Dienstag, 29. Oktober 2013

... über "Die Sphinx von Montana" von Pauls Toutonghi

Pauls Toutonghi

Auf der Suche nach den eigenen Wurzeln - selbstreflektierend, mit multikultureller Färbung und feinem Humor

(c) Rowohlt.Berlin /
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Zum Inhalt:
Mit Mitte zwanzig ist Khosi Saqrs Leben geordnet und ereignislos. Das Kupferbergbaustädtchen Butte im US-amerikanischen Montana hat außer seiner glorreichen Tagebauvergangenheit und dem berühmten Motorrad-Stuntman Evel Knievel nichts zu bieten. So geht Khosi seinem Job im Museum nach, pflegt einen Ordnungsfimmel und hat ein Auge auf seine Mutter Amy, die, an der Kupferspeicherkrankheit Morbus Wilson erkrankt, Medikation und Diät unterliegt, aber keinesfalls hilflos ist. Eines Tages aber erscheint sein Vater unangekündigt in Butte. Selbst wenn Khosi, Verwandten sei Dank, immerhin des Arabischen mächtig ist, ist sein Vater für ihn so fern wie das Land am Nil, aus dem jener stammt. Nachdem der Ägypter die Amerikanerin Amy schon so früh verlassen hat, dass Khosi keine Erinnerung an ihn blieb, steht er nun vor ihrer Tür und verlangt die Scheidung. Nur eine Unterschrift auf einem Papier. Kein Interesse, den Sohn kennenzulernen. Verärgert erwacht Khosi aus seinem Trott und beschließt, entgegen den Einwänden seiner Mutter nach Kairo zu reisen, um die Puzzleteile seiner zerrütteten Familie zu Wurzeln zusammenzufügen. Doch dort erwarten ihn einige Überraschungen ... 

