Sonntag, 28. Juli 2013

... über "Der Honiggarten" von Fiona Shaw


Eine sanfte Liebe - warm wie ein Bienenstock im Winter, gefährdet durch das Gift der Kleingeistigkeit

(c) Droemer Knaur
Zum Inhalt:
Nach zwanzig Jahren kehrt Charlie noch einmal an den Ort seiner Kindheit zurück. An den Ort, an dem sich sein Leben änderte, als er zehn Jahre alt war. Damals lebt er mit seinem Vater und seiner Mutter in einfachen Verhältnissen. Die Mutter arbeitet seit zehn Jahren in der örtlichen Radiofabrik und kümmert sich, wie es sich für eine gute Ehefrau geziemt, fürsorglich um den Haushalt. Charlie liebt sie sehr. Mutter und Sohn haben eine innige Beziehung; sie fördert seinen kindlichen Forscherdrang, und während sie kocht, liest ihr Charlie aus einem der vielen Bücher vor, die sie sich so gerne aus der Bücherei ausleiht. Der Vater aber glänzt durch Abwesenheit, mal ist er arbeiten, dann wieder geht er allein aus. Ihr Leben ist ereignislos und repetitiv. So wird beispielsweise sonntags immer bei Tante Pam, der Schwester des Vaters, zu Mittag gegessen, obwohl die Charlies Mutter Lydia noch nie leiden konnte. Erst als Charlie in eine Prügelei gerät und von seinem Vater Robert wiederwillig zur Hausärztin gebracht wird, hält Neues Einzug in seinen Alltag. Die Ärztin Jean züchtet in ihrer raren Freizeit Bienen und lädt, Charlies Neugier und Interesse erkennend, ein, ihr dabei zu helfen. Von da an verbringt Charlie jede freie Minute im urwüchsigen Garten ihres alten Hauses, hilft, lernt und forscht, lauscht den Bienen und erzählt ihnen von seinem Alltag. Als Robert die Familie schließlich verlässt, finden Charlie und Lydia in Jean eine zuverlässige Freundin. Charlie genießt es, wie seine Mutter wieder aufblüht, doch bald verbreiten sich unbedachte, unschuldige Worte zu Gerüchten mit ungeahnten Folgen. 

