Donnerstag, 5. Dezember 2013

... über "Ich will vergelten" von Mari Hannah

Mari Hannah

Solider, aber detailverlorener Krimi


(c) Goldmann /
Bildlink zu Amazon

Zum Inhalt:
Als in der Nähe des Hadrianwalls die Leiche einer jungen Frau gefunden wird, wird anderenorts eine weitere Frau vermisst. Sehr schnell liegt der Verdacht nahe, es könne sich um dieselbe Frau handeln. Wie sich herausstellt, ist die Tote jedoch nicht, wie ihre Aufmachung nahegelegt hatte, Jessica Finch, die Tochter des einflussreichen Adam Finch, der mit dem Polizeichef Golf spielt. Offenbar wurde die Medizinstudentin entführt, aber es besteht die leise Hoffnung, dass sie noch am Leben ist. Für Ermittlerin Kate Daniels und ihr Team beginnt eine fieberhafte Suche voller vager Spuren und Ungereimtheiten. Jessica hingegen rennt die Zeit davon ... 

Meine Meinung: 
Zunächst muss ich sagen, dass ich sicherlich nicht zur Zielgruppe von Mari Hannahs Roman gehöre. Thriller und Kriminalromane landen höchst selten auf meinem Nachttisch. Da muss ich schon in entsprechender Stimmung sein. Außerdem ziehe ich den Thriller, bei dem ich mir vor Spannung die Fingernägel zerbeiße, einem auf Ermittlungsarbeit fokussierten Krimi vor. Nun hat mich die Einordnung "Thriller" unter Mari Hannahs Titel doch leicht irregeführt, denn dieser Roman ist tatsächlich ein Ermittlungsthriller, in dem echte Spannungsmomente erst gegen Ende aufkommen. 
"Ich will vergelten" ist außerdem das zweite Buch um die ehrgeizige Ermittlerin Kate Daniels. Das wiederum tut der Lektüre nur wenig Abbruch, da hier eine in sich geschlossene Geschichte erzählt wird. Es kommen zwar Dinge zur Sprache, die vermutlich im ersten Band eine Rolle spielten, dennoch stören sie das Verständnis nicht. Allerdings möchte ich nicht ausschließen, dass die fehlende Kenntnis des ersten Buches einen Hemmschuh in der Annäherung gegenüber der Figur der Inspektorin Daniels bedeuten kann. 
Von Beginn an zeichnet die Autorin ein sehr detailliertes Bild der Polizeiarbeit und lässt dabei eine Atmosphäre entstehen, die mich stark an britische Kriminalfilme/-serien erinnerte. Routinen wirken sehr authentisch, worin sich gewiss die Erfahrungen der Autorin als Bewährungshelferin widerspiegeln. Mitunter entstehen durch diese augenscheinliche Aufmerksamkeit gegenüber authentischen Details und Abläufen Längen, die meine Geduld stark auf die Probe stellten. So mäanderte die Geschichte ebenso wie die erfolglosen Ermittlungen lange vor sich hin, ehe zumindest der Leser einmal ein Lebenszeichen der Entführten bekam. Hannahs Erzählweise lässt mich zwiegespalten zurück, denn zum einen verspürte ich auf drei Vierteln ihres Romans überhaupt keine Spannung, konnte noch nicht einmal für mich einen Verdächtigen ausmachen, zum anderen aber präsentiert sie mit ihrer Geschichte auch ein Stück Echtheit, das cineastischen oder literarischen hollywoodmäßigen Superhelden-/Schnelllösungen wunderbar entgegensteht. Neue Spuren, falsche Verdächtige, weitere Vermisste bieten in diesem Roman einmal Anlass zu Langeweile, zeigen aber auch die Ungeradlinigkeit der Ermittlungen mitsamt Seifenblasen und Rückschlägen. Dafür sollte der Leser aber ein gewisses Faible mitbringen. 
Nicht nur das, eine Grundkenntnis der Funktionen im Polizeidienst ist ebenfalls von Vorteil. Auch wenn wir es mit einer leitenden Ermittlerin zu tun haben, die als Protagonistin inzwischen mehrere Bücher trägt, so ist sie doch von einem sehr umfangreichen Stab umgeben, in dem es sich schwer zurechtfinden lässt. Routinierte Leser/Zuschauer des Genres dürften darüber hinweglesen. Als Quereinsteiger und Gelegenheitsgenreleser habe ich es hingegen schwer gehabt, mich zwischen all den britischen Dienstgraden und Abkürzungen zurechtzufinden. Die Autorin zeigt hier ganz klar, dass sie sich auskennt. Wer sich nicht auskennt, hat dann allerdings Pech. Bis zum Ende konnte ich mich nicht mit den zahlreichen Nebenfiguren und ihren Bezeichnungen anfreunden, habe es allerdings aufgegeben, mich darauf zu konzentrieren. Bedauerlicherweise war es dann für mich schon zu spät, mich näher auf die Figuren einzulassen. 
