Montag, 25. November 2013

... über "Norden ist, wo oben ist" von Rüdiger Bertram

Rüdiger Bertram

Zwei Kids, ein Boot, ein Abenteuer

(c) Ravensburger /
Bildlink zu amazon

Zum Inhalt: 
Paul-Antonius-Philipp hat nicht nur einen ausufernden Vornamen, sondern er führt auch ein großzügiges Leben. Eigentlich. Denn großzügiges Taschengeld und ein Schrank voller Markenklamotten in einer Villa sind gar nichts, wenn man mitten im Scheidungsstreit der Eltern steckt. Und davon hat Junge gründlich die Faxen dicke. Als die großen Ferien anstehen und er sich entscheiden muss, ob er mit Mutter oder Vater verreisen möchte, beschließt er, sich abzusetzen und die bevorstehenden vier Wochen in aller Ruhe allein zu verbringen. Während nun also Mutter und Vater jeweils in der Annahme, Philipp habe sich für den anderen Elternteil entschieden, in den Urlaub abdüsen, läuft dem Jungen Mel über den Weg. Mir nichts, dir nichts hat Philipp den ausgebüchsten Wildfang an der Backe und mit den geplanten ruhigen Ferien ist es Essig. Bald schon sind die Kids mit der Jacht von Philipps Vater auf dem Weg nach Norden, aber Mel verraten, wer er wirklich ist, das will Philipp noch lange nicht ... 