Meine Meinung: 
Fiona Shaws "Der Honiggarten" ist inzwischen nicht mehr neu (deutsche Erstausgabe 2011) und leider nur noch gebraucht erhältlich. Ich bin froh, dass ich mir den Roman als Gratisbeigabe bei einer Bestellung bei meinem Lieblingsanbieter für Mängelexemplare ausgesucht habe, denn sonst wäre mir eine sehr einfühlsame Geschichte entgangen. 
Der Umschlag, der von der Münchener ZERO Werbeagentur gestaltet wurde und eine Mohnblüte auf grünem Hintergrund zeigt, lässt sich auf den ersten Blick nur schwer mit einem Roman, in dem Bienen und Honig einen roten Faden bilden, vereinbaren, zumal Mohn eher als Pollenlieferant fungiert, anstatt Honig zu liefern. Dennoch symbolisiert die rote Blüte sehr gut den letzten Sommer, den Protagonist Charlie in seiner Heimatstadt verbringen darf. Einen Sommer, in dem er ein Stück älter wird, von Wut auf seinen Vater erfüllt ist, aber dennoch Kind sein darf, Freundschaft erfährt und erlebt, dass seine Mutter wieder Lebensfreude findet. 
Fiona Shaws Roman spielt im England der 1950er Jahre. 
Eine gute Dekade nach Kriegsende sind die gesellschaftlichen Strukturen klar umrissen. 
Die Frauen der Arbeiterschicht gehen einer Berufstätigkeit nach, sind auch zu Hause noch voll für Mahlzeiten, Haushalt und Kinderbetreuung zuständig. 
Männer tun und lassen, was sie wollen. Auch wenn sie fünf Jahre mit offenem Hosenstall um die Häuser ziehen, darf Frau noch lange keine Einwände erheben, und die Entscheidung über Fortbestand der Familie und den Verbleib von Kindern liegt beim Mann. 
Besuch empfängt man immer wohlfrisiert und mit einem Hauch Rot auf den Lippen. 
Unverheiratete Frauen brauchen bei Gesellschaften einen Tischherrn, um nicht ins Gerede zu kommen, und ungewollten Kindern droht die Häkelnadel. 
Gleichgeschlechtliche Liebe gilt nicht nur als unnatürlich, sondern wird, zumindest bei Männern, sogar strafrechtlich verfolgt. 
All diese Themen führt Fiona Shaw in der Kleinstadt ihres Romans mit all ihrem Klatsch und Tratsch und dem Mief von Prüderie, der uns heute den Kopf schütteln lässt, zusammen. 
Dabei bewegt sie sich mit ihren Figuren auf einem recht schmalen Grat zwischen stereotyp und authentisch. 
Vor allem Robert Weekes gibt in dieser Hinsicht eine bedauernswert archaische Gestalt ab, ach so männlich in seinen Anforderungen und seinem Unverständnis gegenüber der Ehefrau. Als Familienvater und Ehemann kommt er besonders schlecht weg, da er in diesem Roman, der in Perspektivwechseln den auktorialen Erzähler seinen Sohn Charlie, seiner Frau Lydia und Ärztin Jean über die Schultern blicken lässt, keine eigenen Szenen erhält, die sein Denken und Fühlen aus seiner Sicht näher beleuchten würden. Dort zählt nur, wie er sich gegenüber seiner Familie verhält, seine Worte, die wehtun, sein eifersüchtiges Desinteresse am eigenen Kind und sein beleidigtes Ego, als Lydia weiterzieht.
Dazwischen steht Charlie, zehnjährig, unschuldig, ein ganz normaler Junge, voller Entdeckungsdrang und so unverbrüchlicher Liebe zu seiner Mutter, die es nie versäumt, ihm ihren Stolz und Anerkennung zu vermitteln. Durch seine Augen und aufgrund der Drittperspektive zum Teil bedrückend analytisch erleben Lydia, die noch recht jung und ausgesprochen hübsch ist und sich trotz der schweren, mitunter risikoreichen Arbeit in der Fabrik eine aufrechte Haltung bewahrt hat und in Büchern eine Zuflucht findet. Wir sehen sie auf ihrem Fahrrad nach Hause radeln, in Gedanken bei ihrem Sohn. Mit bewundernswerter Tapferkeit erträgt sie die Ablehnung durch Roberts Familie. Sie ist als eine Frau gezeichnet, für die das Wohl ihrer Familie an erster Stelle steht und die ihre Entscheidungen auf ihre Familie ausrichtet, sich selbst aber wenig Freiheiten zugesteht - ein paar Tanzabende mit Freundinnen aus der Fabrik und ihre Freude am Lesen einmal ausgenommen. Lydia ist eine Frau, die ahnt, aber nicht wahrhaben will, und dementsprechend aus allen Wolken fällt. Aus heutiger Sicht mag ihre Situation vielleicht nur halb so dramatisch scheinen, doch in der Zeit, die Fiona Shaw für ihren Roman gewählt hat, gleicht Alltag einem Spießrutenlauf. 
Schonungslos lässt die Autorin den Leser, vor allem auch in starken Dialogen, daran teilhaben, wie sehr hier der Frau das Scheitern der Familie in die Schuhe geschoben wird. Lydia ist plötzlich an allem schuld: Vernachlässigung ehelicher Pflichten, Verhätscheln des Kindes ... 
All dies ist der Hausärztin Jean Markham eher fremd. In der Mittelschicht zu Hause, von den Eltern mit nur wenig Liebe bedacht, übt sie den Arztberuf seit Jahren gewissenhaft aus. Doch sie ist allein. Seit jeher gilt sie als klug, aber nicht als schön. Selbst ihre Haushälterin hatte gehofft, die Ärztin einmal mit Ring am Finger zu sehen, weil es, Jahre nach dem Krieg, da die Männer nach Hause zurückgekehrt seien, nicht mehr nötig sei, dass Frauen ihres Standes arbeiten. Jean aber arbeitet unermüdlich, kämpft sich durch Masernepidemien und findet ihren Ruhepol bei ihren Bienenvölkern. 
Fiona Shaw nimmt sich zu Beginn ihres Romans viel Zeit, um den Charakter der Jean einzuführen, ihr ein Gesicht und ein freundschaftliches Umfeld zu geben. Ganz bewusst führt sie Jean nicht mit den üblichen Klischees ein, die erahnen ließen, dass ihr Interesse an Frauen liegt. Sie konzentriert sich vielmehr auf eine gebildete Frau, die eben nie geheiratet hat und ihre Prioritäten anders verteilt. Was anfänglich als Geduldprobe anmutet, wird im Laufe des Romans durch Shaws einfühlsame Schilderung der Beziehung zwischen den beiden unterschiedlichen Frauen wieder wettgemacht. 
So sanft, wie Charlie seine Leidenschaft für Bienen und Insekten im Allgemeinen entdeckt, entspinnt die Autorin eine tiefe Liebe zwischen den Frauen, die einen vollkommen verschiedenen familiären und gesellschaftlichen Hintergrund mitbringen.
Beide sind erwachsen und sich wohlbewusst, dass sie sich jenseits der gesellschaftlichen Konventionen bewegen. Und beide sind zunächst überrascht, was sie füreinander empfinden.
Doch in einer Kleinstadt, in der jeder jeden kennt, quasi alle Frauen in derselben Fabrik arbeiten, bleibt nichts lang geheim, und ohne Rücksicht auf Verluste werden Gerüchte verbreitet, die gar nicht erst hinterfragt werden, sondern nach und nach ihre Auswirkungen haben. Vor allem auf Charlie, der mit seinen Kinderaugen gar nicht sieht, dass seine Mutter und Dr. Markham mehr als nur gute Freundinnen sind. 
Der Handlungsstrang um die imkernde Jean ist recht fehlerbehaftet. Beispielsweise beschreibt die Autorin das Honigschleudern und die entsprechenden Vorbereitungen unnötig ausführlich, vergisst aber Schritte an der Stelle, wo sie normalerweise hingehören. Auch wirkt das in der Übersetzung gewählte Vokabular zumindest für mich, die ich seit vielen Jahren von Imkerjargon umgeben bin, zum Teil unbeholfen. Termini wie Volk oder Beute wären oftmals passender, als ausschließlich von Stock zu sprechen, und die Vorstellung, dass Zellen anstatt Waben geschleudert werden, ließ mich schmunzeln. Dass Bienen im Winter schlafen, kann ich auch nicht bestätigen. Dem möchte ich aber wenig Bedeutung beimessen, da vermutlich die wenigsten Leser Einblick in die Magazinimkerei (die Jean da ganz offenbar betreibt) haben und sich daran kaum stören dürften. 
Trotz der fachlichen Lapsus gelingt es der Autorin nämlich sehr gut, die Biene als Metapher und bindendes Element einzusetzen. Mehr als einmal erwähnt sie die Kommunikation der Bienen, etwas, das ihren Protagonisten Lydia und Robert in den Ehejahren abhanden gekommen zu sein scheint. Nicht nur ihnen, auch die meisten Menschen im Ort ziehen sich eher tuschelnd zurück, anstatt mit denen, die es betrifft, offen zu kommunizieren. Für Charlie, der bei seinem Vater kein Gehör findet, werden die Bienen eine Art Ersatzpartner. Ihnen vertraut er sich an, und sie können seine Worte natürlich nicht verdrehen oder anderen preisgeben. Auch die Ruhe und Behutsamkeit, die Charlie an Jeans Bienenvölkern erlernt, fehlt dem kleinstädtischen Umfeld. Nicht zuletzt ist es auch ein Glas Honig, mit dem Charlie, stolz auf seine Leistung, die Gunst des Vaters zu gewinnen versucht und das gewissermaßen ein Bindeglied zwischen Vergangenheit und Charlies Rückkehr bildet. Aber wie die Biene hat auch der Mensch die Chance, davonzufliegen und sich da niederzulassen, wo er bessere Bedingungen findet. 

Fazit: 
Gesellschaftsroman, der einfühlsam und mit poetischem Gespür die Geschichte eine zerrütteten Kleinfamilie im England der 1950er Jahre erzählt und zwischen zwei gegensätzlichen Frauen eine sanfte, erwachsene Liebe erblühen lässt, die dem Kleinstadtgeist kaum die Stirn zu bieten vermag. Eine Geschichte über Mutterliebe und den Verlust der Unschuld, einnehmend und bittersüß zugleich.

Gesamteindruck: 
5 von 5 Weißdornzweigen





Buchdaten:
  • Taschenbuch: 416 Seiten
  • Verlag: Knaur TB (7. Februar 2011)
  • Sprache: Deutsch, übersetzt von Karin Dufner
  • Umschlaggestaltung: ZERO Werbeagentur, München
  • Umschlagabbildung: plainpicture/wildcard
  • ISBN-10: 3426506815
  • ISBN-13: 978-3426506813
  • Out of print

Donnerstag, 25. Juli 2013

Unterwegs ...

