Mittwoch, 27. Februar 2013

... über "Spiel der Herzen" von Sabrina Jeffries

Sabrina Jeffries

Charmante Regency Romance

Zum Inhalt:
(Es handelt sich hierbei um den zweiten Band von Sabrina Jeffries' Reihe um die Sharpes. Eine Kenntnis des Vorgängerbandes ist jedoch nicht zwingend erforderlich.)
Lord Jarret Sharpe ist ein Spieler und hat schon gar keine Lust, sich zu binden. Deshalb ist er auch heilfroh, dass er dem Ultimatum seiner Großmutter Hester, die all ihre Enkel, unter Androhung, sie zu enterben, binnen Jahresfrist unter der Haube wissen will, entgehen kann. Als sie erkrankt und einen Vertreter in der Brauerei benötigt, macht Jarret einen Handel mit ihr. Sie nimmt ihn von ihrem Ultimatum aus, und er leitet die Brauerei für ein Jahr. So ist es dann auch nicht Hester Plumtree, die Annabel Lake antrifft, als sie mit einer Geschäftsidee nach London reist. Die Familienbrauerei Lake in Burton steckt in großen Schwierigkeiten, und Annabel hat es sich in den Kopf gesetzt, Hilfe bei der Brauerei Plumtree zu suchen. Immerhin wird diese von einer Frau geleitet, was Annabel auf Verständnis hoffen lässt. Nun sitzt da aber ein schneidiger Lord, der mitnichten einen lupenreinen Ruf hat und sich von Annabels Idee wenig angetan zeigt. Aber so leicht lässt sich Annabel nicht abwimmeln. Sie heftet sich an Jarrets Fersen und lässt sich auf ein Kartenspiel ein, das nicht nur Hoffnung für die Rettung der Lake-Brauerei versprechen könnte, sondern auch die Gefühle des eisernen Junggesellen durcheinanderwirbelt. Doch eine marode Brauerei ist längst nicht alles, mit dem Annabel Jarret überrascht ...

