Montag, 28. Oktober 2013

... über "Das Wasserschloss" von Megan Frazer Blakemore

Megan Frazer Blakemore

Geheimnisvolles Abenteuer für wissenschaftshungrige Leser und alle, die noch an Wunder glauben.

(c) Carlsen / Abb. = Bestelllink zu Amazon
Zum Inhalt:
Das Schicksal hat der fünfköpfigen Familie Appledore-Smith einen gewaltigen Dämpfer versetzt. Nach dem Schlaganfall des Vaters ist nichts mehr, wie es einmal war. Um auch nur den kleinsten Fortschritt in seiner Genesung ringend, beschließt die Mutter, selbst Ärztin, mit der ganzen Familie nach Maine aufs Land zu ziehen. Ein Spezialist soll sich dort um den Patienten kümmern, während der Landsitz der Familie Appledore, den sie bisher noch nie betreten haben, für die notwendige Ruhe und Abwechslung sorgen soll. Die Kinder Price, Ephraim und Brynn staunen jedoch nicht schlecht, als sie das Anwesen im beschaulichen Crystal Springs sehen. Das "Wasserschloss" genannte Haus entpuppt sich als architektonischer Spielplatz und wartet nicht nur mit versteckten Zimmern auf. Ephraim, das mittlere der Appledore-Kinder, bemerkt als Erster ein seltsames Summen und einen merkwürdigen blauen Lichtschein. Nicht zuletzt darf er in der neuen Schule feststellen, dass offenbar alle Kinder in Crystal Springs - im Gegensatz zu ihm selbst - besonders begabt sind. Als er dann erfährt, dass einer seiner Vorfahren tatsächlich nach dem Wasser des Lebens gesucht hat, wird er neugierig. Gemeinsam mit seiner neuen Schulkameradin Mallory, deren Familie sich seit Generationen um das Appledore-Anwesen kümmert, und Will, dessen Familie sich wiederum nie grün mit den Appledores war, geht er den geheimnisvollen Erscheinungen im Haus nach und ist bald schon überzeugt, dass er seinem Vater helfen kann. 