... am Geiseltalsee.

Vor ein paar Wochen verschlug es uns mal wieder an den Geiseltalsee. 
Vor sieben Jahren waren wir zuletzt dort, und es hat sich seitdem viel getan. 
Ich erinnere mich noch gut, wie ich damals mit Kleinstkind im Tragesitz im holprigen Omnibus bemüht war, dem Zwerg kein Schleudertrauma zu verpassen. 
Heute ist die Fahrt mit dem Geiseltalsee-Express rund um den Tagebaurestsee bei Mücheln sicherlich wesentlich bequemer. 
Leider kamen wir zu spät am Treffpunkt am Besucherzentrum Braunsbedra an. 
Zum einen ist dieses extrem schlecht ausgeschildert, und außerdem wurden wir von der Tankstellenmitarbeiterin, die wir für ortskundig hielten, fehlgeleitet, da diese steif und fest behauptete, in Braunsbedra gebe es (noch) gar kein Besucherzentrum. Gibt es doch. Ein kleines, aber feines Infozentrum mit Mini-Imbiß am Seeufer, wo auch die niedliche kleine blau-gelbe Eisenbahn auf Rädern abdampft, um die Besucher von einer Station zur nächsten zu bringen. Sehr schade! So kann man sich auch die Besucher vergraulen.
Tja, so verpassten wir die Abfahrt der kleinen Bimmelbahn, setzten uns wieder ins Auto und fuhren zu einem spazierfreundlichen Haltepunkt am Weinberg. 
Später gelang es uns doch noch, mit dem Imkertrupp, der unser Ausflugsanlass gewesen war, aufzuschließen. Da mir da aber nicht mehr nach Bienenlehrstunde zumute war, ließ ich den Imker unter seinesgleichen, seilte mich ab und hielt nach der kleinen Natur Ausschau. 
Ausklingen ließen wir den Tag im beinahe maritimen Ambiente der Marina Mücheln, wovon ich aber leider keine brauchbaren Bilder mitgebracht habe, weil der Akku den Geist aufgegeben hat. 
Na dann, bis zum nächsten Mal. 
Weinberg am Geiseltalsee
Besuchertoiletten ;-)
Ein Blick hinab
Man kann das gute Tröpfchen auch probieren (nur war mir vormittags um 11 nich danach :))
Aussicht
Gebänderter Pinselkäfer (auf dem Weinberg war es dann doch etwas windig für ordentliche Makros)
Veränderliches Rotwidderchen
Wie heißt denn dieses Kerlchen?
Trockenstillleben
Becher-Azurjungfer
Kennt Ihr das? Da sucht man stundenlang in den Bestimmungsbüchern und ist sich sicher, die Pflanze darin schon mal gesehen zu haben, aber nix da, man findet sie nicht wieder ...
Siehe oben ... *grummel*
Also bei dem Kerlchen gebe ich nun wirklich auf.
Trockenstillleben Nr. 2
Kartäusernelke
Ausdauernder Lein - noch nie zuvor an anderer Stelle gesehen
Wie zu erkennen ist, hat es mir das zarte Pflänzchen sehr angetan, und ich habe entsetzlich unter dem Wind gelitten :)
Nachtkerze
Der leicht trübe Eindruck trügt leider nicht. Auch wenn es recht warm war, braute sich doch nach und nach etwas zusammen, und ich glaube, wir sind dem Gewitter noch rechtzeitig davongefahren.
Ein letzter Ausblick

Mittwoch, 24. Juli 2013

... über "Sturmherz" von Britta Strauß


Britta Strauß


Berauschend!

(c) Drachenmond Verlag

Zum Inhalt: 
Von der Mutter schon vor Jahren verlassen, lebt Mari nur mit ihrem Vater Thomas in einem Fischerdorf auf einer der schottischen Orkney-Inseln. Gemeinsam betreiben sie seine auf wackeligen Füßen stehende Exotengärtnerei. Obwohl Mari mit den Sagen um das Meer und seine Wesen groß geworden ist, darf sie eines Tages feststellen, dass darin tatsächlich ein Fünkchen Wahrheit steckt. An einem Winterabend stolpert sie am Strand über einen angeschossenen Seehund. Mit Thomas kämpft sie um sein Leben, und da geschieht das Unglaubliche. Der Seehund verwandelt sich in einen jungen Mann. Die Legende um die Selkies ist kein Seemannsgarn. Doch Mari gibt der Freiheitssehnsucht in seinen Augen nach und ihn frei. Vergessen kann sie ihn nicht, und auch der Selkie Louan ist hin und her gerissen zwischen seinen Erfahrungen und dem Interesse des Mädchens, das ihm ganz offenkundig nichts Böses will. Louan ist der letzte seiner Art und hat in der Vergangenheit an den Menschen, die er für nachlässig und zerstörungswütig hält, nicht immer Gutes getan. Obwohl er ins Meer gehört und Mari an Land tiefverwurzelt ist, entspinnt sich zwischen beiden, wider die Vernunft, eine Liebesbeziehung. Bis eines Tages ein Video in die Hände einer Wissenschaftlerin gelangt, die für ihre Karriere über Leichen gehen würde. Und nicht nur sie hat Louan im Visier, sondern auch ein alter, längst tot geglaubter Feind tritt auf den Plan und überzieht See und Insel mit dunkler Gefahr, die Louans Geheimnis und seine Liebe zu Mari aufs Spiel setzt. 

