Donnerstag, 31. Oktober 2013

... über "Charlie Joe Jackson - Lesen verboten!" von Tommy Greenwald

Tommy Greenwald 

Mehr als nur Tricks und Kniffe für Nichtleser

(c) Baumhaus Verlag /
Bildlink zu Amazon

Zum Inhalt: 
Charlie Joe Jackson kann man mit Büchern in die Flucht schlagen. Nichts hasst er mehr als Lesen. Bis zur Mittelstufe hat er sich allerdings clever durchgeschlagen und Pflichtlektüre und damit verbundene Aufgaben gemeistert, ohne auch nur ein Wörtchen zu lesen. Dafür hat er seinen Kumpel Timmy. Bereitwillig  hat der sich nämlich in den letzten Schuljahren mit Süßigkeiten und Essen bestechen lassen und Charlie haarklein jedes Buch erzählt. Nun aber, mitten in "Billys Pakt", stellt Timmy plötzlich den Service ein und lässt Charlie hängen. Verzweifelt versucht der jetzt, herauszukriegen, wo der Hase im Pfeffer liegt, und die Dinge wieder zu richten. Denn selber lesen wird ein Charlie Joe Jackson nie und nimmer, und dafür wird er überaus ideenreich. 

Meine Meinung: 
Da haben wir den Salat. Mit fortschreitendem schulischem Leseaufwand fällt Sohnemanns Freizeitleselust steil gen Null. Also musste etwas Außergewöhnliches, was Auffallendes, was An- und Aufregendes her. Und Tommy Greenwalds "Charlie Joe Jackson - Lesen verboten!" kam gerade recht mit seiner heiteren Aufmachung, Seiten, die an Collegeblockseiten erinnern, unterschiedlichen Schriftarten, Illustrationen im Comic-Stil und viele Seiten mit hübsch wenig Text. Kaum war das Buch da, verschwand das Kind mit der Taschenlampe ins Bett und las. Freiwillig. Enthusiastisch. Dass das Buch für 10- bis 12-Jährige gedacht ist, störte erst einmal wenig. So wurden denn an Abend 1 schon die ersten fünfzehn Seiten verschlungen. "Der erzählt, wie man sich vor dem Lesen drücken kann", freute sich das Kind und hechelte schon am nächsten Tag auf weiteren zwanzig Seiten nach neuen Tipps. Freiwillig schmökerte der ehemalige Bücherfan wieder und ich dachte bereits ernsthaft über ein Dankschreiben an den Autor nach. Aber nach Teil 1 der in sechs Teile aufgegliederten Geschichte war es dann bereits wieder vorbei. Weggelegt wurde der Charlie und nie wieder angerührt. Also musste ich selbst an die Lektüre, um zu erschließen, welche Laus denn dem Kind über die Leber gelaufen war. 
Tatsächlich beginnt Tommy Greenwalds Kinderbuch wunderbar locker. Ohne Umschweife führt er seinen Hauptcharakter Charlie Joe Jackson ein, der weder auf den Mund noch auf den Kopf gefallen ist und sich auch überhaupt nichts daraus macht, dass er Lesen doof findet. Im Gegenteil. Er ist auch noch mächtig stolz, bisher erfolgreich um den Lesekram der Schule herumgekommen zu sein. Daneben wartet er bauernschlau mit zahlreichen Tipps auf, welche Bücher zu meiden sind. Ingesamt gibt es 25 solcher Tipps, die sich durch das gesamte Buch ziehen und die Geschichte immer wieder unterbrechen. So solle man sich unter anderem zunächst überzeugen, dass das Buch keine langen Kapitel hat, und die Finger von Büchern von "jemandem, dessen Namen ihr nicht aussprechen könnt", lassen. 
Relativ flott bringt der Autor Charlie dann auch in eine echte Bredouille, indem sein süßigkeitenbestochener Nacherzähler aus dem Deal aussteigt. Während der sehr ideenreiche Charlie nach einer Lösung sucht, bekommen seine Eltern Wind von dem Schwindel. Nicht nur, dass diese sowieso an seiner Leseunlust schuld sind, haben sie ihm doch einst ein traumatisierendes Buchgeschenk gemacht, nein, nun wird er auch noch zu Bibliotheksarrest verdonnert. Für Charlie sieht es echt schlecht aus. Sein Versuch, Timmy in die Lacrosse-Schulauswahl hinein zu tricksen, kommt ziemlich plump an, und sein guter Ruf ist angeknackst. Doch das Allerschlimmste überhaupt ist, dass Timmy, der Verräter, sich urplötzlich Charlies Angebeteter Hannah nähert. 
Und genau da war für meinen Sohn Schluss. 
