Sonntag, 17. November 2013

... über "Die Liebe in Grenzen" von Veronika Peters

Veronika Peters

Leben und Lieben ohne Schablone.

Zum Inhalt: 
Katia Werner sucht noch nach ihrem Platz im Leben. Ihre Ausbildung zur Erzieherin hat sie quasi abgeschlossen, das Anerkennungsjahr muss sie noch absolvieren. Mehr aus Geldsorgen denn aus tiefer Überzeugung bewirbt sie sich auf eine Praktikantenstelle in einer besonderen psychiatrischen Wohngemeinschaft, der Goldbachmühle. Wider Erwarten, denn eigentlich ist sie für die Arbeit mit den dortigen Fällen noch nicht ausreichend qualifiziert, bekommt sie den Job. Nicht zuletzt wegen Konrad, der unter den ungewöhnlichen Bewohnern besonders heraussticht und dessen einnehmendem Wesen sie sich bald auch nach Dienstschluss nicht mehr entziehen kann ... 

(c) Goldmann /
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Meine Meinung: 
Es ist so eine Sache mit den Vorurteilen ... 
Normalerweise mache ich nämlich einen Bogen um Romane, die äußerlich auf den ersten Blick so nüchtern und uneinladend gestaltet sind wie Veronika Peters' neuer Roman "Die Liebe in Grenzen". Oft befürchte ich da etwas "Schweres", das sich mit dem primären Wunsch nach Unterhaltung nicht unbedingt vereinbaren lässt. Veronika Peters Buch ist aber eine jener Geschichten, die zum Revidieren eigener Vorurteilen geradezu einlädt. Schon der Umschlag regt zum Nachdenken an, mit dem in die Grenzen zweier Laternen gesetzten Titel, der alten Brüstung, Stühlen, die nur noch aus Rahmen bestehen, sodass wohl kaum jemand gern verweilen würde, und mit den Vögeln, die einfach loslassen und davonfliegen. In den auf den ersten Blick so nüchternen Elementen spiegelt sich der Roman sehr treffend wider, und ich werde künftig keinen Bogen mehr um solche Umschläge machen, sondern genauer hinschauen und hineinlesen. 
Zunächst erleben wir Protagonistin Katia vor dem Briefkasten. Obwohl sie nicht einmal Bewerbungsabsagen erwartet und ihr Vater den Briefwechsel mangels Antworten schließlich ebenfalls eingestellt hat, hat sie das merkwürdige Gefühl, dass wider Erwartung an eben diesem Montag vielleicht doch etwas darin liegen könnte. Ohne Umschweife lernen wir eine junge Frau kennen, die sich in den vergangenen Monaten zurückgezogen hat. Eine Frau, die verdrängt, vergeblich verarbeitet, vielleicht sogar Angst hat. Als sie eine leere Ansichtskarte vom Jardin du Luxembourg zwischen der Werbung aus dem Briefkasten hervorfischt, wird sie mit einer nahen Vergangenheit konfrontiert und beginnt, sich ihr zu stellen, denn das nächste postalische Zeichen bleibt nicht aus. 
Veronika Peters lässt ihre Protagonistin Katia als Ich-Erzählerin in zwei Zeitebenen von einem Abschnitt ihres Lebens berichten. 
Von der Katia vor dem Briefkasten blicken wir somit zurück zu der Katia, die sich vor ein paar Monaten erst durchgerungen hat, ihre Ausbildung abzuschließen und ihr Anerkennungsjahr als Erzieherin zu absolvieren. 
Und da stoßen wir schon wieder auf eigene Vorurteile. Mit ihren grünen Haaren ist Katia äußerlich unangepasst, vermittelt nicht unbedingt den Eindruck einer Respektsperson. In einem unkonventionellen Bewerbungsgespräch, das eigentlich gar keines ist, erweist sie sich jedoch als schlagfertig und nicht auf den Kopf gefallen, selbst wenn sie sich im nächsten Augenblick selbst analysiert und sich so manches Mal in Allerwertesten beißen möchte. Sie zeigt sich als junge Frau ohne Berührungsängste, sie ist offen gegenüber neuen Aufgaben und lässt sich auch nicht so schnell ins Bockshorn jagen. 
Während die Gegenwarts-Katia von Unsicherheit geprägt ist und ein Zeichen nach dem anderen zu entschlüsseln versucht, wächst die "alte" Katia in eine neue Gemeinschaft, eine neue Familie, hinein. 