Meine Meinung: 
Nachdem mich Britta Strauß mit "Meeresblau" schon umgeworfen hatte, konnte ich "Sturmherz" natürlich nicht widerstehen, auch wenn Jugendbücher nicht ganz so weit vorne auf meiner Wunschliste stehen.
Die Umschlaggestaltung bildet bereits eine schöne Einheit mit dem Inhalt. 
Geheimnisvoll und düster lädt das Buch zum Aufschlagen und Eintauchen ein. 
Verschnörkelt-verspielte Kapitelüberschriften setzen die liebevolle Aufmachung fort und passen zum sehnsüchtig-melancholischen Touch der Geschichte. 
"Sturmherz" gehört zu den Büchern, von denen ich mich gar nicht lösen mochte. 
Zum einen mag ich Britta Strauß bildhafte, ja bildgewaltige Sprache sehr. 
Mit bewundernswerter Beobachtungsgabe und treffsicherem Gespür für die richtigen Worte schafft sie ein Setting, das ebenso einzigartig schön wie unberechenbar und gefährdet ist. So lässt sie vor dem geistigen Auge lebendige Bilder entstehen, die den Leser unmittelbar zum Schauplatz entführen.
Neben der Sehnsucht nach dem Meer lässt Britta Strauß, wie schon in ihrem Erwachsenen-Paranormal "Meeresblau", nicht unbeachtet, dass vom Meer sowohl Gefahren ausgehen, ihm aber auch zahlreiche Gefahren drohen, so eben die Ausrottung von Arten. 
Diese kritischen Themen verknüpft sie geschickt mit ihren Figuren, lässt sie in deren Wesenszügen und Verhaltensweisen anklingen und regt damit zum Nachregen an, ohne den Leser mit dem Holzhammer zu malträtieren. 
Dabei reflektiert auch dieses Meeresbuch wieder viel Herzblut und Hintergrundinteresse. 
Erfreulicherweise hat Britta Strauß mit ihrer Protagonistin, die als Ich-Erzählerin fungieren darf, eine Jugendliche kreiert, die sich nicht in die Reihe von Charakteren, die sich Mädchenkram hingeben, hineinpressen lässt. 
Wir lernen ein reflektiertes Mädchen kennen, das für ihr Alter recht erwachsen ist. Besonders leicht hat es auch dieser Charakter nicht, denn die Mutter hat die Familie verlassen, weil sie es im Fischerdorf nicht ausgehalten hat. Der Vater hat daraufhin seinen Kummer zunächst in Alkohol ertränkt, bevor er wieder auf die rechte Bahn zurückfand. Mari engagiert sich stark in der Gärtnerei ihres Vaters und verfügt über entsprechendes Wissen. Sie erklärt sich bereit, nach der Schule im Geschäft einzusteigen. Sie ist weder Partygirl noch Modepüppchen, hat aber gewiss ihren Freundeskreis, wobei dieser nur am Rande thematisiert wird. Und doch tobt in Mari eine Sehnsucht. Nicht nach der großen Freiheit in der großen Stadt. Vielmehr macht sie den Eindruck, es müsse eine Lücke in ihrer Seele gefüllt werden, ganz so, als fehlte etwas, das sie vervollständigt und zu dem macht, zu dem sie bestimmt ist. Dass das Meer diese Sehnsucht schürt, ist durchaus nachvollziehbar, selbst wenn man vielleicht meinen möchte, dass das Leben an der Küste eine gewisse Gewöhnung mit sich bringen dürfte, sodass eine Sehnsucht unter Umständen übertrieben anmuten mag. Vielleicht ist es ja gerade das Geheimnisvolle in all dem Seemannsgarn, mit dem sie aufwächst, das kleine, noch so irrationale Hoffnungen aufkeimen lässt. 
Besonders gut gefiel mir, dass Mari in ihrem Vater Thomas nicht einfach einen Alibi-Sorgeberechtigten hat, sondern einen Partner findet. Thomas spielt vor allem im ersten Drittel des Buches eine größere Rolle und darf sich dort als fürsorglicher und verständnisvoller Erwachsener zeigen. Oft vermisse ich in Jugendbüchern Elternfiguren, die eben nicht das Elternklischee bedienen. Viel zu oft schlagen sich die literarischen Jugendlichen allein durch den Alltag, und Eltern kommen als desinteressiert, verständnislos, egoistisch schlecht weg. In "Sturmherz" ist das anders. Thomas hat einen ausgeprägten Beschützerinstinkt, wenn es um seine Tochter geht, das lässt sich nicht abstreiten. Dennoch ist er bereit, sie zu unterstützen. Er hört ihr zu, kommuniziert mit ihr, gibt ihr seine Bedenken zu verstehen und lässt sie nicht blindlings drauflos stürzen. Dies tut er aber auf seine ganz eigene freundschaftliche Art, die weder bevormundend noch erdrückend wirkt. Auch dann nicht, als Louan ins Spiel kommt und sich damit Gelegenheiten bieten, die das väterliche Temperament doch arg herausfordern. 
Louan, der seine Erlebnisse düster und von heftigen Emotionen geplagt ebenfalls aus der Ich-Perspektive schildert, bildet zunächst einen krassen Gegensatz zu der ausgeglichenen und gutmütigen Mari. Auch wenn er äußerlich das Sagenbild bedient und das Mädchen selbstredend schwach wird, stecken in ihm viel Misstrauen und Wut, die ihn zunächst unnahbar machen. Er hat schon so lange gelebt, sowohl im Meer als auch unter den Menschen, viele Enttäuschungen, Grausamkeiten und Verluste erlebt, dass er für ein Jugendbuch ein ziemlich rauer Charakter ist. Gleichzeitig sorgt er bei Gelegenheit für Schmunzelmomente, beispielsweise wenn er sich in textilarmen Szenen so gar nicht unwohl fühlt und damit bei anderen für scheues Erröten sorgt. Britta Strauß meistert hier auch die Herausforderung der Beschreibung von Louans Gestaltwandlung, die sie gekonnt in Handlungen einfügt und vollkommen natürlich wirken lässt. Darüber hinaus erlaubt sie Louan und Mari intime Momente, die für Leser unter sechzehn Jahren vielleicht nicht züchtig genug sind, aber der Leidenschaft, die beide Charaktere vereint, vollkommen gerecht werden.
"Sturmherz" ist insgesamt angenehm arm an Personen. Berücksichtigt man, dass so ein Fischerdorf nun nicht gerade eine pulsierende Bevölkerungsdichte aufweisen dürfte, ist es nur verständlich, dass sich Mari nur in einem beschränkten Personenkreis bewegt, mit dem sie regelmäßig zu tun hat. So wird insbesondere der alte Fischer MacMuffin zu einer tragenden Nebenfigur, die mit seebäriger Art schnell ans Herz wächst. 
Fremde Neuankömmlinge werden rasch zu Eindringlingen, und in diesem Fall verdienen sie alles Misstrauen. In auktorial erzählten Episoden bereits eingeführt, bringen die Wissenschaftler Dr. Ruth Chapman und Dr. Aaron Welsh wenig einfühlsam Action in das Fischerdorf. Besonders Ruth steht hier, bewusst übertrieben schwarz gezeichnet, für skrupelloses Erfolgsstreben und unbelehrbare Sturheit, während Aaron eher ein Schoßhündchen ist, das endlich bei ihr landen möchte. Rücksichtslos geht es in ihren Szenen zu, die dem letzten Drittel des Romans zusätzlich Dynamik verleihen. 
"Sturmherz" bietet einen ganzen Gefühlsmix aus Träumerei, Mitgefühl, Wut, Herzflattermomenten und  Tränenwischen, sodass ich jetzt verzweifelt so lange Nägel knabbere und Taschentücher horte, bis mit "Die Seele des Ozeans" der nächste Meeresroman von Britta Strauß erscheint.