Meine Meinung
Nachdem ich in diesem Jahr mein Faible für Geschichten über das Erwachsenwerden und das Finden der eigenen Wurzeln wiederentdeckt habe, passte Pauls Toutonghis Roman von vornherein ins Schema. Brian Reas Umschlagillustration (die vom Originalumschlag der amerikanischen Ausgabe übernommen wurde) nimmt treffsicher Bezug auf die bikulturelle Herkunft des Hauptcharakters und Ich-Erzählers Khosi Saqr. Je nachdem, wie man die Abbildung dreht, siedelt man ihn entweder in Ägypten oder in Montana an, loslösen lässt er sich jedoch von keiner der beiden Regionen, denn Khosi hängt zwischen beiden fest. Durch ihre braunen und sandigen Nuancen wirkt die Illustration allerdings etwas ältlich und erinnert mich an alte Abenteuererzählungen weit vor meiner Zeit, was nicht so recht zu dem jungen Charakter des Khosi passen will und auch in gewissem Maße dazu beitrug, dass ich mir Khosis Vater immer wesentlich älter vorstellte. Mit dem deutschen Titel "Die Sphinx von Montana" bin ich ebenfalls noch nicht vollständig im Reinen, weil ich vergeblich nach der Sphinx suche, dennoch ist er für den deutschen Leser greifbarer als der Originaltitel "Evel Knievel Days". Letzterer bietet einen unverkennbaren Bezug zur Geschichte, in der letztendlich sogar der Geist des seligen Evel Knievel bemüht wird, nur dürfte ich wahrscheinlich  nicht der einzige Nichtamerikaner sein, der mit dem 2007 verstorbenen Stuntman nichts anfangen kann. Den unterhaltsamen Lesestunden tut dies jedoch keinen Abbruch.
Pauls Toutonghi präsentiert Khosis Geschichte mit einem angenehm augenzwinkernden Ton. Obwohl der junge Mann sich zweifellos Einiges aufhalst, beispielsweise die "Überwachung" seiner Mutter übernimmt, wenngleich sie weder gebrechlich noch unmündig ist, so legt er doch eine Selbstreflexion an den Tag, die mit erfrischendem Sarkasmus überzeugt und nicht selbstmitleidsgeschwängert daherkommt. Dabei zeichnet er scharfsinnig ein klares Bild seiner Umgebung; zunächst von Butte, das er nüchtern, fast in Reiseführerton beschreibt und damit seinen eigenen ereignislosen Alltag nur noch unterstreicht. 
Als sein Vater plötzlich in seinem Leben auftaucht und sich stehenden Fußes wieder verabschiedet, kommt auch Leben ins Geschehen. Die Figuren verlassen ausgetretene Pfade, agieren neu, und vor allem Khosi darf nun Neues erleben und erkunden, ob das Land seines Vaters ihm das Gefühl des In-der-Luft-Hängens, des Daseins als halber Mensch, nehmen kann. 
Während des Ägyptenaufenthalts, der den meisten Raum von Toutonghis Roman einnimmt, kommt es immer wieder zu überraschenden Begegnungen und Missverständnissen, die der Autor glaubwürdig und authentisch zu vermitteln weiß. So muss sich Khosi immer wieder selbst ertappen, dass sein Arabisch, das er fernab des Landes diszipliniert erlernt hat, arg angestaubt ist und mitunter für ein Schmunzeln sorgt. Während er an ägyptische Speisen gewöhnt ist, die seine Mutter mit viel Liebe zuzubereiten lernte, sorgt Kairo dennoch für Kulturschockmomente, die Khosi trotz seiner binationalen Herkunft zum Touristen degradieren. Auch das Kennenlernen des Vaters ähnelt einem Kulturschock. Sehr langsam lernen wir Khosis Erzeuger kennen, und mir fiel es sehr schwer, mich für ihn zu erwärmen. Umso mehr, da Khosi deutlich zum Sympathieträger avancierte, mit all seinen Eigenheiten, aber vor allem seiner Wärme im Umgang mit seiner Mutter und seinem Streben nach Ehrlichkeit, das ihn immer beflügelt, die Dinge richtig stellen zu müssen, auch wenn er damit Gefahr läuft, das Chaos noch zu vergrößern. 
Während ich mit Khosis Vater auch auf Seite 318 noch nicht warm geworden war, war mir seine Mutter Amy von Anfang an sympathisch. Selbst wenn sie mitunter einen gluckenhaften Eindruck vermittelt, dominiert eine innige Beziehung zu ihrem Sohn, und so bleibt sie über den gesamten Roman hinweg eine feste Größe, die auch aus dem ägyptischen Geschehen nicht wegzudenken ist. Im Übrigen ist "Die Sphinx von Montana" angefüllt mit unzähligen ägyptischen kulinarischen Genüssen, denn Khosis Mutter ist eine begnadete Köchin, die, obwohl Amerikanerin, manches Nationalgericht besser zubereitet als Einheimische, selbst wenn sie die Mehrheit der Speisen aufgrund ihrer Stoffwechselstörung nicht einmal probieren kann. Über den knurrenden Magen beim Lesen darf man sich daher nicht wundern. 
Im Mittelteil der Geschichte hatte ich zugegebenermaßen einen Hänger und musste die Lektüre kurz aussetzen. Nicht nur hatte ich dann das Gefühl, die Geschichte käme zum Stagnieren, sondern sie war mir auch kurzfristig etwas zu skurril. Das amüsierte Grinsen, das ich zu Beginn der Geschichte noch mit mir herumtrug, hielt in diesem Part des Romans nicht an. Im Endspurt klären sich jedoch auch die Ereignisse auf, sodass sich das Durchhalten auf jeden Fall lohnt. Im letzten Drittel schließlich spart Toutonghi nicht an Spannung, indem er seinen Protagonisten nicht schont. Doch für Khosi lohnt es sich. Und für den Leser auch. 

Fazit: 
Coming-of-Age-Roman um einen schrägen, aber liebenswerten Protagonisten auf der Suche nach den fehlenden Puzzleteilen seiner Herkunft, scharfsinnig, humorvoll und dramatisch erzählt, wenn auch nicht immer vor Überzeichnung und Längen gefeit.

Gesamteindruck: 
4 von 5 Weißdornzweigen
 




Buchdaten:
  • Gebundene Ausgabe: 320 Seiten (mit Schutzumschlag und Lesebändchen)
  • Verlag: Rowohlt Berlin (8. März 2013)
  • Sprache: Deutsch, übersetzt von Eva Bonné
  • ISBN-10: 3871347450
  • ISBN-13: 978-3871347450
  • Neupreis: 19,95 € (D) 
  • Auch als E-Book erhältlich. 
 



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