Montag, 23. September 2013

... über "Shotgun Lovesongs" von Nickolas Butler

Nickolas Butler 
"Shotgun Lovesongs"

Freunde, Rivalen - Männer, die erwachsen werden, Männer mit gebrochenen Herzen, vereint durch die Sehnsucht nach längst vergangener Unbeschwertheit 

(c) Klett-Cotta

Zum Inhalt: 
Leland (Lee), Henry (Hank), Kip und Ronny waren die besten Freunde. Gemeinsam in einem verschlafenen Ort in Wisconsin aufgewachsen, hat sie das Leben schließlich auseinandergetrieben. Ausbildung, Karriere, neue Bindungen haben ihren neuen Weg geprägt, und doch sehen sie sich regelmäßig wieder. Hochzeiten sind der beste Anlass für ein Wiedersehen. Immer dabei ist Lee, der Berühmte unter ihnen, Lee, der mit seiner Platte "Shotgun Lovesongs" ungeahnten Erfolg hatte und nun unter dem Künstlernamen Corvus weltweit auf Tournee geht. Lee, der immer wieder von seinem Heimatlandstrich singt. Lee, auf den sie alle stolz, aber nicht neidisch sind. So reist er auch zu Kips Hochzeit an. In die alte Heimat, wo er sich zurückziehen und er selbst sein kann, auf seiner Farm, die brach liegt und in seiner Abwesenheit verwildert. Während Lee sich freut, dorthin zurückzukehren, wo er nicht im Rampenlicht steht, ist Kip zurückgekehrt, um aus seiner maroden Heimat etwas zu machen. Damit man ihm auf den Straße dankend zunickt. Um sich zu beweisen. Dageblieben waren nur Hank und seine Frau Beth, die seit jeher mit zur Männerclique dazugehörte, sie alle liebt und mit ihnen leidet. Und Ronny, der trockene Alkoholiker, der eigentlich immer wegwollte und sich auf Rodeos ein paar Dollars verdiente. Ronny, der, durch einen Unfall nun versehrt und von schlichtem Gemüt, bei Lee ehrliche Freundschaft und Schutz findet. Doch auf Kips Hochzeit mit der vielbeschäftigten Felicia, die so gar nicht ins kleinstädtische Ambiente passen will, zeigen sich die Risse im einst so fest geschweißten Männerband. Kip lädt Ronny nicht ein, Lee, der sich breitschlagen ließ, zum ersten Mal auf einer Hochzeit von Freunden zu singen, ist stinksauer, und zu allem Überfluss bringt Lee auch noch seine neue Freundin Chloe mit, den Filmstar, mit dem er sich nach zahllosen Affären endlich eine Zukunft vorstellen kann, durch die die Hochzeit zu einem Paparazziauflauf verkommt und Lee sein letztes Stückchen Freiheit verliert. Nur Beth und Henry scheinen das erstrebenswerte Vorzeigepaar zu sein, das trotz finanzieller Sorgen mit der Farm mit seinen beiden Kindern unerschütterlich glücklich ist. Doch jeder trägt Unausgesprochenes mit sich herum, weit zurückliegende Geheimnisse, aktuelle Sorgen - und so manches Mal würden sie gern die Zeit zurückdrehen und etwas Verrücktes tun, ohne nachzudenken ... 

