Montag, 2. September 2013

... über "Wie Sonne und Mond" von Nicole Walter

Nicole Walter

Schwestern zwischen Vergangenheit, Verzeihen und Neuanfang

(c) Droemer-Knaur /
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Zum Inhalt:
Vor zwanzig Jahren kehrte Birgit ohne ihre Schwester Kira aus Ibiza zurück. Seitdem ist die Schwester nichts mehr als Postkarten - nicht Ansichtskarten - aus aller Welt, wie die Poststempel verraten. Doch nun kehrt Lebefrau Kira zurück an den Starnberger See, geflohen von ihrer Wahlheimat Ibiza. Im Gepäck hat sie nur den Ballast der Vergangenheit, aber kaum eingetroffen, sieht sie, dass das Leben weitergegangen ist. Birgit ist Mutter, hat zwei Kinder, Pippa und Henry, und sie ist verheiratet. Ausgerechnet mit Tom, in den Kira vor zwanzig Jahren selbst bis über beide Ohren verliebt war. Obwohl oder weil das längst nicht alle Nachrichten sind, mit denen Kira konfrontiert wird, beschließt sie, zu bleiben. Genau da. In ihrem Elternhaus, umgebaut von Tom und Birgit, modern und doch ein Stück Zuhause. Zwangsläufig kommen die Schwestern nicht um die Aufarbeitung ihrer Vergangenheiten herum, und während Kira sich wie ein Wirbelwind in ihrer alten Heimat einlebt, wachsen in der daheimgebliebenen Mutter Birgit Zweifel: Lebt sie wirklich das Leben, das sie sich immer erträumt hat?