Fazit: 
Poetisch, mit viel Herzblut erzählter Paranormal für junge Erwachsene, der mit tosenden Schauplätzen und einer großen Liebe jenseits der menschlichen Vorstellung berauscht. Empfehlenswert besonders für LeserInnen auf der Suche nach Protagonistinnen, die mit offenen Augen durchs Leben gehen und Unbekanntes nicht verteufeln, und nach Romanzen, die ohne Dreiecksverstrickungen auskommen, das Herz aber trotzdem sehnsuchtsvoll und ungezähmt zum Pochen bringen. Für alle, die sich gerne von der wilden Schönheit von Sprache und Locations verzaubern lassen. 

Gesamteindruck:
5 von 5 Weißdornzweigen 





Buchdaten
  • Broschiert: 352 Seiten
  • Verlag: Drachenmond Verlag (19. Oktober 2012)
  • Sprache: Deutsch
  • Umschlagdesign: Gina Brooks,Melbourne
  • ISBN-10: 3931989771
  • ISBN-13: 978-3931989774
  • Neupreis: 14,90 €
  • Auch als E-Book erhältlich.

Zum Schluss noch der Buchtrailer: 




Sonntag, 21. Juli 2013

... über "Die verbotene Geschichte" von Annette Dutton


Exotisches Ambiente, dunkle Familiengeheimnisse und Frauen, die ihren Mann stehen

(c) Droemer-Knaur

Zum Inhalt: 
Die Kölner Ärztin Katja Gruner hält im Frühjahr 2010 eigentlich nichts mehr in Deutschland. Mit Anfang Dreißig ist sie bereits verwitwet, mit ihrer illustren Industriellenfamilie steht sie nicht auf bestem Fuß und ihr Vertrag mit der Uniklinik läuft bald ab. Auch drei Jahre nach dem tragischen Unfalltod ihres Mannes Michael ist Katja noch immer in Trauer, und sie leidet deutlich unter den Reibereien mit ihrem Vater, in denen auch ihre Mutter nicht wirklich vermitteln kann. In dieser eher desolaten Gemütsfassung erreicht sie ein Schreiben aus Papua-Neuguinea. Die sterblichen Überreste ihrer Ururgroßmutter Phebe Parkinson wurden nach langen Jahren aufgefunden und sollen nun in das Familiengrab neben ihren Mann Richard umgebettet werden. Katjas Familie, die von Beringsens, zeigt sich nicht sonderlich erpicht, an dieser traditionellen Zeremonie beizuwohnen. Außerdem soll das Ereignis just am Geburtstag des alten Patriarchen der von Beringsens stattfinden. Mit Ende Achtzig leitet Albert von Beringsen seinen Konzern noch immer mit eiserner Hand. Dass sich das Unternehmen in der Geschichte nicht sonderlich mit Ruhm bekleckert und auch in der Gegenwart umwelttechnisch mächtig Dreck am Stecken hat, stößt Katja seit jeher mächtig auf. So fällt ihr am Ende die Entscheidung leicht. Anstatt sich auf der Geburtstagsfeier zu ärgern, beschließt sie, alle Warnungen in den Wind schlagend, nach Papua-Neuguinea zu reisen. Ihr Reiseziel präsentiert sich beileibe nicht als Postkartenparadies, denn Katja schlägt unerwartete Feindseligkeit entgegen. Trotzdem entschließt sie sich, zu bleiben, und erhält so Gelegenheit, sich sozial zu engagieren, aber auch mehr über ihre Ururgroßmutter in Erfahrung zu bringen. Nebenbei fasst sie den Mut, nach Australien zu reisen, um am Unfallort ihres Mannes endlich Abschied nehmen zu können. In vielerlei Hinsicht findet sich Katja wieder einer Geschichte voller Geheimnisse, die ihre Welt auf den Kopf stellen. Und irgendjemand versucht mit allen Mitteln, zu verhindern, dass sie Licht ins Dunkel der Vergangenheit bringt. 

