Samstag, 30. März 2013

Samstag, 23. März 2013

... über "Hier könnte ich zur Welt kommen" von Marjorie Celona

Marjorie Celona

"Irgendjemand da draußen braucht immer ein Zuhause."
S. 60

(c) Insel-Verlag
Zum Inhalt:
Kaum auf der Welt wird Shannon von ihrer noch sehr jungen Mutter Yula vor den Türen des YMCA abgelegt. In einem Sweatshirt, mit einem Schweizer Offiziersmesser als Beigabe. Da ist keine Nachricht, keine Antwort auf ein Warum, als die Neugeborene gefunden wird. Man fahndet kurz und vergeblich. Für den Säugling beginnt eine Zeit in verschiedenen Pflegefamilien. Allesamt Konstrukte, die nicht funktionieren und in denen kein Platz für das kleine Mädchen ist. Mit fünf wird Shannon schließlich von der alleinerziehenden Miranda adoptiert. Shannon bekommt ein neues Zuhause und auch gleich eine gleichaltrige Schwester, Lydia-Rose, und von Miranda muss sie nicht mehr fort. Auch wenn sich die gutherzige Miranda nach besten Kräften bemüht, Shannon zu integrieren, fühlt sie sich immer wie ein Fremdkörper. Nirgends passt sie hinein mit ihrer eher unmädchenhaften Statur, dem weißblonden Wattetuff auf dem Kopf und dem blinden Auge. Sie will wissen, woher sie kommt, und als Teenager macht sie sich schließlich auf die Suche nach jenem Mann, der sie damals gefunden hat. Und gemeinsam begeben sie sich auf die Suche nach ihrer Herkunft. Aber wird Shannon finden, wonach sie sucht?

