Montag, 16. Dezember 2013

... über "Unter dem Südseemond" von Regina Gärtner


Mitreißend bis zum Schluss 

(c) Heyne /
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Zum Inhalt: 
1899 verändert sich Almas Leben mit einem Schlag. Hatte die Neunzehnjährige bislang noch geglaubt, ihre Zukunft schon etwas vorausgeplant zu haben, muss sie nun erfahren, dass ihre Zwillingsschwester Käthe in anderen Umständen ist. Von Almas Verlobtem Hannes. Um Alma aus dem Weg zu haben, damit Käthe und Hannes schicklich verheiratet werden können, beschließt Almas gestrenger Vater die junge Frau dem erstbesten Heiratskandidaten in die Arme zu spielen. Nicht einmal von Tante Heidis inständigem Bitten lässt er sich erweichen, und überhaupt scheint im Hause Hinrichs ein Geheimnis in der Luft zu hängen, das man besonders vor Alma verbergen will. So wird sie die Frau des Faktors Hermann Stieglitz, bevor sie auch nur den Mund zum Widerspruch öffnen kann. Und die nächste Überraschung folgt auf dem Fuß: Stieglitz' Arbeitsplatz befindet sich nicht etwa im heimischen Köln oder in halbwegs familiärer Nähe. Nein, neues Zuhause des frisch gebackenen Ehepaares soll Apia auf Samoa werden. Alma muss nun die beiden jüngeren Geschwister Mathilde und Fritz und Tante Heidi, die ihr sehr am Herzen liegen, zurücklassen und ans andere Ende der Welt ziehen. Bald schon befinden sie und Hermann sich auf einem Schiff, das sie nach Monaten schließlich zunächst nach Sydney bringt, bevor sie weiter zu den Samoainseln aufbrechen. Gerade als sie das nächste Schiff besteigen, hektisch, weil Hermann in allen Dingen forsch voraneilen muss, stürzt Alma ins Meer. In letzter Sekunde kann die Nichtschwimmerin von einem der Seemänner gerettet werden. Aber die blauen Augen dieses jungen Rudergängers sollte sie ebenso wenig vergessen wie das Familiengeheimnis, das sie auch dann noch verfolgt, als sie allmählich auf der fremden Insel heimisch wird. 