Meine Meinung:
"Spiel der Herzen" zählt zu den zahlreichen historischen Liebesromanen der erfolgreichen US-amerikanischen Autorin Sabrina Jeffries. Die Geschichte um Lord Jarret Sharpe gilt als Regency Romance, auch wenn der Plot im Jahr 1825 angesiedelt ist. 
Modisch kann man die Dame auf dem Umschlag somit gelten lassen, auch wenn sie mir etwas zu offenherzig ist, wobei dieser Eindruck noch verstärkt wird, da auch die Innenseiten der Klappenbroschur dekolletélastig sind. Neben der behandschuhten Dame, die einen sinnlich-noblen Eindruck vermittelt, ohne weidwund in die Kamera zu schmachten (immerhin sehen wir keine Augen), lassen die Blatttexturen an eine edle Webarbeit denken, die für die Verhältnisse der Geschichte vielleicht etwas zu edel wirkt, sich aber harmonisch in das Gesamtbild der bei Lyx unter dem Label "Historical Romance" erscheinenden Romanzen einfügt. Die Spielkarten in ihrer Hand bilden ein dezentes Band zum Inhalt des Romans.
Als Hintergrund für ihre Liebesgeschichte hat sich die Autorin das englische Braugeschäft ausgesucht, das sie mit historischen Details einfließen lässt, ohne den Roman mit zu viel Bier oder zu viel Histo-Wissen zu überfrachten. So ist die Brauerei denn auch der eigentliche Lebensinhalt des Protagonisten, der, wie wir bereits im Prolog erfahren, zu einer anderen Karriere gezwungen werden sollte (frei mach dem Motto: "Junge, wir haben uns da was anderes für dich vorgestellt") und sich schließlich in ein Spielerdasein hineinmanövrierte. Als Spieler und Frauenheld hält sich sein Sympathiepotenzial natürlich zunächst in Grenzen, aber Sabrina Jeffries gelingt es im Laufe ihrer Geschichte sehr gut, Jarret in die Leserherzen zu schreiben. Er ist mitnichten ein Spieler, der alles aufs Spiel setzen würde, und erst recht nicht ist er ein Snob. Als zweitältester Sharpe hat er durchaus ordentlichen Familiensinn und will seine Geschwister versorgt wissen, falls diese an Großmutter Hesters Ultimatum scheitern. Genau dieses Ultimatum bildet den Rahmen der Gesamtgeschichte und gilt bereits für den ersten Band, der dem ältesten der Sharpe-Kinder, Oliver, gewidmet war. Ingesamt gibt es nämlich fünf Enkel - sie alle haben den tragischen Tod ihrer Eltern zu verarbeiten - und Großmutter Hester, die sie alle aufgezogen hat, will nun, dass alle binnen Jahresfrist verheiratet sind. Ansonsten droht Enterbung. 
Auch wenn sich Jarret gleich zu Beginn aus dem Deal herausmogelt, darf man bei einem Liebesroman zwangsläufig damit rechnen, dass über kurz oder lang eine Herzdame ins Spiel kommt. Und mit Annabel Lake führt Sabrina Jeffries sehr flott eine Herzdame ein, die erfrischend anders ist. Sie ist keineswegs ein junges Hüpferchen Anfang Zwanzig, sondern mit beinahe dreißig Jahres steht sie mit beiden Beinen fest im Leben und hat mehr als nur Geschäftssinn. Weil ihr Bruder eher früher als später mit seiner Misswirtschaft die Brauerei in den Ruin treiben könnte, nimmt sie das Schicksal selbst in die Hand. Nur zeigt sich Lord Jarret ihr gegenüber zunächst höchst altmodisch, misstraut ihren Instinkten und lässt dabei außer Acht, dass seine Großmutter ja selbst die Geschicke einer Brauerei lenkt. 
Es treffen buchstäblich zwei Kampfhähne aufeinander, bei denen man das Gefühl hat, sie wollten sich gegenseitig immer von Gegenteil überzeugen. Beide sind sehr hartnäckig, und so entscheidet zunächst ein Kartenspiel über den weiteren Fortgang der (Liebes)Geschichte. Während Jarret vermutlich noch spekuliert, ob Annabel kneifen wird, gibt sie sich gerade heraus und lässt sich auf das Spiel ein, bei dem sie, hat sie das schlechtere Blatt, das Bett mit Jarret teilen soll. 
Zu diesem recht frühen Zeitpunkt der Geschichte ist der Leser Jarret aber bereits voraus und weiß, dass Annabel nicht die schockierte Jungfrau ist. Sie mag zwar unverheiratet sein, aber sie hat nicht nur ein Geheimnis, das Jarret nicht erfahren soll. 
Was bei besagtem Kartenspiel als neckischer Schlagabtausch beginnt, zieht sich durch den gesamten Roman. Annabel und Jarret sind kein typisches Paar, das sich mit rosaroter Brille anschmachtet, und obwohl eine knisternde Grundstimmung besteht, dauert es eine ganze Weile, bis der echte Liebesgroschen fällt. Man tänzelt aber auch nicht lüstern umeinander herum, sondern Jarret macht mitunter recht forsche Avancen, die aber seinem Naturell durchaus entsprechen. Er spielt nun mal gerne mit dem Feuer. Nur rechnet er ganz und gar nicht damit, dass Annabel eine Frau (mit weit zurückliegender Erfahrung und) mit Bedürfnissen ist. Es ist erfrischend zu lesen, dass eine Protagonistin nicht verstohlen beiseite schaut, wenn es um Intimes geht. Nein, Annabel zeigt Interesse und übernimmt in einschlägigen Szenen keinen passiven Part. 
Selbstverständlich wirft Sabrina Jeffries ihrem Liebespaar der Woche, das amüsant flirtet, aber nicht nervtötend turtelt, so einige Steinchen in den Weg und ermöglicht vor allem dem männlichen Part, sich weiterzuentwickeln, menschlich zu reifen und Traumata aufzuarbeiten. Auch wenn Annabel ebenfalls nicht vor Fehlern gefeit ist, zählt vor allem Jarret zu jenen Charakteren, die der Leser gerne mal am Kragen packen und ordentlich durchschütteln möchte. 
Obwohl natürlich der Fokus in dieser Liebesgeschichte auf dem vorherbestimmten Paar liegt, hätte ich mir eine detaillierter Ausarbeitung der Nebencharaktere gewünscht. Diese sind auch in diesem Roman nicht unwichtig und hier maßgeblich an der Lebenssituation der Protagonistin beteiligt, daher empfand ich die Auflösung/schickliche Klärung der Lage gegen Ende des Romans leicht übereilt. Dort hätte ich mich über etwas mehr Tiefe gefreut, insbesondere da ein Kind in diese Geschichte involviert ist. Ansonsten versteht es die Autorin ausgezeichnet, die Entwicklung aller Beteiligter mit kleinen liebevollen Details zu begleiten, die der aufmerksame Leser sicherlich zu schätzen weiß. 
"Spiel der Herzen" macht auf jeden Fall neugierig, welche(r) Sharpe als Nächste(r) unter die Haube kommt. Einem Wiedersehen mit Jarret und Annabel wäre ich ebenfalls nicht abgeneigt. 