Meine Meinung:
Marjorie Celonas Debüt "Hier könnte ich zur Welt kommen" ist ein recht ungewöhnlicher Roman.
Auch wenn der Umschlag im ersten Moment einen eher träumerischen Eindruck macht, erleben wir auf 347 Seiten eine Protagonistin, die, wie man beim zweiten Hinsehen erkennen wird, buchstäblich losgelöst in ihrer Welt schwebt.
Nicht verträumt und nicht verschlafen, sondern mit dem Gefühl einer Wurzellosigkeit, aus dem im Laufe der Jahre der Drang erwächst, die eigene Identität finden zu wollen.
Ungewöhnlich macht den Roman "Hier könnte ich zur Welt kommen" seine Ich-Erzählperspektive. Im Präsenz erzählt Shannon ihr Leben von jenem Augenblick an, zu dem sie auf den Stufen des YMCA abgelegt wurde. Wir sehen somit durch die Augen eines Säuglings bis hin zum 17-jährigen Teenager. Wir erleben Augenblicke in sehr jungem Alter, an die man sich normalerweise nicht erinnern kann, die aber so echt erscheinen, dass sie umso bedrückender wirken. Umso mehr, da Shannon oftmals einen distanziert beobachtenden Eindruck macht, von sich selbst aber kaum ein schlüssiges Bild zu vermitteln weiß, sich beispielsweise auf ihre äußerlichen Unzulänglichkeiten beschränkt, während andere durch ihre Augen wesentlich deutlicher wahrnehmbar werden.
Dazwischen erzählt Shannon die Geschichte ihrer Mutter, die Tage bis zu ihrer Geburt, von den Wehen bis zum Abschied. Erlebnisse, die nicht ihre eigenen sind und doch zu ihr gehören. Präsenz und Vergangenheitsformen wechseln sich ab, stören den Lesefluss aber nicht.
Stück für Stück tastet Marjorie Celona sich in ihrer Erzählung vor, lässt Shannon älter werden, und während in den Rückblenden, die sich ihrer Mutter Yula, ihrem Vater Harrison und der ganze Tragik ihrer Geschichte widmen, die Trennung immer näher rückt, kommt sie in der Gegenwart der Begegnung mit ihrer leiblichen Mutter immer näher. 
Da die Fahndung vergeblich war und es in Shannons Leben niemanden gibt, der sie über ihre Herkunft aufklären kann, wird dem Leser zwangsläufig recht früh klar, dass Shannons Suche Erfolg haben wird. 
Dabei entbehrt Marjorie Celonas Roman jedoch jeglicher Euphorie. 
Sie erzählt leise und unaufgeregt, mit starken Bildern, die mitunter nicht zu einer Siebzehnjährigen passen wollen. Sorgfältig transportierte die Übersetzerin Christel Dormagen Celonas Text ins Deutsche und gewährleistet eine sprachlich gehobene Lektüre, die ohne Flapsigkeiten und ausgelutschte Gemeinplätze auskommt.
Statt aufrührerischer Wut ist da eher verhaltene Rebellion. 
Dank Adoptivmutter Miranda verkommt Shannon nicht zu einem stereotypen Teenagercharakter, der am Ende allerlei Ärger am Hals hat. 
Shannon ist zwar kein schulischer Überflieger und sie arrangiert sich halbwegs mit ihrem Leben. Dennoch überschreitet sie Grenzen, und die Autorin lässt sie durchaus auch einmal in fragwürdige Gesellschaft rutschen; nur eben nie mit einem großen Knall. 
Gleichzeitig erspart Marjorie Celona ihrer Protagonistin aber auch die üblichen Teenagerprobleme. Für die erste große Liebe und Co. ist in "Hier könnte ich zur Welt kommen" schlichtweg kein Raum. Diese Stolpersteine werden geschickt auf Lydia-Rose, Mirandas leibliche Tochter, abgewälzt, die dagegen rebelliert, ihre Mutter mit einem adoptierten Kind teilen zu müssen. 
Damit gelingt es Marjorie Celona die Ich-Erzählung ihres Romans grundsätzlich erfreuliche,  mitunter aber recht analytische Weise mehrdimensional zu gestalten und Shannon in ihrer Identitätssuche nicht allein zu lassen. Vor allem aber lässt sie trotz aller Tragik nicht vergessen, dass der "irgendjemand da draußen", der ein Zuhause braucht, auch manchmal eines findet.
"Hier könnte ich zur Welt kommen" ist aber auch ein Roman, der den Leser stellenweise in Zwiespalt geraten lässt. So oft Hoffnungsfunken leise zündelten, so war ich mir doch nicht immer schlüssig, was ich mir für die Protagonistin wünsche. 
"Hier könnte ich zur Welt kommen" ist im Grunde keine Suche nach dem Glück, auch geht es weniger darum, einer Mutter, die ihr Kind ausgesetzt hat, zu vergeben oder ihre Gründe oder gar Mutterliebe zu hinterfragen (im Original heißt der Roman zwar "Y", woraus sich die Frage "Warum?" deuten lässt, dennoch klingt diese nur sehr subtil an). Auch gelingt es Marjorie Celona, erstaunlich wertfrei zu erzählen. Weder verurteilt sie Shannons Mutter noch heischt sie nach Verständnis, trifft aber immer den richtigen Ton, um dennoch starke Emotionalität nachhallen zu lassen.
"Hier könnte ich zur Welt kommen" versprüht trotz seiner leisen Töne im beinahe heimeligen Flair von Vancouver Island eine gewisse Rastlosigkeit, die den Wunsch nach einem Ankommen schürt. Einem Ankommen der Protagonistin bei sich selbst. Und man lernt, in Kauf zu nehmen, dass das eigene Hoffen und Bangen im Zuge der Lektüre unter Umständen nicht befriedigt wird. 

Fazit: 
Debütroman, der auf mehreren Erzählebenen nicht wenig Tragik entfaltet und sich nicht vor unperfekten Charakteren scheut. Trotz kleinerer Längen besticht die Identitätssuche der Protagonistin mit emotionaler Dichte und vorsichtiger Hoffnung, ohne nach Sympathien zu heischen und vordergründig zu verurteilen.
Ein leiser Roman, der sich außerhalb des Mainstreams behutsam ins Leserherz hineinschleicht und auch noch nachklingt, wenn das Buch längst wieder im Regal steht. 

Gesamteindruck: 
4 von 5 Weißdornzweigen
(Punktabzug, weil der Roman in seiner Gesamtheit eine gewisse Schwermut verströmt und vom Leser viel Bereitschaft abverlangt, Funken von Hoffnung und Lebensleichtigkeit zwischen den Zeilen zu erfassen.)





Buchdaten
  • Gebundene Ausgabe: 347 Seiten
  • Verlag: Insel Verlag; Auflage: 1 (11. März 2013)
  • Sprache: Deutsch, übersetzt von Christel Dormagen
  • Umschlaggestaltung: glanegger.com, Büro für Buch und Grafik, München
  • Umschlagfoto: Jan Stromme/Getty Images; shutterstock.com
  • ISBN-10: 3458175628
  • ISBN-13: 978-3458175629
  • Originaltitel: Y
  • Größe und/oder Gewicht: 20,4 x 13 x 3 cm 
  • Neupreis: 19,95 €
 

