Samstag, 28. Dezember 2013

... über "Drowning - Tödliches Element" von Rachel Ward

Rachel Ward

Faszinierend spannend, überraschend handlungsarm

(c) Carlsen / Bildlink zu amazon

Zum Inhalt: 
Carls Bruder Rob ist tot. Ums Leben gekommen bei einem schrecklichen Badeunfall, den der fünfzehnjährige Carl selbst nur knapp überlebte und an den er sich nicht erinnern kann. Überhaupt scheint seine Erinnerung ausradiert, mühsam tastet er sich, aus dem Krankenhaus entlassen, zurück in ein desolates Leben in einer chaotischen Wohnung, mit einer Mutter, die schon vor Verlust des Kindes kräftig der Bierdose zugesprochen hat. Auch ist da noch Neisha, ein Mädchen, das ihm fremd ist und ihn zu hassen scheint.Und dann erklingt Robs Stimme. Aus jedem Tropfen Wasser droht er, zieht Carl in einen Sog von Eifersucht und Rache. Und als der Regen kommt, steht er plötzlich vor ihm ... 

Meine Meinung: 
"Drowning - Tödliches Element" ist das erste Buch, das ich von Rachel Ward gelesen habe. Mir ist ihre erfolgreiche Numbers-Trilogie natürlich nicht entgangen, doch angesprochen hat mich diese nie. Ganz anders war das schon mit "Drowning", das ich unbedingt lesen wollte, weil mich die Leseprobe und die Umschlaggestaltung lockten. Auch wenn ich Rachel Wards andere Romane nicht kenne, waren die Vorschusslorbeeren und damit die Erwartungen recht hoch. 
Bereits der Umschlag des neuen Jugendromans der britischen Autorin wirkt düster und bedrohlich. So passt es auch - und ich finde, die Autorin hat hier einen wichtigen Schritt unternommen - dass die Autorin in einem Vorwort den Leser anspricht und ihm sogar gewissermaßen von der Lektüre abrät, in dem Wissen, dass Wasser eben nicht nur faszinierend, sondern auch gefährlich ist und großes Leid zufügen kann.
Lesern, die traumatische Erfahrungen mit Wasser gemacht haben, ist tatsächlich von "Drowning" abzuraten. Rachel Wards Roman ist in Bezug auf das im deutschen Untertitel angesprochene "tödliche Element" erstaunlich intensiv, geradezu atemberaubend. Selten habe ich Romane gelesen, die ihre Spannung in den Alltag überschwappen lassen. Wir sind überall vom Wasser umgeben, in uns, um uns. Sei es in unserem täglichen Getränk oder in unseren Tränen - das Romanelement ist allgegenwärtig und greifbar. Und wenn der Leser - wie ich - plötzlich zögert, die Hände in das Abwaschbecken gleiten zu lassen, hat ein Autor schon mal einen Erfolg zu verbuchen. 
Ein weiteres Plus von "Drowning" ist der Gedächtnisverlust des 15-jährigen Protagonisten. Wenngleich kein innovativer Kunstgriff, trägt diese Tatsache dazu bei, dass der Leser sich gemeinsam mit dem Ich-Erzähler die Geschehnisse erschließen muss. Mit all ihren Lücken und Unannehmlichkeiten. So tappt man gemeinsam mit Carl durch seine Erinnerungslosigkeit, lässt sich von seinem Entsetzen angesichts seines maroden Zuhauses vereinnahmen, empfindet jeden Erinnerungsfetzen mit aller Intensität. Unterstützt wird die verstörende Stimmung des Romans durch Carls verknappte Erzählweise, die Unsicherheit und Hoffnungslosigkeit unterstreicht. Es entsteht ein soziales Bild, in dem Mittellosigkeit, Alkohol und Gewalt dominieren, das die Geschichte aber nicht erdrückt, sondern eher im Spannungsstrudel mitschwimmt. Carl sucht in dieser Geschichte, in der jeder von seinem eigenen Drama absorbiert wird, vergeblich nach einem Auffangnetz, das er offenbar in der Vergangenheit schon nicht bei seinem siebzehnjährigen Bruder fand. Rob ist geradezu stereotypisch böse, schlägt, manipuliert den jüngeren Bruder. Mehr Einblick erhalten wir aber nicht.  Auch dann nicht, als der Tote plötzlich immer dann auftaucht, wenn Wasser im Spiel ist.
Meiner Meinung nach krankt "Drowning" an losen Fäden und mangelnder Weiterentwicklung seiner wenigen Figuren. Zwar ereignen sich Geschehnisse, die nagelkauend spannend sind, und Protagonist Carl setzt auch ein sein unvollständiges Puzzle zusammen, aber zwischen Robs Tod und seiner Beerdigung finden sich doch recht wenig erhellende Erkenntnisse. Die Figuren und die Handlung kommen nicht voran. Carls Mutter bleibt nach wie vor in ihrem Unglück absorbiert, sieht den überlebenden Sohn kaum. Die jugendlichen Protagonisten waren mir zu sprunghaft, auch wenn ich natürlich bei Jugendlichen, die hier auch noch Traumatisches erlebt haben, keine Geradlinigkeit erwartet habe. So ist Neisha, wie Carl auch, traumatisiert von den Ereignissen am See und hegt tiefe Ressentiments. Im nächsten Augenblick sind sie und Carl verliebt, dann wieder nicht mehr. Und ständig hatte ich das Gefühl, etwas überlesen zu haben. Ob die Dinge nun wirklich nicht ausgesprochen wurden oder schlichtweg vor der Spannung untergingen, vermag ich nicht zu sagen, denn da war dieser Sog, weiterlesen zu wollen, der den Drang, zurückzublättern, unterdrückte. Den Gesamteindruck retten konnte aber auch der Sog nicht.
Vor allem konnte ich mich bei der Lektüre nicht des Eindrucks erwehren, dass sich die Autorin selbst auf eine Odysee begeben hat, ohne festes Ziel, welches Genre sie bedienen will. Nicht nur, dass ich mit Fragen zurückblieb, sich mir vor allem die Beweggründe der Protagonisten nicht eindeutig erschlossen, ich wusste nie, ob ich es mit einem ausgeklügelten Psychodrama oder einem geisterhaften Mysterythriller zu tun hatte. Das mag ja für manchen Leser reizvoll sein, aber ich hänge beim Lesen ungern in der Luft. Da ich irrtümlicherweise von einem Einzelband ausging, war ich am Ende umso mehr enttäuscht, dass ich mich nicht rundum aufgeklärt gefühlt habe. Inzwischen habe ich gelesen, dass es eine Fortsetzung geben wird, darauf warten will ich aber nicht. 

Fazit: 
Rachegeschwängerte, dramatische Geschichte um drei Jugendliche und das tödliche Element Wasser, die mit erstickender Spannung und bedrückender Milieuzeichnung überzeugt, ihre Figuren aber im Trüben schwimmen und Handlungen vor zu vielen geisterhaft-beängstigenden Momenten versanden lässt.

Gesamteindruck: 
3 von 5 Weißdornzweigen





Buchdaten
  • Taschenbuch: 304 Seiten
  • Verlag: Carlsen (22. November 2013)
  • Sprache: Deutsch, übersetzt von Uwe-Michael Gutzschhahn
  • ISBN-10: 3551520526
  • ISBN-13: 978-3551520524
  • Vom Hersteller empfohlenes Alter: 14 - 18 Jahre
  • Neupreis: 14,99 € (D)
  • Auch als E-Book und Hörbuch erhältlich. 

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