Fazit:
Sympathisch erzählte historische Romanze, die nicht ganz so leichtfüßig beginnt, sich aber zu einem erquicklichen Spiel um Bier und Liebe entwickelt, in dem gesellschaftliche Konventionen und Entscheidungen nicht immer auf Zustimmung beim Leser finden müssen, aber vor allem die Hauptcharaktere mit neckischer Dynamik für vergnügliche Lesestunden mit Schmunzeln und Seufzern sorgen. 

Gesamteindruck:
4 von 5 Weißdornzweigen






Buchdaten:
  • Taschenbuch: 400 Seiten
  • Verlag: LYX; Auflage: 1 (13. Dezember 2012)
  • Sprache: Deutsch, übersetzt von Antje Görnig
  • Umschlaggestaltung: Guter Punkt, Münschen, Umschlagmotiv: @Richard Jenkins
  • ISBN-10: 3802586832
  • ISBN-13: 978-3802586835
  • Originaltitel: A Hellion in her Bed
  • Neupreis: 9,99 €
 
    

Sonntag, 24. Februar 2013

War das ernst gemeint?

Nö, ich fang jetzt nicht zu meckern an :) Immerhin gönne ich meinem Kind mal ordentliche Schneewehen. Mal so richtig bis zur Hüfte im Schnee stecken, sich durch den Schnee graben. Das ist doch toll. Klar, seit zwei Tagen schippe ich wieder Schnee, mit Schniefnase und Schulter-Nacken-Dingsbums, und grummele vor mich hin, warum wir dsa nicht in den Winterferien erleben durften. Na ja. Da kann man wohl nichts machen. Der Frühling kommt. Irgendwann. Zu Ostern vielleicht?

