehmen darf. Ella, Kalles Schwester, wiederum wird als Mädchen vorgestellt, das einen klugen Kopf auf den Schultern hat, aber noch lange nicht die Nase hoch trägt, sondern sich bestens zum Pferdestehlen eignet. Ihr Bruder Kalle hingegen ist der Langschläfer im Bunde und macht so manches Mal einen liebenswert verpeilten Eindruck. Alle Kinder wirken sehr eigenständig, und man hat nicht das Gefühl, dass sie in Dialogen die Gedanken und Meinungen der Großen zum Besten geben und nur nachplappern. Sie machen sich echte Sorgen um ihre Heimat und versuchen mit ihren Mitteln, den seltsamen Vorgängen auf die Spur zu kommen. 
Neben gemeinsamem Radfahren, Schwimmen und Besuchen der Tauchgondel, dürfen kleine Rivalitäten und Eifersüchteleien ebenso nicht fehlen wie die rotbäckige Erkenntnis, das Mädchen vielleicht doch nicht so blöde sind.
Während die Recherchen der Kinder in Sachen Quallen und Umweltschutz sehr lehrreich sind und auch den Nichtfischkopp zum Nachdenken anregen, erleben die Kinder Abenteuer, die für meinen Achtjährigen, der eigentlich nicht zimperlich ist, wenn es um Fiktives ohne Realitätsbezug (siehe Dinogeschichten) geht, doch recht heftig waren. 
Vor allem, weil "Till und das Geheimnis der Tauchgondel" schon fast wie ein kleiner Krimi anmutet, in dem man sich nicht mit den Erwachsenen anlegen sollte. So wird es im Verlauf der Geschichte für unsere kindlichen Protagonisten durchaus gefährlich und man bangt mit ihnen, sodass die "Bösewichte" dieser Geschichte eigentlich zu glimpflich davonkommen. 
Angesichts der Risiken, denen sich die Kinder hier doch recht leichtsinnig aussetzen, denke ich, dass das Lesealter mit 8 Jahren eventuell etwas niedrig sein könnte, selbst wenn Kinderbuchprotagonisten meist zwei Jahre älter sind als die jüngsten anvisierten Leser. Aber es kommt natürlich immer auf den individuellen Lesefortschritt an und inwieweit spannende nichtfantastische Stoffe verdaut werden. 
Ein Lesespaß ist "Till und das Geheimnis der Tauchgondel" aber allemal. 
Insbesondere dank dem liebevollen Lokalkolorit, das sich auch sprachlich widerspiegelt. Denn Tills Großvater spricht nun einmal platt und lässt sich da auch nicht verbiegen. So dürfen wir seinen vereinzelt eingestreuten Aussprüchen authentisch folgen. Die Autorin achtet dabei darauf, Nebensätze und Antworten so zu gestalten, dass man den plattdeutschen Sätzen problemlos folgen kann. Sie flicht die "Übersetzung" sehr geschickt ein, ohne die betreffenden Sätze tatsächlich zu übersetzen. Dadurch bleibt die Lektüre flüssig. Da Claudia Montoreano die phonetischen Besonderheiten aber - korrekt - mit diakritischen Zeichen (beispielsweise Kroužek) wiedergibt, die meinem Grundschüler nicht bekannt sind, durften wir uns an unseren eigenen Ausspracheversuchen belustigen. Allerdings meine ich, dass man in einem Kinderbuch durchaus auf Sonderzeichen hätte verzichten können. Neben der Sprache wird auch die Ostseelandschaft stimmungsvoll lebendig und macht "Till und das Geheimnis der Tauchgondel" zu einem Buch, das Lust auf Ferienabenteuer macht.

Fazit: 
Kinderbuchdebüt, das mit einem fest verschweißtem Protagonistenteam, das sowohl Jungen als auch Mädchen ansprechen dürfte, und liebevoll beschriebener Ostseeatmosphäre punktet, wichtige Umweltaspekte einflicht  und auch außerhalb der Ferienzeit für spannende Lesemomente sorgt.  

Gesamteindruck: 
4 von 5 Weißdornzweigen

 




Buchdaten:
  • Gebundene Ausgabe: 173 Seiten
  • Verlag: Schelfbuch; Auflage: 1 (15. März 2012)
  • Illustrator: Jürgen Willbarth 
  • Gestaltung: b2medien
  • Sprache: Deutsch
  • ISBN-10: 3941689126
  • ISBN-13: 978-3941689121
  • Vom Hersteller empfohlenes Alter: 8 - 12 Jahre
  • Neupreis: 16,95 €
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