Meine Meinung: 
"Shotgun Lovesongs" ist Nickolas Butlers Debüt. 1979 in Allentown, Pennsylvenia, geboren, wuchs er in Eau Claire, Wisconsin, auf, der Gegend, wo er auch die Handlung seines Romans spielen lässt. Wie sein Protagonist Henry ist er verheiratet und hat zwei Kinder. 
Mit "Shotgun Lovesongs" legt er einen Roman vor, der Freundschaft, Liebe und Heimat auf ganzen fünf Erzählebenen beleuchtet. 
Ein heikles Unterfangen, denn jeder der fünf Freunde, Lee, Henry, Kip, Ronny und auch Beth, die Frau in der Runde, erzählt das aktuelle Geschehen bzw. seine Erinnerungen in der Ich-Perspektive. Die Anfangsbuchstaben ihrer Namen dienen dabei als Kapitelüberschrift und grenzen die Ebenen von einander ab. Dabei gelingt es Butler sehr gut, jedem Charakter eine eigene Stimme zu verleihen und dabei seiner gesamten Erzählung dennoch einen konstanten poetischen Ton zu geben. Jeder Charakter erhält Gelegenheit, über den anderen nachzusinnen, sich an gemeinsame Augenblick zu erinnern, während die Handlung um drei Hochzeiten herum voranschreitet und die Männer - in ihren Dreißigern - an ihre persönlichen Scheidepunkte führt. Vor der weiten Kulisse Wisconsins und doch eingeengt im Mief der Kleinstadt Little Wing, in der man scbon beinahe die verrosteten Schilder verlassener Geschäfte im Wind knarren hören kann, sucht jeder nach dem Sinn in seinem Leben und kann sich nur schwer von der Zeit lösen, in der sie alle noch zusammen waren, in den Feldern liegend, mit Bierkästen auf dem Pick-up. 
Dabei ist Hank zu Beginn bereits das, was den anderen noch bevorsteht: verheiratet, Vater. Er verkörpert mit seiner kraftvollen, wettergegerbten Erscheinung das Land, mit dem sie alle auf ihre Weise verbunden sind, das, wovon Leland auf seinen Tourneen singt, ohne dieses Leben wirklich zu leben. Kip hingegen ist der Businessmann, der eigentlich genausowenig dazupasst wie seine Frau Felicia, die er aus der Großstadt mitbringt. Was für Hank Verwurzelung bedeutet, scheint bei Kip Kalkül. Mit seinem Geld will er etwas erhalten, etwas aufbauen, was längst verloren ist, und erst Verluste und Trennungen lassen ihn erkennen, dass er sich damit verhebt. 
Dazwischen steht Ronny, der eigentlich nur noch hier ist, weil er weiß, dass Lee dann und wann zurückkehrt. Nach einem Sturz in volltrunkenem Zustand ist er nicht mehr der Mann, der er einmal war. In den anderen weckt er Beschützerinstinkt, aber kein Mitleid. Doch mit seiner Ausladung zu Kips Hochzeit zeigt sich, dass er wohl zum fünften Rad am Wagen geworden ist, eine Belastung, die zumindest Kip nicht zu wollen scheint. Und doch ist es Ronny ganz allein, der sein kleines Glück findet und sich auf seine Weise verwirklichen kann. 
Neben Hank erhält Lee die meiste Erzählzeit. Er ist das Bindeglied zwischen den Freunden. Derjenige, der - auf den ersten Blick - die große Freiheit genießt, aber nur einmal, während seiner kurzen Ehe mit Chloe, beinahe seine Verknüpfung mit seiner Herkunft verliert. Er kehrt immer zurück, verbeißt sich beinahe in seiner Heimat und verleiht der Vorstellung von einem authentischen Künstler ein Gesicht. Sein Ruhm wird kaum fassbar, im von Butler erzählten Ambiente wird er zu einer entthronten Gestalt, die nichts anderes will, als sich in Normalität einfügen. Er hält das Gefüge der Freunde zusammen, auch wenn er selbst durchaus daran rüttelt. Die Sehnsüchte und Emotionen aller scheinen sich in ihm zu kanalisieren, er unterstützt hier, greift da unter die Arme, liebt und streitet leidenschaftlich. Er hat ein Auge darauf, dass Ronny nicht rückfällig wird, und doch hängt er an jenen Tagen, als er in einem notdürftig konstruierten Studio seine großen Erfolg "Shotgun Lovesongs" schrieb und einsang. 
In diesem Zusammenhang wird Beth, die einzige Frau in der Geschichte, die eigene Erzählzeit erhält, zu einem Charakter, der leicht zur Klischeegestalt einer Dreiecksgeschichte hätte verkommen können. Butlers lebensnaher Schilderung einer bodenständigen Frau, die ihren Platz im Leben gefunden hat, ist es zu verdanken, dass genau das nicht passiert. Entscheidungen sind längst getroffen, doch sorgt sie für einen - verspäteten - wesentlichen Konflikt, der die beiden Freunde Hank und Lee konfrontiert und sie schlussendlich noch mal etwas richtig Dummes tun lässt, bevor das Erwachsenenleben weitergeht. 
Ich muss gestehen, dass ich zunächst Bedenken hatte, "Shotgun Lovesongs" könne "so ein Männerbuch" sein, voller weinseliger Sauftouren mit Bedauern des Erwachsenwerdens oder irrsinniger, kindischer Aktionen. "Shotgun Lovesongs" hingegen ist erwachsen, kommt ohne übermelancholische Töne aus und wirkt unmittelbar aus einem beliebigen ländlichen Alltag entsprungen (mit Ausnahme des nicht ganz alltäglichen berühmten Freundes), erzählt von einem Mann, der der Generation seiner Protagonisten angehört und ein einfühlsames Bild zeichnet, das auch Frauen gerne lesen dürften.
Dorothee Merkel liefert eine wunderbare Übersetzung, die der insgesamt behutsamen Erzählung Butlers mit all ihren starken Bildern, die Land und Charaktere lebendig werden lassen, eine poetische Stimme verleiht. "Shotgun Lovesongs" mutet dabei fast wie ein Roadmovie an, nur, dass es ohne Schauplatzwechsel auskommt und das Leben mit seinen Bindungen, Trennungen, Konflikten und Unsicherheiten selbst zum Roadmovie macht. 

Fazit: 
Einnehmende Geschichte um Männerfreundschaften und ihre Herausforderungen - eine Geschichte, die zu singen scheint, Tränen und Lächeln ins Gesicht zaubert und als sanfter Duft von Getreide und Schnee nachhallt. Ein Roman so klangvoll und warmherzig wie der späte Sommer.

Gesamteindruck:
5 von 5 Weißdornzweigen




  • Gebundene Ausgabe: 432 Seiten
  • Verlag: Klett-Cotta; Auflage: 1., Aufl. (23. September 2013)
  • Sprache: Deutsch
  • ISBN-10: 3608980083
  • ISBN-13: 978-3608980080
  • Neupreis: 19,95 €

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