Mittwoch, 20. Februar 2013

Am Sonntag unterwegs

Der Roland
Auch wenn wir bereits die Mitte einer weiteren kapriziösen Winterwoche erreicht haben, will ich heute wieder einmal ein paar - leider etwas trübe - Ausflugsimpressionen mit euch teilen. Meine Facebook-Verfolger werden die Bilder schon gesehen haben, aber da mir Blogger in letzter Zeit immer mal einen Streich spielt, komme ich nun erst dazu, die Kategorie "Regionales" zu füttern.
Am Sonntag hatten wir keine Lust auf den tausendsten Schlechtwetterspaziergang rund ums Dorf
Also sind wir ins Auto gehüpft und so um die zehn Kilometer in ein anderes Spazierdorf gefahren. 
Der Südharz bietet durchaus einige interessante Wanderziele, die außerdem am Wegrand mit ein paar Informationen aufwarten, sodass man an der frischen Luft auch noch etwas lernt. 
Queste
So tuckerte das Auto denn mit Sohnemann und mir ins kleine Questenberg, das wir spätestens im Frühjahr wieder besuchen werden. Der Karstwanderweg führt durch diesen kleinen Ortsteil der Gemeinde Südharz, in der man sich gleich für zwei Aufstiege entscheiden kann. 
Zum einen ist Questenberg bekannt für sein Questenfest, das seinen Namen wiederum der Queste verdankt. Das ist eine Eichensäule, an der jeweils am Pfingstwochenende ein frischer Kranz aus Birken- und Buchengrün mit zwei Quasten angebracht wird. Besagte Säule steht gut sichtbar auf einer Felswand und soll das Dorf schützen und segnen. 
Obwohl Questenberg auch eine Burgruine zu bieten hat, entschied sich mein Sohn für den Aufstieg zur Queste. 
Auf dem Weg dahin begegneten wir der einen oder anderen Infotafel
Unter anderem passierten wir ein Steinkreuz, dem man die Funktion eines Sühnekreuzes zuschreibt. So haben im 14. und 15. Jh. Totschläger ein steinernes Kreuz anfertigen und am Tatort aufstellen müssen, um das Verbrechen zu sühnen.
Gletschertöpfe
Das Internet wusste zu diesem Thema noch hinzuzufügen, dass der Legende nach ein Versetzen des Kreuzes unheilvolle Folgen nach sich ziehen kann. Nebenstehendes Kreuz hat nun wiederum das Schicksal der Umsetzung erlebt. In den 1950ern wurde es nämlich umgefahren und ging kaputt (ich kann mir ja den Kommentar nicht verkneifen, dass die Sachsen-Anhalter wohl schon zu Zeiten, in denen nur wenige Autos unterwegs waren, selbige nicht zu bedienen wussten bzw. rasant durchs Land brausten). Nach der Reparatur erhielt es einen neuen Standort. Über das Schicksal der Urheber dieser Versetzung ist mir nichts bekannt, Stoff für Geschichten lässt sich hier allemal finden. 
Klein auf altem Baumstamm
Wir hatten bald die vermeintliche Krimi-Location hinter uns gelassen und fanden uns bald vor etwas wieder, was mein Sohn als Märchenschlafzimmer mit Toilette für Riesen bezeichnete. Die Karstlandschaft hatte an jener Stelle nämlich etwas ausgebildet, das aussieht wie Gletschertöpfe, aber eigentlich nichts anderes ist als Auflösungsformen und Strudellöcher, die entstanden sind, als das Dorfbächlein Nasse noch etwas höher lag und im Laufe der Zeit den Gips lösen und das Gelände eintiefen konnte. 
Ortsansicht geschrumpft
Vorbei an den steinernen fantasieanregenden Gebilden gelangt man über einen recht naturbelassenen Pfad, den man bei Eisbildung vielleicht nicht unbedingt beschreiten sollte, durch einen Buchenwald hinauf bis zur Queste. Eine Wanderung, die wir bei besserem Wetter unbedingt wiederholen müssen. Vom Felsen, der mit einzelnen Birken und Heidekraut bewachsen ist, aus hat man eine gute Aussicht auf den Ort selbst und auch hinüber zur Burgruine, die, wie gesagt, in naher Zukunft ebenfalls auf dem Ausflugsprogramm steht. 
Im Übrigen befindet sich an der Queste eine Stempelstelle der Harzer Wandernadel, sodass fleißige Wanderer hier ihren Wanderpass abstempeln lassen können. 
Was von der Burg Questenberg noch übrig ist.
Geschafft. Wir sind oben. Aber auch da war's nur trüb und feucht.
Umgefallen ...
Buchen überall
Der "Topf" von der Seite
Der "Topf" von vorne
    

Sonntag, 10. Februar 2013

Vereister Sonntag

Ich bin weder verschollen noch eingefroren, allerdings stecke ich wie üblich bis über beide Ohren in fremden Sprachen und kann mich kaum kreativen Steckenpferden widmen. Als kleines Lebenszeichen gibt es heute eine eisige Sonntagsimpression.