Meine Meinung: 
Zurzeit gestaltet sich die Suche nach passender Lektüre für Sohnemann gar nicht so einfach. Die Bücher für seine Altersklasse wecken sein Interesse kaum, Geschichten für ältere Leser sind aber meistens noch zu umfangreich. Mit "Norden ist, wo oben ist" meinte ich dennoch, ein spannendes Buch in passendem Umfang gefunden zu haben.
Vom Äußeren zeigte sich mein Sohn zunächst wenig beeindruckt. Das Umschlagbild von Constanze Spengler stellt farblich und inhaltlich treffende Bezüge zu Rüdiger Bertrams Kinderbuch her und ist dabei recht nüchtern und unaufgeregt. Meinem Sohn hingegen war der Umschlag allerdings nicht auf- bzw. anregend genug. Auch fand er es schade, dass das Buch mit Ausnahme von Vignetten keine weiteren Illustrationen enthält, wodurch der Text trotz großzügiger Schrift und Zeilenabstände etwas erschlagend wirkt. Gerade für Jungen, die sich auch im anvisierten Lesealter zwischen 10 und 12 Jahren oft nur mühsam zum Lesen bewegen lassen, empfinde ich viel Text ohne kleine Auflockerung immer als Hemmschuh. 
Rüdiger Bertram beginnt sein Kinderbuch ohne viel Vorgeplänkel und stürzt den Leser direkt ins Geschehen. Das ist ganz wunderbar, denn so kommt gar nicht erst Anfangslangeweile auf. 
Protagonist Paul-Antonius-Philipp sitzt bereits in der Raststätte, während seine Eltern in getrennten Autos auf dem Parkplatz auf seine Entscheidung warten. Die Kluft zwischen ihnen ist augenscheinlich so tief, dass sie es nicht einmal über sich bringen, ihren Sohn persönlich zum Auto des Elternteils, für den er sich entscheidet, zu begleiten. So schenken sie Philipps kurzem Anruf Glauben und fahren schließlich los, ohne den Sachverhalt zu prüfen. Immerhin haben sie ihrer Auffassung nach ein eigenständige Individuum erzogen, das eigene Entscheidungen treffen kann. Dabei verkennen sie, dass Philipp eigentlich  nur seine Ruhe haben will, anstatt mit Dingen überhäuft zu werden, die ihr schlechtes Gewissen beruhigen. 
Eine realistische Situation, in der sich nicht wenige Kinder wiederfinden, auch ohne wie Philipp Teil einer wohlhabenden Familie zu sein. 
Während der Elfjährige über seinen Plan, seine Eltern auszutricksen, nachdenkt und dabei einen erstaunlich reflektierten Eindruck macht, gesellt sich ein Mädchen zu ihm. Offenbar wurde Mel von ihrer Feriengruppe vergessen, und weil sie sowieso keine Lust hatte, mit nach Kroatien zu fahren, ist das auch nicht weiter schlimm. 
Mel, kaum älter als Philipp, überrumpelt ihn immer wieder mit ihrer direkten Art und drängt sich ihm buchstäblich auf bzw. Philipp hat nicht den Mumm, das Mädel einfach in die Wüste zu schicken, was vermuten lässt, dass er vielleicht gar nicht richtig allein sein will.
Mel ist abenteuerlustig, ausgefuchst und ziemlich impulsiv und sprunghaft. 
Während Philipp mit einem goldenen Löffel im Mund geboren wurde, ist Mel genau das Gegenteil. Sie lebt in einer Pflegefamilie und weiß, was es heißt, sich durchzuschlagen. 
So gegensätzlich die Kinder sind, so sind sie doch nicht überzeichnet und passen gut zueinander. Sie fordern einander gewissermaßen heraus und bringen einander auch in der Kürze der Handlung gewiss weiter. 
Allerdings kann sich nie ganz sicher sein, was von dem, das Mel erzählt, auch wirklich stimmt. Immerhin tritt Philipp als Ich-Erzähler auf und so müssen wir ihm glauben, was er sieht und denkt. Zudem halten es beide Kinder mit der Wahrheit nicht so genau. 
Obwohl Philipp für seine elf Jahre oft älter und klüger als Mel wirkt, will er sich keine Blöße geben und dem Mädchen auf keinen Fall preisgeben, wer er ist. 
Man merkt ihm an, dass er gerne ein Junge wie jeder andere sein und vor Mel nicht wie ein Schnösel dastehen möchte, gleichzeitig aber auch die Annehmlichkeiten seiner Herkunft durchaus genießt. So ist er doch kein alltäglicher Junge, mag Obstsalat, steht im Fechtclub eher schlecht als recht seinen Mann und lässt so manches Mal den Cineasten raushängen. Dies lässt mutmaßen, dass Philipp in der wenigen Zeit, die sein Vater offenbar mit ihm verbringt, nicht mit Kinderdingen beschäftigt ist. Seine Assoziationen und Vergleiche wirken oft erwachsen und haben mich häufig zum Schmunzeln gebracht. Mein Sohn hingegen nahm diese kaum bis gar nicht wahr und konzentrierte sich auf den spannenden Handlungsstrang der beiden Kinder, die allein ein Boot navigieren und dann auch noch per Anhalter auf dem Weg nach Rostock sind. Da musste ich seine Fantasie doch ab und an bremsen und dringend von der Nachahmung abraten.
Rüdiger Bertram beweist gutes Gespür für eine ausgewogene Gestaltung seiner Figuren. So dürfen seine Charaktere trotzdem Kind sein. Werfen sie einerseits mächtig erwachsenen Aussagen um sich, dürfen sie kurze Zeit schlecht bis gar nicht durchdachte Dinge tun, mit denen sie sich zwangsläufig in Bredouille bringen. Zwischendurch muss man sich sogar Sorgen um die Kinder machen, denn Mel hat Asthma, das sie zwar hin und wieder mit schauspielerischem Talent zu nutzen weiß, an anderer Stelle aber wird es wirklich ernst. Nicht nur auf diese Weise erhalten die Charaktere Gelegenheit, nach einem eher unfreiwilligem Start ihre neu gewonnene Freundschaft unter Beweis zu stellen. 
Mein Sohn mochte außerdem besonders gern, dass Mel nicht als sonderlich mädchenhaftes Mädchen dargestellt wird. Sie ziert sich wenig und scheut nur vor Dingen zurück, die einen Asthmaanfall bewirken könnten. Damit nimmt auch der männliche Leser sie rasch als Kumpel an und empfindet sie nicht als das störende Element, das auch Philipp zu Beginn noch vermutet hatte. 
Durch die Erzählung aus Philipps Sicht bleibt dennoch der Charakter der Mel leicht außen vor, und wir hätten uns gern noch mehr Einblicke gewünscht. 
Alles in allem erwies sich "Norden ist, wo oben ist" als kurzweilige Lektüre, die nicht immer realitätsnah verläuft und nach einem ziemlich flotten Ende ein paar Fragen offen lässt. 
Trotz 190 Seiten Text fühlte sich auch mein aktuell nicht leseaffiner Sohn sehr gut unterhalten, und da Rüdiger Bertram seine Geschichte am Ende dankenswerterweise nicht haarklein aufdröselt, wurde sogar eine leise (unbestätigte) Hoffnung geschürt, ob Philipp und Mel mal wieder etwas miteinander unternehmen. 

Fazit: 
Amüsante und spannende Ereignisse mit einem ernsten Grundthema vereinende Geschichte um zwei gegensätzliche Kinder, die auf einem Roadtrip ein ganz besonderes Ferienabenteuer erleben, das allerdings nicht zur Nachahmung empfohlen ist. 

Gesamteindruck: 
4 von 5 Weißdornzweigen





Buchdaten: 

  • Gebundene Ausgabe: 192 Seiten
  • Verlag: Ravensburger Buchverlag; Auflage: 1 (1. Mai 2013)
  • Sprache: Deutsch
  • Umschlagbild und Vignetten: Constanze Spengler
  • ISBN-10: 3473368652
  • ISBN-13: 978-3473368655
  • Vom Hersteller empfohlenes Alter: 10 - 12 Jahre
  • Neupreis:  12,99 € (D)
  • Auch als E-Book erhältlich.   

Keine Kommentare:

Related Posts Plugin for WordPress, Blogger...