In der Villa, die eine Reihe von "Fällen" beherbergt, bei denen klassischen Therapiewege ausgeschöpft sind oder die von den Betreuern schlichtweg als Fehldiagnose eingestuft werden, trifft Katia auf Menschen, die nicht dem entsprechen, was wir gemeinhin für gesellschaftliche Normen halten, Menschen, die nicht unseren Erwartungen gerecht werden und die sich selbst sogar als "Irre" bezeichnen. 
Zu ihnen gehört auch Konrad, eine schillernde Figur, die auf einem sehr schmalen Grat zwischen stereotyp und erschreckend authentisch gezeichnet ist. Aus gutem Hause, mit depressionskranker Mutter und überanspruchsvollem, gestrengem Vater schreit er förmlich nach Klischee. Seine künstlerischen Talente, seine Intelligenz und seine einwandfreien Manieren verleihen ihm eine Hochglanzaura, die ihn hervorstechen lässt. "Irre" wie die anderen in der Goldbachmühle ist er ... und doch anders. Für ihn ist die Katia mit den grünen Haaren längst kein Paradiesvogel. Schnell kann er sie für sich gewinnen, Gefühle in ihr wecken, die nichts Dienstliches mehr an sich haben, sie in eine Gefühlswelt entführen, in der sie schnell verbrennen kann.
Intensiv und gerafft erzählt Veronika Peters auf 242 Seiten aus Katias Sicht eine etwas andere Beziehung, die nicht von jedem Leser zwangsläufig mit Liebe gleichgesetzt werden wird. Dabei gelingt es ihr, den Handlungsstrang um die Goldbachmühle und ihre Bewohner ausgewogen mit der besonderen "Liebesgeschichte" zu verknüpfen. Katia, deren gute Instinkte sie rasch zu einem Familienmitglied in der Goldbachmühle machen, wird, wie der Leser auch, in Konrads Bann gezogen. Seine Beweggründe und Gefühle zu entschlüsseln, ist, mangels Darstellung seiner Innensicht, schwierig und auch nicht das Ziel. Schnell wird deutlich, wie sehr Konrad sein Spiel spielt, Fäden zieht, ständig in einem fadendünnen Gemütszustand, der auch für Katia nicht leicht zu handlen ist. Eingebettet in den Alltag der psychiatrischen Einrichtung schildert die Autorin etwas, das sich nicht auf eine klassische Liebesgeschichte reduzieren lässt. Sie stattet ihre Charaktere mit glaubhaften Problemen aus, verleiht ihnen Charakter und lässt Konflikte nicht aus der Luft gegriffen wirken. In der Goldbachmühle ist jeder Charakter gleichwichtig, wie in der Gegenwart auch Katias beste Freundin Manu. Veronika Peters gestaltet sie alle so lebendig, dass sie selbst dann präsent wirken, wenn sie gar nicht physisch anwesend sind.  
Dies gilt auch für Konrad, der, und das erfahren wir bereits zu Beginn des Buches, nicht mehr physisch in Katias Leben anwesend ist. Im Verlauf des Romans sendet er Katia diverse Zeichen, die Fragen aufwerfen und schlussendlich Meilensteine in der Charakterentwicklung repräsentieren. Dabei gelingt es der Autorin, Spannungsmomente treffsicher zu setzen und dafür zu sorgen, dass der Leser auch in Augenblicken voller Zweifel und Rückschläge nicht in Schwermut verfällt. Während Katia die vergangenen Monate verarbeitet, wird der Leser angeregt, sein eigenes Schablonendenken zu hinterfragen und abzustreifen, sich Alternativen zu öffnen und sich auf ein unerwartetes Ende vorzubereiten. 
Damit wird "Die Liebe in Grenzen" zu einem intensiven Leseerlebnis, das Emotionen weckt und auch Lust macht, den Charakter der Katia weiter zu verfolgen. 

Fazit: 
Mit viel Gespür für das Außergewöhnliche und erfrischend unkitschig erzählte Geschichte, die in einem kurzen Strohfeuer der Liebe und seinen Nachwirkungen charakterliche Graustufen auslotet, mit Vorurteilen und Erwartungen aufräumt und sich nicht vor dem Loslassen scheut. Ein Roman, der weder Schwarz noch Weiß zurücklässt und stark nachwirkt. 

Gesamteindruck: 
5 von 5 Weißdornzweigen 

Buchdaten:
  • Gebundene Ausgabe: 272 Seiten
  • Verlag: Goldmann Verlag (21. Oktober 2013)
  • Sprache: Deutsch
  • Umschlaggestaltung: Uno Werbeagentur, München
  • ISBN-10: 3442313201
  • ISBN-13: 978-3442313204
  • Neupreis: 19,99 €
  • Auch als E-Book erhältlich.

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