Meine Meinung: 
Äußerlich kommt Annette Duttons Roman, der eine Gegenwartsgeschichte geschickt mit fiktionalem und belegtem Historischen verknüpft, eher schlicht daher. Mit der Darstellung der Treppe und der alten Tür stellt die Münchner Werbeagentur ZERO durchaus einen gewissen Bezug zur Geschichte her, erinnern diese Element doch ein wenig an das opulente Anwesen, das eine der Figuren um die Jahrhundertwende zum 20. Jh.s., Emma Kolbe (die es tatsächlich gegeben hat), auf Papua-Neuguinea bewohnte. Die fallenden Blätter und Federn in warmem Rotton unterstützen ein melancholisches Flair, das beim Lesen schon mal aufkommen kann. Ingesamt vermisse ich trotz des leicht kolonialen Touchs aber doch etwas Geheimnisvolles und Regionaltypisches, das mehr Südseefeeling vermitteln würde. 
Annette Dutton stellt in ihrem Roman drei Frauen in den Mittelpunkt: In der Gegenwart trägt die Ärztin Katja Gruner die Geschichte, während in der Vergangenheit vornehmlich eine Johanna Kiehl und deren Freundin Phebe Parkinson im Zentrum der Geschehnisse stehen. Durch Johannas Tagebucheintragungen und Briefe lernt Katja das fremde Land in der deutschen Kolonialzeit bis hin zu verschiedenen Kriegswirrungen kennen. Während die Pfarrerstochter Johanna, die nach Papua reist, um einen Fremden zu heiraten, eine fiktive Figur ist, die von zwei deutschen Missionarsfrauen in der Südsee inspiriert wurde, gab es Phebe - genannt "Miti" - und ihren Mann Richard Parkinson wirklich, wie die Autorin im hinteren Teil des Buchs zur Entstehung des Romans erklärt.
Das Gegenwartsgeschehen unterbricht Annette Dutton immer wieder nicht nur durch Tagebucheinträge, Briefe oder Zeitungsartikel, sondern die Autorin schiebt auch Episoden ein, in denen der auktoriale Erzähler den Leser mitten ins historische Geschehen mitnimmt und an den Erlebnissen der Protagonistinnen teilhaben lässt. Während die Gegenwart ausschließlich Katja gewidmet ist und der Erzähler hier nur ihr über die Schulter schaut, werden in den historischen Passagen nicht nur Johanna und Phebe begleitet, sondern auch andere mit ihnen verbundene Personen. 
Ich muss zugeben, dass das auf 433 Buchseiten spannend und verwirrend zugleich war. 
Mit der Figur der Katja konnte ich mich umgehend anfreunden. 
Wenngleich die zigarettenrauchende Ärztin stellenweise etwas stereotyp gezeichnet ist, ist sie emotional realistisch dargestellt. Ihr Schmerz um den Verlust des Ehemannes, den sie als Liebe ihres Lebens einstuft, ihre Rebellion gegen ihre Familie, die in archaischen Strukturen festgefahren zu sein scheint und Katjas Entscheidungen immer wieder kleinredet, ihre Flucht in die Arbeit lassen sich gut nachvollziehen, sodass mir keine ihrer Entscheidungen im Laufe der Geschichte übereilt vorkam. In ihrem Insichgekehrtsein und gleichzeitigem Sehnen nach einem Tapetenwechsel wirkt sie authentisch. Natürlich ist sie vor irrationalen Handlungen nicht gefeit, beispielsweise als sie sich bei einem Schnorchelgang mit ihrem neuen Chef Lambert, der sie allseits unter seine Fittiche nimmt, das Knie verletzt und trotzdem mit ihm weiterschwimmt, obwohl es am Riff vor Tigerhaien nur so wimmelt. Im Verlauf der Geschichte darf sie sich aber dennoch weiterentwickeln und zu einem neuen Ich heranwachsen.
Annette Dutton stellt alle ihre Frauenfiguren vor schwerwiegende Herausforderungen und bürdet ihnen einiges auf. Wie Katja verwitweten auch Johanna und Phebe früh, wobei es vor hundert Jahren wesentlich schwieriger gewesen sein dürfte, das Alleinleben zu meistern, mit Kindern und noch dazu in einem fremden Land, dessen Kultur stark von Aberglauben geprägt war und ist. Alle Frauen beißen sich auf ihre Weise durch, während ihre männlichen Gegenparts manches Mal rückwirkend deutlich an heroischem Glanz verlieren. 
Obwohl in "Die verbotene Geschichte" sehr viele Personen eingeführt wurden, bekam ich doch Gelegenheit, sie näher für mich zu erschließen und ggf. erste Eindrücke und Vorurteile zu revidieren. So entpuppte sich Katjas Mutter im Laufe der Geschichte dann doch nicht als die vermittelnde, fürsorgliche, mit Mitte Fünfzig noch recht junge Mom, für die ich sie im ersten Kapitel noch hielt, sondern erwies sich eher als katzbuckelnde Schwiegertochter. Der nahezu allmächtige Großvater Albert symbolisiert ein Relikt aus alter Zeit, zeigt sich als mit allen Wassern gewaschener Geheimniswahrer und ist für seine knapp neunzig Jahre von so scharfem Verstand, dass er einem nur unheimlich sein muss
Einen recht blassen Eindruck gewann ich leider nur von Christoph Lambert, der engagiert im lokalen Wald- und Wiesenkrankenhauses auf Papua tätig ist und sich Katja als Reiseleiter und Bauarbeiter zur Hand geht. Er war für mich ein notwendiges Verbindungselement, damit die Deutsche sich in der Südsee nicht gänzlich verrennt, aber ein eventuelles Love Interest sah ich in ihm nie. 
Die eingeflochtenen Australienepisoden gefielen mir gut. Wie schon in Papua-Neuguinea lässt die Autorin sehr farbenfroh und lebendig regionales Ambiente entstehen und zeichnet die Einwohner ihrer eigenen Wahlheimat liebevoll augenzwinkernd als zugänglich und hilfsbereit, was zudem eine willkommene Abwechslung zu den tragischen Vergangenheitsereignissen bietet. 
Darüber hinaus ist die leidgeprüfte Beziehung der beiden Frauen Johanna und Phebe von so tiefer Freundschaft durchzogen, dass ich am Ende tatsächlich ein Tränchen verdrücken musste. 
Im Übrigen fieberte ich der Aufklärung aufgeregt entgegen, da ich zwar einen gewissen Verdacht hatte, am Ende aber doch überrascht wurde, vor allem auch durch den Mut der Protagonistin, sich auf eigene Füße zu stellen und allem Widerstand die Stirn zu bieten.
Ich hatte Gelegenheit, den Roman im Rahmen einer Leserunde zu lesen. 
Im Zuge dessen wurde festgestellt, dass Jahreszahlen nicht stimmten. 
Obwohl mir selbst das gar nicht aufgefallen war, da ich vor allem die Ereignisse um Katja verfolgt habe, ohne auf die Zeitangaben in den Kapitelüberschriften zu achten, ist das doch bedauerlich und dürfte aufmerksame Leser stören. Mich hat der Lapsus nicht vorrangig gestört, aber die Autorin war so freundlich, die Passagen richtig zu stellen, und es bleibt zu hoffen, dass der Verlag die nächste Ausgabe entsprechend korrigiert, damit Leser, die keine Gelegenheit zu einer Leserunde haben, nicht verwirrt werden. Betroffen sind hier die Passagen auf den Seiten S. 115, 142, 158, 200 und 216 - die Geschehnisse ereignen sich noch 2010 und nicht bereits im Jahr 2011. Weiterhin wird gleich zu Beginn erwähnt, "nach mehr als siebzig Jahren" (Seite 23) habe man die sterblichen Überreste der Phebe Parkinson gefunden. Da diese im realen Leben wie auch im Buch 1944 verstorben ist, sind nach Adam Ries im Jahr 2010 (der Roman verlegt die Umbettung hier um einige Jahre) noch keine siebzig Jahre vergangen. Zudem herrscht Verwirrung um das Geburtsjahr des Großvaters, der am Ende des Buches im Jahr 2011 seinen Neunzigsten feiert, in einer Passage, die eine sehr wichtige Episode im Jahr 1928 beschreibt, nach Aussagen seines eigenen Vaters jedoch zwei Jahre alt gewesen sein soll. Gerade bei einem Roman, der den Leser mit einer Vielzahl von Zeitebenen konfrontiert, sollte dort möglichst kein Fehler unterlaufen.
Mich haben jedoch die Figuren mehr in ihren Bann geschlagen, sodass ich an keiner Stelle das Gefühl hatte, den Faden zu verlieren. 
Die Fülle an Vergangenheitsdramatik, gepaart mit dem in der Gegenwart liegenden Aufklärungsdrang, birgt gewissermaßen die Gefahr, dass die beiden Handlungsstränge nur oberflächlich zusammenlaufen. Im Grunde erfahren wir mehr oder weniger nur das, was Katja anhand ihrer Nachforschungen zusammentragen konnte. Das aber ist durchweg interessant und spannend. "Die verbotene Geschichte" eröffnet vielfältige Einblicke in das Papua-Neuguinea von gestern und heute. 
Es ist der lebendigen Erzählweise der Autorin und dem dynamischen Wechsel von Schauplätzen und Zeiten zu verdanken, dass "Die verbotene Geschichte" trotz der erwähnten Holpersteine ein sehr spannendes Lesevergnügen bietet, sodass ich den Roman nur schwer aus der Hand legen konnte. 

