Montag, 30. Dezember 2013

... über "zorneskalt" von Colette McBeth

Colette McBeth

Beste Freundinnen, beste Feindinnen

(c) Blanvalet /
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Zum Inhalt: 
Kriminalreporterin Rachel Walsh findet sich plötzlich auf der anderen Seite ihres Jobs wieder. Als sie zu einer Polizeipressekonferenz nach Brighton beordert wird, muss sie feststellen, dass sie hier nicht objektiv berichten kann. Denn vermisst wird Clara O'Connor, Rachels beste Freundin seit Teenagertagen. Clara, mit der sie noch vor wenigen Tagen zu einem Treffen mit Schulkameradinnen verabredet war, zu dem Clara jedoch nie erschien. Besorgt beginnt sie nachzuforschen und wird bald selbst verstrickt in Ungereimtheiten, die Claras Verschwinden in einem neuen Licht erscheinen lassen. 

Meine Meinung: 
Am Debütroman "zorneskalt" der britischen Autorin Colette McBeth reizte mich das Thema Freundschaft, aus der abgrundtiefer Hass entsteht. Ich wollte unbedingt wissen, was geschehen muss, damit dieser Fall eintritt, denn der Begriff Hass wird ja nicht nur in der Literatur gerne einmal überstrapaziert.  Hätte ich die Kurzbeschreibung nicht gelesen, hätte ich wahrscheinlich nicht zum Buch gegriffen, da mir sein Umschlag recht nichtssagend vorkam. Natürlich ist es bei Thrillern immer schwierig, ein spannendes Cover zu gestalten, das nichts verrät. "Zorneskalt" vermittelt äußerlich eher eine ruhige, düster-kalte Stimmung, deutet aber ansonsten nicht auf Handlung oder Figuren hin. Nichts destotrotz gefällt mir die Gestaltung, nachdem ich das Buch nun ein paar Tage in den Händen gehalten und öfter angeschaut habe, doch ganz gut, wenngleich mir der Name der Autorin überdominant erscheint. 
In seiner relativ unscheinbaren, aber nicht untypischen Aufmachung verbirgt "zorneskalt" einen Thriller, der mit seiner ungewöhnlichen Erzählweise überrascht. "zorneskalt" ist nämlich ein umfangreicher Brief an die vermisste Clara. In Ich-Perspektive adressiert Rachel ihre Erzählung direkt an Clara, spricht sie mit "du" und Vornamen an und entspinnt dabei die Geschichte ihrer Freundschaft. Zunächst hatte ich damit wirklich Schwierigkeiten, da ich das Gefühl hatte, in etwas hinzustolpern, wo ich nicht hingehörte. Zudem trägt der Brief, der, wenn es um die Geschehnisse um Claras Verschwinden geht, in der Vergangenheit und in Rückblenden im Präsenz erzählt wird, zu einem gewissen Misstrauen gegenüber der Ich-Erzählerin bei. Zum Zeitpunkt des Verfassens ihrer Erzählung hatte sie offenbar zwangsläufig einen gewissen Abstand erlangt, der ihren Gefühlen Distanz verleiht, sodass es mir schwerfiel, echte Sympathie zu empfinden. Ich-Erzählerin Rachel weiß sich zwar gewählt und bildhaft auszudrücken, vermittelt aber längst nicht den Eindruck des gefestigten Menschen, der sie mit ihren siebenundzwanzig Jahren sein will, jemand, der sich seiner Vergangenheit entledigen konnte. Vielmehr kommen herablassende Charakterzüge und ein psychologisch bedenklicher Hang zu Reinlichkeit und Perfektion zum Vorschein.
In Clara hatte sie vierzehnjährig ihre Ergänzung gefunden. Übergewichtig und unattraktiv, aufgewachsen mit einer Mutter, die den Alkohol der eigenen Tochter vorzog, gewann sie in dem etwas älteren Mädchen eine Vertraute, einen Menschen, der sie vorbehaltlos annahm. Dennoch stellte sich bei  mir kein Gefühl der großen, echten Freundschaft ein. Momente, in denen die Mädchen sich gegenseitig die Handgelenke brechen, nur, um nicht am Sportunterricht teilnehmen zu müssen, muten eher pubertär-bizarr als freundschaftlich an. 
Colette McBeth flicht Rückblenden ausgewogen in das "aktuelle" Geschehen ein, wobei diese überraschenderweise im Präsenz erzählt werden, das die Jugendtage und die Freundschaft der beiden Frauen beinahe mit größerer Zuneigung ausstattet, fast so, als könne die Erzählerin nicht von der Vergangenheit lassen, als stünde sie ihr näher. 
Während das Gegenwartsgeschehen bis zu einem einschneidenden Ereignis, das die Dinge ins Rollen bringt, recht lange stagniert, wird die Neugier auf die Vergangenheit und das, was zwischen den beiden Frauen geschehen sein mag und vielleicht Ursache von Claras Verschwinden ist, durch die Rückblenden mitunter strapaziert. Auch konnte mich die Auflösung der Geschichte nicht komplett überraschen. Dennoch gelingt es, Colette McBeth in ihrem Thrillerdebüt, eine zerrüttete Freundschaft scharfsinnig zu sezieren und ihre Figuren mit zahlreichen Graustufen und manipulativen Zügen zu zeichnen, sodass der Leser immer wieder zum Mitdenken und Hinterfragen seiner Sympathien aufgefordert ist. 
Ein Roman, der Lust auf mehr von der Autorin macht, für dessen actionlosen, gefährlich leisen Verlauf man aber ein Faible haben muss.

Fazit: 
Lesenswertes Thriller-Debüt mit viel Gespür für die Abgründe von Frauenfreundschaften und Figuren ohne Schwarz-Weiß-Stempel, in dem starke Emotionen mit faszinierender, erdrückender Ruhe geschildert werden, die dem Roman einen unaufgeregten Grundton verleiht und leider ein paar Längen nach sich zieht. 

Gesamteindruck: 
4 von 5 Weißdornzweigen 



Buchdaten: 
  • Broschiert: 384 Seiten
  • Verlag: Blanvalet Taschenbuch Verlag (25. November 2013)
  • Sprache: Deutsch, übersetzt von Wulf Bergner
  • ISBN-10: 3442382653
  • ISBN-13: 978-3442382651
  • Originaltitel: Precious Thing
  • Neupreis: 12,99 € (D) 
  • Auch erhältlich als E-Book und Hörbuch.

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