Dienstag, 5. Februar 2013

... über "Adieu, Sir Merivel" von Rose Tremain

Rose Tremain 

Was von sinnlicher Dekadenz übrig blieb ...

Zum Inhalt: 
Robert Merivel hat weit aufregendere Zeiten hinter sich. 
Ehemals Leibarzt der königlichen Hundemeute und Unterhalter Seiner Majestät genoss er neben den Ausschweifungen am Hof auch die Gunst des Königs. Bis Charles ihn mit seiner Mätresse Celia vermählt und Merivel, trotz ausdrücklichen Verbots, seiner Frau Avancen macht. Ende 1683 stehen der Arzt und der König zwar wieder auf gutem Fuße, aber auf Merivels Landgut Bidnold wird es einsam. Tochter Margaret verlässt das Haus, und dem alternden Merivel bleiben sein noch älterer Diener Will, eine überschaubare Dienerschaft und seine Patienten. Den 57-Jährigen packt noch einmal das Abenteuerfieber. Mit einem Empfehlungsschreiben Charles' in der Tasche macht er sich auf nach Versailles. Den Sonnenkönig will er kennenlernen, seinen prunkvollen neuen Hof erleben und vielleicht sogar in seine Dienste treten. Kaum in Frankreich angekommen, platzt auch schon Merivels Seifenblase. Versailles quillt über vor Audienzsuchenden, und Louis XIV. hat keineswegs auf einen alternden englischen Arzt wie Merivel gewartet. Während Merivel sich mit einem Niederländer eine enge Absteige teilt und sich von Erbsen und Marmelade ernährt, lässt er sich die Gewänder nach neuester französischer Mode ändern und begegnet der charmanten Louise de Flamanville. Der Lebemann in Merivel wird von der intelligenten Französin (und ihrem sexuellen Appetit) neu geweckt, und die Affäre mit ihr lenkt ihn erfolgreich von der Enttäuschung, keine offizielle Audienz bei Louis erhalten zu haben, ab. Doch Louise ist - wenn auch unglücklich - verheiratet, und nicht zuletzt dieser Umstand veranlasst den Engländer zur Heimkehr. Gute Neuigkeiten erwarten ihn allerdings dort nicht. Seine Tochter Margaret ist an Typhus erkrankt, und für Merivel beginnt ein Winter des Kampfes um das Überleben seines einzigen Kindes, ein Winter, in dem die Freundschaft zu König Charles wieder auflebt und Louise, die er für die große Liebe seines Lebens geglaubt hatte, beinahe in Vergessenheit gerät. Doch das Ende hat bereits seinen Anfang genommen ... 