Fazit: 
Leicht zu lesender Roman, der Gegenwart und Vergangenheit spannend und  abwechslungsreich mit leidgeprüften, starken Protagonisten verquickt und vor dem Hintergrund eines Familiengeheimnisses Südseeflair historisch, kulturell und sozial lebendig werden lässt. Zeitliche Lapsus dürften akribische Leser zwar stören, dem Lesesog tun sie jedoch wenig Abbruch. 

Gesamteindruck: 
4 von 5 Weißdornzweigen 
(Für mich zählten die Geschichte und ihre Figuren mehr als zeitliche Präzision - Verlagsmenschen sind schließlich auch nur Menschen ;-))





Buchdaten:
  • Taschenbuch: 448 Seiten
  • Verlag: Knaur TB (1. Juli 2013)
  • Sprache: Deutsch
  • Umschlaggestaltung: Werbeagentur ZERO, München
  • ISBN-10: 3426513358
  • ISBN-13: 978-3426513354
  • Größe und/oder Gewicht: 18,8 x 12,4 x 3 cm 
  • Neupreis: 9,99 € 
  • Auch als E-Book erhältlich.



Donnerstag, 18. Juli 2013

... über "Soul Beach 01. Frostiges Paradies" von Kate Harrison

Kate Harrison 

Mysteriöser Trilogieauftakt, der Lust auf mehr macht

(c) Loewe Verlag

Zum Inhalt: 
Megan Foster wurde ermordet. Am 16. Geburtstag ihrer jüngeren Schwester Alice. Nach vier Monaten wird Meggie, die durch eine Castingshow im britischen Fernsehen zu einer kleinen Berühmtheit avanciert war, endlich beerdigt. Doch anstatt angemessen Abschied nehmen zu können, findet Alice just an diesem Tage in ihrem E-Mail-Postfach eine aktuelle Nachricht von Meggie. Zunächst hält sie diese für einen besonders schlechten Scherz, doch dann kommt bereits die nächste. Ihre tote Schwester Meggie lädt sie an den Soul Beach ein. Nach anfänglicher Skepsis klickt Alice auf den Link und findet sich alsbald in der virtuellen Welt des Soul Beach wieder, wo ihre Schwester höchst erfreut auf sie wartet. Und sie ist nicht allein. Der Strand ist voller wunderschöner junger Menschen. Toten. Bald verbringt Alice mehr Zeit bei Meggie am Strand als mit ihren "echten" Freunden, lernt dort neue Menschen kennen und muss feststellen, dass Soul Beach beileibe kein Paradies ist und seine Bewohner dort buchstäblich festsitzen. Unter der allgemeinen Partystimmung sind längst nicht alle glücklich. Alice will mehr wissen und vor allem den Mörder ihrer Schwester finden. Und so bewegt sie sich im Virtuellen wie im Realen auf sehr dünnem Eis. Am Soul Beach darf man nämlich nicht die falschen Fragen stellen, sonst läuft man Gefahr, von der Website verbannt zu werden. Aber während für Alice die Grenzen immer mehr verschwimmen und sich sogar eine unerwartete neue Romanze anbahnt, ahnt sie nicht, dass der Killer sie in der Realität längst im Visier hat. 