Meine Meinung: 
Nachdem ich dieses Jahr schon einen Roman gelesen habe, der sich mit der deutschen Kolonialzeit befasste, hatte ich Lust auf noch eine Südseegeschichte. 
Autorin Regina Gärtner erzählt ihren Roman "Unter dem Südseemond" von Beginn an sehr intensiv und beweist ein gutes Gespür, den Leser in eine andere Zeit zu versetzen. 
Gleich am Anfang wird der Leser gemeinsam mit der Protagonistin Alma vor vollendete Tatsachen gestellt. Zimperlich geht es im Hause Hinrichs nicht zu. Es ist nichts Außergewöhnliches, dass der Hausherr und Vater seinen Kindern auch mal eine "Naht verpasst" - vermutlich keine Seltenheit. Dass Alma und ihre Zwillingsschwester nicht auf dem besten Fuß stehen, wird ebenfalls sofort deutlich und damit auch das Interesse des Lesers daran geweckt, was denn wohl in dieser Familie schief läuft. Doch bevor Alma weiterfragen kann, ist sie verheiratet und an Bord eines Schiffes. 
Regina Gärtner nutzt die Beschreibung der langen Reisezeit nach - zunächst - Australien geschickt, um ihrer Protagonistin eine Weiterentwicklung zu ermöglichen. Natürlich hatte Alma sich unmissverständlich als Sympathieträger durchgesetzt, aber auf den ersten Seiten noch etwas unbedarft gewirkt. Zwar hat sie ein gesundes Gerechtigkeitsempfinden und verabscheut Gewalt, aber dennoch erschien sie eher als die zwar talentierte, aber doch schlichte Näherin im elterlichen Geschäft. Angesichts der bevorstehenden Reise in unbekannte Gefilde reagierte sie einigermaßen panisch und befürchtete, sie käme nun zu den Wilden, den Mohren gar. Auf der Reise erweist sie sich jedoch als wissbegierige junge Frau, die durchaus willens ist, sich ihrem Schicksal zu stellen und sich auch auf die neue Lebenssituation vorzubereiten - ein Charakterzug, der sie durch ihre langjährige Geschichte hinweg begleitet, sie aber natürlich nicht davor feit, in Zweifel zu verfallen und zu straucheln. Sie schließt eine Freundschaft, die ihr über Jahre und Entfernungen hinweg erhalten bleibt, und lernt Englisch. Schon früh wird deutlich, dass sie sich gegenüber dem von hohem gesellschaftlichem Rang und Wohlstand besessenen Stieglitz behaupten und ihren eigenen Weg finden muss, um nicht untergebuttert zu werden. Geheiratet hat sie einen Mann, der sich mit ihr schmückt, seine ehelichen Rechte einfordert und sich nur allzu begeistert von der Freizügigkeit der Eingeborenen zeigt. Vom Regen kommt Alma in Traufe. Zu Hause schon nicht mit elterlicher Liebe überschüttet, hat sie nun einen Mann, den man nicht gerade als liebevoll und einfühlsam einstufen möchte. Auch wenn Alma der beschriebenen Epoche entsprechend "nur" Frau Stieglitz und vom Willen ihres Mannes abhängig ist, findet sie für ihr junges Alter recht schnell Mittel und Wege, um sich ein Stück Unabhängigkeit zu arbeiten. So pflegt sie bald Umgang mit Menschen, mit denen sie sich versteht, selbst wenn ihr Mann diese Kontakte nicht oder nur sehr widerwillig billigt. Daneben erträgt sie aber auch ihr Schicksal, dass es einem in der Seele wehtun möchte, dass die Selbstbestimmung einer Frau in jener Zeit derart untergraben wurde. Immerhin erzählt Regina Gärtner in "Unter dem Südseemond" nicht nur eine Auswanderergeschichte, sondern eben auch die Geschichte einer Liebe, die unmöglich scheint und damit besonders ans Herz geht. Denn was konnte Frau damals schon tun, wenn sie verheiratet war, ihr Herz aber nicht dem eigenen Mann gehörte? Wirrungen und Unentschlossenheit sind da vorprogrammiert, romantische Momente fürs Herz ebenso. 
Regina Gärtner beweist in ihrem 583 Seiten starken Roman ein gutes Gespür für Dialoge. Informationen über Land und politische Entwicklungen flicht sie oftmals in Gespräche ein, die so lebendig wirken, dass man buchstäblich den Gesprächspartnern an den Lippen hängt. Es entsteht auch durch Beschreibung von Kleidung, Architektur und Waren des täglichen Bedarfs ein farbiges Bild, das zu einer mitreißenden Zeitreise einlädt. Daneben verliert die Autorin ihre Figuren nicht aus dem Blick. Sie alle sind deutlich genug umrissen, um im Gedächtnis zu bleiben. Außerdem ist der Roman keineswegs überbevölkert, sodass der Leser nicht den Überblick verliert, ganz gleich, ob sie nun sympathisch sind oder nicht oder nur sporadisch auftreten. Sympathieträger und Gegenspieler halten sich angenehm die Waage und sind bis auf wenige Ausnahmen auch nicht schwarz und weiß. Besonders Almas Schwester Käthe ist ein erschreckend unbelehrbarer Mensch, von dem man lieber weniger lesen möchte, doch auch sie versteht es, im Leser sehr unterschiedliche Emotionen zu wecken.
Auch wenn nicht alle Figuren den Roman, der eine lange Zeitspanne von 1899 bis 1914 abdeckt, überleben, so geraten sie doch nicht in Vergessenheit. In Briefen und Erzählungen bleibt die Familie im fernen Deutschland allgegenwärtig, und damit auch das Familiengeheimnis, das neben der Liebesgeschichte, die nicht sein darf, einen weiteren roten Faden des Romans bildet. In beiden Handlungssträngen kommt es immer wieder zu Unsicherheiten und Rückschlägen, die jedoch so einnehmend erzählt sind, dass es an keiner Stelle des Romans langweilig wird. 
Lediglich mit den wenigen Liebesszenen konnte ich mich nicht vollkommen anfreunden. Obwohl der allwissende Erzähler intensive Einblicke in Almas Gefühlsleben und ihre Umgebung gleichermaßen gibt, so beobachtet er mir intime Momente zu detailliert. Das wollte für meine Begriffe nicht so ganz zu Almas ansonsten recht zugeknöpften Charakter passen, und meiner Meinung nach hätte es nicht unbedingt aller Details bedurft, um Almas leidenschaftliche Seite zu zeigen. 
Insgesamt betrachtet ist "Unter dem Südseemond" ein Roman, der zwar in Bezug auf das Familiengeheimnis für  mich vorhersehbar war, mich aber trotzdem bis zur letzten Seite festhielt und mich mitfiebern und Taschentuchvorräte aufbrauchen ließ. 

Fazit: 
Intensiv und einnehmend erzählte Auswanderersaga um eine junge Protagonistin, die Ende des 19. Jahrhunderts ihr Schicksal mit all seinen Wirrungen und Geheimnissen eindrucksvoll meistert und der man vor farbenfroher exotischer Kulisse von Herzen die Erfüllung ihrer Träume wünscht. 

Gesamteindruck: 
4 von 5 Weißdornzweigen






Buchdaten:
  • Taschenbuch: 592 Seiten
  • Verlag: Heyne Verlag (11. November 2013)
  • Sprache: Deutsch
  • ISBN-10: 3453411536
  • ISBN-13: 978-3453411531
  • Neupreis: 9,99 € (D) 
  • Auch als E-Book erhältlich. 

Kommentare:

Janine Brandstetter hat gesagt…

Hallo! :-)

Ich bin Mitglied einer erst kürzlich gegründeten Seite ( https://bloggervernetzt.wordpress.com/about/ ), dort sammeln wir alle möglichen Rezensionen von den verschiedensten Buchblogs. Natürlich stehen wir noch ganz am Anfang, aber jeder hat ja mal klein begonnen.^^ Jedenfalls soll dieser Blog eines Tages ein ganz großes "Buchblog-Rezensionen-Netzwerk" werden. Und jedem Blogger, der dazu beiträgt, sind wir sehr dankbar! :) Deswegen jetzt meine Frage an dich: Darf ich deine Rezension hier zu "Unter dem Südseemond" dort verlinken? (Bzw. darf ich in Zukunft generell Rezensionen von dir dort verlinken?)

Ganz herzliche Grüße ♥,
Janine

Janine Brandstetter hat gesagt…

Bedeutet die Freischaltung also ein Ja? :)

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