Sonntag, 10. November 2013

... über "Schwanengrab" von Petra Schwarz


Mitreißend und nicht vorhersehbar

(c) dtv / Bildlink zu amazon


Zum Inhalt: 
Den Umzug nach Deutschland hat sich Samantha sicherlich anders vorgestellt. Nach dem Tod ihrer Mutter erwarten sie nun ein neues Land und eine neue Schule. Doch die Aussicht auf neue Freunde rückt bereits mit der ersten Stunde in weite Ferne. Die Fünfzehnjährige wird geschnitten und erhält bald schon Drohbriefe, dass sie verschwinden solle. Ihre Nachforschungen führen sie schließlich auf den Friedhof. Zum Grab ihrer gleichaltrigen Doppelgängerin ... 

Meine Meinung: 
"Schwanengrab" spricht mich bereits äußerlich an. Das tiefe Blau, der schwarze Schwan und der signalhafte Titel machen nicht nur neugierig, sondern sorgen auch dafür, dass der rote Faden des Schwanensee-Märchens auch auf dem Buchumschlag nicht verloren geht. 
Petra Schwarz stellt ihren Hauptcharakter Samantha vor einen Neuanfang. Aufgewachsen im kalifornischen Berkeley als Tochter einer amerikanischen Mutter und eines deutschen Vaters wird sie vom Vater nach dem Unfalltod der Mutter nach Trier mitgenommen, wo der Vater eine neue Stellung antritt. Ohne ihre Freundinnen und ihre Großmutter ist Sam(antha) vom ersten Tag an allein, denn ihr Vater flüchtet sich in seine Arbeit und ist häufig nur über Zettel mit Nachrichten an seine Tochter anwesend. Vor diesem Hintergrund kommt sie nun in ihrer neuen Schule an, wo sie feststellen muss, dass sie offenbar unerwünscht ist. Nicht nur mag sie keiner, sie hängt auch vor allem in Mathe Lichtjahre hinterher. Im Grunde hat sie niemanden, dem sie sich anvertrauen kann, so ist es auch wenig verwunderlich, dass sie der erste Brief, der sie auffordert, zu verschwinden, aus der Bahn wirft. Hin und her gerissen zwischen Furcht und dem Drang, herauszufinden, warum ihr alle mit offener Antipathie begegnen, manövriert sie sich selbst in brenzlige Situationen. 
Weil niemand - nicht einmal die Lehrer - die Karten offen auf den Tisch legt, wissen weder Samantha noch der Leser, wem in dieser Geschichte Vertrauen geschenkt werden darf. 
Da ist Streber Christoph, der Sam Mathenachhilfe gibt und schon bald neue Gefühle weckt. Dann Herr Simon, der Lehrer mit dem Zahnpastalächeln, der verdächtig oft den Arm um seine Schülerinnen legt. Oder die aufbrausende Caro und die ihr untergebene Geli, die die Fäden der Schulaufführung in Schwanensee in ihren Händen halten und alles andere als erfreut sind, als Sam ebenfalls in das Projekt integriert wird. 
Auch wenn Samantha mit ihren fünfzehn Jahren recht selbständig sein muss, da ihr Vater sich in seine Arbeit verkriecht, so ist sie doch recht naiv und leichtsinnig, wodurch ihr jugendlicher Charakter authentisch wirkt und dem jugendlichen Leser mit auf den Weg gegeben wird, dass man im realen wie virtuellen Alltag die Augen offen halten muss. 
Die Autorin Petra Schwarz verpackt dies geschickt in einer Geschichte, die spannend erzählt ist und mit ihrem herbstlich-grauen, regnerischen Ambiente durchaus eine düstere Stimmung verströmt. 
Immer wieder muss man Sympathien, die man sich gerade noch mühsam aufgebaut hat, wieder überdenken, und immer wieder darf man sich mit neuen Erkenntnissen überraschen lassen. 
Dabei hat die Autorin ihre Charaktere sehr umfassend durchdacht. So bricht sie beispielsweise Samanthas kalifornische Verbindungen nicht gänzlich ab, sondern erinnert mit englischen "Fetzen" in Chats und E-Mails daran, dass ihre Protagonistin eben nicht in Deutschland aufgewachsen ist und sich bisher in einem anderen Sprachraum aufgewachsen ist. Ihr Ausgegrenztsein wird somit umso deutlicher. 
Schulische Umstellung wie auch umzugsbedingte Mängel kommen ebenfalls zur Sprache und machen den Roman genauso lebendig wie seine Charaktere, die altersgemäß reagieren. 
Durch verschiedentliche Träume Samanthas bekommt "Schwanengrab" außerdem einen mysteriösen Touch, wird allerdings nicht zum Mystery-Thriller, sodass hier unter Umständen Erwartungen auf der Strecke bleiben. Auch hatte ich mehr Geheimnisvolles um die so schön um den Odette-Odile-Faden aus Schwanensee gesponnene Doppelgängergeschichte erwartet.
Nach einem atemberaubenden Showdown hätte ich mir lediglich etwas mehr Sanktionen für die Erwachsenen gewünscht. In "Schwanengrab" verhalten sich meines Erachtens viele einfach falsch und inkompetent und sorgen damit für die unvermeidliche Eskalation. Aus meiner erwachsenen Lesersicht hätte ich mir mehr Aufrütteln und Aufrühren erhofft. Blicke ich aber auf mein jugendliches Leser-Ich zurück, ist "Schwanengrab" ein Jugendthriller zum Verschlingen. 

Fazit:
Wendungsreich erzählter Jugendthriller für Leser ab 14 Jahren, der Figuren mit tragischem Hintergrund, ein Verbrechen, Geheimnisse, Lokales und einen Funken von erster Liebe ausgewogen miteinander verbindet und für unterhaltsame und aufregende Lesestunden sorgt. 

Gesamteindruck: 
4 von 5 Weißdornzweigen 





Buchdaten: 
  • Taschenbuch: 304 Seiten
  • Verlag: Deutscher Taschenbuch Verlag (1. August 2013)
  • Umschlaggestaltung: buxdesign, München
  • Sprache: Deutsch
  • ISBN-10: 3423715391
  • ISBN-13: 978-3423715393
  • Vom Hersteller empfohlenes Alter: 14 - 17 Jahre
  • Neupreis: 8,95 € (D) 
  • Auch als E-Book erhältlich.

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