Meine Meinung: 
Ich möchte vorausschicken, dass "Adieu, Sir Merivel" die Fortsetzung von Rose Tremains 1989 erschienenen Roman "Zeit der Sinnlichkeit" ist. Dieser ist nun etwa zeitgleich mit der gebundenen Ausgabe von Rose Tremains neuem Werk bei Insel Taschenbuch als Taschenbuch in Neuauflage erschienen. Im Übrigen wurde "Zeit der Sinnlichkeit" 1995 mit Robert Downey Jr. verfilmt. 
Leider wird das weder im Buch noch auf dem Umschlag erwähnt. 
Im Grunde ist die Kenntnis des ersten Romans nicht notwendig, da der Ich-Erzähler Robert Merivel die wichtigsten Ereignisse der vergangenen zwanzig Jahre noch einmal zusammenfasst, aber ich könnte mir durchaus vorstellen, dass die Lektüre des Vorgängers hilfreich sein kann, um die Entwicklung des Charakters Merivel vom jungen Lebemann hin zu einem gereiften Mann, dem als Arzt sehr an seinen Patienten gelegen ist, der aber andererseits das Gefühl hat, auf seinem Landgut zu versauern, eingehender für sich zu erschließen. 
Allerdings muss ich sagen, dass ich nach "Adieu, Sir Merivel" kaum Lust auf noch mehr historisches England verspüre. 
Mit dem gealterten Robert Merivel hat Rose Tremain einen Charakter geschaffen, der nur schwer zu ertragen ist. So sehr er sich durch seine Zuneigung zu seiner Tochter, die er per Kaiserschnitt entbinden musste und dabei ihre Mutter opferte, seine treue Verbundenheit mit seinem fast väterlichen Diener und seine immer wieder durchscheinende Kompetenz als Arzt hervortut, so sehr bekleckert er sich doch auch mit einiger Überheblichkeit, Anhänglichkeit gegenüber dem König und Unentschlossenheit. 
Er ist der Inbegiff eines alten Mannes, der meint, etwas verpasst zu haben und jetzt noch einmal so richtig auf den Putz hauen muss. Letzten Endes aber hat er trotz aller Loyalität keinen Arsch in der Hose, sodass es schwerfällt, diesem Charakter Sympathie entgegen zu bringen. 
Dem Umstand, diesem Charakter zu folgen, der zwischen Jammern und Arroganz in antiquierter Sprache seinen Lebensweg über zwei Jahre hinweg schildert, ist es geschuldet, dass ich für die 445 Seiten gut zwei Lesewochen benötigte. 
Über den gesamten Roman hinweg wurde ich den Eindruck nicht los, Merivel sei sehr bemüht, auch ja nichts in seinen Memoiren zu vergessen. So nutzt er die unter Berücksichtigung der zeitgenössischen Verkehrsmittel recht lange Reise, die ihn von Bidnold über Charles' Hof und den Ärmelkanal nach Versailles führt, um ausschweifende Rückblicke auf jene Zeiten zu werfen, in denen der König und er noch jung und potent gewesen waren. Dann wieder scheint ihm jede noch so kurze Begegnung wichtig. Wie er auch lernen wir neue und alte Charaktere kennen, wobei es unerheblich ist, ob diese im Verlauf der Geschichte noch einmal auftreten oder nicht. Dabei ist man rasch geneigt, den Faden zu verlieren.
"Adieu, Sir Merivel" gehört auch zu jenen Romanen, an die ich mit falschen Erwartungen herangegangen bin. Fälschlicherweise hatte ich mir von Rose Tremains historischem Roman die Geschichte eines Engländers in Frankreich erhofft, und der Dämpfer, der Merivel bei Ankunft aufgesetzt wurde, versprach im ersten Moment einen netten kleinen Kulturschock. Merivels Aufenthalt in Frankreich ist jedoch nicht mehr als ein kurzes und oberflächliches Zwischenspiel. 
Selbst die Affäre mit Louise de Flamanville weiß nicht mit Leidenschaft oder Sinnlichkeit zu bestechen, was ich jedoch Merivels leicht arroganter, leidenschaftsloser Erzählweise zuschreiben möchte. Diese vereitelt es denn auch, sich in die zahlreichen weiteren Charaktere hineinzufühlen. Kaum ein Charakter aus Merivels näherem Umfeld konnte sich mir mit einem einem Gesicht einprägen, und es entstand ein allgegenwärtiges Bild von Verbitterung und Ressentiments, in dem die Suche nach subtileren Zwischentönen zu anstrengend wurde. 