Übertrieben betet Charlie dieses Mädchen an, und es geht kapitelweise um Eifersüchteleien, die Charlies eigentliche Sorge, nämlich, dass er ein Strafreferat halten muss, stark in den Hintergrund drängen. Wenn man hier den ultimativen Nichtlesen-Ratgeber oder, im Gegensatz dazu, einen Ratgeber, wie ein Nichtleser zum Leser bekehrt wird, erwartet hat, dann wird Tommy Greenwalds humorvolles Buch im Mittelteil durchaus etwas langatmig. Vielleicht sogar etwas süßlich für jene, die mit (noch nicht) 10 Jahren eben noch keine Mädchen-/Beziehungsgeschichten lesen möchten. Hier zeigte sich, dass mein Sohn für dieses Buch, das äußerlich und mit seinen kindlichen Comic-Illustrationen eher so aussieht, als würde man mit 10 Jahren und älter nicht unbedingt mehr danach greifen, doch noch zu jung ist. Charlies Angeschmachte der göttlichen Hannah war für ihn nicht witzig, sondern langweilig. Als Erwachsene las ich das schon wieder mit anderen Augen und fand diesen Part durchaus amüsant, auch wenn ich tatsächlich zwischendurch den Faden zur Schul- und Lesegeschichte verlor. Nur stellt sich andererseits die Frage, ob ein reines Nichtlesebuch mit 240 Seiten tatsächlich noch gelesen würde. Da müssen schon ein bisschen Verwirrungen drin sein. 
Die beiden Übersetzerinnen übertragen Charlies direkten Erzählstil angemessen ins Deutsche. Über die gesamte Lektüre hält sich der Eindruck, man habe einen frechen Jungen unmittelbar vor sich. Es macht durchaus Spaß, von Charlie direkt angesprochen zu werden, das Hineingezogenwerden in die Geschichte blieb allerdings leicht auf der Strecke. 
Das lag daran, dass "Charlie Joe Jackson - Lesen verboten!" ein stark amerikanisches Buch ist. Nun gut, man kann einem US-amerikanischen Autor schlecht vorwerfen, dass er seine Geschichte nach seinem Umfeld und Erleben färbt. Lesen in den Schulalltag einzubinden ist ebenfalls sinnvoll und fast schon eine Notwendigkeit, denn wo sonst wird Lesen zum "Muss"? Dennoch bleibt man in einer gewissen beobachtenden Position, da die Abläufe im Schulalltag doch anders ausfallen und man sich erst hineindenken muss. Im Gegensatz zu anderen Romanen, die sich ebenfalls der Schule als Location bedienen, fühlte ich mich hier, so absurd es auch ist, damit nicht wohl. Insgesamt fühlte ich mich in einen überzeichneten US-amerikanischen Trickfilm versetzt, mit einem Protagonisten, der sein Ding macht, und mit den heroischen Reden, die zwar treffsicher ankommen, aber nicht jedem Rezipienten liegen. 
Davon abgesehen ist Greenwalds Idee, vom mangelnden Lesehunger zu einem anderen Problem umzuschwenken, nicht zu verachten. Mit kritischem Kinderauge betrachtet er Cliquenbildung in Schulen, wobei Schüler, die anderen Interessen nachgehen, ausgeschlossen werden. Dort wird "Charlie Joe Jackson - Lesen verboten!" nach der zwischenzeitlichen Durststrecke wieder richtig interessant, selbst wenn das Lesethema in den Hintergrund rückt. Dass dieses kritische Thema nicht langweilig wird, ist Greenwalds Fähigkeit zu verdanken, die Sicht des Jungen konstant aufrecht zu erhalten. Er lässt die Worte seines Ich-Erzählers nie in Erwachsenensprache und -urteile abgleiten, sondern Charlie bleibt von Anfang bis Ende der ausgefuchste, freche Mittelschüler, mit dem sich der junge Leser im richtigen Alter bestimmt gern anfreundet. 
Am Ende gelingt es Tommy Greenwald, den Kreis thematisch wieder zu schließen und Charlies Geschichte ordentlich abzurunden. Während der Lektüre hatte ich Gelegenheit, meine elterlichen Erwartungen an dieses Buch zu revidieren und mich auf eine neue Reise führen zu lassen. Und das gefiel und gefällt mir. 

Fazit: 
Größtenteils amüsante Geschichte um einen notorischen Nichtleser, der sich ideenreich durch den Schulalltag manövriert, aber mehr Belehrbarkeit vertragen könnte. Stellenweise Übertreibungen bedienen zwar Klischees, sorgen aber für ein Schmunzeln und dürften Lesehungrigen wie auch Lesemuffeln im empfohlenen Lesealter durchaus Spaß machen. 

Gesamteindruck: 
4 von 5 Weißdornzweigen





Buchdaten
  • Gebundene Ausgabe: 240 Seiten
  • Verlag: Bastei Lübbe (Baumhaus); Auflage: Aufl. 2013 (21. Juni 2013)
  • Sprache: Deutsch, übersetzt von Regina Lehmann und Christina Pfeiffer
  • ISBN-10: 3833901829
  • ISBN-13: 978-3833901829
  • Vom Hersteller empfohlenes Alter: 10 - 12 Jahre
  • Neupreis: 12,99 € (D) 
  • Auch als E-Book erhältlich.  

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