Meine Meinung: 
Dank seiner äußeren Aufmachung schreit Kate Harrisons erster Jugendroman "Soul Beach - Frostiges Paradies" danach, in die Hand genommen zu werden. Im Gegensatz zur englischen Originalausgabe kommt die deutsche Festbandausgabe im Loewe-Verlag ganz ohne die Darstellung einer Person aus. Die Umschlaggestaltung ist reduziert auf Pink, Schwarz und etwas Weiß, das dem Schutzumschlag einen abgewetzten Eindruck verleiht. Der Festeinband wiederum ist schwarz, und dank dem komplett schwarzen Buchschnitt bekommt das Buch einen sehr mysteriösen Touch, der nur von der pinkfarbenen Schrift auf dem Buchrücken unterbrochen wird. 
Und mysteriös ist "Frostiges Paradies" durchaus. 
Hauptcharakter des Romans, der den Auftakt zu einer Trilogie bildet, ist Alice, die als Ich-Erzählerin weitestgehend durch das Buch führt, mit kleinen Unterbrechungen durch eine dritte Person, die sich anderweitig nicht zu erkennen gibt und die Spannung aufrechterhält, insbesondere nicht vergessen lässt, dass im realen Leben eine längst nicht identifizierte Gefahr lauert. 
Mit jugendlichen Charakteren tue ich mich oft schwer. 
Häufig sind sie mir zu oberflächlich oder eindimensional dargestellt (vielleicht lese ich auch einfach die falschen Bücher). 
In "Frostiges Paradies" ist das glücklicherweise nicht der Fall, denn Alice ist eine relativ realistische Mischung einer normalen Jugendlichen mit all ihren durchaus stereotypen Macken und einer Jugendlichen, die durch eine traumatische Erfahrung ein bisschen zu schnell erwachsen werden musste. 
Alice ist die jüngere der Foster-Schwestern und hat bei der Verteilung von Schönheit und Talenten, wie man so schön sagt, eher in der falschen Reihe gestanden. 
Sie ist, und das ist in ihrem Alter sicher nichts Ungewöhnliches, nicht ganz mit sich zufrieden, beklagt sich aber im Grunde nur dann darüber, wenn sie sich mit all den Schönheiten am Soul Beach konfrontiert sieht, was sich immer stärker verliert, umso näher sie den Personen am Soul Beach kommt.
Nach einem geheimnisvollen Prolog um ein totes Mädchen beginnt Alices Erzählung vier Monate nach Meggies Tod, sodass Alice bereits einige Trauerphasen hinter sich hat und der Roman trotz des Beerdigungsthemas, das recht kurz abgehandelt wird, nicht umgehend ins Schwermütige abdriftet. 
Sie darf noch traurig sein und leidet einigermaßen darunter, dass sie von ihren Eltern nicht wahrgenommen wird, beinahe, als hätten sie nur das eine Kind gehabt. 
Alice ist nicht typisch aufsässig, auch wenn sie oft enttäuschten Sarkasmus und Verbitterung durchklingen lässt. 
Sie vermisst ihre Schwester und ist berechtigterweise sauer auf sich selbst, dass sie den Wert einer Schwester erst erkannt hat, als diese bereits tot war. 
Damit bietet ihr Gemützustand besten Angriffspunkt für etwas, das auf den ersten Blick wie ein Computervirus wirkt. 
Besorgniserregend schnell wandelt sich Alices gesunde Skepsis in sehnsuchtgeleitetes Vertrauen. 
Kate Harrison gelingt es sehr gut, eine Beziehung zwischen Leser und Protagonistin herzustellen. 
Man folgt ihr gern, macht sich aber auch Sorgen um sie. 
Insbesondere, wenn sie immer mehr Brücken zur realen Welt abbricht, Beziehungen beendet und auf eigene Faust versucht, mehr über Meggies Tod herauszufinden. 
Auch durch die Einführung des Charakters des Danny, den es ebenfalls an den Soul Beach verschlagen hat, wurde meine Besorgnis um Alice noch genährt. 
Obwohl ich sie nicht für todessehnsüchtig halte, befürchtete ich zunächst, sie könnte angesichts der aufkeimenden Gefühle eine "dumme" Entscheidung treffen. Unter anderem hatte ich zwischendurch auch den Verdacht, genau das könnte hinter dem Soul Beach stecken, eine Art Sammler verlorener jugendlicher Seelen. 
Als Fan der Fernsehserie "Ghostwhisperer" hatte mich Kate Harrison dann vollends auf ihrer Seite, als der Charakter der toten Inderin Triti im letzten Drittel des Romans mehr in den Mittelpunkt rückte und das Verweilen wegen unerledigter Angelegenheiten thematisiert wurde.
Alice ließ die Welt der Lebenden und Toten bereits verschmelzen, indem sie klug die Personen recherchiert, die sie am Soul Beach antrifft, um sich Vergewissheit zu verschaffen, dass sie sich den Strand nicht einbildet. Als sie langsam die Regel des Soul Beach für sich erschließt und erkennt, dass unter der Oberfläche des Schönen und Unbeschwerten viel Unglück liegt, entschließt sie sich, auf ihre Weise zu helfen. 
Kate Harrison schildert die Ereignisse in ihrem Auftaktband temporeich und doch einfühlsam, sodass ihre Nebenfiguren nicht zum "Fall der Woche" verkommen, sondern als kleiner Etappensieg auf dem Weg zu einem größeren Ziel erscheinen. 
Obwohl zahlreiche Personen eingeführt werden, kommt keine unnötig vor. Eltern werden genauso thematisiert wie Freunde hier und da. Alle sind immer so schwammig und so klar, wie sie Alice erscheinen, und wir werden sicherlich den einen oder anderen in den Fortsetzungen wiedersehen. 
Darüber hinaus beschreibt sie den Strand der Toten so realistisch, dass man gar nicht erst das Gefühl bekommt, das diese andere Welt vielleicht nicht existiert. Erst wenn Alice einmal die Maus bewegt oder näher an die eingebaute Webcam rutscht, wirkt Soul Beach wie eine virtuelle Welt oder ein Videospiel. 
Dem Übersetzerteam Jessika Komina und Sandra Knuffinke sind die Wechsel zwischen der administrativ anmutenden E-Mail-Sprache, Alices Schilderungen und jugendlichen Dialogen wunderbar gelungen, sodass "Frostiges Paradies" im deutschen ein angenehmes, leichtfüßiges Lesevergnügen wird. 

Fazit: 
Kate Harrison legt mit "Soul Beach. Frostiges Paradies" den ersten Band zu einer Jugend-Mystery-Thriller-Trilogie vor, die das Thema Zwischenwelt neu verpackt und die Toten auf spannende Weise in einer virtuellen Welt am Leben erhält. Geschickt vermischt sie Reales mit Virtuellem und erzählt eine Gänsehaut-Geschichte, in der Freundschaft und vielleicht sogar Liebe nicht vor der Grenze des Todes Halt machen müssen. Dabei lässt dieser Auftaktband erstaunlich viele Fragen offen, sodass die Wartezeit bis zur Fortsetzung zur nägelkauenden Zerreißprobe wird.

Gesamteindruck: 
5 von 5 Weißdornzweigen





Buchdaten:
  • Gebundene Ausgabe: 350 Seiten
  • Verlag: Loewe Verlag (17. Juni 2013)
  • Sprache: Deutsch, übersetzt von Jessika Komina und Sandra Knuffinke
  • Umschlaggestaltung: Franziska Trotzer
  • ISBN-10: 3785573863
  • ISBN-13: 978-3785573860
  • Vom Hersteller empfohlenes Alter: 13 - 16 Jahre
  • Originaltitel: Soulbeach
  • Neupreis: 17,95 €
  • Auch als E-Book erhältlich. 
Buchtrailer: 
 

Montag, 15. Juli 2013

Unterwegs ...

... an der Bode.

Genauer gesagt, an den Bodefällen bei Braunlage, keine Stunde von uns entfernt.
Das Wetter war durchwachsen. Wir starteten in Sonnenschein, wechselten zu Schwüle und  nahmen im Wald dann eine kleine Regendusche.
Und weil's dennoch schön war, lass ich einfach Bilder sprechen. 


Verwachsen.
Am Beginn des Wanderweges, unweit des Großparkplatzes in Braunlage.
Bährenbrücke.
Was bin ich?
Unterer Bodefall.
Unterer Bodefall.
Ebenfalls der Untere Bodefall.
Das mit dem Fallen hat das Kind dann auch direkt wörtlich genommen und die Wassertiefe ausgemessen.
Dreck'sche Schuhe sind auch mal erlaubt :)
Weiter geht's zum Oberen Bodefall.



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