Anstrengend ist auch die Sprache des Romans, denn aufgrund der Ich-Erzählung hält sich auch die Übersetzung an verstaubte Ausdrücke und Sprachkonventionen. Das verleiht der Erzählung zwar einen authentischen Touch, macht "Adieu, Sir Merivel" aber nicht unbedingt zu flüssiger Lektüre. Dazu trägt außerdem der gehäufte Zeitwechsel zwischen Präsenz und Vergangenheitsformen bei, der dazu führt, dass man sich zunächst auf den Erzählebenen verliert. Etwas befremdlich fand ich zudem, dass in der Übersetzung die Namen der Könige im Original belassen wurden, wo Karl und Ludwig im Deutschen doch durchaus üblich sind. Da ich nun aber kein passionierter Historienromanleser bin, ist es nicht auszuschließen, dass mir hier gegenteilige Üblichkeiten entgangen sind.
Positiven Eindruck konnte Rose Tremain jedoch mit ihrer Darstellung des ausgehenden 17. Jh.s. hinterlassen. Wie auf dem Schutzumschlag, der eine marode Tapisserie zeigt und einen goldenen Festeinband freigibt, bröckelt die Fassade. Dabei ergeht sie die Autorin jedoch nicht in historischen Fakten oder Begleitgeschehnissen, sondern konzentriert sich vorrangig darauf, ihre Geschichte um Merivel abzuschließen. Wie die Charaktere selbst, wirken auch das Land und seine Gesellschaft zunehmend gealtert. Von ausschweifender Dekadenz und Opulenz ist wenig zu spüren. Im Gegenteil, Merivel ist kaum in der Lage, den König, der ihn überraschend besucht, als Margaret im Krankenbett dahinsiecht, angemessen zu bewirten. Er lebt quasi ausschließlich vom Loyer, das der König ihm für sein Landgut zukommen lässt, achtet ansonsten aber kaum auf ein vernünftiges Mahnwesen und behandelt seine Patienten oft, ohne sein Honorar einzufordern. Dann wieder schießt er sich mit dem vom König bezahlten Opium lieber selbst ab und steht dann, als er es für eine Patientin bräuchte, vor einem zusammengeschrumpften Vorrat. (Angesichts solcher Exzesse habe ich mich oft gefragt, wie denn der gute Merivel seine Tochter groß bekommen hat.) Gleichzeitig wirken die Handlungsstränge in England geradezu dunkel, während nur die Szenen mit Louise etwas Sonne bekommen. Merivels Arbeit wird mit ihren unsauberen Details beschrieben, so hat er beispielsweise eine Brustkrebsoperation durchzuführen, die stellvertretend sein Können illustriert, aber auch seine Grenzen aufzeigt und den Ausgangspunkt von Verlusten markiert, mit denen sich Merivels Zeit ihrem Ende zuneigt. 
Gern hätte ich mehr von der Figur Louise de Flamanville gelesen. Die Mitvierzigerin vertritt ein eher fortschrittliches Frauenbild, ist vielseitig interessiert, kann Merivel sogar mit ihrem Wissen unterstützen, und verhehlt ihre Bedürfnisse nicht. Leider fällt sie Merivels Loyalität zum König, die oft nur wie irrationale Anhänglichkeit wirkt, und wahrscheinlich auch seinem Trauma, das er weder für Celia, seine königlich angetraute Ehefrau, noch für Katharine, die für ihre gemeinsame Tochter starb, gut genug war und deshalb auch für Louise nicht gut genug sein kann, zum Opfer.
Aber "Adieu, Sir Merivel" ist nun mal keine Liebesgeschichte, sondern der Abschied von Sir Robert Merivel. Allerdings fällt der mir nicht allzu schwer

Fazit: 
Historischer Roman im England des ausgehenden 17. Jh.s., dessen Handlung leise dahinschlängelt und mit kurzem Aufbäumen eine prunkvolle, ausschweifende Ära zweier Männer beendet. Anstrengender Protagonist, oberflächliche Charaktere, zeitbedingt altertümliche Sprache und zu wenige Lichtblicke vor gehäuft tragischem Geschehen machen "Adieu, Sir Merivel" eher zu trister und langwieriger Lektüre. 

Gesamteindruck: 
3 von 5 Weißdornzweigen
 





 


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