Donnerstag, 21. März 2013

Vorösterliche Gesangeskulisse

Zu einem Bericht zur diesjährigen Leipziger Buchmesse kann ich mich bislang nicht durchringen, denn dieses Frühjahrsevent war für mich einmal ein anderes Erlebnis. Schön auf jeden Fall, aber vielleicht eher unspannend für Zuhörer/Mitleser. 
Viel mehr beschäftigt mich momentan meine kleine Welt mit all ihren kleinen Schönheiten, die mich schon immer inspirieren konnten. Momentan keimt die Inspiration in mir zwar verhalten, aber dennoch genieße ich die Präsenz von leisen und lauten Eindrücken, die den Alltag verschönern, aber auch zum Nachdenken anregen
Stausee Kelbra - ein Zugvogelparadies
Im Dorf herrscht derzeit gewaltiger Krach - nun gut, das ist eine Frage der Sichtweise: Was für den einen unterträglicher (zeitlich begrenzter) Krach ist, ist für den anderen schon wieder der wohlklingendste Gesang der Natur überhaupt. 
Seit mittlerweile drei Wochen ist unser Dorf nämlich bevorzugter Aufenthaltsort Hunderter Kraniche.  
Jeden Morgen kommen sie in Scharen singend herbeigeflogen, lassen sich auf dem Acker nieder, picken unter der Schneedecke etwas hervor und singen ununterbrochen weiter. 
Ein Kommunikationsspektakel zwischen menschenscheuen Tieren, das sich dem menschlichen Zuhörer nicht so recht erschließen will.
Zugegeben, das ist ein etwas ungewohntes Bild. 
Obwohl die Region Nist- und Rastplatz für unterschiedlichste Zugvögel ist, kann ich mich nicht erinnern, in den Jahren, in denen wir hier leben, so nah in der Nachbarschaft Kraniche gesehen zu haben und wenn, dann erst recht nicht für einen so langen Zeitraum. Im letzten Jahr sahen wir vereinzelte Grüppchen fünf Kilometer entfernt, vor die Linse bekamen wir sie jedoch nicht. 
Wie ich unserer Regionalzeitung MZ, die ich - eine Ladung Asche auf mein Haupt, bitte - in der Regel maximal auf Facebook verfolge, entnehme (Ausgabe vom 16.3.2013), sind in nächster Zeit gut siebzigtausend Tiere in nächster Zeit im Deutschlandanflug. Ich werde das Gefühl nicht los, dass alle Zigtausend bei uns vorbeikommen. 
Dabei gehe es den Kranichen aber noch gut, heißt es unter Berufung auf die Deutsche Wildtier-Stiftung. Der kapriziöse Winter mache ihnen nicht allzuviel aus. Nahrung finden sie, weil es glücklicherweise nicht ganz so knackend kalt und dementsprechend die Gewässer weitestgehend frei seien und sich auch auf den Feldern etwas finden ließe.  
Andere gefiederte Zeitgenossen hingegen haben es schwerer. Sogar von Rückkehrern aus dem Norden ist die Rede.  
Nach Hause reisen und zwischendurch wieder umkehren in den Urlaub, weil das Zuhause noch nicht bewohnbar ist, da kommt es schon mal zum Stau. 
Auch beim Vogelfutter - das hierzulande langsam knapp wird.
Rosinen, Äpfel, Birnen und Haferflocken können - im Gegensatz zu Brot - dem hungrigen Kleinvogel helfen. 
Bleibt zu hoffen, dass der Winter den Gesang der Kraniche erhört und dem Frühling in den nördlichen Brutgebieten bald den Vortritt lässt und damit dem Stau ein Ende bereitet. Schließlich wollen unsere Kinder auch noch in den nächsten Jahren den Zugvögeln zuwinken. 
Bis dahin sitze ich aber möglichst mäuschenstill, den Atem anhaltend, mit Teleobjektiv am Feldrand, lasse mich von seltsamem Märzschnee einschneien und knipse was das Zeug hält. Damit ich sie nicht vergesse, die kleine Geschichte, die da schwelt. Über Heimat und das kleine große Glück, das nicht fortfliegen darf.

Bilder ausnahmsweise mal größer, damit man vom Kranich auch etwas sieht. 
(c) Sinje Blumenstein, 2013
 
 

Sonntag, 10. März 2013

Frühlingsfarben

Auch wenn es heute ein verregneter Sonntag war, habe ich die Gelegenheit genutzt, um nach Frühlingsboten zu suchen. Daran habe ich offenbar gut getan, denn jetzt ist es wieder Essig mit dem Frühlingsfeeling. Der neuerliche Schnee ist nun auch im Südharz angekommen.

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