Meine Meinung: 
Bevor ich mit dem Lesen begonnen und später die Umschlaggestaltung der englischen Ausgabe gesehen habe, war ich von der Aufmachung von "Das Wasserschloss" begeistert. Verena Körtings gelungene Illustration verbindet Wasser und Geheimnis, vermittelt jedoch auch eine fantastische Komponente, die der eher wissenschaftlich ausgerichteten Geschichte fehlt. Das Originalcover punktet hingegen mit dem Freundschaftsfaktor und stellt die drei Kinder, die sich anfänglich nicht riechen können, aber durch ganz unterschiedlichen Forscherdrang zusammengeschweißt werden, in den Vordergrund. Im Vergleich gefällt mir daher der Originalumschlag etwas besser als die deutsche Ausgabe von Carlsen. Im Festeinband liegt Blakemores Roman mit seinen 364 kräftigen, groß beschriebenen Seiten ziemlich gewichtig in der Hand (mein Sohn hat sich beschwert). Dank der nicht ganz so kleinen Schrift ist der Text angenehm zu lesen, wobei die Schriftgröße vor allem in den zahlreichen kursiv gedruckten Passagen, die eine vergangene Zeitebene beleuchten, positiv ins Gewicht fällt, denn ich empfinde inzwischen Kursiv als ziemlich anstrengend. Gestört haben mich die Kapitelüberschriften. In Graunuance gehen diese in den ersten Satz über, sodass ich, je nach Leseposition, ab und an Schwierigkeiten hatte, die ersten Wörter zu entziffern. Nicht schön fand ich auch, dass sämtliche Seitenzahlen links stehen, was die Suche nach der letzten Seite (wenn einem mal, so wie uns, das Lesezeichen flöten geht) nicht gerade vereinfacht. 
Ursprünglich war geplant, dass mein Sohn und ich das Buch gemeinsam lesen. Das Abenteuer um das Wasser des Lebens reizte uns, auch wenn das empfohlene Lesealter bei 11 bis 13 Jahren liegt. Ausgestiegen ist mein Sohn allerdings schon recht früh, da sich das Wissenschaftsthema als zu kompliziert erwies. Er ist für dieses Buch noch zu jung, aber Blakemores Roman ist es wert, für das Lesealter aufbewahrt zu werden. 
"Das Wasserschloss" besticht mit dem Charakter des Ephraim, der als Sandwichkind weder so klug wie seine jüngere Schwester Brynn noch so sportlich wie sein größer Bruder Price ist. Obwohl er im Vergleich zu den übrigen Kindern in Crystal Springs "nur" normal ist, überzeugt er mit ordentlich Biss und unverbrüchlichem Vertrauen. Damit gelingt es ihm, Ressentiments, die sich seit Generationen halten, zu überwinden und Freunde (und Verbündete) zu gewinnen für eine spannende Suche, die dem tiefen Wunsch entspringt, den lebensfrohen Vater, den Maler mit seinen farbigen Bildern, zurückzuholen und der Mutter die Sorgen zu nehmen, und zu einem Entdeckungsabenteuer heranwächst, das aufregende Lesemomente verspricht. Ihm zur Seite stellt Blakemore zwei Charaktere, die beide einen recht eigenbrötlerischen Eindruck machen. Da ist zum einen Will, der die Appledore-Smiths schon von vornherein pauschal nicht leiden kann. Immerhin herrscht seit Generationen eine Fede zwischen den Familien, beanspruchen doch sowohl Wills als auch Ephraims Vorfahren die Entdeckung des legendären Wassers in Crystal Springs für sich. Auch das Mädchen im Bunde, Mallory Green, hat mit den Appledores nicht wirklich etwas am Hut. Seit Generationen liegt das Schicksal des alten Appledore-Hauses mit seinen verspielt-versteckten Räumen schon in den Händen ihrer Familie mütterlicherseits, doch Mallory hat ganz andere Sorgen, vornehmlich die Trennung ihrer Eltern. Wie stark die Geschicke der beiden Familien miteinander verknüpft sind, entspinnt sich im Laufe der Geschichte auf interessante Weise. Anhand von Tagebuchaufzeichnungen einer Vorfahrin von Mallory erzählt Blakemore eine Parallelhandlung um die Jahrhundertwende zum 20. Jh. Dort finden sich Entdeckungen, die die Kinder in der Gegenwart erst für sich erschließen müssen. Dabei gilt es, nicht nur alte Schatten zu überwinden, sondern auch in Dinge zu vertrauen, die man vielleicht nicht versteht, unter Umständen vielleicht auch nie ganz verstehen wird.
Auch wenn ich dem empfohlenen Lesealter weit entwachsen bin, machte es mir viel Spaß, Hinweise zu finden und Zusammenhänge zu verknüpfen. Mit großem Interesse verfolgte ich die drei Kinder, die als Fremde in einem Schulforschungsprojekt zusammengewürfelt wurden und schließlich doch füreinander einstehen. Dabei vermisste ich gelegentlich Ephraims Geschwister. Das allerdings nur rein physisch, denn ihre Charaktere wurden trotz ihrer raren Präsenz liebevoll und nachvollziehbar gezeichnet und blieben längst nicht in groben Umrissen stecken. Nachdem ich bei Kinder- und Jugendbüchern oft bemängele, dass Elterncharaktere durch Abwesenheit glänzen, konnte mich Megan Frazer Blakemore mit einer gesunden Mischung elterlicher Anwesenheit überzeugen, die hier nämlich nicht auf das autoritäre Zurechtstutzen in heiklen Situationen reduziert wird, sondern Mütter und Väter mit authentischen Sorgen zeigt, die aber trotzdem da sind, wenn sie gebraucht werden. 
Daneben legt die Autorin eine rege Fantasie an den Tag, wenn es um die Beschreibungen des so besonderen Wasserschlosses geht, das in seiner ausgeklügelten, geheimnisvollen Architektur ein gutes Vorstellungsvermögen erfordert. Außerdem gelingt es ihr gut, wissenschaftliche Erklärungen glaubhaft zu vermitteln, auch wenn sich diese bestimmt teilweise der dichterischen Freiheit zuordnen lassen. Gut gefiel mir auch, dass Erklärungen der Zusammenhänge versteckt und angedeutet und nicht auf dem Präsentierteller geliefert werden. 
Ein Buch zum Mitdenken und Mitfiebern.

Fazit: 
Gelungenes Kinderbuch rund um die abenteuerliche Suche nach dem vermeintlich Unmöglichen, in der gegensätzliche, lebendig gezeichnete Charaktere zusammengeschweißt werden. Forschungsbegeisterte junge Leserinnen und Leser dürften ihre Freude daran haben, auf einem interessanten Grat zwischen Wissenschaft und Wunder zu wandern. Wer nicht gern hinterfragt und knobelt, dem könnte "Das Wasserschloss" unter Umständen zu komplex und auch zu umfangreich sein.

Gesamteindruck: 





Buchdaten
  • Gebundene Ausgabe: 368 Seiten
  • Verlag: Carlsen (25. Juli 2013)
  • Sprache: Deutsch, übersetzt von Annette von der Weppen
  • ISBN-10: 355155644X
  • ISBN-13: 978-3551556448
  • Vom Hersteller empfohlenes Alter: 11 - 13 Jahre
  • Neupreis: 16,90 €
  • Auch als E-Book erhältlich. 

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