Meine Meinung: 
Nicole Walters "Wie Sonne und Mond" macht äußerlich einen recht nüchternen Eindruck, mit weißem Hintergrund und exotischer Sternfrucht, Blutorange (?) im Kontrast zu einer Birne. Vielleicht Ibiza auf der einen Seite, Deutschland auf der anderen. Der Umschlag ist leise wie der Roman, verheißt aber kaum die schwer lastende Dramatik der Geschichte. 
Viel lässt sich gar nicht schreiben zu "Wie Sonne und Mond", denn überall lauern die Fettnäpfchen, dass man zu viel verrät. 
Der Inhalt des Romans ist gar nicht so nüchtern und erst recht nicht schwarz-weiß. 
Für die Moralapostel unter uns LeserInnen ist "Wie Sonne und Mond" nämlich nur bedingt geeignet. Vor allem Kira ist ein einigermaßen kontroverser Charakter. 
Zugegeben, sie ist eine Frau mit viel Gepäck, aber auch eine Frau, die für den einen oder anderen Aufreger sorgt, die man aber, geht man einmal in sich, durchaus verstehen kann und die einem, nach einem langen Weg, einen versöhnlichen Blick aufs Leben zeigt.
Der Roman startet bereits mit zwiespältigen Gefühlen, nämlich mit Kiras Weggang von Ibiza. Wir erleben eine Frau, die am Ende ihrer Kräfte ist und schlussendlich einfach davonläuft. Aber anstatt sich zu offenbaren, wirbelt sie "zuhause" erst einmal Staub auf. Ganz bewusst, und doch wirkt sie wie ein trotziges kleines Kind, das sein Eis nicht bekommt. 
Damit tat ich mich leider sehr schwer, sodass ich mich durch das erste Drittel des Buches regelmäßig durchquälen musste. Obwohl ich anfangs ein Tränchen verdrücken musste, so sehr gingen mir Kiras Verzweiflung, Geldnöte und Ängste ans Herz, kam ich mit der Art und Weise, wie sie sich bei ihrer Schwester einnistet, nicht zurecht. Diese Ressentiments, der innere Grolle, mit dem sie der Schwester unausgesprochen zum Vorwurf machte, ihr den Mann gestohlen und sie auch noch um ihr Erbe betrogen zu haben, machten sie mir schlichtweg unsympathisch. 
Dass man sich nach zwanzig Jahren und all den unausgesprochenen Ereignissen, die im Verlaufe der Geschichte zutage treten, nicht um den Hals fällt und sich bei einem netten Plausch bei einem Gläschen Rotwein alles in Wohlgefallen auflöst, ist nur verständlich, aber Nicole Walter nimmt sich in ihrem nur 346 starken Roman sehr viel Zeit, um die Charaktere misstrauisch umeinander herumtanzen zu lassen. 
So fühlt sich Birgit, die Protagonistin mit Identifikationspotential für alle Ehefrauen und Mütter, die ihren Platz im Leben gefunden zu haben meinen, Verantwortung nicht nur als Wort kennen, viel zu lange von Kira bedroht und stolpert buchstäblich in eine Identätskrise, die zusätzlich vom Alltagsgepäck geschürt wird, das die zweifache Mutter ohnehin bereits mit sich herumschleppt. Da ist einmal die demenzkranke Mutter, die über Seiten hinweg namenlos bleibt und tatsächlich  nur "Mutter" genannt wird, bevor sie endlich Namen und Substanz erhält und dem Roman sogar ein wenig Farbe verleiht. Und da ist ein noch unerklärter Knoten, den Birgit vor Kurzem in ihrer Brust ertastet hat. Vor allem letzteres sorgt für Ängste und ist nicht unwesentlich an einem Prozess des Aufwachens aller Parteien beteiligt. Dennoch hatte ich das Gefühl, dass dieser Handlungsstrang mehr den Zweck verfolgte, Nebenfigur Mia, Birgits beste Freundin, mehr Spielzeit zu geben und die Freundschaft der beiden Frauen dem Leser näher zu bringen, damit wiederum ein weiterer Kira-Plot besser unter die moralische Lupe genommen werden kann. Und doch wirkt Birgit neben Kira bis zum Schluss wie die sprichwörtliche graue Maus, zu selten darf sie mal aus der Haut fahren, zu selten sie selbst sein.
Erst im letzten Drittel seziert die Autorin schlussendlich die Beziehung der Schwestern mit besonders feinem Gespür, dröselt auf, was damals auf Ibiza geschah, rückt die Männercharaktere in ein eigenes Licht und schafft es, Kira aus der Ecke zu holen, in die ich sie längst abgeschoben zu haben glaubte. Gewissermaßen heilt sie und stimmt versöhnlich. Sie verdeutlicht, dass das Leben eben seine eigenen Wege geht und Vergangenes auch endlich mal vergangen sein darf. Für Neuanfänge ist es nie zu spät. 
Für mich aber war es leider zu spät, in pure Begeisterung auszubrechen, sodass "Wie Sonne und Mond" mir den Leseherbst trotz seiner wahren Lebenserkenntnisse eher beiläufig einleitet.

Fazit: 
Routiniert, schnörkellos erzählter Roman um zwei ungleiche Schwestern, die sehr lebensnah und kontrastreich geschildert werden, aber nicht vordergründig um Lesersympathie feilschen. Leider nimmt der dramatische Ballast stellenweise überhand und sorgt für Längen, die jedoch von einem nicht kategorisch schwarz-weißem Ausgang und scharfsinnig analysierten Figurenbindungen wieder wettgemacht werden. 
Ein durchaus tiefgründiges Buch, für das man allerdings in Stimmung sein muss. Ich war es leider nicht.  

Gesamteindruck: 
3 von 5 Weißdornzweigen





Buchdaten
  • Taschenbuch: 352 Seiten
  • Verlag: Knaur TB (2. September 2013)
  • Umschlaggestaltung: ZERO Werbeagentur, München
  • Sprache: Deutsch
  • ISBN-10: 3426511444
  • ISBN-13: 978-3426511442
  • Neupreis: 9,99 € (D) 
  • Auch als E-Book erhältlich. 

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