Ermittlungsleiterin Kate Daniels steht zwar im Fokus des allwissenden Erzählers, bleibt doch über den gesamten Fall hinweg entfernt. Nun mag es zwar für die Lektüre eines Krimis weniger erheblich sein, ob man die Ermittler mag oder nicht, ich allerdings fühle mich wohler, wenn ich eine Beziehung zu Charakteren aufbauen kann. 
Hier fiel mir dies schwer, da einmal Kate fast ausschließlich mit Nachnamen in Spiel gebracht wird und sie andererseits einen britisch-stereotypisch reservierten Eindruck vermittelt. Damit blieb dann auch ich reserviert. Ich konnte mit Daniels, die stets dienstbeflissen ihren Ausweis "durchzieht", nur nach Hause fährt, um zu duschen und in eine frische steife Bluse zu schlüpfen, mit ihrer Arbeit verheiratet ist und mit ihrer sexuellen Orientierung nicht hausieren geht, um Privates und Berufliches strikt zu trennen, lange wenig anfangen. Nie lässt sie sich in die Karten schauen. Daneben hat sie ihr Team gut im Griff, ohne übermäßig den Boss raushängen zu lassen. Allerdings klingt Menschliches nur hier und da einmal an,  Verlust, Eifersucht oder Einsamkeit blitzen lediglich auf, bevor sie zum Ende hin auftaut. Gefühlsregungen werden deutlich, und Kate zeigt, dass sie auch ganz anders kann. Zielorientierte Verbissenheit und Mut gehen bei ihr allerdings Hand in Hand.
Der Fall dieses Romans wirkte auf mich keineswegs ungewöhnlich oder innovativ. Reiche Tochter wird entführt, eine Tote in ihrer Kleidung gefunden, reicher Papa erhält zwar einen Drohbrief, aber sonst passiert erst einmal nichts. Peu à peu finden die Ermittler heraus, dass die Entführte keineswegs der Mensch ist, den ihr Vater beschreibt. Im Zuge der Ermittlungen avanciert sie zu einem Sympathieträger, damit der Leser sich natürlich wünscht, dass sie gefunden wird. Anders als in Psychothrillern wird auf eine Darstellung von Jessicas gefährlicher Lage großzügig verzichtet. Nur selten bekommen wir sie zu Gesicht, um kurz Einblick in ihre Verfassung zu erhalten. Wirklich Sorgen machte ich mir allerdings erst sehr spät. Durch zahlreiche Nebenstränge, die sich nicht alle als relevant herausstellen, werden Bekannte, Freunde, Verdächtige eingeführt, die Verwirrung stiften (sollen). Da ich ein schlechter Ermittler bin, vermutete ich lediglich anhand des sehr deutlichen Buchtitels zwar die Beweggründe, konnte aber keinen Verdächtigen ausmachen. Die Autorin schürt allerdings nicht unbedingt Erwartungen oder Verdachtsmomente, sodass mich die Auflösung durchaus überraschte. Auf den letzten einhundert Seiten wird Mari Hannahs tatsächlich richtig spannend und zum angekündigten Wettlauf mit der Zeit, um schließlich mit einem Ende, das sich nicht auf die Lösung beschränkt, sondern einen Ausblick bietet, rund geschlossen zu werden. 

Fazit: 
Mit starkem britischem Krimiflair erzählter zweiter Band der Reihe um Ermittlerin DCI Kate Daniels, der in einer in sich geschlossenen Geschichte großes Augenmerk auf detaillierte Ausführungen zur Polizeiarbeit legt und damit eingefleischten Fans klassischer Ermittlerkrimis durchaus zu empfehlen ist. Gelegenheitskrimileser können unter Umständen von detailreichtums- und routinebedingten Längen abgeschreckt werden. 

Gesamteindruck: 
3(,5) von 5 Weißdornzweigen 





Buchdaten
  • Taschenbuch: 448 Seiten
  • Verlag: Goldmann Verlag (19. August 2013)
  • Sprache: Deutsch, übersetzt von Sigrun Zühlke
  • ISBN-10: 3442474809
  • ISBN-13: 978-3442474806
  • Originaltitel: Settled Blood
  • Neupreis: 8,99 (D) 
  • Auch als E-Book erhältlich.


Keine Kommentare:

Related Posts Plugin for WordPress, Blogger...